Anne Kaminsky in ihrem Atelier. Foto: Jukka Korkeila.
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Anne Kaminsky

Ein Besuch im Kölner Atelier der Malerin.

Anne Kaminskys Atelier befindet sich in ihrem Wohnhaus am Stadtrand, wo Köln schon gar nicht mehr nach einer Großstadt aussieht. Durch die Eingangstür des umgebauten Backsteinhauses geht es in eine gemütliche Wohnküche. Hier hat die Künstlerin Kaffee und Frühstück vorbereitet. Sie erzählt, dass sie erst kürzlich von einer Residency in China und von einem Besuch in der dänischen Heimat zurückgekehrt ist. Beim Gedanken an die so unterschiedlichen, aber in ihrer Weite vergleichbaren Landschaften beginnen ihre hellen Augen zu leuchten, als wäre etwas davon in ihnen konserviert. Sie berichtet von chinesischen Bergen, vom Haus ihrer Großeltern in Dänemark und von Per Kirkeby, sodass wir gleich mitten im Thema sind.

Nach dem herzlichen Empfang geht es weiter ins Atelier, das sich im größten Raum des Hauses befindet. Unter der hohen Decke mit den hölzernen Streben lässt eine lange Fensterfront den Blick in einen üppig begrünten Garten zu. Stetig sich veränderndes Tageslicht fällt durch die Fenster, taucht das Atelier und die darin befindlichen Werke in wechselnde Stimmungen. Das passt zu Kaminskys Arbeiten, welche dem Ausblick in ihrer naturnahen Farbigkeit zu antworten scheinen. Kurzerhand setzt sich die Künstlerin auf die Arbeitsfläche eines der grün gestrichenen Werktische, lädt ein es ihr gleichzutun. Immer wieder unterbricht sie das Gespräch, um wie zur Bebilderung des Geschilderten groß- wie kleinformatige Arbeiten hervorzuholen, sodass sich das Atelier in schier endlose farbige Räume aufzufächern scheint.

Wo der Himmel ins Meer fließt

Kaminsky hat eine ungewöhnliche Biografie. Geboren 1971 im dänischen Nykøbing als Kind einer dänischen Mutter und eines deutschen Vaters wuchs sie im hohen Norden auf, ist geprägt von Feldern und Seen. Ihre Großeltern kauften ein Haus in der Nähe von Gedser an der südlichsten Spitze der Insel Falster, sodass Kaminsky ihre Kindheit zur Hälfte in Dänemark und zur Hälfte in Hamburg und Bad Schwartau bei Lübeck verbrachte. Kaminsky erzählt von dem kurzen Weg zur steinigen Ostseeküste und dem dichten Nebel, der alles in sich aufnehmen konnte. Dazu durfte sie ihren Vater, Kapitän auf hoher See, zuweilen auf seinen Reisen entlang der Küsten Finnlands und Dänemarks begleiten, fand mit Blick auf den dunstumwobenen Horizont eine weitere Heimat. Auch wenn die dänische Landschaft laut der Künstlerin eher unbewusst in ihre Malerei eindringt, sind die nordische Natur, Stimmung und Umgebung unverkennbar darin sichtbar und fühlbar.

In Deutschland aber entdeckte sie bei Besuchen der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck und der documenta IX ihre Vorliebe für die großformatigen Gemälde von Per Kirkeby. Entsprechend begann sie 1993 ihr Studium der Malerei bei Kirkeby an der Frankfurter Städelschule. Dem Professor im ersten Studienjahr nacheifernd, versuchte sie es ihm im Malen von Farbe und Raum gleichzutun, aber scheiterte zunächst daran. Denn zu diesem Zeitpunkt fiel es ihr noch schwer, farbige Flächen jenseits von Beliebigkeit ins Bild zu setzen. Halt fand sie Ende der 1990er-Jahre in ihren Mädchenbildern, die Gruppen oder Einzelfiguren eigenwilliger Mädchen zeigen und eine Form des Selbstporträts darstellen. Im Jahr 1996 gruppierte sie die Mädchen beispielsweise zur Fußballmannschaft, ließ ihre unbekleideten Körper aus dem Dunkel in den Vordergrund streben. Mit verschränkten Armen, lässig stehend oder in der Hocke sitzend posieren sie sodann hinter gleich mehreren Fußbällen. Mit Bildern wie diesen hatte der Auftrag von Fläche und Farbe für Kaminsky erstmalig Legitimation erfahren.

