Herzig
Recycelte christliche Ikonographie, edle Materialien, eingängige Symbole: Kiki Smith scheut nicht eine gewisse Nähe zu religiöser Volkskunst.
Der Domberg von Freising hat eine neue Attraktion. Wer, durch ein unscheinbares Gittertor in der Umfassungsmauer eingetreten, die steilen Stufen erklimmt und dann der Versuchung widersteht, sich auf der Restaurantterrasse des Diözesanmuseums niederzulassen, sieht sich linker Hand, vom Museum zunächst noch verdeckt, dem neuen Ausrufezeichen gegenüber. Eine Kapelle auf quadratischem Grundriss, mehr hoch als lang und breit, mit überkreuzten, spitzen Satteldächern, gebaut aus alten Dachziegeln der barocken Pfarrkirche St. Georg in Ruhpolding: die St. Mary’s Chapel von Kiki Smith.
Auf dem Dachfirst sitzt eine vergoldete Taube. Die Türen stehen einladend offen. In einer Nische in der Form einer päpstlichen Tiara sind Sterne aus Blech angebracht, die das Licht davor aufgestellter Kerzen reflektieren sollen. Daneben hängt ein blaues Tuch, das für den Mantel der Schutzmantelmadonna steht, nach der die Kapelle benannt ist. Eine weitere Taube, weiß vor einem goldenem Strahlenkranz, schwebt im Raum, altes Sinnbild des Heiligen Geists. Ihr gegenüber hängt in einem Fenster eine große, silbrige Mondscheibe.


Ein Andachtsraum
Handelt es sich nun um eine Kapelle oder um ein Kunstwerk? Ein Gottesdienst findet hier nicht statt, dazu ist der Raum viel zu klein. Aber als Andachtsraum lässt er sich schon bezeichnen. Was sich so oder so ausdeuten lässt: Die in Nürnberg geborene New Yorkerin kehrt zurück zu ihren katholischen Wurzeln. Oder: ein Angebot für Menschen, die sich nach Spiritualität sehnen, aber vom althergebrachten Ritus der katholischen Kirche nicht mehr angesprochen fühlen. Oder umgekehrt, aus Sicht der Kirche: als erster Schritt, die ihr entfremdeten Schäfchen zur christlichen Heilslehre zurückzuführen.



Kiki Smith schließt keine dieser Deutungen aus. „Der Mond ist wie die Jungfrau Maria“, sagt sie in einem Video des Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek, Dänemark, keineswegs weit entfernt von den theologischen Spekulationen des Mittelalters. Zweifellos versteht sich ihr Werk auf dem Freisinger Domberg als Signal, das wieder mehr Menschen in das 2022 nach neunjähriger Renovierung wiedereröffnete Diözesanmuseum locken soll und zugleich zeigt, dass das Museum auch zeitgenössischer Kunst aufgeschlossen gegenübersteht. Vielleicht kann man es so sagen: Die Künstlerin recycelt Elemente der christlichen Ikonographie ebenso wie die Dachziegel, die, durch tiefe Fugen getrennt, nicht wenig zum eindrucksvollen Gesamtbild beitragen.
Im Dialog mit der Sammlung
Den Traditionsbezügen in Kiki Smiths Werk war auch eine Hälfte ihrer letzten Einzelausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne gewidmet. Die Künstlerin hat der Graphischen Sammlung des Museums vor einigen Jahren ihr gesamtes Auflagenwerk vermacht. Sie kommt immer mal wieder nach München, unter anderem weil sie mit der Mayer’schen Hofkunstanstalt zusammenarbeitet, in der sie die Mondscheibe für die Kapelle in Freising anfertigen ließ. Ebenso drei mundgeblasene Tafeln aus rotem Glas mit Herzen und Fischen aus Blattgold, die in die Münchner Ausstellung einführten. Danach waren einigen ihrer Werke Arbeiten aus der Sammlung gegenübergestellt, von einem mittelalterlichen Einblattholzschnitt bis Joseph Beuys.
Ave heißt eine Lithographie: Da ist sie wieder, die Taube. Sie trägt ein Band, auf dem steht „Ave Gracia plena …“. Das ist der „Englische Gruß“, die Verkündigung, hier vertreten durch einen Kupferstich Martin Schongauers, nur ohne den Namen Maria: ein schönes Beispiel für die Umfunktionierung von Theologie in Spiritualität. Bei Donald Judd ist der Bezug ein anderer: Ein schwarz-weißes Quadratraster des minimalistischen Künstlers konfrontierte die Ausstellung mit ihrer Arbeit What Girls Know About Grids: ein Päckchen aus acht quadratischen Radierungen auf Japanpapier, die wie Häkeldeckchen aussehen, sowie vier alte, quadratische Foto-Abzüge wie aus einem Familienalbum, gewidmet den Sängerinnen Lesley Gore (It’s My Party), Laura Nyro, Ma Cass von den Mamas und Papas und der Velvet-Underground-Schlagzeugerin Mo (Maureen) Tucker.


