Wenn Statuen sprechen könnten
In ihrer ersten deutschen Einzelausstellung durchleuchtet Sara Sallam die ägyptischen Sammlungen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe.
Als Sara Sallam, 1991 in Giza (Gizeh), in Sichtweite der Pyramiden geboren, 2016 nach ihrem Studium in Kairo und London in die Niederlande zog, fühlte sie sich einsam. "Die erste ägyptische Mumie, die in die Niederlande verbracht wurde", schreibt sie zu ihrer Serie Home Outside of Home, die nun den Auftakt ihrer Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MK&G) bildet, "traf im frühen 16. Jahrhundert dort ein. Rund fünfhundert Jahre später zog ich dorthin. Von Heimweh geplagt, fing ich in meiner neuen, westlichen Heimat an, nach Ägypten Ausschau zu halten. Erstaunlicherweise brauchte ich nicht lange zu suchen." Statuen, Mumien, Sarkophage, Obelisken fanden sich an vielen Orten, selbst im öffentlichen Raum. "Ich begann die Politik dieses Sammelns zu hinterfragen und die Auswirkungen darauf, wie wir, die Ägypter, uns zu unserem Erbe verhalten. Ich überlegte: Wenn diese Artefakte sprechen könnten, was würde sie sagen?"
Seither hat die Künstlerin nicht aufgehört, das Thema unter wechselnden Blickwinkeln, in verschiedenen Medien immer wieder neu zu befragen. Das MK&G zeigt einen Querschnitt durch ihre Arbeiten, ergänzt durch neue Arbeiten zu seiner eigenen Sammlung. "Die Göttin, der ich als nächstes begegnete, weinte, ohne Augen und ohne Kopf", schreibt sie zu einer Isis-Fortuna aus der römischen Kaiserzeit in der Sammlung des MK&G, die nun die genannte Serie Home Outside of Home ergänzt: Die großformatigen digitalen Collagen zeigen die Statuen, auf ihren Sockeln, aber in eine Umgebung ägyptischer Ruinen versetzt. Handgeschriebene Kommentare an den Pilastern, die den Korridor im zweiten Obergeschoss des Museums gliedern, bringen die Statuen zum Sprechen. "Ohne ihren Arm, der einst das Ruder hielt, mit dem sie den Lauf des Lebens lenkte", heißt es da, "konnte keiner ihrer Zauber wirken, kein Schutz und kein Segen von ihr ausgehen."
Die fehlenden Einheimischen
Sallam hat an der Deutschen Universität Kairo Media Design, in London Fotojournalismus und Dokumentarfotografie und danach, in einem zweiten Masterstudiengang, Film- und Fotowissenschaften in Leiden studiert. Die Ausstellung, zustande gekommen im Kontext der 9. Triennale der Photographie, die in diesem Sommer das Ausstellungsgeschehen in Hamburg bestimmt hat, wirft nicht zuletzt auch einen kritischen Blick auf das fotografische Bild des alten Ägypten. Denn auch in der Foto-Sammlung des Museums ist Ägypten vertreten. Aufnahmen aus der Kolonialzeit zeigen die Pyramiden, die Sphinx und die Tempel in der Regel ganz ohne menschliche Akteure, so als sei das Land nach dem Ende der Pharaonenzeit unbewohnt zurückgeblieben.


Die Künstlerin begegnet dem auf verschiedene Weise. Sie hat Bilder ausgesucht, auf denen auch Menschen zu sehen sind: Frauen in viktorianischen Kleidern etwa, die mit Hilfe einheimischer Männer die mehr als meterhohen unteren Stufen der großen Pyramide erklimmen. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um britische Soldaten. Was auf den ersten Blick nach einem harmlosen touristischen Vergnügen aussieht, offenbart bei näherem Hinsehen ein Machtverhältnis: so im Fall der Sphinx, aber auch der Mohammed-Ali-Moschee, aufgenommen von den Brüdern Zangaki, oder einer Aufnahme vom Grab der Kalifen von Pascal Sébah. Denn auch die Fotografen, die im 19. Jahrhundert in Ägypten tätig waren, hat Sallam recherchiert. In der Serie Piercing the Architectural Frame, entstanden 2024 im Auftrag des Victoria and Albert Museum, collagiert sie dagegen Aufnahmen des Ingenieurs Keppel Archibald Cameron Creswell, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs die Baudenkmäler islamischer Zeit inventarisierte, mit historischen Aufnahmen der Massen, die gegen die britische Kolonialherrschaft rebellierten.
