Ausstellungsansicht Louise Giovanelli, A Song of Ascents, Villa Stuck. Foto: Thomas Splett. In der Mitte: Louise Giovanelli, Stoa, 2024. Öl auf Leinwand. © DACS 2025.
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Vor und hinter neuen Vorhängen

Die Villa Stuck in München wurde in den letzen Monaten intensiv saniert, zur Wiedereröffnung gibt es auch zwei sehenswerte Ausstellungen.

Das Update ist fast komplett abgeschlossen. Nach umfassenden Renovierungsarbeiten am Haus und zwölf Monaten dichtem Programm im Interimsquartier ist die Villa Stuck an der Prinzregentenstraße in München wieder in vollem Glanze für die Öffentlichkeit zugänglich. Zwei Ausstellungen blicken dabei passend aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft. Auf den ersten Blick mögen die Veränderungen vielleicht nicht so drastisch sein, aber dennoch war die Erneuerung, die rund 14 Millionen Euro gekostet hat, nötig. Die Gebäudetechnik wurde verbessert, um internationale Standards zu erfüllen, Fassaden und Bauskulpturen erstrahlen in neuem Glanz und mit einer neuen Hängung und neuen Werken in den historischen Räumen, präsentiert sich das Künstlerhaus Villa Stuck als das Gesamtkunstwerk, das es schon immer sein sollte. Die kommenden Monate werden weitere Schritte bringen: die Restaurierung der gartenseitigen Veranda, die Neubepflanzung des Künstlergartens und die Einrichtung von Gastronomie und Vortragssaal sollen die Renovierung vollenden.

Der Eingangsbereich wirkt schon jetzt lichtdurchflutet und freundlich. Geht man rechts zu den historischen Räumen, bietet sich auch hier ein aufgefrischtes Bild. Im ehemaligen Speisesaal, Boudoir und Rauchsalon sind erstmals Gemälde aus dem Frühwerk des Künstlers Franz von Stuck zu sehen, der seine Villa mit privaten Wohn- und Repräsentationsräumen sowie dem Künstleratelier ausstattete und bis ins Detail plante und konzipierte. Im Musiksalon erwartet die Besucher nun die neue Rekonstruktion zinnoberfarbiger Seidenvorhänge, die nach historischen Bild- und Textquellen vorgenommen wurde. Sie sind wichtig für das Verständnis von Stucks Farbkonzepten in seiner als Raumkunstwerk gedachten Architektur.

Louise Giovanelli zeigt Momente der Ambivalenz

Ein großformatiges Bild eines grünen Vorhangs wiederum dominiert das historische „Alte Atelier“ im ersten Stock der Villa Stuck. Die plastisch wirkende Oberfläche, in vielen feinen Schichten übereinandergelegt, wirkt wie eine stoffliche Konstruktion, die zugleich unwirklich präsent und ungreifbar oszillierend erscheint. „Stoa“ evoziert eine Bühne, auf der sich das zu erwartende Ereignis noch nicht eingestellt hat, ein Moment der Spannung, der Antizipation, in der Schwebe. Das hyperrealistische Bild, das Teil einer Serie ist, und die historische Architektur des Raumes ergänzen einander trefflich, verstärken die geradezu theatrale Dramatik des jeweils anderen. Das Gemälde ist eines der zentralen Werke von „A Song of Ascents“, der ersten großen Einzelausstellung von Louise Giovanelli in Deutschland. In der Villa Stuck präsentiert die 1993 in London geborene Malerin eine Bildsprache, die zwischen altmeisterlichen Referenzen, popkulturellen Versatzstücken und der suggestiven Logik des Theaters schwingt. Die Motive greifen auf Renaissance-Draperien ebenso zurück wie auf das Interieur britischer Arbeiterclubs, die seit dem 19. Jahrhundert als Gegenstück zu den elitären Gentlemen’s Clubs eingeführt wurden. Für Giovanelli verkörpern sie zugleich die Sehnsucht nach Weltflucht und das Versprechen von Aufbruch.

