Maler des Jetzt
Alex Katz in der Tübinger Kunsthalle
Manche Künstler passen nicht ganz in die Stilschubladen, in die sie trotzdem gesteckt werden, weil es keine besseren zu geben scheint. Wenn Alex Katz allerdings als „Vorläufer“ oder „Wegbereiter“ der Pop Art tituliert wird, so zeugt dies allenfalls vom zunehmenden Gebrauch des Copy-and-Paste-Verfahrens oder der Künstlichen Intelligenz, die reproduziert, was im digitalen Raum zirkuliert, ohne zu einem eigenen Urteil fähig zu sein. Als die amerikanische Pop Art sich um 1962 zu entfalten begann, hatte Katz zwar schon einige Galerieausstellungen hinter sich, die aber nur wenig Beachtung gefunden hatten. Seine frühen Arbeiten haben noch nicht die kraftvollen Farben, die, ihn später in die Nähe von Künstlern wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein gerückt haben. Ein Porträt des Choreographen Paul Taylor von 1959, das nun in der Tübinger Kunsthalle zu sehen ist, zeigt diesen als schlichte, frontal stehende Figur in enganliegender, weißer Kleidung vor einem monoton grauen Hintergrund. Man kann von Formvereinfachung sprechen, von Pop Art nicht.

Alex Katz, Paul Taylor, 1959. Öl auf Leinwand, 170 x 187,5 cm. Udo und Anette Brandhorst Sammlung. © Alex Katz / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen.
Die Kunsthalle zeigt das Porträt nicht, um die stilistische Entwicklung des Künstlers vor Augen zu führen, sondern im Rahmen einer biographischen Einführung. Solange Katz von seiner Kunst nicht leben konnte, entwarf er Kostüme und Bühnenbilder für eben jenen Paul Taylor. Katz stammt, wie so viele New Yorker, aus einer aus Osteuropa zugewanderten jüdischen Familie. Sein Vater hatte eine Fabrik besessen, die ihm in der Russischen Revolution abhanden gekommen war. Seine Mutter war Schauspielerin. In New York trat sie in jiddischen und hebräischen Stücken auf, pausierte dann aber, bis die Söhne erwachsen waren. Die Familie gehört zum New Yorker Kulturbürgertum. Katz ist mit Literatur, Theater und Kunst aufgewachsen. Er studierte an der Cooper Union in Manhattan, wie George Segal, der auch in Pop-Art-Ausstellungen gezeigt wurde, wenn plastische Arbeiten gesucht waren. Sein Sohn Vincent schreibt Gedichte und hat einmal eine große Ausstellung am Museum Reina Sofia in Madrid zum Black Mountain College kuratiert, jener Brutstätte moderner amerikanischer Kunst, an der Bauhäusler wie Josef und Anni Albers auf amerikanische Künstler wie John Cage oder Robert Rauschenberg trafen.
Dem Porträt von Paul Taylor gegenüber ist die ganze Wand tapeziert mit einem Foto des Times Square. „Where Did Our Love Go“ tönt durch den Raum, der erste große Hit der Supremes, Soundtrack zum Kurzfilm Square Times des mit Katz befreundeten Regisseurs Rudy Bucrckhardt, der das pulsierende Leben im Zentrum des Broadway dokumentiert. 1977 erhielt Katz den Auftrag, 23 sechs Meter hohe Frauenporträts zu malen, die von Billboards hoch oben auf den Platz hinabblickten.


