Markus Draper, Magdeburg, Hans-Grundig-Straße, 2015. Privatsammlung Köln. Foto: Hans-Georg Gaul.
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Wohngedächtnis

„Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“, DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, 6.9.2025 – 8.2.2026.

Auf der Suche nach einem neuen Ort für einen Club fahren DJ Poge und seine Freundin Dani Ende der 1990er-Jahre von Berlin-Mitte nach Berlin-Marzahn, wo in den 1970er- und 1980er-Jahren eines der umfangreichsten Neubaugebiete der DDR, die Großwohnsiedlung Marzahn, entstand. Die beiden Protagonist:innen des Films Klub 2000 – rom, paris, marzahn (1998) von Nina Fischer und Maroan el Sani durchstreifen die hochgebauten Häuserblocks und die sie umgebenden Grünflächen, befragen Bewohner:innen der „Platte“ nach ihrem Alltag, um sich ein Bild des Ortes zu machen, der kurz vor dem Millennium nicht mehr als Symbol des realsozialistischen Fortschritts, sondern als öde Schlafstadt gilt.

Der fiktionale Kurzfilm ist Teil der von Kito Nedo kuratierten Ausstellung „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ im Kunsthaus DAS MINSK in Potsdam. Die Befragung nach der Bedeutung der DDR-Großwohnsiedlung ist aber in der gesamten Ausstellung präsent. Wie wurde und wird die „Platte“ gesehen, erinnert oder kritisch hinterfragt? Welche Transformationsprozesse vollzogen sich rund um den DDR-Plattenbau nach der Wende? Und welche Aktualität steckt – etwa im Angesicht heutiger städtischer Wohnungsnot – erneut in ihr? Damit hat sich der 1975 in Leipzig geborene Autor, Redakteur, Kritiker und Journalist Nedo befasst und eine beeindruckende Schau erarbeitet, die mit rund 60 Werken von 24 Künstler:innen zeigt, wie vielfältig die ostdeutsche Plattenbausiedlung als Bau- und Lebensmodell in der Kunst in den letzten fünf Jahrzehnten verhandelt worden ist.

Wohnungsbau und Planwirtschaft

Bis 1990 sollten in der DDR laut Zentralkomitee der SED rund drei Millionen Wohnungen entstehen und die Wohnungsfrage „als vordringlichstes soziales Problem“ gelöst werden. Erste Versuchsbauten in Plattenbauweise, deren Ursprünge ins 19. Jahrhundert zurückreichen, wurden in der DDR ab 1953 realisiert, vielzählige weitere Blockbauarten folgten. Von 1973 bis 1990 war aufgrund von effizienter Fertigung mit wenigen Bauteilen die Wohnungsbauserie 70 – die WBS 70 – das wichtigste Bausystem für den industriellen Wohnungsbau in Plattenbauweise, wodurch erschwingliches und komfortables Wohnen – etwa mit Nasszelle, innenliegendem WC sowie Zentralheizung – für viele erzielt werden konnte. Welche Prognosen tatsächlich Wirklichkeit geworden sind und wie sich das Leben in der „Platte“ anfühlte, kommentierte die Autorin Brigitte Reimann in ihrem unvollendeten, 1974 in Ost-Berlin posthum veröffentlichten Roman Franziska Linkerhand, worüber die Autorin Grit Lemke in dem die Ausstellung begleitenden Katalog schreibt.

Die sich über zwei Etagen erstreckende Schau selbst beginnt mit der Installation Grauzone (2015) von Markus Draper (geboren 1969 in Görlitz, lebt in Berlin) mit einer überraschenden Setzung: mit sieben im Modellformat als Zinkgüsse umgesetzten Nachbildungen von Wohnblöcken, die ehemals in Berlin-Marzahn, Frankfurt/Oder, Magdeburg, Neubrandenburg, Senftenberg und Schwedt standen und in denen in den 1980er-Jahren zehn (ehemalige) RAF-Mitglieder unter neuer Identität lebten. Sie waren dort durch Hilfe der DDR-Staatssicherheit untergetaucht, bis sie 1990 verhaftet wurden. Davon berichten Zeitungsmeldungen, die Draper als Pigmentdrucke ergänzend zu den Güssen umgesetzt hat, deren Oberflächen zum Teil zerklüftet sind und den Modellen etwas Morbides verleihen. Die Wohnblöcke mit dem in ihnen verborgenen Geschehen spiegeln einen Aspekt deutsch-deutscher Geschichte, die entgegen ihrer öffentlichen Darstellung ineinander verzahnt gewesen ist.

