Wirklichkeitsräume der Malerei
Mit Tim Eitel in seiner Ausstellung „Vorschläge für Nachbilder 2015–2024“ in der Kunsthalle Rostock.
Am Ende einer der längsten Raumfluchten hängt auf einer im Ausstellungsraum eingezogenen Wand ein kleinformatiges Bild: Es zeigt die Rückseite einer Malerei, den Keilrahmen mit seinen Streben, die aufgespannte Leinwand und die Rückansicht zweier Figuren, die bei der Arbeit sind, dieses an die weiße Wand gelehnte Bild zu installieren. Die Verpackung ragt gerade noch so in den Bildraum der Malerei „Unpacking“ hinein, die Tim Eitel 2020 in Öl auf Leinwand gemalt und an stiller, doch zentraler Stelle in der Kunsthalle Rostock platziert hat. Es ist eines von 54 Werken, die der Künstler dort in seiner Einzelausstellung präsentiert. Und es zeigt, dass Kunst etwas Gemachtes ist und dass Bilder erst im Kontext des Zeigens, Rezipierens und Einordnens an Gestalt gewinnen.
Bekannt geworden ist Tim Eitel, der 1971 in Leonberg geboren wurde, Malerei bei Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte und in Paris und Berlin lebt, Anfang der 2000er-Jahre mit seinen Museumsbildern, bei denen er Architekturen musealer Institutionen wie auch darin präsentierte Kunstwerke und ihre Betrachter:innen in seine Malereien brachte. Blickbeziehungen, die zwischen Museumsbesucher:innen, Bildern und dem Ort selbst entstehen sind da ein Sujet, das Eitel gleichfalls in seinen neueren und neuen Bildern aufgreift, von denen ausgewählte Werke in der Rostocker Kunsthalle zu sehen sind. Doch rückt der Künstler in diesen dort mitunter erstmals präsentierten Malereien und Aquarellen den Fokus viel direkter auf das Wahrnehmen von Bildern: auf mögliche, unsichtbare, verborgene, sich wandelnde oder nachklingende Bilder. Auf Menschen, die einen (symbolischen) Abdruck hinterlassen haben. Auf Nachbilder, die vor dem inneren Auge aufscheinen, wie er sagt.
Fluide Lesbarkeiten
„Als ich angefangen habe, die ersten Museumsbilder zu malen, habe ich viel in Museen fotografiert. Im Betrachten der Bilder habe ich entdeckt, dass es bestimmte Gesten und Haltungen gibt, die immer wieder auftauchen und die relativ universell sind. Gesten und Posen sind eine Antwort, ein Reagieren auf Raum – wie eine Konversation zwischen dem Raum und der Person, die sie ausübt“, erzählt mir Tim Eitel im Skulpturengarten der Kunsthalle Rostock, nachdem wir seine Ausstellung besucht haben.
So zeigt etwa die Malerei „View into a Room (3 Figures in 2 Moments)“ (2019) drei Figuren in einer musealen Architektur, die den Raum mit ihrer jeweiligen Wahrnehmung füllen: Eine Figur fotografiert mit einem Mobiltelefon eine nicht sichtbare Situation, eine zweite richtet ihren Blick in dieselbe Richtung, doch der gemeinsame Bezugspunkt, der zum Betrachtungsgegenstand innerhalb des Bildes wird, bleibt hinter einer (Raum-)Kante verborgen. Eine dritte Figur führt ihr Augenpaar durch eine Glasfassade hinaus in eine flächige Landschaft, leitet den Blick um.

Das menschengroße Diptychon „Loop (3 Painters and a Split Moon)“ (2024) geht einen Schritt weiter, denn hier ist die Platzierung der einzelnen Bildelemente variabel. Eitels Hängung in der Kunsthalle zeigt auf der linken Leinwand eine Figur, die in das Bild hineinläuft und deren Umriss sich in der zweiten Malerei, die rechtsbündig mit nur einem schmalen Spalt zwischen den Bildkanten positioniert ist, aus dem Bildfeld, in dem sich weitere Figuren befinden, hinausbewegt. Durch die änderbare Anordnung der Leinwände wird ihre Lesbarkeit fluide, wird zur Behauptung im Raum: Was geschieht, wenn die Grenzen der Bildoberfläche überwunden und die Figuren zu Personen werden? Narrative, die das in der Vorstellung sich kreisende Diptychon transportiert, könnten so, aber auch ganz anders (gewesen) sein.
