Joyce Pensato, The Look Out. Courtesy: Collection of KAWS. © Joyce Pensato Foundation. Foto: Jason Mandella.
Joyce Pensato, The Look Out. Courtesy: Collection of KAWS. © Joyce Pensato Foundation. Foto: Jason Mandella.

Let it all out Mickey!

Die New Yorker Malerin Joyce Pensato hat das zutiefst verstörte Seelenleben von Fantasiehelden wie Mickey Mouse, Batman oder Homer Simpson genial auf die Leinwand gebracht. Jetzt widmen ihr die Hamburger Deichtorhallen eine sehenswerte Einzelausstellung.

Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig, aber er offenbart, was die leidenschaftliche Malerin Joyce Pensato und den manischen Bilderproduzenten Andy Warhol im Kern unterscheidet: Andy Warhol porträtierte in der für ihn typischen Siebdrucktechnik amerikanische Celebrities, Ikonen und Stars wie Marilyn Monroe, Elvis Presley oder Jackie Kennedy. Allesamt Menschen aus Fleisch und Blut. Gutaussehend, erfolgreich und allseits respektiert.

Die 2019 verstorbene New Yorker Malerin Joyce Pensato hingegen konzentrierte sich in ihrem malerischen Schaffen auf die fiktiven Berühmtheiten der amerikanischen Gesellschaft. Im Laufe ihrer Karriere entstanden unzählige Bilder von populären Helden aus Comics und Animationsfilmen wie Mickey Mouse, Felix the Cat, Donald Duck, Batman oder Homer Simpson. Gesichter, die den meisten Amerikanern mindestens genauso bekannt waren wie die der leibhaftigen Stars. Während also beide die visuelle DNA ihres Heimatlandes als eine Art Schürfgrund benutzten, um daraus ihre eigenen Bilder zu generieren, waren doch die Resultate ihres Schaffens ganz unterschiedlicher Natur. Eine gewisse repräsentative Glätte und Betonung des Starkults und des Markencharakters von Images bei Warhol trifft auf die Vermenschlichung und Emotionalisierung fiktiver Charaktere bei Pensato. Teils von Schönheitschirurgen geschaffene Masken hier, derangierte Fratzen dort. Der eine verabschiedet sich vom malerischen Gestus, indem er sich des weitgehend technisierten Siebdrucks bedient, die andere holt ihn umso selbstbewusster ins Studio zurück, indem sie ihre Leinwände mit Farbe geradezu zuschüttet, unablässig wieder bestimmte Partien mit dem elektrischen Handschleifer "radiert", nur um diese dann erneut zu bemalen.

Später Erfolg

Ein breiteres Publikum erreichte die für ihre meist in Schwarz, Weiß und Silber gemalten Lackbilder bekannte Künstlerin zwar erst, nachdem sie die 50 längst überschritten hatte. Doch von da an ging ihre Karriere unablässig steil aufwärts. Zunächst in Paris, wo die stets an Neuentdeckungen von jenseits des Atlantiks interessierte Galeristin Anne de Villepoix sie ab Mitte der 1990er Jahre im Zwei-Jahres-Rhythmus in Einzelausstellungen präsentierte, und dann auch in ihrer Heimatstadt New York, wo sie ab 2007 von der renommierten Petzel Gallery repräsentiert wurde. 2009 zeigte dann auch die Berliner Galerie Capitain Petzel Joyce Pensato in einer vielbeachteten Einzelausstellung. Ihre Werke befinden sich heute in so wichtigen Museumssammlungen wie der des Museum of Modern Art (MoMA) und des Solomon R. Guggenheim Museum in New York oder der des Centre Pompidou in Paris.

Berühmt geworden ist Pensato für ihren unverwechselbaren Stil. In einer eigentümlichen Mischung aus expressiver Malerei und popkulturellem Aneignungsgestus entstanden auf meist großformatigen Leinwänden voller breiter Pinselstriche, herablaufender Farbspuren, Kleckse und Drippings aus unzähligen feinen Tropfen und gelegentlich auch bunten Farbnebeln mal anrührende, mal irritierende, mal abstoßende Bilder von Ikonen des Comic- und Zeichentrickzeitalters. Daneben verarbeitete Pensato die gleichen Sujets aber auch auf zahlreichen großformatigen Kohlezeichnungen. Kurz vor ihrem Tod wandte sie sich verstärkt der Fotografie zu.