Drapers Installation wird vor spröden grauen Wänden und unter kalt-weißem Licht präsentiert. In Reaktion auf die Exponate hat die Berliner Kooperative für Darstellungspolitik eine Ausstellungsarchitektur entwickelt, die aus Nischen, freistehenden Displays und raumteilenden Einbauten besteht und die die jeweils gezeigten Werke in ihrer räumlichen Wahrnehmung stützt. Dadurch entstehen verschiedenartige Situationen der Betrachtung, die mal offen gehaltene Raumflächen erzeugen und Arbeiten gezielt miteinander verbinden oder intime Momente des Schauens zulassen.

Monotonie und Vielfalt auf dem Balkon

Mit den Zeichnungen und Malereien von Sabine Moritz, den Bildern von Wolfram Ebersbach und Gisela Kurkhaus-Müller sowie den Fotografien und Filmbildern von Seiichi Furuya entsteht sodann in einem großzügig angelegten Raumgefüge ein Panorama, das die Bedeutung des titelgebenden „Wohnkomplexes“ facettenreich greifbar werden lässt: denn dieser bildete das Grundelement einer Großwohnsiedlung. Dem Wohnkomplex gehörten nicht allein Wohnungen, sondern überdies Einrichtungen wie Kaufhallen, Gaststätten, Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen, gesundheitliche Versorgungseinrichtungen und solche für Erholung und Kultur wie Jugendclub und Bibliothek an. Berechnungsgrundlage einer Versorgungseinheit war der Einzugsbereich einer Schule und davon abgeleitet der bebaute Raum für 5000 bis 6000 Bewohner:innen eines Wohnkomplexes, der die Bedürfnisse des täglichen Lebens abdecken sollte.

Sabine Moritz (geboren 1969 in Quedlinburg, lebt in Köln) wuchs in dem Neubaugebiet Jena-Lobeda auf und fertigte Anfang der 1990er-Jahre – bereits im Westen lebend – eine umfangreiche Reihe an Zeichnungen und Gemälden an, in denen sie „ihren“ Wohnkomplex in Jena-Lobeda aus der Erinnerung rekonstruierte. Ihre Zeichnungen der Reihe Lobeda (1991-1994) und die in Potsdam erstmals ausgestellten Malereien aus derselben Zeit zeigen eine individuelle Sicht auf private Interieurs und den öffentlichen Raum, auf Objekte, Möbel, Einbauten oder bauliche Details, wie sie sich in vielen Wohnkomplexen (be-)fanden: so zum Beispiel Tür- und Fenstergriffe, Aufputzsteckdosen, Montagemöbel des Möbelprogramms Deutscher Werkstätten, hin und wieder florale Fassadenapplikationen auf dem Außenputz der wie gestapelt wirkenden Wohnungen, oder vielfarbig verkleidete Bushaltestellen, daneben Mülleimer.

Die Malerei Hausfassade (1974) von Wolfram Ebersbach (geboren 1943 in Zwickau, lebt in Leipzig und Wurzen) und die Lithografie Marzahn (1982) von Gisela Kurkhaus-Müller (geboren 1938 in Köslin, lebt in Berlin) zeigen jeweils die Wiederkehr stets gleich gebauter Balkone, die sich aber durch individuelle Gestaltungselemente wie Sonnenschutz, Pflanzen oder Rankgitter als persönliche Fenster in die Siedlungsgemeinschaft erwiesen – oder zur Wiedererkennung und Orientierung innerhalb eines Wohnkomplexes, der nur wenige oder gar keine Straßennamen, aber ein numerisches Ordnungssystem führte.

Auch der Fotograf Seiichi Furuya (geboren 1950 in Izu, Präfektur Shizuoka, lebt in Graz), der zwischen 1984 und 1987 als Übersetzer für ein japanisches Baukonsortium tätig war und in dieser Zeit in der DDR – zunächst in Dresden, dann in Ost-Berlin – lebte, zeigt in dem Kurzfilm Juli 1985, Berlin-Ost: Apartment in Falkenberger Chaussee (1985) sowie in einer für diese Ausstellung zusammengestellten Bildprojektion zahlreiche Aufnahmen aus dem Alltag (mit seiner Familie) in der Plattenbausiedlung. Furuya hielt Momente im öffentlichen und privaten Raum fest: den gemeinschaftlichen Spielplatz mit Klettergerüsten, aufgereihte Autos der Modellreihen Wartburg und Trabant, zirkusähnliche Attraktionen und Zusammenkünfte innerhalb des Wohnkomplexes oder Screenshots von zeitbezogenen Fernsehbildprogrammen wie dem Ostsandmann oder Willy Brandt im Westfernsehen. Furuya, dessen Frau Christine Furuya-Gößler sich 1985 in Ost-Berlin das Leben nahm, fotografierte in dieser Zeit nur für sich, „gegen das Vergessen“. Doch spiegelt seine in zufälliger Abfolge gezeigte Bildprojektion Plattenbaufotografien, TV-Fotografien und (Küchen-)Interieurs 1985-87 (2025) mehr als persönliches Erinnern, zeigt sich in ihr doch eine außergewöhnliche Überlagerung und Durchdringung von Ost und West, die durch Furuyas Tätigkeit als Übersetzer und damit als Grenzgänger möglich wurde. So etwa, wenn seine Frau die bei einem West-Berlin-Besuch gekauften Geranien auf dem Balkon drapiert und die Gleichförmigkeit der standardisierten Bauteile so durch eine Geste markant gebrochen wird.