Bewegung in der Malerei
„Mich hat bei der Betrachtung des Werkes von Alex Katz vor allem die Frage interessiert, wie die Bewegung in seine Bilder kam“, erklärt Nicole Fritz, die Direktorin der Kunsthalle, das Zustandekommen der Ausstellung. Mit einer Retrospektive im Whitney Museum of American Art 1987, führt sie aus, fing es an „dass Katz seine Malerei auf dem Boden des europäischen Impressionismus neu justiert und freier malt. Das hat mich interessiert.“ Zwei Ausstellungen 2024 im Museum Brandhorst, München – von dem das Porträt von Paul Taylor stammt – und in der Fondazione Giorgio Cini in Venedig, von der vier Werke nun in Tübingen zu sehen sind, boten Gelegenheit, auf ihn zuzugehen. „Ich wurde ihm vorgestellt“, erzählt Fritz, „und habe ein Konzept entwickelt, so dass er einwilligte, mich bei der ersten Präsentation seines Spätwerkes in Deutschland zu unterstützen.“ Sie besuchte ihn in seinem Atelier in Downtown Manhattan, wo er seit 1968 arbeitet. Das war vor zwei Jahren.
Der Bezug zu den Impressionisten zeigt sich ganz direkt in zwei Bildern, die den Titel Hommage to Monet tragen. „Monet nimmt Farben wahr, die andere normalerweise nicht sehen“ sagt der Künstler. „Er nimmt das Gesamtbild auf, während andere Maler sich in Einzelheiten verlieren“ Dies kennzeichnet auch Katz selber, der allerdings eine allzu direkte Anlehnung bewusst vermeidet. Die beiden Werke arbeiten mit einer starken Vereinfachung und extremen Farbkontrasten. Leuchtend gelbe Ovalformen, ganz ohne Binnenstruktur, schweben vor einem einheitlich dunklen Grund, in dem sich erst bei näherem Hinsehen noch dunklere Konturen abzeichnen: Schatten von Bäumen, die sich im See spiegeln, aber wie Hände ins Bild zu greifen scheinen.
Die Bewegung, die Fritz anspricht, entsteht auf ganz ähnliche Weise wie in den japanischen Ukiyo-e-Farbholzschnitten, von denen bereits die Impressionisten ausgingen: Asymmetrien, angeschnittene Formen, Spiegelungen im Wasser; die räumliche Tiefe suggerieren, obwohl objektiv alles ganz flach ist. „Aus der fließend vergänglichen Welt“ wird Ukiyo-e übersetzt, und genau das ist es, was Katz interessiert: Augenblicke, Momentaufnahmen, Sinneseindrücke, das Leben in seiner Vergänglichkeit festhalten. Er malt Blüten, die bald verwelken, flüchtige Lichteindrücke in der Abenddämmerung; den Wechsel der Jahreszeiten. Bewegung zeigt sich auch in Körperdrehungen und Sequenzen angeschnittener Blicke auf ein und dieselbe Person. Die Hintergründe sind oft einfarbig, da hat sich gegenüber dem Porträt von Paul Taylor wenig geändert. Die Farbe spricht: New Pink heißt ein Porträt einer Frau schräg von hinten vor einem Hintergrund in kräftigem Rosa. Die Coca-Cola Girls einer Siebdruck-Serie präsentieren ihre weißen Badeanzüge auf leuchtendem Rot.

Aspekte des Spätwerks
Die Ausstellung zeigt 40 großformatige Gemälde, Druckgrafiken und Zeichnungen, überwiegend aus den letzten zwanzig Jahren. Katz arbeitet mit Kartons, überträgt die perforierte Vorzeichnung mit Kohlestaub auf die Leinwand wie schon die Freskenmaler der Renaissance, um dann, ähnlich wie sie, schnell, nass in nass zu malen. Vier dieser Kartons in einem Raum waren Ausgangspunkt für Gemälde der Ausstellung oder ähnliche Werke. Ein großer Raum ist der Mode gewidmet, auch dies eine flüchtige Erscheinung. Die Figuren wirken wie Anziehpuppen, alles außer der Kleidung ist nur in Konturen angedeutet. Die Designerin Claire McCardell, deren Kreationen Katz hier verewigt, ist bereits 1958 verstorben. Nach 70 Jahren, erklärt der Künstler, kamen ihm diese auf einmal wie aus heiterem Himmel in den Sinn.