In Auflösung begriffen

Mit dem langwierig entwickelten Mädchenmotiv sollte Kaminsky jedoch schon bald wieder brechen, indem sie sich von den Figuren zu lösen begann – auch wenn die Mädchen wie alte Bekannte vor allem in den kleinformatigen Bildern stets wiederaufleben. Ein mutiger Schritt, das bisherige Wiedererkennungsmerkmal zu verbannen, sich gänzlich neu zu erfinden. Kaminsky erzählt, dass man ihr davon abriet, ihr Markenzeichen abzulegen, es sich für sie aber richtig anfühlte. 1999 schloss sie ihr Studium als Meisterschülerin bei Per Kirkeby ab. Ein Aufenthalt in Finnland auf Suomenlinna, einer Insel vor Helsinki, tauchte ihre Bilder anschließend in graugrünblaue Farbigkeit – das Meer war zurück. In den folgenden sogenannten „Shower and Bed paintings“ scheinen die Farben plötzlich zu fließen wie Wasser fließen, sich auszudehnen und neblig zu zerstäuben. Trotzdem greift Kaminsky zu diesem Zeitpunkt noch immer auf gegenständliche Anhaltspunkte zurück: Duschkabine, Badewanne, Waschbecken oder Bettdecke. „Ich brauchte den Gegenstand“, erläutert sie. Insbesondere solche Gegenstände, die den Körper mitdenken, ihn um- und einschließen, von einer ungesehenen Präsenz zeugen. Der Körper spielt unabhängig davon eine elementare Rolle in Kaminskys Arbeiten. Schon während des Studiums widmete sich die Künstlerin großformatigen, gar monumentalen Formaten, sodass die körperliche Komponente maßgeblicher Teil ihres Schaffensprozesses wurde. Das fällt auch beim Atelierbesuch auf, wenn Kaminsky die großen Formate eigens aus dem Lager wuchtet, sie dreht und wendet, auf den Kopf und wieder zurückstellt. Ausgesprochene und unausgesprochene Fragen stehen im Raum: Welche Bilder passen zusammen und welche streben gegeneinander? Wie verhalten wir uns den Bildern gegenüber und wie in Relation zum Raum? Speichert die Leinwand die Körperlichkeit der Malerin?

Farbe ist Licht

Sukzessive sind nach den Mädchen auch die klar definierbaren Alltagsgegenstände aus den Bildern verschwunden. Stattdessen hat Farbe ihren Raum eingenommen. Diese ist gleichermaßen Bühne wie Substanz von Akteuren und Requisiten. Aus betrachtender Position steht man zunächst fast ein wenig verloren vor den expansiven Farbflächen, die im Verzicht auf Rahmen beinah grenzenlos anmuten, bis sie sich schließlich auftun, immersiv in die Tiefe fluchten. Dann fühlt man sich in den Bildern genauso herzlich empfangen wie von der Malerin in ihrem Atelier. Der dreidimensionale Eindruck entsteht vornehmlich durch eine wie von diffuser Lichtquelle von hinten durch die Leinwand schimmernden Helligkeit. Sie erinnert an die späten Werke des Malers Hans Kaiser, dessen Arbeiten kürzlich innerhalb des sechsten Teils der „KAISERREIHE“, eine Kooperation zwischen dem Museum Wilhelm Morgner in Soest und dem Hans-Kaiser-Kreis e. V., in den Dialog mit Kaminskys Schaffen traten.

