Porträt Josephine Meckseper zwischen ihren Arbeiten im Kunstverein Heppenheim. Foto: Ralf Mitsch.
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Der Triumph der Straße

Die Ausstellung „Sechs Fünf Vier Drei Zwei“ mit Werken der New Yorker Künstlerin Josephine Meckseper im Kunstverein Heppenheim.


„In Heppenheim (Bergstraße) wurden am 26.06.2026 extreme Höchstwerte von 38 bis 40 Grad Celsius erreicht. Die Region war das Zentrum einer historisch frühen und heftigen Hitzewelle, bei der in großen Teilen Hessens neue Junirekorde gemessen wurden.“
Soweit der Deutsche Wetterdienst. Soweit der Deutsche Wetterdienst. Tatsächlich war es ein Abend, wie er hochsommerlicher kaum hätte sein können. Während oben in der Heppenheimer Altstadt ein Spielmannszug den Auftakt des 72. Bergsträßer Weinmarkts, eines beliebten zehntägigen Volksfestes, musikalisch einläutete, traf sich in den ehemaligen Räumen einer kleinen Bäckerei in der Heppenheimer Bahnhofstraße ein etwas übersichtlicherer, aber ebenso gut gelaunter Kreis, um eine neue Ausstellung im Kunstverein Heppenheim zu eröffnen. Schwellenängste musste hier übrigens niemand haben. Willkommen zur Eröffnung waren alle, die davon erfahren hatten. Und statt eines wie andernorts oft üblichen gesetzten Dinners für die Happy Few, konnte, wer Hunger oder Durst hatte, einfach die Straße überqueren. In der Kochschule von Deutschlands bekanntestem Ayurveda-Koch Volker Mehl stand gesundes Fingerfood bereit.

Der 2009 gegründete Kunstverein in der 26.000 Einwohner großen malerischen Kleinstadt an der Bergstraße gehört mit rund 35 Mitgliedern zu den kleinsten unter den über 300 registrierten Kunstvereinen in Deutschland. In den erst 17 Jahren seines Bestehens hat er es aber geschafft, sich weit über die Region im Städtedreieck zwischen Mannheim, Heidelberg und Darmstadt hinaus einen Namen zu machen. Gleich mehrmals ist er von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) für die Auszeichnung „Kunstverein des Jahres“ nominiert worden.

Die Achse Heppenheim-Berlin

Aktuell stellt dort mit der in Deutschland geborenen New Yorkerin Josephine Meckseper eine Künstlerin aus, die zu den unbestreitbaren Größen des internationalen Kunstbetriebs gezählt werden kann. Biennale-Teilnahmen etwa in Melbourne, Taipei, Sharjah, Sevilla oder gleich zweimal an der Whitney-Biennale New York untermauern das ebenso wie die Tatsache, dass ihre Arbeiten in den Sammlungen des MoMA, Guggenheim, Whitney und Metropolitan und damit praktisch allen großen New Yorker Museen vertreten sind. Wichtige Werke befinden sich aber beispielsweise auch in der Sammlung des Kunstmuseum Stuttgart und in zahlreichen Privatsammlungen.

Was lockt eine weltweit etablierte Künstlerin in die südhessische Provinz? Dazu Josephine Meckseper: „Die Ausstellung kam durch meinen Künstlerfreund Gregor Hildebrandt zustande. 2019 stellte ich in seinem Projektraum ‚Grzegorzki Shows‘ in Berlin aus – Bilder, die auf Miami-Beach-mäßigen Badehandtüchern gemalt waren. Uwe Emig, der Leiter des Kunstvereins Heppenheim, kam bei der Ausstellung vorbei und lud mich wenig später ein, die Arbeiten in Heppenheim auszustellen. Dann kam der Tod meines Vaters, Covid, ein Autounfall und vieles andere dazwischen, und ich musste die Ausstellung mehrmals verschieben.“ Sieben Jahre später hat es jetzt endlich geklappt, und man konnte am Abend der Eröffnung den Eindruck gewinnen, dass alle glücklich waren. Das Team des Kunstvereins, die Besucher:innen aus Nah und Fern und natürlich auch die Künstlerin.

Thomas Zipp als Initiator

Aber warum gibt es in Heppenheim überhaupt einen derart aktiven Kunstverein? Fragen wir doch einfach den Vorsitzenden Dr. Uwe Emig: „2009 erfolgte die Gründung durch den Zufall, dass die Bäckerei Zipp aus Altersgründen geschlossen wurde und die Räumlichkeiten leer standen. Eine Nachfolgebäckerei stand nicht in Aussicht. Bei einem Treffen mit Gesprächen über zeitgenössische Kunst erwuchs die Idee, einen Kunstverein zu gründen. Gründungsmitglieder waren der Künstler Thomas Zipp, der Journalist Bernd Graber, die Kunsthistorikerinnen Mona Hartfiel, Dr. Anke Emig und ich selbst, der Zahnarzt Dr. Uwe Emig.“