Am Tag ist die Chemiearbeiterstadt leer

Wie eng die Entwicklung des Wohnkomplexes mit der Berufstätigkeit im Allgemeinen und jener von Frauen im Besonderen gedacht worden ist, deren Gleichberechtigung und Berufstätigkeit 1949 in der DDR-Verfassung festgeschrieben wurde, zeigt sich an zahlreichen Beispielen innerhalb der Ausstellung. Sibylle Bergemann (geboren 1941 in Berlin, gestorben 2010 bei Gransee) fotografierte mit ihrer Reihe P2 (Berlin-Lichtenberg, Wohnzimmer eines Häuserblocks) (1981/2017) nicht einzig die unterschiedlichen Wohnzimmereinrichtungen auf gleichem Grundriss. Sie verweist auf die für den Wohnblock des Serientyps P2, der ab 1962 mehr als ein Jahrzehnt den Wohnungsneubau dominierte, typische Durchreiche zwischen Wohnzimmer und Küche, die als Symbol eines fortschrittlich gedachten Haushalts galt. Von vielen wurde sie jedoch, wie ihre Fotografien zeigen, mit Gardinen verhangen oder mit Polstermöbeln zugestellt. Eine Malerei von Kurt Donis (geboren 1930 in Glogau/Schlesien, lebt in Leipzig) macht mit dem Blick durch eine derartige Durchreiche auf eine junge Frau in der Küchenzeile deutlich, wie Frauen – trotz Mittagstisch in der Kantine und organisierter Kinderbetreuung – nach der Arbeit zu Hause die Zweite Schicht (1986) am Herd einlegten.

Besonders eindrücklich wird die Verbindung von Wohnkomplex und Berufstätigkeit mit dem Neubaugebiet Halle-Neustadt deutlich, der Chemiearbeiterstadt, die Mitte der 1960er-Jahre in der Nähe der Buna- und Leunawerke im Saalegebiet angesiedelt wurde. Geplant als Wohngebiet für Pendler:innen, entwickelte die Satellitenstadt bald ein gigantisches Ausmaß mit acht Wohnkomplexen und einem unterirdischer Tunnelsystem, das von überallher zum zentral gelegenen Bahnhof führte, der die Schichtarbeiter:innen der Chemiewerke etwa am Morgen aus der Stadt führte und am Abend oder in der Nacht zurückkehren ließ. Der Maler Uwe Pfeifer (geboren 1947 in Halle, lebt in Halle), der selbst in den 1970er-Jahren in Halle-Neustadt lebte, hat die Menschenbewegungen früh und spät sowie die Leere zur Mittagszeit im Wohnkomplex aus der Sicht des freischaffenden Künstlers über mehrere Jahre hinweg in einer außergewöhnlichen Bildreihe eingefangen. Erstmals sind dreizehn von Pfeifers Bildern, die sich mittlerweile in unterschiedlichen Sammlungen befinden, in einer Ausstellung vereint, ja bilden eine „Ausstellung in der Ausstellung“, wie Kito Nedo sagt. Gemalt im Stil der Neuen Sachlichkeit und des Kritischen Realismus, zeigen Pfeifers in Reihe gehängte Bilder Momente seines Lebensumfeldes in Gestalt eines Tagesablaufes: zu sehen ist eine Betonfassade mit seriellen Formsteinen, wie sie Karl-Heinz Adler als Kunst-am-Bau-Objekte fertigte (die ganz in der Nähe von Pfeifers Bildern ausgestellt sind); ein gewelltes Dach eines Hauses, das mit einer Hyparschale bekrönt ist, wie sie der Bauingenieur Ulrich Müther entwickelte; sechs- oder achteckige Betonmülleimer, die als Motiv in Pfeifers Bildern stets wiederkehren; geometrische Pfosten mit gespannten roten Wäscheleinen, hinter denen sich im Nebel Wartburgs und Trabanten vor der Häuserfassade der Platte aufreihen; gesichtslose Menschen im Morgengrauen; gleißendes Licht bei Tag mit aufgereihten Hühnergöttern von der Ostsee, die an einer Schnur an einer Balkonwand hängen; zügig schreitende Männer und Frauen mit Arbeitstaschen im Fußgängertunnel; Dachantennen vor einem Sonnenuntergangshimmel, wie er von Caspar David Friedrich gemalt sein könnte; der Blick in die Nacht auf Plattenbauten, deren Fenster durch Vorhänge orange und rot leuchten; oder ein bunter Kinderfasching vorm grauen Plattenbau.