Die Ausstellung ist nach Themen gegliedert so banal wie die Titel der Werke: Grass, Tree, Yellow Leaves, Spring. Hintersinn ist nicht gewollt, nur der reine Sinneseindruck, allerdings nicht eine naturalistische Wiedergabe der Wirklichkeit. Der Eindruck des flüchtigen Moments entsteht durch Formvereinfachung und Farbkontraste: Das tiefdunkle Blau des Seerosenteichs entspricht dem dunklen Blau des Himmels bei starker Sonnenstrahlung, die wiederum die Seerosenblätter hellgelb erscheinen lässt. Die bis zu sechs Meter breiten Gemälde zielen auf einen immersiven Effekt: Der Betrachter taucht ein in das Bild. Ein Besucher hat dies intuitiv erfasst und lässt sich vor einer verschneiten Waldlandschaft mit dem Handy fotografieren. Er wird damit zu einem Teil des Bildes, steht sozusagen im Wald. Es fällt auf, dass sich die ansteigenden, nicht sehr hohen, oberlichtbeleuchteten Räume der Kunsthalle für diese Art der Annäherung hervorragend eignen: Man kann gar nicht viel Abstand nehmen.



Ein älterer Mann führt eine Gruppe von drei Kindern durch die Ausstellung; die nicht etwa rumalbern, sondern aufmerksam zuhören. Wie er das macht, ist nicht ohne weiteres erkennbar, doch fest steht, dass die Kunsthalle für den ZukunftsGut-Preis der Commerzbank-Stiftung nominiert ist, den höchst dotierten Preis für Kulturvermittlung; die Entscheidung fällt am 24. Juni. Die Ausstellung spricht ein breites, diverses Publikum an. Die Kunsthalle ist seit 2003 eine Stiftung. Gefragt, ob dies in Zeiten knapper Kassen Vorteile biete, antwortet die Direktorin: „Das Konzept eines sowohl aus städtischen wie auch aus privaten Geldern finanzierten Hauses hat sich gerade in der heutigen Zeit als tragfähig erwiesen. Ich kann mein Ausstellungsbudget zu zwei Dritteln aus den Erträgen der Stiftung und zu einem Drittel aus den von mir jährlich zusätzlich akquirierten Drittmitteln bestreiten.“
Mit den 2024 in Venedig ausgestellten Werken der Ocean-Serie hat Katz sein Verfahren, Bewegung, wenn nicht die Zeit selbst festzuhalten, weiter radikalisiert. Während andere, auch neuere Bilder hellgrün oder zitrongelb leuchten, bestehen die Leinwände hier nur aus weißen Pinselstrichen auf schwarzem Grund. Die Dunkelheit erweckt wie bei anderen Bildern den Eindruck von Tiefe. Mit den weißen Punkten, Linien und Flächen versucht Katz sozusagen in Echtzeit die in Realität ständig wechselnden Schaumkronen und Lichtspiegelungen wiederzugeben. Das ist von der abstrakten Malerei des Informel nicht weit entfernt, lebt aber weiterhin von der Assoziation des Gegenstands Ozean, an der Grenze zwischen purer Anschauung und Sinnbild. „Die Ewigkeit existiert in Minuten absoluter Bewusstheit“, sagt der Künstler. „Malerei erscheint, wenn sie gelingt, als synthetische Widerspiegelung dieses Zustands.“ Am 24. Juli wird er 99 Jahre alt. Happy Birthday, Mr. Katz!
Die Ausstellung „Alex Katz, Dancing with Reality“, läuft bis 13. September und ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr geöffnet. https://kunsthalle-tuebingen.de
Christo and Jeanne-Claude: un|realized
The exhibition showcases for the first time in Germany unrealized projects by the artist duo. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, April 4 – June 28, 2026.
Liminality – Spaces in transition
Group exhibition at the Villingen-Schwenningen City Gallery featuring Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang and Lukas Zerbst.
Das zweite Papierkunststipendium
Stipendium für Zeichnung und Papierkunst der Stadt Waiblingen, 25. Juli bis 18. Oktober 2026, Galerie Stihl Waiblingen.