Theo Jansen, Animaris Rex, 2023. Foto: Steven Rodrigues.
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Kunst als Treiber nachhaltigen Wandels?

Das Socle du Monde Art Festival, die Triennale Beaufort und die Triennale Brügge unter veränderten Vorzeichen

Beinah zehn Jahre ist es her, dass die Vereinten Nationen 2015 das Ergebnisdokument „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedeten. Ein Dokument mit 17 Nachhaltigkeitszielen, für deren Erreichung zwangsläufig ein Umdenken auf nationaler wie internationaler, auf persönlicher wie institutioneller Ebene gefordert ist. Im Grunde bedeutet die Agenda 2030 den Abschied von unaufhörlichem Wirtschaftswachstum. Seitdem sind alle gesellschaftlichen Bereiche gleichermaßen sowohl angesprochen als auch herausgefordert. Das schließt auch die Kulturbranche ein. Aber kann Kunst tatsächlich als Treiber eines solch nachhaltigen Wandels fungieren?

DO IT yourself

Mit dieser Frage beschäftigen sich momentan gleich mehrere Kunst-Events. Da ist zum Beispiel das Socle du Monde Art Festival, das alle zwei Jahre an verschiedenen Orten in der dänischen Stadt Herning ausgetragen wird. Anlässlich der neunten Ausgabe kamen in diesem Jahr circa 70 Kunstschaffende, Architekt:innen, Designer:innen und Kurator:innen unter dem Leitthema „DO IT“ zusammen. Das Grundkonzept ist inspiriert von einer Ausstellungsreihe des Kurators Hans-Ulrich Obrist, die dem vor allem in sozialen Medien beliebten DIY-Trend entspricht. Obrist entwickelte das Format allerdings bereits 1993 im Gespräch mit den Künstlern Christian Boltanski und Bertrand Lavier. Zunächst als Experiment angelegt, testete Obrist, ob eine Ausstellung allein mit niedergeschriebenen Instruktionen möglich – und sogar flexibler sowie offener – sei. Anschließend entwickelte er eine fortlaufende Ausstellungsreihe, die bisher an mehr als fünfzig Orten überall auf der Welt stattfand. Die für Herning konzipierte Schau „DO IT yourself“ umfasst nun Texte von 21 Kunstschaffenden. Handlungsanweisungen wie „Whatever you do, do something else“ oder „DYT HVIS DU ER DANSKER“ finden sich im städtischen Außenraum sowie auf dem Gelände der Outdoor-Ausstellungsfläche Deep Forest Art Land und richten sich sowohl an Besuchende der Biennale als auch an die Einheimischen von Herning.

Upcycling

Die von Obrist kuratierte Ausstellung ist aber nur eine von vielen in der Stadt verteilten Präsentationen, die sich neben „DIY“ in die Sektionen „Upcycling“, „Travel“ und „Rewilding“ einordnen lassen. Fragile Skulpturen der in Korea geborenen Künstlerin Sui Park ziehen sich beispielsweise wie ein neonfarbenes Korallenriff über den weißen Untergrund im HEART (kurz für Herning Museum of Contemporary Art) und ballen sich zu biomorphen Formationen zusammen. Sie liegen auf dem Boden, schweben in der Luft oder wachsen von den Wänden in den Raum hinein – bilden gemäß dem Ausstellungstitel gemeinsam einen „Microcosm“. Fast sphärisch wirken die flexiblen Gebilde der in New York lebenden Künstlerin, muten wie vergrößerte Zellkörper oder Atome an. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die anmutigen Skulpturen jedoch als aus Kunststoff gefertigt, vornehmlich aus Kabelbindern, die als billiges und wenig langlebiges Material im kollektiven Denken verankert sind. Es ist nicht das erste Mal, dass Park massenproduzierte Industriematerialien verwendet, die sie zu organischen Strukturen umfunktioniert.

Die Außenseite des Museums schmückt zudem eine Arbeit des spanischen Kollektivs Basurama. „Consumption Linee_a tribute to Piero Manzoni“ ist als Hommage an den italienischen Konzeptkünstler gedacht, der gerne über unendliche Linien sinnierte und selbst zeitweise in Herning residierte. Das Kollektiv erkennt im ungezügelten Konsum ebenfalls eine unendliche Linie, die weder Zeit noch Distanzen zu messen vermag. Bezugnehmend auf die zivilisatorische virtuelle sowie physische Massenproduktion von Müll verwendet Basurama hier Styropor aus dem globalen Warentransport: Ein Material, das wertvollste Güter schützt, nach Erfüllung dieses Zwecks aber zumeist weggeworfen wird und vom lokalen RessourceCenter Vejle bezogen wurde. Auf und ab scheinen sich die Behältnisse zu bewegen, wenn man die weiße Linie an der Wand abschreitet. Sie könnten auch aufgereihte Architekturmodelle sein und entwickeln eine ganz eigene Ästhetik.