Nach der Wende

Noch vor 1990 erreichte Halle-Neustadt knapp die angestrebte Bevölkerungszahl von 100.000 Bewohner:innen, nach der Wende fiel die Zahl auf fast die Hälfte – und damit einhergehend kam es zu Leerständen, Umnutzungen oder Abrissen. Vielerorts wurden Plattenbausiedlungen nun mit sozialem Niedergang assoziiert und in Kontexten zunehmender rassistischer Gewalt, wie 1991 in Hoyerswerda oder 1992 in Rostock-Lichtenhagen, gesehen.

Die Installation Triangular Stories (Amnesia & Terror) (2012) von Henrike Naumann (geboren 1984 in Zwickau, lebt in Berlin) knüpft an diesen Moment des aufkommenden Rechtsradikalismus zu Beginn der 1990er-Jahre an, denn entwickelt hat Naumann sie ausgehend von einer in dieser Zeit entstandenen Fotografie von der späteren Rechtsterroristin Beate Zschäpe und dem Gedanken, wie nah beieinander in Jugendgruppen Hedonismus und rechte Gewalt liegen können. In zwei sich gegenüberliegenden Raumecken hat die Künstlerin je ein Interieur aus Einrichtungsgegenständen der 1990er-Jahre angelegt, die in einer Dreiecksform angeordnet sind und in deren Mitte sich ein TV-Gerät befindet, welches jeweils ein inszeniertes Homevideo zeigt. In dem einen Video lässt sich so eine mit drei Jugendlichen umgesetzte, spekulative Szene einer Naziclique verfolgen, das andere Video zeigt drei Jugendliche im Partyrausch auf Ibiza. Während die Raumecke rund um die drei jungen Neonazis mit einer Reichskriegsflagge und Baseballschläger, aber auch mit Gameboy, Minnie-Mouse-Pullover, Alf-Klammeraffe und Pierrot-Bildern ausstaffiert ist, beinhaltet die Ecke rund um die Ibiza-Partygruppe etwa ein schickes Telefon auf einer dorischen Säule, Marlboro-Aschenbecher, Camel-Zigaretten und eine kreisrunde Sonnenbrille. Die Verzahnung von Zierrat und Einrichtungsgegenständen des Alltags der frühen 1990er-Jahre mit Spiel, Mode und Leichtsinn einerseits und gewalttätiger und rechtsradikaler Gebärden und Handlungen andererseits wirkt erschütternd authentisch und hält Henrike Naumanns sozialkritische Installation bis ins Heute aktuell.

Viele Themen, Facetten und Details lassen sich in den in „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ ausgestellten Werken entdecken und erneut finden: wiederkehrende Orte, Plattenbautypen oder durchlebte sowie nachträgliche Beobachtungen der Künstler:innen, die sie in ihren Arbeiten festgehalten haben, erzeugen Verbindungslinien. Herkunft, Erinnerungen und Brüche sind Teil dieser Betrachtung. Die Schau zeigt dabei durch die Vielheit der dargelegten Perspektiven und kontroversen Blicke auf das Zeitgeschehen, dass noch immer Aspekte des Miteinanderlebens in Ost, West und dem wiedervereinigten Deutschland unbeachtet oder unausgesprochen geblieben sind.

Als Teil der Ausstellung ist im Obergeschoss hinter einem Vorhang eine Freifläche eingerichtet worden, die durch die großen Fensterscheiben des ehemaligen DDR-Terrassenrestaurants MINSK den Blick auf die Stadt Potsdam freigibt. In diesem Séparée finden sich Bücherwägen gefüllt mit Literatur, Sitzgelegenheiten, ja Raum, um innezuhalten, zu lesen, um über das Gesehene zu reflektieren – und um miteinander zu reden.


Die Ausstellung „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ ist noch bis zum 8. Februar 2026 im
DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam zu sehen, geöffnet Mittwoch bis Montag von 10 bis 19 Uhr. Zur Ausstellung ist eine begleitende Publikation im Distanz Verlag erschienen.


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