William Tucker, Homage to Rodin (Bibi), 1999, Bronze, 114 (H) x 101 x 91 cm. Foto: Roman März

William Tucker - Masks

4. November 2022 bis 21. Januar 2023 Buchmann Box

Die Skulpturen von William Tucker erinnern oft an Gesteinsformationen und sind bei näherer Betrachtung doch figurativer Natur. Der 1935 in Kairo geborene britisch-amerikanische  Künstler und Verfasser zahlreicher Schriften über Skulptur gilt als einer der geschätztesten Bildhauer unserer Zeit. Seine Beschäftigung mit dem Sujet des Kopfes, changierend zwischen Portrait und Maske, zwischen Büste und Form, steht im Mittelpunkt der fünften Einzelausstellung des Künstlers in der Buchmann Galerie. William Tucker hat sich in seiner Arbeit mit diesem Thema immer wieder auseinandergesetzt. Ein Auszug aus einem Gespräch zwischen William Tucker und Dr. Elisa Tamaschke, Kuratorin am Georg Kolbe Museum in Berlin, gibt Aufschluss über die ausgestellten Skulpturen:

Elisa Tamaschke (ET): Der Prozess der visuellen Wahrnehmung, der zum Verständnis dieser Skulpturen führt - insbesondere der Köpfe - interessiert mich sehr. Zunächst sind sie eine abstrakte Form. Man begegnet ihnen und mag sie für ein Stück Natur halten, für einen ehemaligen Teil einer Landschaft. Sie entwickeln sich, während man sie anschaut. Aus einem Blickwinkel sind sie das eine, und aus einem anderen Blickwinkel sind sie etwas ganz anderes, etwas ganz Besonderes. Je genauer man hinschaut, desto mehr erkennt man, dass es sich nicht um idealisierte Porträts handelt, sondern um sehr individuelle Bilder. Die Köpfe werden so zart, so lebendig. Ich könnte mir vorstellen, dass sie aufwachen, mit einem Auge blinzeln und es wieder schließen, um in ihren seltsamen Zwischenzustand zurückzukehren. Es ist ein besonders flüchtiger Moment.

William Tucker (WT): Die ersten Köpfe entstanden, als wir nach Massachusetts (1998 a.d.R.) zogen und ich anfangs kein Atelier hatte. Ich brachte ein Fragment einer großen Skulptur mit, das mich an Auguste Rodins Mann mit der gebrochenen Nase erinnerte. [...] Ich fertigte Zeichnungen davon an und änderte sie dann, und es folgten weitere Skulpturen, zu denen ich ebenfalls Zeichnungen machte, während sie sich entwickelten. Die Zeichnungen zeigten nur das Gesicht, aber die Skulpturen sind eben Skulpturen, die einem "ins Gesicht schauen", egal aus welcher Richtung man sie ansieht. Es sind Objekte, dreidimensionale Formen mit Erhebungen und Vertiefungen, von denen einige als Gesichtszüge zu verstehen sind, die man aber vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt. Genauso wichtig ist, wie die Arbeit auf einen zurückblickt, die Beziehung zur Oberfläche, auf der sie steht - steht sie aufrecht oder schräg, liegt sie auf der Seite oder auf dem Rücken, ihre eigene innere Achse und Richtung im Verhältnis zu Dir, dem Betrachter.

ET: Wie erkennst Du in Deinem Prozess, während Du einen Kopf machst – irgendeinen Kopf, dass es plötzlich ein spezifischer Kopf einer spezifischen Person ist? Wie begegnest du dieser Person?

WT: Ein Kopf beginnt als ein einfacher Klumpen Gips. Ich muss herausfinden, wer er ist, indem ich ihn bearbeite, Klumpen hinzufüge und hineinschneide, bis ich ihn als jemanden erkenne, eine Person, es kann jemand sein, den ich kenne, oder eine Figur aus einem Buch oder aus der Geschichte.  Es begann mit Bibi, das war der Spitzname von Rodins Modell für den Mann mit der gebrochenen Nase. Niemand kennt seinen richtigen Namen. Die Arbeit hat auch Bezüge zu Michelangelo. Als Rodin die Skulptur zum ersten Mal ausstellte, wies ein aufmerksamer Kritiker auf die Verbindung mit dem Kopf von Michelangelo hin, der von Daniele da Volterra geschaffen wurde. Der Bildhauer Pietro Torrigiano brach ihm die Nase, als sie als junge Lehrlinge für die Medici arbeiteten. [...]

