„Es sind die Blicke, die mich berühren“
Claudia Andujar, The End of the World, PHOXXI, Hamburg.
Augen einer Eule blicken durch aufbrandendes Wasser, in das sich eine begrünte Berglandschaft hineinschiebt. Konturen menschlicher Körper verschmelzen mit den Linien und Mustern des Oberflächenspiegels eines Flusses. Lichtdurchflutetes Blattwerk, durch das Lichtpunkte der Sonne dringen, scheint durch die Haut einer Person zu leuchten. Und ein Gesicht schaut wie aus einem bei Gewitter erleuchteten Himmel hervor, wacht durch die meterhohen Bäume des Amazonas, mit denen es eins wird. Die Bilder der Serie Sonhos Yanomami (Yanomami Träume), die Claudia Andujar 2002 als letzte ihrer umfangreichen fotografischen Reihen umgesetzt hat, erscheinen durch die Überblendung verschiedener Motive und die Melange an Farben und Strukturen zunächst entrückt.
Doch bilden sie im Kontext von Andujars Jahrzehnte anhaltender Beziehung zum indigenen Volk der im Amazonasgebiet lebenden Yanomami eine sinnige, fast metaphysische Ausformulierung ihres Einfühlungsvermögens in die Yanomami, die seit den 1970er-Jahren die Essenz ihres Lebens und deshalb auch ihres Werks als Fotografin und Aktivistin werden sollten.
Sonhos Yanomami spiegelt die Begegnung mit dem Nichtgreifbaren, die Verschmelzung von Menschen, Tieren, Natur und den Ahnen im Schleier des Geisterhaften, vereint die Kosmologien und Lebenswelten der Yanomami, für deren Existenz und Fortbestehen sich Claudia Andujar noch heute einsetzt. Die Ausstellung Claudia Andujar: The End Of The World in den Deichtorhallen Hamburg, genauer gesagt im PHOXXI. Haus der Photographie temporär zeichnet Andujars Lebensweg im Angesicht der Yanomami nach, wofür Viktor Hois, der die Schau feinsinnig kuratiert hat, verschiedene Werkzyklen Andujars vereint, die ihr Lebenswerk auf eindrucksvolle Weise zugänglich machen.
Fotografische Sprache statt Portugiesisch
„Ich bin sehr an Menschen interessiert. Und so begann ich, zu fotografieren“, berichtet Claudia Andujar 1970 in einem TV-Interview in São Paulo, wo sie seit 1955 lebt. Geboren 1931 als Claudine Haas in Neuchâtel in der Schweiz, verbrachte sie ihre Kindheit in Oradea in Rumänien, zeitweise Ungarn, im Kreise der Familie ihres Vaters – bis diese nach Auschwitz und Dachau deportiert und von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Gemeinsam mit ihrer Mutter gelang ihr die Flucht in die Schweiz, von wo sie 1946 allein in die USA zu einem Verwandten nach New York emigierte – und ihren Namen von Claudine zu Claudia änderte, um ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen.

Wenngleich Claudia Andujar zu dieser Zeit Französisch, Ungarisch, Deutsch und dann Englisch sprach und sie in New York als Übersetzerin für die UNO tätig wurde, wählte sie als Kommunikationsmittel zunächst die Fotokamera anstelle der portugiesischen Sprache, als sie 1955 nach einem Besuch bei ihrer Mutter in Brasilien beschloss, fortan in São Paulo zu bleiben.
Bereits 1956 reiste sie, angeregt von dem Anthropologen Darcy Ribeiro, nach Zentralbrasilien, wo sie in der Region des Rio Araguaia einen Monat mit der indigenen Gemeinschaft der Karajá zusammenlebte. Hieraus ging ihr erstes fotografisches Projekt hervor, das im Magazin Look veröffentlicht wurde. Als Fotojournalistin arbeitete Andujar fortan für amerikanische und internationale Zeitschriften, wie Life, Esquire, Jubilee oder Fortune, sowie für eine Reihe brasilianischer Zeitschriften, darunter Realidade, in der ihre sozialkritischen Fotoreportagen wegweisend für den brasilianischen Fotojournalismus wurden. Im Mittelpunkt stand für Claudia Andujar zunehmend ihr Interesse für Menschen. Zu Beginn des Jahres 1971, nach einer ersten Reise in den Norden Brasiliens zu den Yanomami in der Maturacá-Region, die sie für einen Realidade-Beitrag fotografierte, bewegte dieses Interesse sie dazu, sich vom Fotojournalismus zu lösen – um ein zunächst durch ein Stipendium ermöglichtes, freieres und langfristigeres (fotografisches) Arbeiten zu beginnen, das sie Ende 1971 zu den Yanomami in die Region des Rio Catrimani führte.
