9 min read

Maßstäbe der Menschlichkeit

Rineke Dijkstra in der Berlinischen Galerie und im Frankfurter Städel Museum.

Die Klarheit, die Direktheit, die schonungslosen Details: sie wohnen den Malereien des Goldenen Zeitalters der niederländischen Genremalerei inne. „Peeckelhaering“ (Pökelhering) zum Beispiel, das Bildnis des lustigen Zechers mit schiefen Zähnen, fettigen Haaren und ungewaschenem Gesicht, das Frans Hals zwischen 1628 und 1630 malte, die Maserung des Holzstuhls, auf dem der „Junge Flötenspieler“ (1635) im Bildnis von Judith Leyster sitzt oder der Tintenfleck auf der Tischdecke im „Gruppenporträt der Regentinnen des St. Elisabeths Gasthuis, Haarlem“, das Jan Cornelisz Verspronck 1641 anfertigte. Sparsam dekorierte Hintergründe bilden die Kulisse für die niederländische Schilderkunst des 17. Jahrhunderts, nur wenige Requisiten umgeben die Porträtierten, die in ihrem Lebensumfeld oder nach einer soeben vollzogenen Tätigkeit dargestellt sind. „Generally I get more out of looking at old paintings. I think the light, as well as the emotional and psychological forces at play are so incredible in those paintings. I prefer the old classics to contemporary art shows,“ bemerkte Rineke Dijkstra anlässlich ihrer 2012 im New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum gezeigten Retrospektive. Die Fotografien und Videos der 1959 in den Niederlanden geborenen Künstlerin sind geprägt von der Klarheit in den Kompositionen der Malerei des Goldenen Zeitalters – doch was macht ihre Bildnisse, die zeitgleich in der Berlinischen Galerie unter dem Titel „Still – Moving. Portraits 1992 – 2024“ und „Beach Portraits“ im Städel Museum in Frankfurt am Main zu sehen sind, ausgerechnet jetzt wieder so interessant?

Zwischenzeiten

Rineke Dijkstras „Beach Portraits“, die die Künstlerin zwischen 1992 und 1998 umsetzte, begegneten mir gleich zu Beginn meines Studiums Anfang der 2000er-Jahre. Wir betrachteten in einem Seminar zur zeitgenössischen Fotografie Dijkstras Bilder von Kindern und Jugendlichen am Meer: Mädchen, Jungen, Teenager und junge Erwachsene stehen einzeln oder in Gruppen in Bademode der 1990er-Jahre oder in anderen Kleidungsstücken im Sand vor den anrollenden Wellen und einem Himmel, der – mal hellblau, mal durch Wolken verdunkelt – das Hintergrundbild gestaltet. Die Körperhaltung zeigt sich im Kontrapost wie etwa in einer Malerei von Sandro Botticelli, dann wiederum lässig wie bei einer schnappschussartigen Urlaubsfotografie – mal die Arme verschränkt, dann die Hände übereinandergelegt, locker hängend oder gerade an die Oberschenkel gepresst. Die Fotografierten sind nicht von der Künstlerin zurechtgemacht, sondern so, wie sie sind: mit abgeblättertem Nagellack, einem Pflaster auf dem Bauchnabel, mit Pickeln im Gesicht. Etwas Ungeschöntes, Privates gewinnt durch Rineke Dijkstras komponierte, dabei doch authentisch wirkende Fotografie öffentliche Sichtbarkeit. Die Blicke der von ihr Porträtierten führen gerade zur Kamera, die Dijkstra an Stränden in den Niederlanden, Belgien, den USA, in Polen, Kroatien oder der Ukraine aufgebaut hatte: Eine 4×5-Zoll-Großformat-Plattenkamera, mit der sie noch heute ihre Fotografien umsetzt.