Fotografie als Methode
Der Akt der räumlichen Bezugnahme des Betrachter:innenkörpers zum Bildhaften gewinnt in Tim Eitels Malerei zunehmend an Präsenz, evoziert durch die Wahl von Klein-, Mittel- und Großformaten, durch das Herstellen von Weite und Nähe. Während ich an ein Kleinformat herantrete, um die Details eines Gesichtsausdrucks im Sonnenlicht oder den Faltenwurf und die Schattierungen einer Jacke zu erfassen, wird in einem großformatigen Bild schon aus der Ferne die nur angedeutete Figur erkennbar, die aus einer monochromen Fläche schemenhaft oder als Spiegelung heraustritt. Wenn in manchen Malereien das Bild im Bild en miniature zum Gegenstand wird, ergreift an anderer Stelle ein einziger der dargestellten Blicke mein Auge im Visavis des Bildes.
Tim Eitel arbeitet nach fotografischen Vorlagen, doch das Eigentliche, so erläutert er, sei in einem spezifischen Foto meist nicht enthalten. Die Basis sei sein Bildarchiv, aus dem er fotografische Aufnahmen heraussuche, farbig ausdrucke, diese stapele und umsortiere. „Die Bilder, die mich am meisten interessieren, liegen oben. Bilder, die immer oben bleiben, werden dann wahrscheinlich in einer Malerei verarbeitet. Diese Fotografien haben überhaupt keinen künstlerischen Anspruch, ich verstehe sie als Notizen, mit denen ich in einem Collageprinzip weiterarbeite: Ich extrahiere Elemente aus ausgewählten fotografischen Bildern, die ich in einem sehr freien Umgang dann in meine Malerei übertrage. Der Malprozess selbst aber gibt wieder ganz andere Impulse.“
Es ist ein Suchen und Finden von Fragmenten, die sich über einen Reduktionsprozess in seiner Malerei verdichten und mit einem inneren Bildreservoir vermengen, ein neues Bild entstehen lassen. Im Spektrum seiner Bilder wiederholen sich einzelne Elemente, zum Beispiel Kleidungsstücke, Schuhe oder Taschen. Formen wie Kreise, Rechtecke oder Flächen erlauben eine Binnengliederung der Bilder sowie ein Verschieben des Geschehens von Bild zu Bild, sodass sich Assoziationsketten, Überlappungen und Querverweise in der Summe der Exponate ergeben. Szenen wie die eines Paares, das durch einen Ausstellungsraum geht, findet innerhalb eines Aquarells einen repetitiven Widerhall: Das Paar wird in seinem Bewegungsablauf wiederholt, verdoppelt, Bewegung schreibt sich in das Bild ein. Und auch mehrteilige Reihen wie das auf Holzgrund gemalte dreiteilige Porträt „La Coupe“ (2021), ein Brustbild eines Mannes, dessen Bart frisiert wird, macht mittels der in Abfolge gezeigten Tafeln deutlich, dass Tim Eitels Malereien aufeinander Bezug und den Verlauf der Dinge in den Blick nehmen – begleitet von der Frage, wie man sich selbst zu etwas oder in einer Situation positioniert. „Meine älteren Malereien haben aus heutiger Perspektive einen fast soziologischen Ansatz: Durch die Kleidung und Posen der Figuren stehen sie sehr in ihrer Entstehungszeit der Nullerjahre. Es geht mir in meiner aktuellen Arbeit nicht mehr um das Jetzt als Gegenwart, sondern um ein Jetzt als Bildsituation – um Zustände.“


Zeitschnitte
