Pasolini, das „Dreckschwein“
Der homosexuelle italienische Filmregisseur Pier Paolo Pasolini wurde zeitlebens verhöhnt und verfolgt und schlussendlich ermordet. Was hat die Gesellschaft so provoziert, und was hat sich eigentlich geändert?
In dem Film „Porcile“ (deutsch „Der Schweinestall“) von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1969 geht es um einen bourgeoisen jungen Mann, der zurückgezogen in der Villa des Vaters in Bad Godesberg lebt. Eines Tages kehrt er nicht von einem seiner Spaziergänge ins Dorf zurück. Die Dorfbewohner berichten, er sei im Schweinestall des Bauern gewesen und von den Tieren restlos aufgefressen worden. Und sie erzählen, sie hätten schon lange von seiner besonderen Liebe für die Schweine gewusst.
Für Konservative im katholischen, postfaschistischen Italien war Pier Paolo Pasolini, der offen homosexuell lebende Marxist und Atheist, ein Schwein. Seine Filme porträtieren die faschistische, kapitalistische Gesellschaft der Nachkriegsjahre als den eigentlichen Schweinestall.

Der n.b.k. – Neue Berliner Kunstverein – zeigt noch bis zum 10. November eine Ausstellung zum Werk und zur Gedankenwelt des Regisseurs, Autors und Intellektuellen. Mit Zeitdokumenten wie Zeitungsartikeln, Büchern, Fotografien und Filmen wird dargestellt, mit welcher Brutalität Pasolini wegen seiner Homosexualität und seiner Unbeugsamkeit verleumdet, verhöhnt und verfolgt wurde. Die Ausstellung zeigt aber auch, wie sich der Künstler durch Poesie und politisches Engagement immer wieder als Intellektueller Gehör verschaffte.
Eine Persönlichkeit wie die Pasolinis
In der italienischen Presse erschienen wöchentlich Artikel, die Pasolini in den Dreck zogen. Seine Filme riefen öffentliche Tumulte hervor. Mindestens 30 Gerichtsprozesse musste er über sich ergehen lassen, unter anderem wegen Blasphemie, Obszönität und Diffamierung. Der Rechtswissenschaftler Stefano Rodotà meint, dass es sich in Pasolinis Fall eigentlich um einen einzigen Prozess über sein gesamtes Schaffensleben hinweg handelte. Es sei darum gegangen, „[d]ie Existenzberechtigung einer Persönlichkeit wie der Pasolinis innerhalb der italienischen Gesellschaft und Kultur schlechthin in Frage zu stellen.“
Pasolini wurde wegen seiner Werke mehrfach verurteilt, und sein gewaltsamer Tod wurde nie restlos aufgeklärt.
Wer war Pier Paolo Pasolini, und was sagt seine Verfolgung über die Gesellschaft der 1950er bis 1970er Jahre aus? Was sagt uns sein Werk heute? Denn Pasolinis Filme provozieren noch immer. Sein letzter Film, „Die 120 Tage von Sodom“ aus dem Jahr 1975, wurde in Italien und auch in Deutschland nach den ersten Vorführungen vorübergehend beschlagnahmt. Erst 2022 wurde die ungekürzte Fassung in Deutschland vom Index genommen. Hat sich seither wirklich so vieles geändert?



Das gebrochene Beichtgeheimnis
Bereits Pasolinis erster Film („Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß“, 1961) brachte ihn vor Gericht, die Verfolgung seiner Person begann aber schon viel früher. Pasolini wurde am 5. März 1922 in Bologna geboren und arbeitete ab 1945 im italienischen Casarsa als Lehrer. Nachdem ein Pfarrer sein Beichtgeheimnis gebrochen und Pasolinis angebliche homosexuelle Verfehlungen öffentlich gemacht hatte, musste Pasolini seine Stelle aufgeben und wurde aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, für die er als Regionalsekretär tätig war. Er flüchtete sich mit seiner Mutter nach Rom, wo sie vorerst in ärmlichen Verhältnissen lebten. Hier studierte Pasolini das einfache Leben und die Nöte der Menschen in der römischen Peripherie, die Bauern und Arbeiter, die Armen, Kleinverbrecher und Stricher. In das Subproletariat setzte er die größte Hoffnung für eine Revolution, und um dieses Subproletariat drehen sich seine ersten Filme, die er überwiegend mit Laiendarstellern aus den römischen Slums besetzte.
Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Pasolini war kein angepasster Intellektueller, der die Dinge aus der Distanz betrachtete. Er schrieb in einem seiner Aufsätze, der „Freibeuterschriften“ von 1978: „[…] ich habe, wie Dr. Hyde, ein anderes Leben. Beim Leben dieses Lebens muß ich die […] Klassenschranken durchbrechen […] und in eine andere Welt dringen: die Welt der Bauern, die Welt des Subproletariats.“ Er lebte zeitlebens mit seiner Mutter zusammen, und beim Essen war er Asket. Aber nach dem Essen, ab 23 Uhr, ging er zu Strichjungen. Als „passiver“ Homosexueller suchte er Befriedigung bei jungen Männern – und nicht nur bei homosexuellen. Für die patriarchale, machistische italienische Bürgerlichkeit machte ihn dies zum absoluten Schreckgespenst.