Die zunächst als freiberufliche Porträtfotografin für Zeitungen und Zeitschriften tätige Rineke Dijkstra begann die Serie „Beach Portraits“, mit der sie weltweit Beachtung erlangte, nach einem Fahrradunfall, genauer, nachdem sie 1991 nach einem Rehabilitationstraining im Amsterdamer Marnixbad ein Selbstporträt von sich im Badeanzug im Duschraum angefertigt hatte. Mit Duschkappe und Schwimmbrille versehen, hält sie ihre Hände vor ihr erschöpftes Gesicht, die Arme angewinkelt platztiert an den nassen und etwas durchsichtig gewordenen Badeanzug. Aus ihrer Körperhaltung spricht eine gewisse Unbehaglichkeit. Dass der Akt des Fotografiertwerdens ausgerechnet auf eine Fotografin beklemmend wirkt, macht einen besonderen, reflektierten Aspekt dieses Bildes aus. Gesten der Verlegenheit einen Dijkstras Selbstporträt und ihre „Beach Portraits“, zeigen Lebensmomente im Übergang: den Weg durch den Sand ins Meer hinein oder heraus; die Entwicklung vom Kindsein zum Erwachsenwerden – und Dijkstras eigenen Werdegang von der Auftragsfotografin hin zum Finden einer freien künstlerischen Bildsprache. Änderungen, Wandel, Wechsel, Wenden: Menschen, die in gewisser Weise Zwischenzeiten erleben, sind fortan Sujet ihrer Fotografien und Videoarbeiten, die sie in Serien und oftmals über Jahre hinweg ausformuliert. Neue Mütter, die die Künstlerin wenige Stunden und Tage nach der Geburt nackt mit ihren Neugeborenen im Ganzkörperbildnis fotografiert hat, Stierkämpfer, von denen sie, noch vom Kampf blutverschmiert, Bruststücke angefertigt hat – es sind Zustände der äußeren und vor allem der inneren Nacktheit, die Rineke Dijkstra in ihren Bildern einfasst.

Einander mit Respekt begegnen

Nach dem Ende des Kalten Kriegs reiste Rineke Dijkstra in Hafenstädte wie Jalta auf der Krim und Odessa in der Ukraine, Dubrovnik in Kroatien oder Kołobrzeg in Polen. Dort fotografierte sie Kinder und Jugendliche als Bestandteil ihrer Reihe „Beach Portraits“, um diese Bilder mit jenen ebenfalls von ihr in dieser Zeit gemachten Fotografien von westlich geprägten Heranwachsenden aus Belgien, England oder den USA zusammenzubringen. Dieser Aspekt wird deutlich im Städel Museum in Frankfurt am Main hervorgehoben, wo ausschließlich Dijkstras „Beach Portraits“ in einer Kabinettausstellung präsentiert werden und den Ausgangspunkt ihrer Arbeit einkreisen.

Präziser eintauchen in ihr Werk lässt sich jedoch in der Ausstellung „Still – Moving. Portraits 1992 – 2024“ in der Berlinischen Galerie, die einen Schwerpunkt auf Rineke Dijkstras Fotografien und Videobilder der 1990er- und 2000er-Jahre legt. Eine Werkgruppe ist hierbei besonders bemerkenswert: 1994 richtete Dijkstra ihr Interesse auf ein im Gefüge der Jugoslawienkriege aus Bosnien mit ihrer Familie in die Niederlande geflohenes Mädchen – „Almerisa“. Aus der Absicht, auf die Lebensrealität der zu diesem Zeitpunkt in einer Geflüchteten-Unterkunft in Leiden lebenden Sechsjährigen aufmerksam zu machen, entwickelte Rineke Dijkstra eine fotografische Serie, für die sie Almerisa etwa alle zwei Jahre – bis heute – in ihrem jeweiligen Lebensumfeld besucht(e) und auf einem Stuhl sitzend porträtiert(e). Die erste, 1994 entstandene Fotografie, zeigt Almerisa im Sonntagsstaat in weißer Bluse mit Perlmuttknöpfen, Weste, kariertem Rock, Lackschuhen. Etwas zu dicke Socken umhüllen ihre Füße, die vom roten Kunststoffschalensitz noch über dem Boden schweben. Eine rote Schleife ziert ihren Hals und unterstreicht den Blick eines Kindes, das – trotz aller äußeren Umstände – Würde in sich trägt. Das nächstfolgende Bild, das 1996 in Wormer im Norden Hollands in der Wohnung von Almerisas Familie entstanden ist, vermittelt ein hoffnungsvolles Lächeln im Gesicht des Mädchens. Die in der Berlinischen Galerie in einer Reihe gehängten, mittlerweile nun 18 Fotografien, zeigen das Größerwerden eines Kindes und Teenagers hin zu einer jungen Frau, Schwangeren und Mutter mit Baby, bis zu einer Ansicht von Almerisa, die zuletzt 2022 aufgenommen worden ist. Frisuren, Kleidung, Accessoires und Make-up sowie Stühle, Bodenbeläge und Wandverkleidungen wandeln sich. Dabei bleibt die Bildkomposition, durch die sich wie durch ein Fenster in ein Interieur hineinblicken lässt, gleichbleibend schlicht: die Kante eines Schrankes oder einer Tür ist zu erkennen, ein Lichtschalter oder eine Steckdose sitzt auf der Tapete, lange Gardinen, die herabhängenden Blätter einer Efeutute oder ein aus der Wand hinausragendes Kabel zeigen, dass die Bilder in privaten Räumen entstanden sind und nicht in einem Fotostudio. Rineke Dijkstra sucht das Umfeld der von ihr Fotografierten auf, nicht umgekehrt. Dabei ist der menschliche Körper in ihren Aufnahmen kein Abbild, kein modelliertes Objekt im Künstler:innenstudio: Dijkstra zeigt Menschen in ihrem gegenwärtigen Sein, mit allem Unperfekten. Und gerade das ist ein Aspekt, der ihre Bilder in einer Zeit der zunehmenden körperlichen Selbstbestimmung aktuell auch für junge Menschen so interessant macht.