Bei der Nennung des Namens Thomas Zipp dürften die meisten Kunstkenner:innen aufhorchen, handelt es sich doch um den am 3. April 2026 völlig überraschend verstorbenen Berliner Maler, Bildhauer und Musiker, der zudem eine Professur an der Universität der Künste Berlin innehatte. Genau dieser 1966 in Heppenheim geborene Thomas Zipp, dessen Persönlichkeit und Karriere zuletzt in zahlreichen Nachrufen gewürdigt wurde, war der Sohn des Heppenheimer Bäckerpaares. Zipp war es auch, der zahlreiche Künstler:innen aus seinem persönlichen Umfeld nach Heppenheim lockte. Eine mit alten Einladungskarten beklebte Wand in der kleinen Teeküche des Kunstvereins legt Zeugnis davon ab. Ob Thilo Heinzmann, Eva & Adele, André Butzer, Gregor Hildebrandt, Pepi Bottrop, Isa Melsheimer oder Felix Schramm. Etliche Künstler:innen aus Berlin, New York, Düsseldorf oder Frankfurt haben bereits in Heppenheim ausgestellt. Josephine Meckseper bildet da also gar keine so große Ausnahme.

Zur Wahl des Ortes sagt Dr. Uwe Emig: „Die Auswahl kam letztendlich durch Thomas Zipp selbst, da die Räume der Bäckerei leer standen, und sich mit diesem Raum im authentischen 60er-Jahre-Style mit zwei großen Schaufenstern die Möglichkeit ergab, einen günstigen und ungewöhnlichen Kunstraum zu bekommen. Ohne die stets hilfsbereiten und verständnisvollen Eltern von Thomas Zipp wäre die Gründung des Kunstvereins in dieser Form nicht möglich gewesen.“ Das authentische Flair der 60er-Jahre-Moderne, das die Räume des Kunstvereins Heppenheim bis heute auszeichnet, eignet sich denn auch perfekt für die Präsentation von Arbeiten Josephine Mecksepers.

Politisch denkende Konzeptkünstlerin

Die New Yorkerin ist eine politisch denkende Konzeptkünstlerin, die in ihrer charakteristischen Formensprache immer wieder die Widersprüche der Warenwelt vor dem Hintergrund des global agierenden Kapitalismus, die Ästhetik der Werbung, aber auch den Stellenwert der Moderne in Architektur und Kunst kritisch hinterfragt. Die Künstlerin besitzt sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Sie wurde 1964 als Tochter des Malers und Grafikers Friedrich Meckseper in Lilienthal bei Bremen geboren. Aufgewachsen ist sie in der norddeutschen Künstlerkolonie Worpswede.

Von 1986 bis 1990 absolvierte sie zunächst ein Kunststudium an der Hochschule der Künste in Berlin. Ab 1990 setzte sie ihre Ausbildung dann am renommierten California Institute of the Arts (CalArts) in Valencia bei Los Angeles fort, wo sie unter anderem bei Michael Asher studiert hat, welcher für seinen institutionskritischen Ansatz ebenso bekannt ist wie für seine künstlerische Methode, nicht primär Objekte zu schaffen, sondern bestehende Umgebungen durch das Einbringen oder Entfernen bestimmter Elemente temporär und auf subtile Art und Weise zu verändern.

Josephine Meckseper knüpft an diese Strategie an, indem sie Elemente von Warenpräsentationssystemen für ihre Arbeiten adaptiert und mit neuen, eigenen Inhalten gewissermaßen infiltriert oder kontaminiert. So sind jetzt in Heppenheim diverse Wandobjekte auf der Basis von sogenannten „mirror wall panels“ (Spiegel-Wand-Paneelen) zu sehen. Das sind ziemlich cool und schick aussehende rechteckige Spiegelplatten mit horizontalen genuteten Schienen zum Einhängen, in welchen Meckseper vorzugsweise verchromte oder mattschwarz beschichtete Halterungen, Drahtkörbchen, Metallketten oder andere Verbindungsstücke platziert.

Auf diese Art und Weise befestigt sie dann etwa im Falle der Arbeit „The Ruler“ (2024) einen luxuriösen, halbtransparenten Damenstrumpf in leuchtendem Blau mit Verstärkungen im Bündchen und an der Fußspitze auf einem sogenannten „Sockenbein“, wie es in Schaufenstern von Modegeschäften oder Sanitätshäusern Verwendung findet. Der Strumpf spiegelt sich einerseits in der im amerikanischen Englisch auch als „slatwall“ bezeichneten Spiegel-Wand-Paneele, andererseits wird genau dieses Blau in einem kleinen abstrakten Gemälde, welches auch Teil des Displays ist, wieder aufgenommen. Die gleich daneben hängende Arbeit „The Innocent“ (2024) beruht auf dem gleichen Prinzip. Da hier jedoch nur mit Schwarz, Weiß und Grauabstufungen gearbeitet wird, ergibt sich eine vollkommen andere Anmutung.