Seine Hoffnungen auf die Revolution wurden enttäuscht, und Pasolini fand bald, dass auch die Besitzlosen sich dem amerikanischen Konsumismus und damit dem Kleinbürgertum anbiederten. Seine Resignation über Konsumfetischismus, Faschismus, über Medien, Politik und kleinbürgerliche Moral brachte er im Film durch explizite Gewaltdarstellungen, Nacktheit, Homosexualität, Päderastie, Sadismus und Blasphemie zum Ausdruck. Er verfilmte die verdrängten, dunkelsten Seiten der bürgerlichen Gesellschaft der Nachkriegsjahre in Europa: die Gewalt, die in ihr steckte. Dafür wurde Pasolini oft missverstanden und verachtet.
Homosexualität
Homosexualität war in Italien nie offiziell verboten, nicht aber, weil sie weniger geächtet gewesen wäre, im Gegenteil. Homosexualität galt als „Sünde gegen Religion und Privatleben“, solange es nicht zu Gewalt oder öffentlichen Skandalen kam. Homosexuelle mussten ein Leben im Schatten führen. In einem Gesetzestext von 1930 heißt es: „Es wird nicht bestraft, da das schändliche Laster der Homosexualität in Italien nicht so verbreitet ist, dass es eine rechtliche Intervention erfordert.“ Diese Unsichtbarmachung wird heute noch in vielen Ländern praktiziert, die als die queer-feindlichsten gelten, etwa in Uganda.
„Blasphemie“ und „Sodomie“
Pasolini hatte sich mehrfach gegen den Vorwurf der Blasphemie zu verteidigen. Gesetze gegen Blasphemie oder Sodomie waren und sind Vorwürfe, um Homosexuelle anklagen und als abartig darstellen zu können. Unter der ultrarechten Regierung Giorgia Melonis werden in Italien heute queere Menschen wieder verstärkt diskriminiert, etwa indem die Geburtsurkunden von Kindern aus Regenbogenfamilien angefochten werden. In Russland werden Menschen wieder wegen Blasphemie verurteilt, und auch hiesige AfD-Mitglieder nutzen den Begriff, um gegen queere Menschen zu hetzen. Mit „Sodomie“ – heute im deutschen Sprachgebrauch als Begriff für sexuelle Akte mit Tieren gebraucht – wurde früher jede sexuelle Handlung beschrieben, die nicht der Fortpflanzung dient. Lange Zeit wurden Homosexualität und Sex mit Tieren auch enggeführt. In Paragraf 175, der im Deutschen Kaiserreich 1872 eingeführt wurde, steht: Die „widerliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird“ sei mit Gefängnis zu bestrafen. Der Paragraf wurde mehrfach modifiziert und abgeschwächt, aber erst 1994 gänzlich abgeschafft.
Pasolini hatte aber auch Fürsprecher. Seine politisch hochengagierten Werke sind voller Referenzen an Literatur, Politik und (Film-)Geschichte und haben Generationen von Kritikern überzeugt. Er arbeitete mit Federico Fellini und Maria Callas zusammen, die seine enge Vertraute war. Und Pasolini konnte die mediale Aufmerksamkeit um seine Person mitunter nutzen. Mit den Worten „du wirst sehen, der Film wird jede Menge Geld einspielen“ drückte er seinem Mitarbeiter David Grieco das Drehbuch zu „Decameron“ in die Hand. 1971 musste er sich mit dem Film wegen „pornografischen Inhalts“ vor Gericht verantworten.


„Die 120 Tage von Sodom“
Sein umstrittenster Film – womöglich der umstrittenste der gesamten Filmgeschichte – erschien kurz vor seinem Tod: „Die 120 Tage von Sodom“ (italienischer Originaltitel: „Salò“) aus dem Jahr 1975. Der Film spielt in der untergehenden faschistischen Republik Salò, in der ein Kreis mächtiger Männer in einem Anwesen adoleszente Frauen und Männer gefangen hält. Die Peiniger leben ihre sadistischsten Triebe und Fantasien hemmungslos an den jungen Menschen aus. Die Foltermethoden werden immer grotesker und enden in ekstatischem Mord an allen Gefangenen.
Salò – Mussolinis Marionettenstaat
Die faschistische Republik Salò gab es: Der Ort am Gardasee wurde unter dem Diktator Mussolini zwischen dem 3. September 1943 und dem 25. April 1945 zum Marionettenstaat in dem vom Deutschen Reich besetzten Norditalien. Am erschreckendsten ist die Tatsache, dass all die Erniedrigungen, Folter- und Mordmethoden, die die Faschisten in dem Film an den Jugendlichen begehen, in deutschen Konzentrationslagern tatsächlich verübt wurden – so der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in einem Filmkommentar. Der Film ist eine Extrem-Allegorie auf die Unterdrückung und Ausweglosigkeit. Die Kleinstadt Salò am Gardasee hat erst im Jahr 2020 wieder dafür gestimmt, dass Mussolini Ehrenbürger der Stadt bleibt.
