Villa Franz Erhard Walther
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Vom Kampf gegen Windmühlen

Ein Besuch bei Franz Erhard Walther in Fulda.

Entlang des Schlossparks, vorbei am Dom und durch das Paulustor geht es im Herzen der historischen Innenstadt von Fulda zur Villa Franz Erhard Walther. Wo besser als hier könnte diese verortet sein, ist Fulda nicht nur Walthers Geburtsstadt, sondern auch aktuelle Wahlheimat. Das einst schwierige Verhältnis zur katholisch geprägten Barockstadt hat sich zu einer engen Zusammenarbeit entwickelt, indem die Stadt sogar als Träger der Villa auftritt. Im gemütlichen Empfangs- und Kassenraum am großen Holztisch heißt Susanne Walther willkommen. Sie gründete die gemeinnützige Franz Erhard Walther Foundation (FEW Foundation) im Jahr 2007, agiert als Vorsitzende des Stiftungsvorstands, hat die künstlerische Leitung der Villa inne und ist nicht zuletzt die Ehefrau des Künstlers.

Die Villa Franz Erhard Walther

Nach der Emeritierung von Franz Erhard Walther zog es die Familie von Hamburg nach Fulda, wo sich Atelier, Bibliothek und Archiv an einem Ort bündeln ließen. Nach langjährig erfolgter Stiftungsarbeit entschied man sich gemeinsam mit der Stadt, den Aktivitäten der Stiftung noch mehr Sichtbarkeit im Stadtbild zu verleihen. Seit 2022 vereint nun eine denkmalgeschützte Villa aus der Gründerzeit Ausstellungsfläche und das städtische Kulturamt unter einem Dach. Das Licht ist ein wenig wärmer als in anderen Ausstellungshäusern, die Sitzmöbel sind großzügig mit Steckdosen ausgestattet, Publikationen laden zum Verweilen ein – die intime Atmosphäre des 1875 errichteten, ehemaligen Wohnhauses einer Weinhändlerfamilie sollte auch nach umfassender Restaurierung erhalten bleiben.

In der Villa lassen sich laut Susanne Walther Projekte umsetzen, die von der Nähe zu Archiv, Werkstatt und Atelier profitieren. Im Gegensatz zu großen Museen könne die Villa flexibler agieren, einen experimentelleren Ansatz verfolgen. Zunächst dem zwischen 1954 und 1964 entstandenen Frühwerk des Künstlers gewidmet, liege der Fokus mittlerweile breiter gefasst auf der Verortung von Walthers Arbeiten in größeren Bezugssystemen. Das erfordere eine Offenheit und Komplexität, die in Walters Werkschaffen bereits begründet liege. Was passiert, bevor eine Werkidee ausformuliert wird? Welche Einflüsse sind innerhalb des Werkes erkennbar? Mit derartigen Fragestellungen beschäftigen sich derzeit jährlich zwei Ausstellungen, die stets im Frühling und Herbst Eröffnung feiern. Ein besonderer Fokus liegt nach Susanne Walther zudem auf der Vermittlung, sodass gleichermaßen Menschen aus der Region, Touristen und Fachpublikum adressiert werden.

Verbindungslinien

Die vorangegangene Schau setzte Walthers Werk beispielsweise in Beziehung zu Lygia Clark, in deren Arbeiten sich trotz gänzlich anderer Entstehungsbedingungen Verbindungslinien zu Walther ausmachen lassen. So überschneiden sich beide Positionen im Aspekt des nicht-politischen Politischen. Noch während des Krieges 1939 geboren, bilden Erfahrungen von Fliegeralarm und Beobachtungen von Deportationen früheste Kindheitserinnerungen Walthers. Derartige Erinnerungen schlagen sich verbunden mit dem Aufwachsen im Nachkriegsdeutschland in seinem später entwickelten „Offenen Werkbegriff“ nieder, führt dieser doch auf „Basic Actions“ zurück. Was bedeutet es, wenn ich eine Handlung ausführe? Was macht das mit mir und meinem Gegenüber? Insbesondere die Mitte der 1960er-Jahre beschreibt dabei eine Zeit des Umbruchs.