Von Herzen
Der Ausstellungtitel From My Heart, gedacht wohl als Geburtstagsgruß zu ihrem 70., verweist auf den zweiten Teil, der ganz dem Herz gewidmet ist. Kiki Smith hat sich immer für die Anatomie des menschlichen Körpers interessiert und allein aus diesem Grund einmal eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin begonnen. Anatomie meint hier weniger, wie in der Kunstgeschichte üblich, die äußeren Formen, sondern vielmehr die inneren Organe. Vielleicht die älteste Arbeit der Ausstellung zeigt ein anatomisch korrektes Herz, auf ein T-Shirt gedruckt. In dem 4,50 Meter langen Linolschnitt-Fries How I Know I’m Here sind auch Nieren, Leber, Eierstöcke und andere Organe dargestellt.
Irgendwann ist die Künstlerin aber auch dazu übergegangen, das Herz als Symbol, die Herzform zu verwenden. Etwa in Drucken und Sperrholz-Objekten, die, wie der Titel Heart in Hand besagt, eine Hand zeigen, die ein Herz hält. Das ist natürlich ein Spiel mit der Redewendung, im Deutschen „sein Herz in die Hand nehmen“, also Mut fassen. Gleichzeitig sind solche Arbeiten, wie Saskia Trebing in monopol schreibt, „ein kleines bisschen kitschanfällig“. „Fallen Herzen automatisch unter Kitschverdacht?“ fragt Hannes Hintermeier in der FAZ und fährt fort: „Herz geht immer, trotz seiner kunstgeschichtlichen Überfrachtung“.
„Nachrichten in einfacher Sprache“ ist Hintermeiers Kritik überschrieben, und auch das trifft ins Schwarze. Tatsächlich dürfte der große Erfolg der New Yorker Künstlerin mit darauf zurückzuführen sein, dass ihre Arbeiten auch ohne große kunstgeschichtliche Vorkenntnisse leicht verständlich sind und, seit sie nicht mehr mit Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma oder Urin provoziert, auch in einem sehr konsensfähigen Sinne schön. ‚Edle‘ Materialien wie Blattgold und mundgeblasenes Glas tragen dazu bei: Ihre Heart in Hand-Objekte sind nicht etwa mit der Laubsäge aus ordinären Furnierplatten, sondern mit Laser aus Shina-Sperrholz ausgeschnitten.
Als Pendant zu den Herzen zeigte die Ausstellung Heiltumstäschchen aus dem Bayrischen Nationalmuseum: kostbar verzierte, herzförmige Amulette, die auf einem gefalteten Zettel, auch Breverl genannt, religiöse Darstellungen enthielten. Die Künstlerin hat offenbar nichts dagegen, mit religiöser Volkskunst in Zusammenhang gebracht zu werden.
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