„Salò“ zeigt die Schrecken der Taten in einer fleischlosen – Pasolini nannte es „kristallinen“ – Ästhetik. Es ging ihm mit dem Film nicht darum, Leid oder Grausamkeit zu evozieren. Nicht Verständnis für Gewalt will der Film erzeugen, sondern ein Verständnis von der Gewalt, wie die Gesellschaft sie erzeugt. Die sah Pasolini im Faschismus und – nicht weniger gefährlich – im Konsumismus des Kapitalismus. Das ist es, was die Mächtigen im Film tun: Sie amüsieren sich durch den Konsum der Körper, diese werden ihnen zu fetischisierten Objekten, mit denen sie machen können, was sie wollen.
Wie hält man das Unaushaltbare aus?
Ausstellungsbegleitend werden Pasolinis Filme im Babylon-Kino in Berlin gezeigt, und einen Kommentar zum Film gab der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit. Während der Dreharbeiten zu „Salò“ arbeitete er an seiner Doktorarbeit über die sexuelle, psychologische und soziopolitische Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. Theweleits Buch „Männerphantasien“ gilt als Auftakt der Männerforschung, weil es sich akribisch mit der Theorie und Geschichte männlicher Gewalt auseinandersetzt. Der Film frage: „Wie hält man das Unaushaltbare aus? Offenbar halten wir es aus“, so Klaus Theweleit. In den 1970er-Jahren verließen laut Theweleit und anderen Zeitzeug:innen mal die Hälfte, mal zwei Drittel der Zuschauenden den Saal. Heute bliebe der Saal voll bis zum Schluss. Theweleit erklärt sich dies mit „Brutalisierung“ und einem Gewöhnungseffekt durch die Medien.
Kultur und Gewalt – „zwei Seiten einer Medaille“
Theweleit macht auf die geschichtliche Konstante männlicher Gewalt in allen Zeiten aufmerksam. Kultur und Gewalt – diese seien „zwei Seiten einer Medaille“. Wenn er zu aktuellen Kriegen befragt werde, sage er: „Das habe ich alles schon zehn Mal beschrieben, dem habe ich nichts hinzuzufügen. Der russische Soldat heute ist nicht gemeiner oder grausamer als alle die Jahrzehnte vorher oder – wahrscheinlich – die in den nächsten.“ Theweleit normalisiert diese Gewalt nicht als unabwendbar, aber er spricht gegen das Vergessen der unmenschlichen Verbrechen an, das sich in der wiederkehrenden Empörung äußert.
Auf die Frage hin, was sich seit den 1970er Jahren geändert hat, spricht Theweleit von einer Hoffnung auf Frieden in den 1960er und 1970er Jahren. „Wir haben immer gesagt, […] der Gewaltpegel sinkt, sinkt ständig.“ Seit den 1990er-Jahren ändere sich dies wieder. Er spricht von einem „Anstieg der Gewalt“, und zwar „so schlimm, wie es fast noch nie war“, und zählt Konflikte in der Welt auf. Tatsächlich ist die Zahl statistisch erfasster Kriege, Bürgerkriege und zwischenstaatlicher Konflikte weltweit seit 1946 im Jahr 2023 auf einem Höchststand.

Pasolinis Tod
Am Morgen des 2. November 1975 wurde Pasolinis Leichnam am Strand von Ostia aufgefunden, auf seinen Körper war massive Gewalt ausgeübt worden, er muss heftig verprügelt worden sein und wurde danach noch überfahren. Todesursache war sein geplatztes Herz. Ein 17-jähriger Stricher wurde für die Tat verhaftet, der sein Geständnis im Jahr 2005 überraschend widerrief: Drei Unbekannte hätten Pasolini in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 ermordet, ihn als „schmutzigen Kommunisten“, „Dreckschwein“ und „Schwuchtel“ verhöhnt.
Pasolinis Leben, Tod und sein Werk rütteln auf, weil sie die dunklen Seiten der Gesellschaft aufblättern. Seine Filme wecken Bilder aktueller Erfahrungen, führen uns Figuren, Haltungen und Handlungen vor, die wir heute wieder in Medien, Politik und auf den Straßen demonstriert sehen. Sein Filmschaffen spiegelt auch eine innere Entwicklung wider, die durch enttäuschte Hoffnungen geprägt ist – Enttäuschung von der Gesellschaft, der Politik und auch in der Liebe. Es ist eine Enttäuschung, die viele von uns kennenlernen mussten, die aber weder in Resignation noch in Tragik münden muss. Welchen Film also hätte Pasolini nach „Die 120 Tage von Sodom“ gedreht? Das bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen.
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