Trauer und Rituale
Sallam sucht nach der menschlichen Perspektive, nicht nur in den Fotos. Sie fragt nach der Geschichte hinter den Museumsstücken und was diese den Menschen in ihrem ursprünglichen Kontext bedeuteten. Eine unscheinbare Haarlocke, ausgestellt in einer Vitrine, hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Der preußische Generalleutnant Heinrich Menu von Minutoli hatte sie mit weiteren Ausgrabungen aus dem Pyramiden von Sakkara an Bord seines Frachters Gottfried nach Deutschland bringen wollen, der aber in der Elbmündung versank. Einiges wurde an Land gespült und dann versteigert, darunter besagte Haarlocke. Sallam fragt sich nun: Was, wenn das eine Locke meiner verstorbenen Großmutter wäre? "She could have never been made into property, never been sold at auction to the highest bidder, never been given a price, never been weighed in coin and greed", steht unter einer der dreidimensionalen Papier-Arbeiten in der Art von Pop-Up-Büchern, unten das Bild einer Auktion, oben eine heutige Stadtlandschaft, aus der die Silhouette der Künstlerin ausgestanzt ist.
Der Tod der Großmutter wird auch in anderen Arbeiten zum Vehikel, um der unpersönlichen, besitzgierigen Aneignung eine andere Perspektive entgegenzusetzen. "Um das Fehlen einer kollektiven Trauer um die alten Ägypter hervorzuheben", schreibt sie zu einer Fotocollage, in der sie ihren eigenen Körper im sommerlichen Kleid auf eine altägyptische Statue ohne Kopf projiziert, "stelle ich meine Großmutter in einer Reihe von Collage-Porträts als eine der Pharaoninnen dar und projiziere dabei meine persönliche Trauer um sie auf diese historischen Figuren." Ein Leporello stellt Aufnahmen aus dem Zimmer der Großmutter, das für die Familie nach und nach zu einem Erinnerungsort geworden ist, solchen gegenüber, die sie im Ägyptischen Museum in Kairo angefertigt hat, wo die Statuen, in Folie gehüllt auf Paletten auf eine neue Aufstellung warten.
Einen anderen Fall hat sie im Museo Egizio in Turin recherchiert. 730 Statuen der Göttin Sachmet soll es gegeben haben, hunderte von ihnen wurden im 19. Jahrhundert nach Europa verschleppt. Die erste brachte der Botaniker Vitaliano Donati 1759 nach Italien, 21 weitere gelangten 1824 durch den französischen Konsul Bernardino Drovetti nach Turin, wo sie sich heute im Museum befinden. Die Künstlerin zeigt, wie die Statuen – in Blau – von den Kolonisatoren – in Rot – aus ihren Gräbern gezogen werden. In einem Zweikanal-Video vollzieht sie im Museum eine Reinigungszeremonie nach altägyptischem Vorbild, während ein dritter Akt einen Trauerzug zeigt: Die Statuen, die sie nicht beerdigen kann, hat sie fotografiert und begräbt nun symbolisch die Fotos.