Die Persönlichkeit der Yanomami zum Ausdruck bringen
Die Hamburger Ausstellung umfasst diesen für Claudia Andujar so wichtigen Moment, als sie sich von den Erwartungen ihrer Auftraggeber loslöste, die zunehmend unter der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) unter Zensurmaßnahmen agierten. Nun gelang es ihr, eine assoziative Annäherung an die Yanomami zu entwickeln. Die auf Farbfilm fotografierten Porträts der Reihe Maturacá (1970–1971), die in Realidade erschienen, wie auch jene der freien Reihe Catrimani (1971–1972) zeigen eine Annäherung an den Lebensraum, die Nahrung und den Körperschmuck der Yanomami: Aufnahmen, die zum Teil sehr dicht am Menschen und Geschehen entstanden sind.
Zunehmend begann Andujar – einhergehend mit ihren wiederkehrenden Reisen und lang andauernden Aufenthalten bei und mit den Yanomami –, sich in diesen Lebensraum hineinzubewegen, Teil des Alltagslebens, der Feierlichkeiten und schamanischen Rituale zu werden. Eindrucksvoll zeigen so etwa Fotografien der A Casa (Das Haus) genannten Reihe von 1974–1976, welche Magie dem Raum des Zuhauses der Yanomami innewohnt, die als Gemeinschaft in nur einem großen, kreisrund errichteten Haus zusammenleben: Durch das aus Naturfaser hergestellte Dach fallen Lichtstrahlen, durchbrechen die Schwarz-Weiß-Fotografien Andujars und entheben sie einer faktischen Dokumentarfotografie zugunsten eines atmosphärischen Erlebens. Dunkelheit umringt drei sich umarmende Männer, deren Flüstern sich auf den nur partiell beleuchteten Stellen ihrer nackten Haut abzulegen scheint und dort ein Echo findet. In einem anderen Moment wird die Zubereitung einer Festtagsspeise zu einer Zeremonie des repetitiven Tuns. Vielmals verwendete Andujar für ihre Aufnahmen auch den zu dieser Zeit sehr seltenen Infrarotfilm, durch dessen farblich-fotografische Effekte sie in ihren Bildern eine ätherisch-fantastische Stimmung evozierte.
Mit der Reihe Reahu (1974–1976) intensivierte Andujar das fotografische Erleben, das sich ihren Bildern einschreibt, indem sie das Reahu, eine zeremonielle Vereinigung zwischen den Gemeinschaften der Yanomami zu einem Begräbnisritual, mit einem Weitwinkelobjektiv fotografierte und die Linse manuell mit beispielsweise Vaseline manipulierte. Oder aber, indem sie lange Verschlusszeiten und zusätzliche Lichtquellen verwendete, um eine sphärische Spannung des Geschehens in ihre Bilder zu übertragen.
Entscheidend für Andujars fotografische Reihen ist, dass sie kontextuell, das heißt in größeren Zusammenhängen, zu lesen sind: Andujar bringt verschiedene Facetten eines Aspekts, den sie betrachtet, zusammen. Und diese Facetten lassen in dem Spektrum, das sie eröffnen, eine individuelle, empathische Annäherung zu. Körper in Bewegung verschwimmen zwischen Licht und Dunkelheit und erzählen von Emotionen, die keinem Volk allein gehören, sondern Menschen.
„Es sind die Blicke, die mich berühren“, erzählt Claudia Andujar in dem von Heidi Specogna umgesetzten Dokumentarfilm Ich sehe dich durch meine Kamera – Claudia Andujar, der im Mai dieses Jahres in die Kinos kommen wird und von dem ein kleiner Auszug in der Ausstellung im PHOXXI zu sehen ist. „Ich wollte Persönlichkeit als Ganzes zum Ausdruck bringen“, ergänzt darin Andujar und macht von ihrem Herzen ausgehend eine ausgreifende Bewegung in den Raum.
Von der künstlerischen zur politischen Arbeit
Die erste Reise nach Catrimani machte Andujar noch mit einem kleinen Flugzeug, das in Boa Vista startete. 1971 existierten dort noch keine Straßen. Doch bereits 1973 begann die Militärdiktatur mit dem Bau der Autobahn Perimental Norte, die quer durch die Amazonasregion und somit durch das Lebensgebiet der Yanomami verlaufen sollte. Durch das verstärkte Eindringen der „Weißen“ in den Lebensraum der Yanomami – etwa durch Goldgräber und Bergleute, die Bodenschätze plünderten, oder illegale Holzfäller, die den Amazonas zu roden begannen – wurden Infektionskrankheiten eingeschleppt und Flüsse verschmutzt, etwa durch Quecksilber. Bis 1974 lebten die Yanomami fast vollständig isoliert und geschützt in ihrem Lebensraum. Dies änderte sich nun.


Nach einem ersten Zusammentreffen mit dem Yanomami-Schamanen Davi Kopenawa ergriff Andujar die Initiative für die Yanomami und gründete 1978 gemeinsam mit dem italienischen Missionar Carlo Zacquini und dem französischen Anthropologen Bruce Albert die CCPY Comissão pela Criação do Parque Yanomami, eine NGO mit dem Ziel, das Lebensgebiet der Yanomami zu schützen. Bereits 1980 initiierte sie zusammen mit zwei Ärzten aus eigenen finanziellen Mitteln eine Impfkampagne, um die Gesundheitssituation der Yanomami zu stabilisieren. Um Impfkarteien der Yanomami anfertigen zu können, die keine festen Namen, sondern wechselnde, deskriptive Beschreibungen ihres Tuns tragen, fotografierte Andujar die Yanomami mit Nummern, die sie als Kette um den Hals trugen. Dem Schicksal ihrer eigenen Familie bewusst, die im KZ mit eintätowierten Zahlenreihen versehen worden war, versuchte Claudia Andujar, die von ihr nun fotografierten Menschen so individuell wie möglich in den einzelnen Bildern zu zeigen.
