Ausstellung MYTHOS SPANIEN. IGNACIO ZULOAGA 1870 – 1945 im Bucerius Kunstforum in Hamburg. Foto: Ulrich Perrey
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Maler der spanischen Volksseele?

Wiederentdeckt: Ignacio Zuloaga im Bucerius Kunst Forum, Hamburg.

1939, wenige Monate nach dem Sieg über die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg, schenkte Francisco Franco Adolf Hitler drei Gemälde des spanischen Künstlers Ignacio Zuloaga (1870-1945). Das Geschenk war ein Zeichen seiner Anerkennung für die Entsendung der Legion Condor, des deutschen Luftwaffen-Verbandes, der nicht nur Guernica verwüstet, sondern auch wesentlich zum Sieg der Nationalisten unter Franco beigetragen hatte. Dass Zuloaga, nachdem er noch 1931 die Gründung der Zweiten Spanischen Republik begrüßt und 1936 mit der Sache der Republikaner sympathisiert hatte, 1937 zu den Nationalisten überwechselte, spielte Franco in die Hände. Zuloaga hatte sich als Künstler des spanischen Volksgeists einen Namen gemacht. Jetzt konnte er als Hofmaler des Regimes vereinnahmt werden.

Zuloagas Kunst lässt sich jedoch kaum geradlinig unter der nationalistischen Ideologie subsumieren. Ganz im Gegenteil: Zuloagas frühere Themen sind wenig regimekonform. So interessierte er sich für die Randfiguren der Gesellschaft, zeigte Antihelden, Außenseiter und bediente das Bild der leidenschaftlichen, selbstbewussten Spanierin, wie es Prosper Mérimée 1845 mit seiner Novelle Carmen zeichnete und das die Nationalisten absolut ablehnten. Wie konnte es dennoch zur Vereinnahmung von Zuloagas Werk durch die Faschisten kommen?

Dass Zuloaga sich zuletzt auf die Seite der Faschisten schlug, hat die Rezeption seines Werks in den Nachkriegsjahren maßgeblich beeinflusst und dazu geführt, dass seine Kunst und auch der große, vor allem internationale Einfluss, den sie unter Zeitgenossen ausübte, aus dem Blick gerieten. Ein Ausstellungsprojekt, das zuerst in der Kunsthalle München gezeigt wurde und jetzt im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen ist, widmet sich diesem außerhalb Spaniens beinahe vergessenen Künstler. Aus über 30 Sammlungen in Europa, Nord- und Südamerika wurden um die 80, meist großformatigen Gemälde zusammengetragen, die einen facettenreichen Einblick in das Gesamtwerk geben.

Moderne Randzonen

Wie zahlreiche Künstler seiner Generation startete auch Zuloaga seine Karriere in Paris. Hier fand er in den unteren Schichten und einfachen Typen der Straße, den Straßenkehrern, Wandermusikanten, Kippensammlern und Prostituierten, seine Sujets. Insbesondere das Milieu der Prostitution sollte ihm über seine Anfangsjahre hinaus ein beliebtes Thema bleiben – sicher nicht zuletzt, weil er mit dieser Welt hinter dem Vorhang der feinen Gesellschaft in den Pariser Salons provozieren und auf sich aufmerksam machen konnte.

Nachdem das Niedere und Abgründige mit Edouard Manet oder Charles Baudelaire Mitte des 19. Jahrhunderts für Kunst wie Literatur entdeckt waren, avancierte die Figur der Prostituierten zu einem zentralen Bildgegenstand der anbrechenden Moderne. Henri de Toulouse-Lautrec, Edgar Degas, Vincent van Gogh oder Félix Vallotton waren nur einige der Künstler, die sich dem Thema widmeten. Wie seine Künstlerkollegen versah Zuloaga seine Bilder flanierender oder in Cafés sitzender Frauen mit subversiven Zeichen – rote Kleidung, dunkel umrandete Augen als Hinweis auf den Absinthgenuss u.a.m. – die für den zeitgenössischen Betrachter leicht zu entschlüsseln waren. Obwohl provokant, lag Zuloaga damit ganz im Trend. Den Nerv der Zeit sollte er für das weite internationale Publikum aber weniger mit den Themen der Künstlermetropole Paris treffen als vielmehr mit Bildern der Traditionen und Folklore seines Heimatlandes Spanien.

