Georg Scholz: Selbstbildnis vor der Litfaßsäule, 1926. © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.
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Bilder der modernen Welt

Neue Sachlichkeit in Mannheim und Stuttgart

Die Ausstellung scheint einen Nerv zu treffen. Insbesondere in den ersten Räumen fällt es schwer, einen Platz zu ergattern, um einen ungehinderten Blick auf die Werke zu werfen. Dies liegt am Thema: Otto Dix hat von sich behauptet, die Neue Sachlichkeit erfunden zu haben. Den Stil vielleicht, der Begriff stammt von Gustav Friedrich Hartlaub, dem Direktor der Kunsthalle Mannheim, der bereits 1923 eine Ausstellung zum Thema plante, die dann aber aufgrund der Inflation erst zwei Jahre später zustande kam. Dass sich die Besucher/innen anfangs so auf den Füßen stehen, liegt aber auch daran, dass hier die bekanntesten Namen versammelt sind: neben Georg Scholz und Carlo Mense vor allem Max Beckmann; George Grosz; und eben Dix. Die Künstler, zu denen Ausstellungsführer/innen und Lehrer von Schulklassen am meisten wissen.

Dies war im Kunstmuseum Stuttgart besser gelöst, das in der Ausstellung Sieh dir die Menschen an schon vor einem Jahr das „neusachliche Typenporträt“ thematisiert hat. Am Beginn stand ein Doppelporträt des weniger bekannten Richard Ziegler. Nur ist das 1932 auf der kroatischen Insel Korčula angefertigte Gemälde alles andere als ein „Typenporträt“: Es zeigt, höchst individuell in Türkis und Gelb, die zwei Töchter des jüdischen Bauunternehmers Ernest Ehrlich und seiner Frau Laura. Ziegler, mit einer Nichte Max Liebermanns verheiratet, musste bald darauf Deutschland verlassen und verarbeitete dies in einer Folge von Karikaturen der Nazi-Größen, veröffentlicht 1941 in England unter dem Titel We Make History. Eine interessante Geschichte, die aber die Ausstellung nicht erzählt hat. Die Kunsthalle Mannheim spricht dagegen die NS-Geschichte an vielen Stellen an.

Keine Frage: Das Thema Neue Sachlichkeit ist en vogue. Wohl auch weil diese Malerei so schön anschaulich ist. Vorbei die Zeiten, als Eugen Keuerleber, der Direktor der damaligen Galerie der Stadt Stuttgart, mit begrenzten Mitteln eine herausragende Dix-Sammlung anlegen konnte, weil sich für figürliche Malerei kaum jemand interessierte. Dass sich das heutigen Kunstmuseum, und anschließend Chemnitz, das wiederum die größte Dix-Sammlung besitzt, bereits vor einem Jahr der Neuen Sachlichkeit gewidmet haben, dürfte dadurch bedingt sein, dass vier Werke aus Stuttgart und eines aus Chemnitz für die Mannheimer Ausstellung gebraucht wurden. Darunter die Anita Berber, der das Stuttgarter Museum ab 9. April eine eigene Ausstellung widmet, und eine müde Rothaarige Frau: das Titelmotiv für die Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre, die ab 27. April in Chemnitz zu sehen sind. Geht es dort um den Vergleich mit den osteuropäischen Ländern, so bezieht Mannheim verschiedene westliche Nachbarn mit ein.