Diese Bilder sind nun in der Hamburger Ausstellung zentral und unter dem Titel Marcados (Die Markierten) zu sehen. Im Kontext ihres Entstehens waren diese Fotografien nicht als künstlerisches Projekt beabsichtigt gewesen. Im Gegenteil – Claudia Andujar entschied sich zunächst gegen ihre weitere künstlerische Laufbahn, um sich von nun an den territorialen und kulturellen Rechten der Yanomami zu widmen. „Die Regierung verbot uns, mit der Arbeit fortzufahren“, erzählt Andujar in Specognas Film: Sie musste 1986 unter Zwang und von einem Tag zum nächsten aus dem Yanomami-Gebiet ausreisen, galt als Staatsfeindin, durfte nicht zurückkehren.
Diese Situation hinterließ in ihr ein inneres Schweigen. Doch zunehmend begann Andujar, die Fotografie als Sprache gegen die brasilianische Regierung zu gebrauchen, um sich für das Überleben der Yanomami und ihren gesicherten Lebensraum einzusetzen: Als Reaktion auf die Pläne, das Yanomami-Gebiet in Mikroreservate zu unterteilen, um Agrarkolonisation und Bergbau zu fördern – und somit die Indigenen ihres Landes zu berauben –, realisierte Andujar 1989 eine provokante audiovisuelle Installation, Genocídio do Yanomami: Morte do Brasil (Völkermord an den Yanomami: Der Tod Brasiliens), für die sie ihre fotografischen Bilder aus ihrem Archiv neu organisierte, mit Tonaufnahmen der Yanomami und verschiedenen internationalen Kompositionen unterlegte und mit CCPY im Museu de Arte de São Paulo ausstellte. 1992 schließlich erkannte ein Präsidentendekret den Yanomami ein zusammenhängendes Gebiet zu: den Yanomami Park.

Der Wunsch, akzeptiert zu werden
Claudia Andujars Installation, die sinnbildlich für ihr Weitermachen steht, nämlich um den Yanomami auf internationaler Ebene eine Stimme zu geben, ist im PHOXXI in einem kleinen schmalen Raum in Form einer aus 228 Bildern bestehenden Fotoinstallation zu sehen. Der Raum ist im Gesamtgefüge der Ausstellungshalle derart positioniert, dass er jenen Raum spiegelt, in dem die Fotografien vom Anfang ihrer Begegnung mit den Yanomami zu sehen sind.
Im Rückblick auf ihre Arbeit sagt Claudia Andujar: „Um sich einer Person nähern zu können, muss man akzeptiert werden.“ Es ist diese Akzeptanz, die sich 1975 zwischen Claudia Andujar und Davi Kopenawa beispielhaft bei ihrer ersten fotografischen Aufnahme von ihm vollzogen hat.
Davi Kopenawa ist einer der bedeutendsten Sprecher seines Volkes geworden. Sein Buch Der Sturz des Himmels – Worte eines Yanomami-Schamanen wird im kommenden März erstmals in deutscher Übersetzung erscheinen. „Sie hat mir einen Pfeil gereicht“, sagt Davi Kopenawa sinnbildlich. Er meint damit die Stimme, die Claudia Andujar durch ihre fotografischen Bilder und politischen Handlungen für ihn und die Yanomami angeschlagen hat. Dass Andujar nun diese umfassende Würdigung ihres Werkes im deutschsprachigen Raum erhält – in den Deichtorhallen, im Kino und als Echo durch die zuvor genannte Publikation –, ist eine wahre Bereicherung für die, die sich nun von ihren Blicken berühren lassen.
Claudia Andujar: The End Of The World, Deichtorhallen Hamburg, PHOXXI. Haus der Photographie temporär, 9. Februar bis 11. August 2024.
Weiterführende Informationen:
Film:
Ich sehe dich durch meine Kamera – Claudia Andujar, D/CH 2024, Regie: Heidi Specogna, https://www.wfilm.de/claudia-andujar/.
In Kooperation mit der Ausstellung wird der Dokumentarfilm voraussichtlich im Mai 2024 in Hamburg seine Kinopremiere feiern, in Anwesenheit der Regisseurin.
Pressekontakt für eine Vorabsichtung des Films: Filmverleih W-Film, Köln, Kenan Hasic, kenan.hasic@wfilm.de.
Buch:
Davi Kopenada, Bruce Albert: Der Sturz des Himmels – Worte eines Yanomami-Schamanen, Matthes & Seitz, Berlin 2024, https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-sturz-des-himmels.html?lid=3
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