Statt der Kirchenfenster bei Kaiser ist es bei Kaminsky jedoch die Farbe selbst, durch die gedämpft das Licht sickert und die Oberfläche wie die beschlagener Fenster leuchten lässt. „Farbe ist Licht“, bestätigt Kaminsky im Gespräch mit Kurator Ludwig Seyfarth. Der entstandene farbige Raum lässt sich imaginär begehen, greift auf das Publikum aus, bildet einen Resonanzraum für die eigenen Emotionen. Es scheint, als habe Kaminsky die erzählerische Qualität ihrer figurativen Bilder nie wirklich aufgegeben. Nur statt der Mädchen ist es nun die Farbe, die wie in expressionistischen Gemälden Gefühlswert erhält, Träger von Emotionen wird, sich jedoch von sicher umrissener Form löst.

Resonanzraum Farbe

Der lasierende Farbauftrag mutet wie rasch entstanden an, dabei kann es zuweilen Monate, gar Jahre dauern, bis die Bilder fertiggestellt sind. Zudem arbeitet Kaminsky gänzlich ohne Vorlagen. Zwar könnte man die kleinformatigen Aquarelle auf selbst geschöpftem Papier mit fransigen Rändern zunächst für solche halten, da in ihnen teils Bildideen für große Formate kulminieren, aber behaupten sich diese als eigenständige Werkgruppe. Sie zeigen Fäuste, Gesichter, Gesten, Gegenstände – mit der Netzhaut aus dem Strom täglicher Bilderflut gefischt. Ganz gleich aber ob kleines oder großes Format, Kaminskys Arbeiten weisen immerzu substanzielle Dichte auf. Seyfarth schreibt: „Bei Anne Kaminsky ist die Farbe gleichsam die Substanz, aus der die gemalte Welt besteht.“ Ein großes grünes Etwas fängt auf, ein Stachel pikst ins Fleisch, ein Vorhang aus Blautönen umhüllt; rot blitzt es durch grauen Farbnebel. Die Farbe berührt, streichelt, umfängt, dringt ein, zweifelt und schmerzt. Kaminsky: „Ein Hauptanliegen in meiner Arbeit ist es, einen Resonanzraum zu schaffen.“

So erzählen ihre Arbeiten von diffus erinnerten Orten, sind biografisch verwurzelt und besitzen doch Allgemeingültigkeit. Manchmal geben allein die Titel Hinweise auf gegenständliche Anmutungen, die man zuvor vielleicht gar nicht erkannte und nun zu erkennen meint. Eine schwarze Hand auf hellem Grund, ein leuchtend gelbes Augenpaar auf einem Berg, ein Pferdekopf mit blauer Mähne, ein Auge lugt hervor unter grünem Schopf, rosa geht die Sonne hinter dem Horizont auf – ein Etwas löst sich aus dem farbigen Undunkel und fällt direkt wieder ins Nichts zurück. So wie klare Gedanken manchmal im Hirn zur Form finden und sich dann wieder verlieren, noch bevor sie als Worte auf die Zunge fallen. Das Wort mit der Zunge zwar befühlbar ist, aber keine klaren Konturen aufweist. Bei Kaminsky bilden Farben eine Sprache, die nicht übers Sprechen oder Denken, sondern übers Beobachten und Empfinden funktioniert. Denn die gegenständlichen Verankerungen werden nie konkret, verbleiben vielmehr im Ungewissen, lassen sich mehr ahnen als wissen. Am liebsten möchte man manchmal mit dem Ärmel über die Oberfläche wischen, um für nur einen kurzen Moment klarer sehen zu können. Doch genau dort in dieser Unwägbarkeit liegt die Stärke von Kaminskys Malerei.