Susanne Walther erläutert: „Die Arbeiten lassen sich als eine Art Beispielformen lesen, die als Grunderfahrung auf andere Kontexte übertragen werden können. Wie mit dem Geschehenen umgehen? Was heißt das für mich und für meine Generation? Sein Ansatz basiert auf einem durchweg positivem Menschenbild.“ Mittels damals revolutionärer Werkaktivierung durch die Besucher:innen lege der Künstler die Realisation seiner Werke in die Hände von Unbekannten, bringe dem handelnden Publikum großes Vertrauen entgegen, sodass sich die komplexe Identität des Einzelnen mit der jeweiligen Arbeit verknüpfe. Susanne Walther: „Die Personen verbleiben in der Arbeit und die Arbeit verbleibt in den Personen“.

Die Radikalität des künstlerischen Ansatzes wird im Gespräch mit dem Künstler selbst deutlich, der nur wenige Gehminuten von der Villa in einem idyllisch auf einem Weinberg gelegenen Anwesen lebt und arbeitet. In seinem weitläufigen Atelier zeichnet der mittlerweile 86-jährige Künstler noch immer täglich. Er erzählt, auf wie wenig Verständnis er mit seinem ungewöhnlichen künstlerischen Ansatz innerhalb der deutschen Kunstszene der 1960er-Jahre traf. Bereits 1956 entstanden Umrisszeichnungen, die sich vage mit der Idee einer mittels Imagination zu füllenden Fläche beschäftigten. Zum Erweckungserlebnis sollte aber vor allem die documenta 1959 werden, zu welcher Walther dank der räumlichen Nähe zu Fulda anreiste und auf der er Arbeiten von Jackson Pollock, Barnett Newman und Lucio Fontana begegnete. Walther beschreibt, wie er Newman traf und ihn mit detailgenauen Schilderungen von dessen Werken beeindruckte. Zunächst an der Werkkunstschule in Offenbach ausgebildet, wurde Walther an der Frankfurter Städelschule zwangsexmatrikuliert und wechselte schließlich zum informellen Maler Karl Otto Götz an die Kunstakademie in Düsseldorf. Walther: „Düsseldorf habe ich lange Zeit vermisst, da mich die intensiven Debatten dort geformt haben.“

Doch auch in der Götz-Klasse stieß er zunächst auf wenig Verständnis. Seine Klassenkameraden Gerhard Richter, Sigmar Polke und Konrad Fischer hätten sich mit seinen Kissenformen beworfen und dies mit der durch den Künstler geforderten Aktivierung der Werke gerechtfertigt. Auch mit dem damals an der Akademie lehrenden Joseph Beuys geriet der junge Künstler aneinander. Beuys habe es nicht gefallen, dass der Student ihm nicht ohne Widerspruch entgegentrat. Das führte laut Walther dazu, dass Beuys zwei Ausstellungen Walthers in der Düsseldorfer Galerie Alfred Schmela – unter angedrohter Verweigerung der eigenen Werke – verhinderte. Es folgte mit „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ Beuys’ erste Galerieausstellung. Den menschlichen Körper als Teil des Werkes zu verstehen, ihn selbst zum Werk zu erheben, lag wohl in der damaligen deutschen Kunstszene jenseits aller Vorstellungskraft. Den Widerstand hat er erst später als Zeichen von Qualität verstehen können, bekennt Walther.