Viele seiner in der Rostocker Kunsthalle ausgestellten Bilder zeigen seine Frau Sophie, die vor zwei Jahren verstorben ist, in unterschiedlichen Situationen. Mit der Ausstellung „Vorschläge für Nachbilder 2015–2024“ und dem zugehörigen Katalog nimmt Tim Eitel erstmals deutlich Bezug auf ihren Tod. Auf bereits bekannte Bilder wie „La Séance“ (2021) mit einer Szene des heilenden Zuwendens folgen Bilder der freundschaftlichen Verbundenheit und Geborgenheit sowie solche, durch die sich eine Schnittkante durch die Malerei zieht, als würde die greifbare Zeit partiell verrückt oder ein unsichtbarer Bruch in ihr vollzogen werden. Einzelne Elemente dieser Malereien erscheinen so, als sei das Bild durchtrennt worden und leicht verschoben wieder aneinandergelegt. Mitunter fließt ein Grauschleier in die Farbe und über das Motiv, als sei jene Passage einer anderen Zeitebene im selben Raum zugehörig. In diese Versetzung fügt sich ein sonorer, lautloser Klang um die Bilder. Ein Nachhall, wie er sich in der Malerei „Nachbild“ (2016–2022) manifestiert, bei der Sophie an der Seite ihres Großonkels durch eine französische Weinbaulandschaft geht, in der Welten nunmehr zusammenrücken. Ob er an diesem Bild noch weitermalen wird, hält Eitel offen.
Hin zum Existenzialismus
Vor zwei Jahren etwa hat Tim Eitel einen Umstieg von Ölfarbe auf Eitempera vollzogen. Pinselstriche des Malprozesses bleiben dabei stärker sichtbar, doch zugleich trocknet die Farbe ebenmäßiger auf, bildet eine in sich konsistente Schicht – ein Effekt wie eine Haut, die sich über den Bildgrund lege. Einige Bilder malt er schon seit längerer Zeit auf Holz, das etwa die Körperhaftigkeit der von ihm Porträtierten unterstreicht. Wohingegen die Aquarelle, die oftmals wie Vor- oder Zwischenstudien wirken, eine gestische Arbeitsweise stärker sichtbar machen. Eitel hat seine technischen Bildspektren erweitert.
Über die Funktionsweisen des Erinnerns und die Frage, wie Zeit darstellbar ist, hat sich in seine Malerei ein gewisser Existenzialismus eingeschrieben, der den Wert des Miteinanderseins zum Gegenstand macht: in der Betrachtung von Kunst, der Begegnung in geteilten, öffentlichen Räumen, des gemeinsamen Sehens, Erlebens, Befragens und Entdeckens. Seine Bilder wirken dabei wie Vignetten, ähnlich skizzenhafter Bilder in der Literatur, die sich in Tim Eitels Darstellungen auf zwischenmenschliche Gefüge oder Geschehen beziehen.
Zu den Anfängen seiner Malerei bemerkt er am Ende unseres Gesprächs: „Als Teenager hatte ich einen Francis Bacon-Flash, als ich 1985 eine Retrospektive von ihm in der Staatsgalerie Stuttgart gesehen hatte. Da kam mir zum ersten Mal die Idee, dass ich selbst mal malen könnte.“ Seit 2015 lehrt er nun Malerei an der Beaux-Arts de Paris. „Meine Studierenden malen ebenfalls nach Fotos, drucken aber nichts mehr aus, sondern stehen da und malen nach dem Bild auf dem Smartphone. Ich denke, in einer Zeit der neuen Technologien werden Kapazitäten frei für eine andere Art von Kreativität. Wie meine Studierenden sehen, beeinflusst auch mich.“
Expression tools at eye level
Under the title "Trouble and Appearance", the State Graphic Collection Munich presents an exhibition by the American artist Dana Schutz.
Literatur und Haltung
Rachel Salamanders Archiv. Ausstellung der Monacensia im Hildebrandhaus, München, 20. Mai 2026 – 31. März 2028.
Liminality – Spaces in transition
Group exhibition at the Villingen-Schwenningen City Gallery featuring Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang and Lukas Zerbst.