In Heppenheim spielt Josephine Meckseper natürlich auch mit den ästhetischen Qualitäten des vorgefundenen großen Schaufensters. So platziert sie dort einen Eyecatcher in Form einer kopflosen, unbekleideten und strahlend weißen weiblichen Schaufensterpuppe, die sie ein eigenes, ganz in Grauabstufungen gehaltenes abstraktes Gemälde halten lässt. Links daneben aufgestellt ist dann ein verchromter Gitterständer auf zwei transparenten, blau eingefärbten Plexiglasfüßen. Die aus dem Jahr 2010 stammende Arbeit mit dem Titel „Untitled (Cobra, Tie)“ wird komplettiert durch eine etwas überdimensionierte Krawatte in den amerikanischen Nationalfarben, wie sie Trump-Anhängern gefallen könnte, und ebenfalls ein Gemälde Mecksepers, das mit Applikationen versehen ist. Ihre Herangehensweise charakterisiert die Künstlerin so: „Meine Arbeit setzt sich mit unserem postindustriellen Zeitalter auseinander: Gefundene Materialien, überklebte Straßenwerbung, Schaufensterauslagen, Zeugnisse sozialer Interaktionen – gemeinsam bilden sie ein Abbild einer zeitgebundenen Umgebung oder Situation.“

Die Straße als Bühne des Widerstands

Und was reizte sie an den Räumen des Kunstvereins Heppenheim? Dazu noch einmal Josephine Meckseper: „Der Kontext ist für meine Arbeiten perfekt. Die ursprüngliche Idee für die Ausstellung war, meine große Schaufensterinstallation ‚Verbraucherzentrale‘ von 2006 zu zeigen. Aus logistischen Gründen ließ sich dies 2026 nicht mehr verwirklichen, außerdem wollte ich neuere Arbeiten zeigen, die das vorhandene, ehemalige Bäckereischaufenster miteinbeziehen. Die Idee hinter meinen Glasvitrinen und Schaufensterinstallationen hat ja einen europäischen Hintergrund – Walter Benjamins Passagen-Werk und Mies van der Rohes Glas-Pavillons sowie die Frage, wie sich die Frühmoderne und die Avantgarde als ästhetische und politische Gegenbewegung zu Neoklassizismus und Kapitalismus entwickelten. Und die Straße als politischen und kommerziellen Raum zu betrachten und in diesem Kontext in gewisser Weise eine Art Inszenierung des Banalen anzustreben. Es geht mir dabei auch immer darum, den Stellenwert der Straße als Bühne des Widerstands zu betrachten, wie also die Schaufenster zu Angriffspunkten oder Zielscheiben bei Demonstrationen werden können.“ Ob sich diese Zusammenhänge allen Passant:innen, die vom Bahnhof in die Heppenheimer Innenstadt streben, en passent vermitteln, darauf kommt es Josephine Meckseper nicht zwingend an: „Prinzipiell sind meine Arbeiten oft so konzipiert, dass sie für alle zugänglich sind, und auf verschiedenen Ebenen funktionieren können.“

Das Vermächtnis Thomas Zipps am Leben halten

Doch zurück zur Institution Kunstverein Heppenheim. Wird der Kunstverein jetzt, nach dem Tod Thomas Zipps, andere Wege finden müssen, um neue Künstler:innen zu entdecken? Und wovon lassen sich die Verantwortlichen dabei überhaupt leiten? Dazu nochmals Dr. Uwe Emig: „Die Kriterien für die Auswahl sind sehr komplex und facettenreich und ergeben sich tatsächlich oftmals durch die persönliche Inaugenscheinnahme der Kunstwerke zum Beispiel auf Messen oder bei Galerie- und Atelierbesuchen. Nicht alle Künstler stammen daher aus dem Netzwerk von Thomas Zipp. Da wir mit den Ausstellungen einen größeren Radius als Heppenheim erreichen, ergeben sich auch hier immer wieder vielversprechende Kontakte wie zum Beispiel zur Frankfurter Städelschule oder der Kunstakademie Düsseldorf.“

In der Vergangenheit hat der Kunstverein Heppenheim mit bis zu neun Ausstellungen im Jahr teilweise ein enormes Tempo vorgelegt. Ob sich das auf Dauer durchhalten lässt, bleibt abzuwarten. Als Nächstes jedoch planen die Heppenheimer erst einmal eine Gedächtnisausstellung für Thomas Zipp, ausgerichtet von seinen ehemaligen Studierenden. Neben eigenen Werken zeigt die Klasse Zipp dann natürlich auch Arbeiten ihres verstorbenen Professors. Die Eröffnung ist für den 28. August geplant.


Josephine Meckseper – Sechs Fünf Vier Drei Zwei. Bis 16.08.2026 im Kunstverein Heppenheim, 64646 Heppenheim.


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