Ignacio Zuloaga: Der Kardinal, 1912. Museo de Bellas Artes de Bilbao, Schenkung von Javier Horn Prado, 1966. Foto: Arte Ederren Bilboko Museoa –
Museo de Bellas Artes de Bilbao.

España negra

Als sich die mit ihm befreundeten Künstler Paul Gauguin und Émile Bernard Mitte der 1890er Jahre endgültig von Paris verabschiedeten, um auf der Suche nach einem Ursprünglichen und Primitiven in die fremden Kulturen Tahitis und Ägyptens einzutauchen, machte sich Zuloaga auf, dem Urwüchsigen im eigenen Herkunftsland zu begegnen. Ziel seiner Reise war zunächst Sevilla im Süden der iberischen Halbinsel, wo er sich im Umfeld der Gitanos, der spanischen Roma, bewegte und gar in der Escuela Taurina zum Torero ausbilden ließ. Die andalusische Landbevölkerung, die Kultur der Gitanos, der Stierkampf und auch der (Flamenco-) Tanz etablierten sich hier zum festen Bestandteil seines Bildrepertoires.

1898 übersiedelte Zuloaga dann zu seinem Onkel Daniel Zuloaga nach Segovia, einer Stadt im ‚urspanischen‘ Kastilien. Existenzkampf, mystische Religiosität, Aberglaube und Brauchtum zeichneten dieses alt-kastilische Spanien für den Künstler und seine Gegenwart aus. Und so entstanden jene Bilder eines dunklen, schwarzen Spaniens, einer España negra, die einfache Bauern mit zerschlissener Kleidung und harschen Gesichtszügen, in religiöser Andacht Versunkene, Asketen und Büßer, Kleinwüchsige und Hexen, karge und düstere Landschaften oder Antihelden wie den Picador mit ausgehungertem, blutendem Pferd in Das Opfer der Fiesta (1910) zeigen und die stilprägend für das Spanienbild folgender Generationen wurden.

Zuloaga brach dabei mit den Vorstellungen spanischer Romantik und Heiterkeit, wie sie insbesondere Fremde und Reisende des 19. Jahrhunderts auf das Land projizierten und die sein Konkurrent auf dem internationalen Markt, Joaquín Sorolla, weiterhin bediente. Um ein Gegenbild zum pittoresken Spanien zu schaffen, griff Zuloaga zurück auf und reihte sich gleichsam ein in die Tradition der ernsteren und tragischeren Malerei der spanischen Meister El Greco, Diego Velázquez und Francisco de Goya. Der Verehrung El Grecos, der um die Jahrhundertwende von der Kunstgeschichte wiederentdeckt wurde, verlieh er durch den Erwerb mehrerer Gemälde Ausdruck. Für Goyas Andenken setzte er sich mit der Einrichtung eines Museums in dessen Geburtshaus in Fuendetodos ein. Werke wie Der Anachoret (1907) oder Die kleinwüchsige Doña Mercedes (1899) nehmen darüber hinaus direkten Bezug auf die Maler des Siglo de Oro, El Greco und Velazquez.

La Cuestión Zuloaga

Vor allem im Ausland konnte Zuloaga mit seinen Bildern spanischer Typen, Szenen und Landschaften schnell Erfolge feiern. Die ausländischen Betrachter sahen in ihnen die Essenz einer Volksseele, die für den fremden Blick zudem äußerst exotisch erschien, repräsentiert. Populärer werdende Ideologien von Rasse und nationaler Identität spielten dem Erfolg zu. Auf der Internationalen Kunstausstellung 1904 in Düsseldorf war Zuloagas Gemälden bereits ein eigener Saal gewidmet. In Spanien hingegen blieb dem Künstler die Anerkennung lange verwehrt – erst 1926 fand in Madrid eine Einzelausstellung statt. Hier störte man sich am rückständigen und ethnische Minderheiten wie die Gitanos ins Zentrum rückenden Bild, das Zuloaga von seiner Heimat gab. So entbrannte an Zuloagas Kunst bald eine breit geführte und Jahre andauernde Debatte, bei der man um die cuestión Zuloaga stritt, um die Frage, ob der Künstler das wahre und authentische Spanien zeigte oder ein stereotypes, vom fremden Blick geformtes Vorstellungsbild lieferte.