100 Jahre danach

Neue Sachlichkeit: Darunter verstand Hartlaub, dem Untertitel zufolge, die Deutsche Malerei seit dem Expressionismus, die er in zwei auch politisch konträre Flügel einteilte: eine linke, veristische um Maler wie Otto Dix und George Grosz; und eine rechte, neoklassizistische, zu der Alexander Kanoldt, Carlo Mense und Georg Schrimpf zu zählen wären, auch wenn der, befreundet mit Oskar Maria Graf, einmal in der Münchner Räterepublik aktiv war. Hartlaub lag offenbar die konservative Richtung näher, wie schon die Zahl der ausgestellten Werke zeigt: An der Spitze Kanoldt mit 15 Arbeiten, gefolgt von Schrimpf und Mense, während von Dix und Grosz nur jeweils sieben Werke zu sehen waren. Mit so ätzend politischen Arbeiten wie Grosz‘ kubistischem Höllensturz An Oskar Panizza oder Scholz‘ grimmigen früheren Arbeiten scheint das Wort Sachlichkeit denn auch kaum vereinbar. Freilich erhielt letzterer im Jahr der Ausstellung eine Professur in Karlsruhe und ließ von da an das Politisieren sein. Andererseits ist auch bei damals neueren Werken wie Beckmanns Zwei Schwestern und dem Porträt des Schriftstellers Max Hermann-Neiße von Grosz eine Beruhigung festzustellen. Hartlaubs Ausstellung steht auch für die fünf Jahre Aufschwung und Stabilität nach dem Ende der Inflation, die allein, wenn überhaupt, die Bezeichnung „Goldene Zwanziger“ rechtfertigen. Dix‘ Großstadttriptychon oder Werke von Christian Schad, die heute mit der Neuen Sachlichkeit assoziiert werden, waren dagegen 1925 nicht zu sehen.

Die aktuelle Ausstellung ist keinesfalls ein Remake. Einige Werke sind verschollen, nicht einmal alle können identifiziert werden. Inge Herold, die stellvertretenden Leiterin der Kunsthalle, geht es auch um eine „kritische Revision“ von Hartlaubs Ausstellung. Gezeigt wird, was damals ausgespart blieb: Keine einzige Künstlerin war damals zu sehen, heute sind es 21. Kommunistische Maler wie Otto Griebel, von dem nun sein bekantestes Werk, Die Internationale ausgestellt ist; Karl Völker, der Dix-Schüler Curt Querner ebenso wie Alice Lex-Nerlinger mit einer Politischen Gefangenen. Interessant, weil sehr unterschiedlich, sind die Selbstporträts von Künstlerinnen und Künstlern, ein paar wenige Skulpturen ergänzen das Panorama. Arbeiten aus anderen Ländern, bestätigen freilich eher, dass die Neue Sachlichkeit eine deutsche Erscheinung war, auch wenn etwa bei Schrimpf oder Mense ein Bezug zur italienischen Malerei aus dem Kreis der Valori Plastici erkennbar ist. Doch mit Begriffen wie Realismus und Neoklassizismus ist die Neue Sachlichkeit noch nicht gekennzeichnet. Sie zeigt die moderne Welt, in all ihren Widersprüchen.

Genau das macht den Reiz der Ausstellung aus. War die ältere Malerei, selbst die realistische, noch in tradierten Vorstellungen von Bildwürdigkeit befangen, so wird bei dem Hannoveraner Maler Hans Mertens selbst ein Putzeimer mit Schrubber und ausgewrungenem Feudel zum Stillebenmotiv. Die moderne Kunst wiederum hatte sich zunehmend von der äußeren Wirklichkeit entfernt. Diese eigentlich ebenfalls moderne Malerei untersucht dagegen die Realität der Zeit in all ihren Facetten. Max Radler zeigt einen Radiohörer, noch mit Kopfhörer – der Empfang var schlecht – an einem vorsintflutlichen, vielleicht selbst gebastelten Gerät und lässt sicherheitshalber ein Papier auf dem Tisch liegen, auf dem groß „Radio“ steht. Ewald Schönberg malt in einer dynamischen Diagonalstellung einen Zeitungsjungen, Fritz Tröger einen Mann an der Schreibmaschine.

Die „Goldenen Zwanziger“

Wer wissen will, wie die Welt der 1920er-Jahre aussah, sollte mit den Stadtlandschaften und Stillleben im zweiten Teil der Ausstellung in der ersten Etage anfangen, wo sich das Gedränge in Grenzen hält: Brücken, Schienen, Bahnhöfe, Straßenbahnen und Autos: Es ist eine Welt im Aufbruch, mit vielen Baustellen bis hin zum Stahlskelett des künftigen Reichsluftfahrtministeriums, 1935 gemalt von Carl Grossberg, der sich viel mit der Industrie beschäftigt hat. Plakatwerbung schmückt Bauzäune und Brandmauern. Zwei Werke von Reinhold Nägele zeigen den Wandel Stuttgarts zu einer modernen Stadt: auf der einen Seite die Abbrucharbeiten am alten Stuttgarter Bahnhofs, auf der anderen die Weißenhofsiedlung bei Nacht. Die Stillleben sind konventioneller, doch auch hier sind mit Calla Gummibaum und Kakteen oder einer kühlen Wirtshaustheke von Erich Wegner die Zeichen der Zeit erkennbar. Hannah Höch überrascht mit einer perspektivisch genauen Darstellung von fünf Glasgefäßen, schräg von oben auf einer diagonal in den Raum gestellten Tischplatte: alles Grau in Grau bis auf eine kontrastierende, orangefarbige Margerite. Scholz legt zwei Glühbirnen neben eine Ansammlung von Kakteen, ein Blick aus dem Fenster zeigt Eisenbahnsignale.