Lost in Translation
"Fürsorge" lautet ein zentraler Begriff der Ausstellung, im Titel wie im Katalog. Aber was ist damit gesagt? Offenbar handelt es sich um eine Übersetzung des englischen "care", das gerade aus Frauen-Perspektive auch eingedeutscht in Begriffen wie Care-Arbeit häufig dem egoistischen, materialistischen Wirtschaften entgegengesetzt wird. Dass es darum geht, zeigt eine der eindringlichsten Arbeiten der Ausstellung, I Prayed for the Resin Not to Melt, ein Video über Tutanchamun, in dem aber nur kurzzeitig das Bild des Schädels der Mumie eingeblendet wird, während die meiste Zeit nur eine Stimme zu hören ist. Es ist der junge Pharao, dem Sallam hier ihre Stimme leiht. Er beschreibt, wie ihm die Archäologen in ihrer Goldgier mit Gewalt die Maske vom Gesicht reißen, nachdem sie den Kopf vom Leib getrennt haben. Folgerichtig zeigt Sallam dazu eine Collage, in der sich acht Hände nach einer goldenen Statuette ausstrecken und diese vermessen, während auf einem Archivfoto aus dem Jahr 1981 lange Menschenschlangen vor dem Museum für Kunst und Gewerbe auf Einlass in die Tutanchamun-Ausstellung warten.
Wer sorgt hier für wen? Vielleicht wäre to care = kümmern die treffendere Übersetzung, steckt darin doch der Kummer, eine Dimension, die Sallam in ihren Arbeiten hervorhebt und der kalten Besitzgier entgegensetzt. Sicher ist, dass sie nach einem anderen Umgang mit den menschlichen Überresten sucht, die im Museum zu bloßen Gegenständen herabgewürdigt werden. So bedeckt sie etwa im Video zu Tutanchamun den Kopf der Mumie teilweise mit Gold, während sie in der Arbeit At Last, I Hold Your Gaze Fotos von Mumien mit Leinen bedeckt und sie stellvertretend im Sand vergräbt.

Sallams Arbeiten greifen die Diskussion um die koloniale Raubkunst auf, gehen aber noch einen Schritt weiter. Statt die Restitution nach Ägypten zu fordern, wo sie dann auch nicht anders behandelt würden als in europäischen Museen, macht sie die Unmenschlichkeit der Aneignung sichtbar, die sich wiederum mit Blicken, mit der Subjekt-Objekt-Beziehung und einer fehlenden Empathie verbindet. Aus den Mumien, den Grabbeigaben, dem Totenkult spricht, wie Sallam in ihrer Arbeit hervorhebt, der Wunsch, das Andenken des oder der Verstorbenen für alle Zeiten zu bewahren. Indem sie der Trauer Raum gibt, versucht sie die durch die koloniale Aneignung erzeugten Ungleichgewichte zu korrigieren: Während die antiken Relikte im Fall einer Restitution weiterhin den Status von Objekt und Besitz behalten, reagiert sie auf der emotionalen Ebene.
Nichts illustriert dies besser als die Arbeit, die zum Titelmotiv der Ausstellung geworden ist. Das Foto zeigt die Künstlerin von hinten in Farbe, mit ausgebreiteten Armen in einer Art Patchwork-Tunika, vor einem historischen Bild vom Eingang des MK&G in Schwarzweiß. Die ornamentalen Muster der Tunika stammen von Totenhemden nachchristlicher Zeit, die den bösen Blick abhalten sollten. Zerschnitten und an europäische Sammler verkauft, sind sie nun ironischer Weise den Blicken ausgesetzt. Sallam hat die Fragmente in der Sammlung des Museums fotografiert, auf Seide übertragen und auf das Leinengewand genäht. Der Titel sagt alles: Suturing the Wounds – die Wunden vernähen.
Das MK&G zeigt die Ausstellung bis zum 10. Januar 2027, https://www.mkg-hamburg.de
Christo and Jeanne-Claude: un|realized
The exhibition showcases for the first time in Germany unrealized projects by the artist duo. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, April 4 – June 28, 2026.
Liminality – Spaces in transition
Group exhibition at the Villingen-Schwenningen City Gallery featuring Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang and Lukas Zerbst.
Nach Elysium, erster Klasse
Im neuen Quartier Plateforme 10 in Lausanne kann das Museum Photo Elysée endlich seine Potenziale entfalten.