Zuloaga selbst antwortete 1914 in einem Pariser Zeitungsinterview: „Ich bin Baske von Geburt, […] aber mit Blut und Seele Spanier und Alt-Kastilier. Und ich bin es mit Stolz, Fanatismus, aber auch mit Schmerz. Denn mein persönliches Spanien ist nicht dasjenige, auf das meine Landsleute stolz sind: Es ist nicht das Spanien Barcelonas, Madrids oder San Sebastiáns … Es ist die Heimat von Cervantes, der kargen und fahlen Mancha, rot und schwarz, es ist das raue und trostlose Segovia, Toledo, das einer Königin im Exil gleicht, aufrecht zwischen Ruinen; es ist das Spanien für das man sich bei uns schämt, das arme Spanien des Glaubens, des Flehens, von strengem und düsterem Charakter, es ist die Rasse, die die tragische Größe unserer Geschichte begründet hat …“

Ignacio Zuloaga: Frauen von Sepúlveda, 1909. Ayuntamiento de Irun.

Ideologische Grenzbereiche

Bezeichnend ist, dass Zuloaga mit seinem Interesse am Tragischen, Niederen und Abseitigen wie mit seiner expressiven Malweise sowohl die Modernisten begeisterte als mit seiner Betonung des Volkstümlichen und Urvitalen auch in Kreisen mit völkisch-nationaler Gesinnung Anklang fand. Solche Ambivalenzen führten schließlich dazu, dass Francisco Franco den Künstler und sein Werk instrumentalisieren konnte. Vor allem die Darstellungen der mit ihrer Umgebung in Einklang befindlichen Landbevölkerung und des Bauerntums leisteten der antimodernen Ideologie der Nationalisten Vorschub.

Nicht von ungefähr porträtierte Zuloaga 1913 den rechtskonservativen hispanophilen französischen Schriftsteller Maurice Barrès vor der Kulisse Toledos eingeschmolzen in die Landschaft. Barrès galt als Vordenker des französischen Nationalismus und propagierte ebenfalls eine tiefe Verwurzelung der Franzosen mit ihrem Land. Deutsche Entsprechung war die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten, mit der ganz ähnlich eine bäuerliche Gesellschaft begründet werden sollte.

Die drei Gemälde, die Franco Hitler zum Geschenk machte, waren entsprechend dieser ideologischen Gemengelage die eines spanischen Bauern und in Nationaltracht gekleideter Spanierinnen. Bisher eindeutig identifiziert ist das Gemälde Spanische Maja (1939). Es verwundert nicht, dass Zuloaga jetzt im faschistischen Spanien mit der maja – der volkstümlich gesinnten und gekleideten Andalusierin – auf einen Bildtypus zurückgriff, der Mitte des 19. Jahrhunderts eigentlich durch den der Gitana abgelöst worden war.

Bei Betrachtung von Zuloagas Werk, Laufbahn und Rezeption wird klar, wie eng Modernismus und Nationalismus beieinander liegen, dass es Nuancen sind, die Avantgarde und Reaktion trennen. Weder die traditionalistische und nationalistische noch die modernistische Perspektive werden Zuloagas Kunst gerecht. Sie bewegt sich im Zwischenbereich und mitunter in Grauzonen. Die Ausstellung Mythos Spanien. Igncaio Zuloaga 1870-1945 tut gut daran, den Künstler wiederzuentdecken, die Ambivalenzen seiner Kunst aufzuzeigen und den Mythen um das Spanienbild nachzugehen. Wünschenswert wäre gewesen, die letzten Schaffensjahre im Dienst des Franco-Regimes nicht als unrepräsentativ auszuklammern, sondern mehr noch die Verbindungslinien sichtbar zu machen.


Mythos Spanien. Ignacio Zuloaga 1870 – 1945, 17.2. — 26.5.2024, im Bucerius Kunst Forum, Hamburg.


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