Ähnlich vielseitig sind die Frauenbilder in der unteren Etage. Mondäne Damen, proletarische Mütter, Lebedamen und Prostituierte, eine Laborantin in Kurzhaarfrisur, Frauen im Pelz, im kariertem Reformkleid, mit Zigarette oder im Badeanzug mit Wasserball. Jeanne Mammen zeichnet ein ausschließlich von Frauen bevölkertes Café. Bei einem 1935 entstandenen Selbstporträt von Kate Diehn-Bitt scheint es sich um einen jungen Mann zu handeln. Deutlich konservativer gibt sich Fridel Dethleffs-Edelmann, in Malkutte vor einer gemalten Landschaft, doch auch sie trägt Bubikopf. Hervorzuheben sind drei Porträts von Rudolf Schlichter: Egon Erwin Kisch, der „rasende Reporter“, den Blick nervös zur Seite gekehrt, Zigarette in der Hand, befindet sich offenbar auf dem Sprung. Bei Carola Neher, Schauspielerin im Ensemble Bertolt Brechts, die später im stalinistischen Arbeitslager ums Leben kam, scheint das ganze Bild zu vibrieren. Schlichters Frau Speedy im gelben Kleid taxiert aufmerksam den Betrachter, das Kinn auf die Hand gestützt. Großartig auch ein Selbstporträt von Lotte Laserstein mit verschattetem Gesicht vor der Berliner Stadtlandschaft.

Diese Ausstellung hält uns einen Spiegel vor. Sie zeigt die moderne Welt, wie sie einmal war: eine Welt des Bürgertums und der Industrie, der modernen Verkehrsmittel und der sozialen Gegensätze – und wie sie zu Ende ging. Viele der rund 100 Künstler und 20 Künstlerinnen sind heute so gut wie vergessen. In einigen Fällen verfolgt die Ausstellung ihre weitere Entwicklung. Und es zeigt sich: Es führt kein geradliniger Weg in die NS-Zeit. Die einen erhielten Ausstellungsverbot, mussten emigrieren oder wurden ermordet. Selbst der ehemalige Kommunist Barthel Gilles – ausgestellt ist ein Ruhrkampf von 1930 – konnte dagegen weiter arbeiten. Umgekehrt zeigt die Ausstellung ein biederes frühes Selbstporträt des späteren oberschwäbischen Bauernmalers Hermann Tiebert: Meine Frau und ich. Nach dem Krieg stand dagegen das Dogma der Abstraktion einer Auseinandersetzung mit den Erscheinungen der modernen Welt entgegen. Lediglich der Berliner Kritische Realismus knüpfte an die Neue Sachlichkeit an.

Der fotografische Blick

Mit dem Ausstellungstitel Neue Sachlichkeit prägte Gustav Friedrich Hartlaub das Schlagwort für eine Epoche. Sachlich war nicht nur die Malerei: Sachlich war auch das Neue Bauen, das auf jeden ornamentalen Zierrat verzichtete, angefangen mit dem Neuen Frankfurt im Jahr der Ausstellung. Sachlich war das Design, das sich damals noch Kunsthandwerk nannte, ebenso die Fotografie, die ihre von der Malerei übernommenen Draperien beiseitelegte und einen eigenen, „fotografischen Blick“ auf die Welt entwickelte. Damit beschäftigen sich zwei weitere Ausstellungen: im Reiss-Engelhorn-Museum, Mannheim, und in der Stuttgarter Staatsgalerie.