Die Weite der amerikanischen Landschaft

Nicht nur die Weite der nordischen Landschaft findet Nachhall in Kaminskys Werken, sondern auch die der Vereinigten Staaten. Durch ihre in den USA beheimatete Tante sah sich Kaminsky schon früh mit dem besonderen Licht, der großformatigen Malerei in den Museen, den Highways und der Wüste konfrontiert. Mit 16 Jahren erschien ihr als Austauschschülerin an einer kalifornischen Highschool alles großzügiger als in Europa, selbst die Sprache. 2015 führte es sie im Rahmen einer Residenz am Centre of the Arts in Banff zurück über den Atlantik nach Kanada, wo sie in einem kleinen Atelier auf die rohe Leinwand malte. Während dieses Aufenthalts und aufgrund von Verbindungen zu Kunstschaffenden in Kalifornien veränderte sich ihre Farbpalette. Ihre Bilder wurden erdiger, als ob sie die Rocky Mountains in sich aufgenommen hätten.

Kaminskys Umgebung scheint somit direkten Einfluss auf ihren Schaffensprozess auszuüben. Das lässt sich auch an den in diesem Jahr während einer Residency im Organhaus Chongqing in China entstandenen neuen Werken ablesen. Erneut bilden ihre Arbeiten eine Echokammer für die Weite der Landschaft mit den geschichteten Bergen, wenn auch anders als vermutet. Ihre Vorliebe für das Reisen, die Arbeit an verschiedenen Orten spiegelt sich nicht zuletzt in ihrem zweiten Wohnsitz in Berlin wider. Zum Arbeiten und anlässlich der gemeinsam mit Ludwig Seyfarth seit 2019 realisierten Salonausstellungen residiert sie immer mal wieder in der Hauptstadt. Innerhalb der Salonausstellungen lässt sie ihre Arbeiten unter dem Titel „around painting“ mit anderen malerischen Positionen abwechselnd in Berlin und Köln in den Dialog treten.

In Farben sprechen

Kaminsky malt nicht nur, sie schreibt auch. Sie verfasst Tagebuch, verwebt erinnerte Erlebnisse aus ihrer Kindheit oder Geschehnisse aus dem familiären Alltag zu erzählerisch dichten Texten. Für die Künstlerin bedingen sich Sprache und Malerei gegenseitig. Es scheint, als finde Kaminsky mithilfe der Malerei einen Weg, dort anzusetzen, wo Worte nicht mehr ausreichen. Als könne sie malerisch die Zwischenräume überbrücken, die sich in starren Begrifflichkeiten nicht abbilden lassen. So fühlt es sich beinah an, als könne man in Kaminskys Bildräumen die Farbe ein- und ausatmen: atme ein, betrachte die farbigen Landschaften, spüre die vibrierende Oberflächenspannung, erkenne wie aus der Wand ein Raum wird, atme aus. In Kaminsyks Arbeiten scheint die Weite des Meeres und des Himmels – besonders ihr Ineinanderfließen – eingeschlossen. Solche Weite, die manchmal in den Augen von Reisenden oder von Seefahrern sitzt.

Was verbindet letztlich das Innen und das Außen? Es sind Farben. Farbige Außenwelt tritt durch permeable Körpergrenzen ein, dringt als Licht durch die dünne Haut, erzeugt bunte Gegenbilder hinter geschlossenen Augenlidern. Gedanken, Träume, Gefühle erzählen in Grün und Blau und Grau. Dabei ist es, als schaffe Kaminsky die farbigen Räume nicht aus der Draufsicht, nicht von außen, sondern von innen heraus. Als sei sie zwischen den farbigen Pinselstrichen beheimatet, wohne im Bildraum. Sie erzählt, wie sie während der Residenz in China ihre Arbeit vorstellte und plötzlich etwas für sie selbst ganz untypisches sagte: „Ich bin Malerei“. Etwas, das sie sonst nie sagen würde, aber vor Ort genauso gefühlt hat. Losgelöst mag das seltsam klingen, fast pathetisch. Und doch stimmt es: Anne Kaminsky geht es um die Malerei als solche. Sie ist Malerei.


https://www.annekaminsky.de


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