Erste institutionelle Einzelausstellung nach ihrem Tod in Europa

In der den Hamburger Deichtorhallen angegliederten Sammlung Falckenberg in den Phoenix Fabrikhallen in Hamburg-Harburg wird Pensatos malerisches und zeichnerisches Werk nun erstmals nach ihrem Tod in einer institutionellen Einzelausstellung in Europa gezeigt. Kleine Arrangements mit Objekten aus ihrem ehemaligen Studio lassen einen Hauch von Arbeitsatmosphäre aufkommen. Die Schau erstreckt sich über gleich zwei Etagen und trägt den Titel "Joyce Pensato: Eyes For You". Sie übernimmt rund 20 wichtige Arbeiten aus einer ursprünglich für das Institute of Contemporary Art Miami konzipierten Einzelausstellung. Im Mai 2027 wird die Ausstellung dann ins Frac des Pays de la Loire im französischen Carquefou weiterwandern. Ergänzt wird die Präsentation um zahlreiche weitere Exponate aus europäischen Sammlungen. Nicht zuletzt auch aus der Sammlung Falckenberg selbst. Die konsum- und medienkritisch aufgeladenen Werke von Joyce Pensato fügen sich nämlich perfekt in den Sammlungskontext ein, den der 2023 verstorbene Harald Falckenberg gerne mit dem Etikett "Counterculture" beschrieb.

Ausbildung und Europa-Reise

Doch wer war Joyce Pensato eigentlich? Die am 20. August 1941 geborene Künstlerin kam als Tochter eines aus Sizilien eingewanderten Vaters, der als Drucker unter anderem für Künstler tätig war, auf die Welt. Auch ihre als Hausfrau tätige Mutter war italienischer Abstammung, jedoch wurde sie bereits in den Vereinigten Staaten geboren.

Pensato wusste bereits als Kind, dass sie Künstlerin werden wollte. Da es aufgrund der schlechten Einkommensverhältnisse ihrer Familie jedoch notwendig war, möglichst früh eigenes Geld zu verdienen, schrieb sie sich zunächst für ein Studium der Gebrauchsgrafik an der New Yorker Art Students League ein, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht später noch als Malerin tätig sein zu können. Doch ihre Unfähigkeit, extrem präzise nach Vorlagen zu arbeiten, erzwang dann früher als erwartet den Hochschulwechsel. Zuvor hatte Pensato aber noch das Glück, ein einjähriges Reisestipendium für Europa zu gewinnen. Für sie die Gelegenheit, sich intensiv Meisterwerke der Malerei in den großen Museen des alten Kontinents anzusehen. Im zweiten Anlauf an der New York Studio School aufgenommen studierte Pensato dort von 1973 bis 1977. Der Maler Philip Guston gehörte damals ebenso zum Lehrkörper wie der Avantgarde-Komponist Morton Feldman. Und hier lernte sie auch den Kommilitonen Christopher Wool kennen, mit dem sie sich lange Zeit ein Atelier teilte, und der ihr auch den entscheidenden Tipp gab, es doch einmal mit industriellen Lacken statt mit Ölfarbe zu versuchen, um die von ihr erwünschten Effekte auf der Leinwand besser zu erreichen. Sein Vater sollte dann auch ihr erster Sammler werden.

Bekannt war die Studio School für eher traditionelle Sujets wie Stilllebenmalerei. Paul Cézanne, Henri Matisse oder Alberto Giacometti wurden den Studierenden als nachahmenswerte Vorbilder vermittelt. Doch Joyce Pensato war mehr am Abstrakten Expressionismus eines Willem de Kooning oder am Action Painting eines Jackson Pollock interessiert.