Die Ausstellung, kuratiert von Marie-Charlotte Carrier und Helena Pereña, kombiniert neue Gemälde mit zentralen Arbeiten der vergangenen Jahre. Neben den monumentalen Vorhängen werden auch kleinere, konzentrierte Bilder präsentiert, deren Motive Körperfragmente, Haare oder Gesichter in Nahsicht zeigen. Die intensiven Farben und der direkte malerische Gestus transportieren Gefühle von Ekstase und Rauschhaftigkeit, der Selbstentgrenzung in elektronischer Musik und Clubkultur. Ihre Bilder sind penibel konstruierte und akribisch umgesetzte Kompositionen, die Momente der Ambivalenz, des Übergangs und der Transformation einfangen. Giovanelli verbindet in ihren Arbeiten historische Bildtraditionen und Techniken mit einer höchstaktuellen Sensibilität für das Fragile und Fragmentarische und stellt die Konstrukte von Wahrnehmung, Erkenntnis und Repräsentation in der Kunst selbst in Frage. Die Villa Stuck wird so zum Resonanzraum zwischen malerischer Tradition und flüchtiger Gegenwart.

Chicks on Speed ziehen ihre Energie aus Grenzüberschreitungen

Linien aus der Vergangenheit in die Zukunft zieht auch die Ausstellung der Chicks on Speed, die im „Neuen Atelier“ zu sehen ist, das sich auf der anderen Seite der Villa Stuck befindet. Schon beim Betreten des Ausstellungsraums wird deutlich, wie sehr das Kollektiv seine Praxis stets als offenes System verstanden hat, das sich kulturellen Genres und Zuschreibungen konsequent entzieht. Die von Xabier Arakistain und den Akteur*innen des Kollektivs selbst kuratierte Ausstellung „Utopia“ entfaltet sich über die gesamten Ebenen des Ausstellungsraums als enges Netz aus unterschiedlichen Medien und ästhetischen Herangehensweisen. Projektionen, Screens, Artefakte, Klangskulpturen, Kostüme und textile Objekte stehen ohne erkennbare Hierarchie nebeneinander und ergänzen sich zu einem vielschichtigen Mosaik. Die Ausstellung gibt ein anarchisches Panorama auf fast drei Dekaden Schaffen von Chicks on Speed, einem queeren feministischen Kunst-Musik-Kollektiv, das 1997 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste von Alex Murray-Leslie zusammen mit den Künstlerinnen Melissa E. Logan und Kiki Moorse gegründet wurde und im Laufe seiner internationalen Entwicklung alle Grenzen zwischen Subkultur, Pop-Musik, Performance und Kunst überschritten hat.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der 300 Stück umfassenden Kostümsammlung von Kathi Glas, deren Entwürfe zwischen ironischer Mode- und Gesellschaftskritik und performativer Uniform changieren. Zudem werden die siebbedruckten Textilien von Johnny Dogday, szenografische Gemälde und Banner sowie ein Archiv von Objektinstrumenten gezeigt. Diese tragbaren Instrumente und Klangskulpturen wurden von Melissa E. Logan und Alex Murray-Leslie in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Wissenschaftlern und Künstlern entworfen und gebaut. Zudem gibt es eine Reihe von sechs interaktiven iPad-Apps, die in Zusammenarbeit mit dem ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, und dem Technologen Jens Barth entstanden sind. Diese subversiven und verspielten Apps wirken wie digitale Destillate der Praxis von Chicks on Speed, zugänglich, humorvoll, aber auch klar positioniert gegen jegliche kulturellen Strukturen, die Pop und Kunst, Technik und Körper, Aktivismus und Entertainment voneinander trennen wollen. Die Überblicksausstellung erfüllt vielleicht die Kriterien einer Mid-Career-Retrospektive, bietet dabei aber keine abschließende Einordnung oder gar Systematik. Viel zu aktuell und brisant sind die Technologien und Themen, denen sich Chicks on Speed widmen, seien es die Konflikte in Gaza oder der Ukraine, politisch motivierter Gewalt oder misogyner Strukturen. „Utopia“ zeigt, parallel zur Veröffentlichung des neuen Albums HEAR&NOWTopia und des BoxSets HEARtopia, einen Rückblick auf ein künstlerisches Kollektiv, das den Blick immer nach vorne richtet und das seine Energie aus Grenzüberschreitungen zu ziehen scheint.


Die Villa Stuck im Internet: www.villastuck.de


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