Das war zu einer Zeit, als ich noch kein Atelier hatte, um in großem Maßstab zu arbeiten. Ich machte eine Gruppe von Köpfen, acht oder neun Stück, und alle wurden diese verschiedenen Figuren aus der Geschichte und dergleichen. Später habe ich dann große Versionen von ihnen gemacht. Emperor zum Beispiel stammt von A Poet of Our Time. Es handelt sich im Wesentlichen um einen Kopf, der in den Himmel blickt. Wie das Gemälde East Coker von Philip Guston, das T.S. Eliot auf seinem Sterbebett zeigt.

ET: Die Spitze von T.S. Eliots Nase ist der höchste Punkt. Interessierst du dich für die Landschaft des Profils eines Gesichts? Die Silhouette von Emperor ist sehr beeindruckend.

WT: Ich habe versucht, eine große Version des Poet zu machen, aber es war missglückt, also habe ich es wieder verworfen. Später fertigte ich eine sehr kleine Version an, die aus dem Gedächtnis nur 4 oder 5 Zoll (10–13 cm) lang war, und beschloss dann, sie zu vergrößern. Es ging mehr um das Profil. Es war wie der Kopf einer Figur auf einem Grabmal. Vor einigen Jahren war ich in Buenos Aires, um an einem Projekt zum Gedenken an die Menschen teilzunehmen, die während der Junta in den späten 1970er Jahren in Argentinien verschwunden waren. Ich besuchte den berühmten Friedhof von Recoleta. Er ist erstaunlich, wie eine Stadt für sich. Eva Perón ist dort begraben und der berühmte Boxer Luis Ángel Firpo, der Jack Dempsey niedergeschlagen hat. Er hat ein Grab mit einer Bronzestatue, die ihn als jungen Mann zeigt, der bereit ist, in den Ring zu steigen, nur mit Shorts und Handschuhen. Aber es gab auch ein Grabmal, das mich wirklich beeindruckt hat. Es handelte sich um eine auf dem Rücken liegende Figur des Polizeichefs Ramon Falcon, der um 1900 bei einer anarchistischen Demonstration getötet wurde. [...] Es ist definitiv das Bild eines kürzlich verstorbenen Leichnams, auf der Straße oder auf einer Bahre in der Leichenhalle liegend mit einem über ihn geworfen Laken. Die Erinnerung an den Kopf dieser Figur ist ebenfalls vorhanden, in Emperor.
Als ich in Oxford studierte, befand sich vor einem der dortigen Gebäude, dem Sheldonian Theatre aus dem 17. Jahrhundert, das von Christopher Wren entworfen wurde, diese Reihe von Säulen, die einen Halbkreis am Eingang bildeten, und auf ihnen waren diese Köpfe von Kaisern. Als ich in den 1950er Jahren dort war, waren sie alle völlig verwittert und zerfressen. Die Zeit, der weiche Stein, die Korrosion... Man konnte kaum erkennen, dass es überhaupt Köpfe waren.

ET: Hat dich die "verlorene" Form interessiert?

WT: Allein der Gedanke, dass dies einmal Kaiser waren, und jetzt sind ihre Bilder unkenntlich, ihre Namen vergessen. Daher kommt der Titel Emperor. Wir waren vor kurzem zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in Oxford und sahen, dass sie restauriert worden waren. Sie kamen mir einfach falsch vor. Das war für mich enttäuschend.

ET: Hier kommt wieder der Aspekt der Zeitlichkeit zum Vorschein. Erosion und Veränderung können wichtige und schöne Aspekte eines Objekts sein. Spielt das Thema Zeit für dich in deiner Arbeit eine Rolle?

WT: Vielleicht sehen meine Köpfe aus wie etwas, das vor langer Zeit hergestellt und erst kürzlich ausgegraben wurde. Aber das ist keine bewusste Sache. Vielmehr scheint der Herstellungsprozess oft ein natürlicher Prozess zu sein, ein Prozess der Erosion oder Verwitterung, manchmal auch des Zerbrechens, etwas, das einem Objekt im Laufe der Zeit widerfährt, und nicht durch mein Zutun.

Die Ausstellung Masks kann noch bis 21. Januar 2023 in der Buchmann Box besichtigt werden.