Verletzlichkeit und Stärke

Vulnerabel, verletzlich zu sein – das beinhalten Rineke Dijkstras Fotografien „The Buzz Club“, die sie 1995 im gleichnamigen Club in Liverpool von Jugendlichen aufgenommen hatte. Die Porträts, von denen in der Berlinischen Galerie einige erstmals aus Dijkstras Archivbeständen ausgestellt werden, zeigen junge Frauen in ihrem Ausgehlook, der modische Trends der 1990er-Jahre zwischen Second-Hand, Versandhauskatalogware in Satin-Optik und Kaufhausaccessoires wie elastische Halsketten oder voluminöse transparente Kunststoffringe zusammenbringt. Die jungen Frauen nehmen selbstbewusste Posen ein, doch bleibt in ihrer Gestik und Mimik Unsicherheit oder Selbstschutz kenntlich. Ein Mädchen trägt einen Anstecker am Top: „People Are Warning You Looking At My Chest!“

Dijkstras Fotografien wirken als Vorstudie zu ihrer Videoarbeit „The Buzz Club, Liverpool, UK / Mystery World, Zaandam, NL“, die sie kurz darauf in den Jahren 1996 und 1997 realisierte. Hierfür richtete sie in den beiden Diskotheken „The Buzz Club“ und „Mystery World“ jeweils in einem Nebenraum zur Tanzfläche einen temporären Studioraum ein: eine Kamera, die jene Teenager, die den Raum zumeist allein betraten, bis zu 15 Minuten lang filmte. Vor einer weißen Wand zeigen sich so – mit Blick in die Kamera oder bewusst an ihr vorbei – junge Menschen, die rauchen, Kaugummi kauen, trinken, sich zaghaft zur Musik bewegen, im Takt mit dem Kopf nicken oder wild zu dem im Club gespielten (Hardcore-)Techno tanzen. Ein Paar liegt sich in den Armen wie etwa jenes auf der legendären Fotografie von Robert Doisneau „Der Kuss am Rathaus“ (1950), kurz darauf hört man einen Remix von Marushas „Somewhere Over The Rainbow“. Zwischen Selbstdarstellung, Selbstermächtigung und Sehnsucht wirken diese filmischen Bilder, von denen Dijkstra je zwei zueinander als Doppel-Kanal-Videoinstallation arrangiert hat und die die Akteur:innen miteinander in Beziehung treten lässt. Gleichgültigkeit, Nervosität, Mut, Überwindung, Losgelöstheit, Freude und Witz liegen in ihren Gesichtern. Erstmals hatte ich diese Videoarbeit vermutlich im Jahr 2003 im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe in der Ausstellung „Fast Forward“ gesehen. Damals, als meine Kommiliton:innen und ich selbst gerade erst die Schule absolviert hatten, wirkten die Bilder auf mich gewöhnlich, wie ein beiläufiger Auszug aus einem Partyabend. Die Nähe zum gelebten Leben, die das Besondere der Bilder Rineke Dijkstras ausmacht, zeigt sich heute als das Authentische: Ihr Wert liegt in einer auf Dauer angelegten Betrachtung, die nicht wertet.


Rineke Dijkstra, Beach Portraits. Städel Museum, Frankfurt am Main, 13.12.2024–18.5.2025. https://www.staedelmuseum.de/de/rineke-dijkstra.

Rineke Dijkstra, Still Moving, Portraits 1992 – 2024. Berline Galerie, 8.11.2024 – 10.2.2025. https://berlinischegalerie.de/ausstellungen/aktuell/rineke-dijkstra/.


Have we piqued your curiosity?
Here you can find even more:
Have we made you curious? Here you can find more: HABEN WIR SIE NEUGIERIG GEMAC H T ? Hier finden Sie nand mehr:

Christo and Jeanne-Claude: un|realized

The exhibition showcases for the first time in Germany unrealized projects by the artist duo. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, April 4 – June 28, 2026.

3 min read

Liminality – Spaces in transition

Group exhibition at the Villingen-Schwenningen City Gallery featuring Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang and Lukas Zerbst.

4 min read

Expression tools at eye level

Under the title "Trouble and Appearance", the State Graphic Collection Munich presents an exhibition by the American artist Dana Schutz.

6 min read