Rekonstruktion von „GELB YELLOW JAUNE“

Die aktuelle und in der Villa insgesamt vierte Schau „GELB YELLOW JAUNE“ knüpft genau an diese Zeit an und rekonstruiert eine ursprünglich für das Jahr 1965 geplante, aber nie realisierte Ausstellung, die in den acht Räumen der damaligen Galerie Junge Kunst Fulda hätte stattfinden sollen. Die 1963/64 konzipierten Arbeiten sollten sechs Handlungsstücke, darunter Variationen der Elemente des ikonischen 1. Werksatzes, sowie zwei raumgreifende Arbeiten umfassen. Aufgrund des unerwarteten Todes des erst 39-jährigen Leiters des Jungen Kunstkreises im August 1964 sowie des drohenden Abrisses des Zeughauses kam die Schau jedoch nie zustande. Angesichts des wichtigen Moments in der Werkgenese des Künstlers, oftmals überdeckt vom 1. Werksatz, entschied sich Susanne Walter, die geplante Ausstellung anhand der überlieferten Skizzen zu rekonstruieren. Kein ganz einfaches Unterfangen, da nur auf in der damaligen Zeit verfügbare Materialien zurückgegriffen werden sollte. Die raumgreifenden Arbeiten wurden sodann anhand der Zeichnungen für die den Galerieräumen in ihrer Konstellation vergleichbaren Räumlichkeiten der Villa originalgetreu wiederhergestellt. Besonders schön: innerhalb der in ihrer monochromen Farbigkeit als Hommage an Yves Klein gedachten Arbeiten zeichnet sich Walthers Weg zur Artikulation seines partizipatorischen Werkverständnisses bereits vor.

Eine Besonderheit der Ausstellungen in der Villa bildet zudem der tiefe Einblick in persönliche Dokumente des Künstlers wie private Fotos und Tagebücher. Diese lesen sich wie Beschreibungen des Who’s who der damaligen Kunstszene, erzählen aber auch von beständiger Suche nach bestmöglichem Ausdruck. Innerhalb der aktuellen Schau fungiert das gesamte Erdgeschoss als eine Art Einführung. Auf zwei Bildschirmen werden zum Beispiel Interviews gezeigt, die Susanne Walther mit dem Künstler selbst sowie dessen erster Ehefrau Johanna Walther geführt hat. Letztere ist seit 1964/65 integraler Bestandteil der Arbeiten, indem die gelernte Bekleidungstechnikerin Walther fortan in der Produktion seiner Stoffarbeiten unterstütze. Die Interviews werden von Auszügen aus den Tagebüchern sowie Briefen zum Beispiel an Jörg Immendorff flankiert. Die übrigen Räume betten Walthers geplante Schau in die Ausstellungen der Zeit u. a. in Düsseldorf, Aachen, Köln und Krefeld ein.

„Flucht“ nach New York

Dem Unverständnis in Deutschland kehrte Walther 1967 den Rücken und ging nach New York. Walther erzählt von dem zunächst harten Leben in der Metropole mit wenig Geld und zwei kleinen Kindern. Auf der Suche nach einem Job habe er in einem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift „Finisher wanted“ entdeckt. Kurzerhand sprach er vor, berief sich auf seine Ausbildung an drei deutschen Kunsthochschulen und erhielt einen Job als Tortendekorateur. Dieser sollte ihn allerdings auch um ein persönliches Treffen mit Marcel Duchamp bringen, wie der Künstler berichtet. Duchamp sei durch den sammelnden Maler William Copley auf ihn aufmerksam geworden, habe ihn angerufen und ein Treffen vorgeschlagen. Er aber habe arbeiten müssen und das Treffen verschoben. Bevor es zu der Zusammenkunft kam, verstarb Duchamp während seiner alljährlichen Sommerresidenz in Neuilly. Ein Umstand, welchen Walther aus der Zeitung erfahren habe und der ihn bis heute sichtlich umtreibt. Warum Duchamp ihn treffen wollte? Walther vermutet, dass er ihn womöglich zur Konzeption seiner Kunst befragt hätte. Denn Duchamp hatte sich zuvor in einem Essay im Aspen-Magazin explizit mit dem Betrachter als notwenig für das Werk auseinandergesetzt. Stolz präsentiert Walther einen kürzlich erschienenen mit „Qui est Franz Erhard Walther, le ‚Marcel Duchamp allemand‘ qui a bouleversé la notion d’œuvre d’art?“ überschriebenen Artikel im französischen „Connaissance des Arts“.