Das Reiss-Engelhorn-Museum nimmt den 100. Geburtstag des Fotografen Robert Häusser zum Anlass, diesen August Sander und Albert Renger-Patzsch gegenüberzustellen. Häusser, in Stuttgart geboren, seit den 1950er-Jahren in Mannheim lebend, knüpfte an die neusachliche Fotografie an. Aber was heißt das im Fall der Fotografie? Renger-Patzsch, bekannt durch den Bildband Die Welt ist schön, scheint mit seinen streng komponierten Bildern ganz dem Begriff Sachlichkeit zu entsprechen. Sanders Menschen des 20. Jahrhunderts sind dagegen gekennzeichnet von einer großen Wärme, Emotionalität und Menschlichkeit, insbesondere die Menschen aus seiner Heimat, dem Westerwald. Im Kontext der Neuen Sachlichkeit sind von besonderem Interesse: ein Porträt von Otto Dix; das Bild einer Sekretärin des Westdeutschen Rundfunks, das sich gut mit Dix‘ Porträt der Journalistin Sylvia von Harden vergleichen lässt; und ein Porträt des Kölner Malers Anton Räderscheidt auf einer menschenleeren Straße, wie auf zwei seiner in der Kunsthalle ausgestellten Gemälde. Dem stehen Häussers herrliche Aufnahmen von HAP Grieshaber und dem Galeristen Alfred Schmela gegenüber.

Sander und Renger-Patzsch sind auch in der Ausstellung Neues Sehen, Neue Sachlichkeit und Bauhaus der Staatsgalerie Stuttgart vertreten, die auf einem kürzlich erworbenen Konvolut aus der Sammlung Dietmar Siegert beruht. Siegert hat sich auf die Frühzeit der Fotografie konzentriert, weitere Teile seiner rund 3.900 Aufnahmen umfassenden Kollektion befinden sich in der Neuen Pinakothek und im Stadtmuseum München. Die Staatsgalerie zeigt rund 150 Fotos, häufig zu Themen, wie sie auch in der Kunsthalle vertreten sind. Gegenüber der Malerei jener Zeit fallen die kleinen, kontrastarmen Abzüge allerdings etwas blass aus, vor allem im Dämmerlicht der „Gällery“, wo die Staatsgalerie ihre Fotoausstellungen zeigt. Der „fotografische Blick“ mit seinen Diagonalperspektiven und angeschnittenen Objekten wirkte auf die Malerei zurück, wie Stillleben von Hannah Höch oder Iwan Babij in der Kunsthalle zeigen. Die dokumentarische Rolle der Fotografie lässt sich dagegen nicht auf andere Medien übertragen. Irene Bayer, die aus Chicago stammende, jüdische Frau des Bauhaus-Meisters Herbert Bayer, dokumentiert zum Beispiel in zwei kleinen Aufnahmen ein Fest Neue Sachlichkeit auf Burg Giebichenstein in Halle am 4. Dezember 1925. Zwei Wochen zuvor war die Ausstellung Neue Sachlichkeit auf ihrer zweiten Station in Dresden zu Ende gegangen und wanderte nun weiter nach Chemnitz. Ein kleinerer Teil kam erst später auch nach Halle.


Neue Sachlichkeit, Kunsthalle Mannheim, bis 9. März, https://www.kuma.art/de/ausstellungen/die-neue-sachlichkeit

Sachlich neu, Reiss-Engelhorn-Museum, bis 27. April, https://www.rem-mannheim.de/ausstellungen/sonderausstellungen/sachlich-neu/

Neues Sehen, Neue Sachlichkeit und Bauhaus, Staatsgalerie Stuttgart, bis 23. Februar, https://www.staatsgalerie.de/de/ausstellungen/aktuell/neues-sehen-neue-sachlichkeit-und-bauhaus

Außerdem:

Anita Berber, „Orchideen“, Kunstmuseum Stuttgart, 9. April 2025 bis 12. April 2026, https://www.kunstmuseum-stuttgart.de/ausstellungen/anita-berber

European Realities. Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa, Kunstsammlungen Chemnitz, 27. April bis 10. August, https://www.kunstsammlungen-chemnitz.de/ausstellungen/european-realities/


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