Joyce Pensato hat noch während ihres Studiums damit begonnen, im New Yorker Stadtraum Versatzstücke der Popkultur wie Comic-Helden in Plüschtiergestalt, Maskottchen oder Werbefiguren aufzusammeln und in ihrem Studio anzuhäufen. Die zum teil stark beschmutzten oder beschädigten Fantasiewesen und Brand-Character fanden in ihrem Studio gewissermaßen ein neues Zuhause. Später besuchte sie dann auch Flohmärkte oder bediente sich digitaler Verkaufsplattformen wie eBay.

Plüschtiere im Studio

Was sie an den Figuren reizte beziehungsweise, was ihr nahezu bemutterndes Verhalten ihnen gegenüber erklärt, hat Joyce Pensato einmal so formuliert: "Walt Disney hat Mickey Mouse wie 'gehirnamputiert' erscheinen lassen". Sie hingegen hat die von ihr aufgelesenen Spielzeugfiguren zu stark psychologisch aufgeladenen und emotionalisierten Wesen gemacht, teils komisch, teils drollig, teils verdutzt in die Welt schauend, teils ängstlich, teils aber auch mit bedrohlichem oder gar dämonischem Subtext aufgeladen.

Zehn Jahre lang schuf sie unzählige Kohlezeichnungen zur Popkultur, die sie damals jedoch nicht öffentlich ausstellte. An die Öffentlichkeit wagte sie sich zunächst nur mit abstrakt-expressionistischen Landschaftsgemälden in bunten Ölfarben, von denen sie selbst nicht ganz überzeugt war. Als eine geplante Einzelausstellung dieser Werke in einer Galerie kurzfristig von dem Betreiber der Galerie abgesagt wurde, da er sie für zu "unreif" hielt, zog Joyce Pensato die Reissleine und begann damit, die Motive ihrer Kohlezeichnungen fortan auf Leinwand zu malen. Statt bunter Ölfarbe reduzierte sie ihre Farbpalette fortan im Wesentlichen auf Schwarz, Weiß und Silber.

Doch warum malte sie nicht direkt nach den gezeichneten Comic-Vorlagen? "Die dreidimensionalen Elemente geben mir viel. Ich kombiniere auch Teile unterschiedlicher Herkunft, um die Erwartungen zu durchkreuzen. Man ist sich nicht ganz sicher, was man da eigentlich sieht. Manchmal verwende ich die Augen von Felix the Cat, den Mund eines Clowns und die Ohren von Mickey Mouse. Ich muss eine Verbindung zu dem aufbauen, was ich sehe. Ich könnte immer wieder mit denselben Vorlagen arbeiten, aber ich muss trotzdem ständig auch wieder etwas Neues betrachten. Das löst etwas in mir aus", so Joyce Pensato 2018 in einem Interview mit dem New Yorker Online-Kunstmagazin Hyperallergic.

Schwarzer Humor und Sarkasmus

"Ich habe bis 1990 gebraucht, um zu erkennen, dass Farbe nichts für mich ist", so die selbsterklärte "Spätzünderin". Roberta Smith, die Grand Old Lady der New Yorker Kunstkritik, fasste Pensatos Ansatz in ihrem Nachruf für die New York Times folgendermaßen zusammen: "Sie hat dem Abstrakten Expressionismus das Abstrakte ausgetrieben und stattdessen ein bisschen Pop hinzugefügt".

In der Hamburger Sammlung Falckenberg ist das nun alles zu besichtigen. Am besten man bringt ein wenig Zeit mit. Denn neben den Werken der Künstlerin vermitteln auch kurze Filme und Vitrinen mit Archivmaterialien einen tieferen Einblick in ihr ungewöhnliches Leben. Wer sich auf Joyce Pensatos Werk einlässt, wird eine unangepasste Künstlerin entdecken, die nicht ohne eine gehörige Portion schwarzen Humor und Sarkasmus die allseits geliebten gezeichneten Helden der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft zu Protagonisten der psychischen Krisen und Deformationen macht, die die amerikanische Gesellschaft bis heute prägen.


Joyce Pensato: Eyes For You, Sammlung Falckenberg/Deichtorhallen Hamburg, bis 4. April 2027

www.deichtorhallen.de/de/deichtorhallen/sammlung-falckenberg


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