Öffentliche Anerkennung sollte Walther bald darauf mit der Teilnahme an Harald Szeemanns „When attitudes become form“ in der Kunsthalle Bern sowie an der „Spaces“-Ausstellung im New Yorker MoMA zuteil werden. Im MoMA stellte er u. a. mit Dan Flavin aus, präsentierte seinen ikonischen 1. Werksatz aus 58 verschiedenen Formen, oftmals aus Stoff, die sich erst in der Aktivierung durch den Menschen als Kunstwerk etablieren. Für Walther lässt sich sein Werkschaffen weder der Aktions- noch der Performancekunst zurechnen, brauche seine Werkform doch kein Publikum, könne sowohl körperlich als auch gedanklich zur Aktivierung gelangen. Die Relevanz fördernder Akteure durch ihr Bekenntnis zu seiner Arbeit bekräftigt Walther zudem nachdrücklich. Er berichtet von Heiner Friedrich, Galerist aus München, der Walther schon früh für sich entdeckte und ausstellen wollte. Nach seiner Ausstellung im MoMA kam darüber hinaus Rudolf Zwirner auf ihn zu und Kasper König realisierte mit ihm 1968 die erste Publikation des Verlags Gebr. König unter dem Titel „Objekte, benutzen“. Erste Verkäufe gingen an die Sammlung Ströher und das Museum in Krefeld. Schillernde Erzählungen von Begegnungen mit Andy Warhol, den er als angenehm, aber still beschreibt, in der Factory folgen.

Später Erfolg

Die vormals offene, befreite Stimmung in den USA veränderte sich jedoch mit dem Vietnamkrieg nachhaltig. Walther erinnert sich, wie Sammler die Stadt verließen und schlechte Malerei die Galerien flutete. 1971 wurde er schließlich als Professor an die Kunsthochschule in Hamburg berufen, verließ die USA 1973 endgültig. Als Professor von u.a. Martin Kippenberger, Rebecca Horn, Jonathan Meese oder John Bock sollte er anschließend nicht nur prägend für seine Studierenden, sondern auch für nachfolgende Künstlergenerationen werden, etablierte sich sein Ruf als „Künstlerkünstler“. Solche Bezüge werden sich auch anhand der kommenden Ausstellungen in der Villa zu Themen wie Tanz, zum verkörperlichten Alphabet sowie Walthers Lehrtätigkeit nachvollziehen lassen. Letztere Schau wird Aspekte des Lehrens mit der Veröffentlichung ausgewählter Vorlesungen aus 36 Jahren Lehrtätigkeit kombinieren. Hamburg beschreibt Walther insgesamt als offen und freundlich, seine Studierenden betrachtete er eher als Kolleg:innen, was ihm volle Hörsäle einbrachte. Die ganz große Anerkennung folgte aber nicht nur anhand weltweiter Retrospektiven in Toronto, Madrid, Mexiko oder München, sondern insbesondere mit der Auszeichnung als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen auf der Biennale di Venezia 2017. Hoch verdient angesichts seiner Rolle als Vordenker eines neuen, die betrachtende Position elementar einbeziehenden Werkbegriffs.


Franz Erhard Walther, GELB YELLOW JAUNE, 27. September 2025 – 1. März 2026. Villa Franz Erhard Walther, Fulda.

Kommende Ausstellungen in der Villa FEW, Fulda:
28.3.2026: „The Intensity of Softness: Jimmy Robert und Franz Erhard Walther“, kuratiert von François Piron.
26.9.2026:  „The Performative Alphabet. Eine Gruppenausstellung“, kuratiert von Thierry Davila


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