Ida Schrader, Deadlock, ACAD. Aus einer Gruppenausstellung – MFA Afgang. (Auf dem Foto sieht man auch eine Arbeit von Kaja Lahoda.) Foto: David Stjernholm.

Neue Möglichkeitsräume

Abseits der Metropolen lockt die Biennale ins mittlere Jütland. Auch wenn das international wenig bekannte Herning mit seiner Naturkulisse begeistern kann, weist die mittelgroße Stadt zusätzlich eine bewegte Geschichte auf. Denn sie wurde nach 1950 zu einem Zentrum der Textilindustrie. Zu dieser Zeit lud der Textilunternehmer Aage Damgaard (1917–1991) erstmalig verschiedene Kunstschaffende in seine Hemden-Fabrik am Stadtrand von Herning ein und begann, eine eigene Kunstsammlung aufzubauen. Mit der Schließung der Fabrik wandelte Damgaard diese in ein privates Museum um, das zwischen 2005 und 2009 nach Entwürfen des US-amerikanischen Architekten Steven Holl zu neuer Form gelangte.

Mit Kunst für die lokale Historie sensibilisieren, Menschen an weniger bekannte Orte führen – das ist auch das Anliegen gleich zweier zeitgleich stattfindender Triennalen in Belgien. Während früher Badeorte mit mondäner Architektur aufwarten konnten, finden sich an der belgischen Küste heute oftmals blockhafte Hotels und Ferienwohnungen. Sie werden im Sommer touristisch überlaufen, gleichen im Winter jedoch Geisterstädten. Außerdem müssen sich die Bewohner:innen der Küste auch hier auf die Folgen des Klimawandels einstellen. Die Triennale Beaufort führt unter dem Titel „Fabric of Life“ mit temporär sowie permanent installierten Skulpturen entlang der Küste durch gleich mehrere dieser Orte und knüpft dabei an deren spezifische Historie an. So erinnert beispielsweise Johan Cretens Bronzestatue „The Herring“ am Strand von Sint-André in Koksijde an den legendären Heringswinter 1942/43. Damals wurden so viele Fische an die belgische Küste gespült, dass sie sich mit bloßen Händen fangen ließen. Zugleich macht die Skulptur auf das Meer als erschöpfliche Ressourcenquelle aufmerksam.

Seit April lockt zudem die vierte Ausgabe der Triennale Brügge in die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt. Wie lässt sich trotz strenger Regularien nachhaltiger Wandel umsetzen? „Spaces of Possibility“ setzt bekannte sowie unbekannte Orte im Stadtgebiet neu in Szene. „Under the Carpet“
von Adrien Tirtiaux fördert zum Beispiel mittels grünem Rasenteppich und Spiegeln eine in Vergessenheit geratene Straße zutage, die einst das Sankt-Jans-Hospital mit der Minnewaterklinik verband. Die mehrheitlich begrünten Skulpturen und Architekturen machen versteckte Gärten zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich, schaffen neue Gemeinschaftsräume sowie Rückzugsorte, die teils auch nach der Triennale für die Bewohner:innen nutzbar bleiben sollen. Die Arbeiten liefern zwar keine endgültigen Lösungen, aber sie führen vor, wie selbst mittels behutsamer Eingriffe ein Stadtbild nachhaltig verändert werden kann.

Parscale Marthine-Tayou, Dreams in Giza, ACAA. 200 x 200 x 3,2 cm. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und Galleria Continua. Foto: Lorenzo Fiaschi.

Nachhaltigkeit im Kunstbetrieb

Die Beschäftigung mit Kunst als Treiber nachhaltigen Wandels in Inhalt wie Form ist aber nicht unbedingt ein neues Phänomen. Bereits Künstler wie Jean Tinguely, Arman oder Christo haben in den 1960er-Jahren gebrauchte Materialien in ihre Arbeiten inkludiert und somit aufgewertet. Ökologische Fragen waren zu dieser Zeit ähnlich präsent wie heute und führten zu bekannten Aktionen wie zum Beispiel zu dem 7000-Eichen-Projekt von Joseph Beuys bei der Kasseler documenta 1982. Die Biennale von Venedig im Jahr 1978 stand sogar unter dem Motto „Von der Natur zur Kunst, von der Kunst zur Natur“. Mit dem Neoliberalismus in den 1990er-Jahren und dem durch ihn verursachten massiven Aufschwung auch im Kunstmarkt gerieten Umweltfragen jedoch zunächst wieder in den Hintergrund. Heute beschäftigen sich mehr Künstler:innen denn je mit ökologischen Themen. An der Kieler Muthesius Kunsthochschule wird sogar an Materialien für nachhaltiges Arbeiten in der Kunst geforscht.

Ein Umdenken findet zudem institutionell statt. War der Begriff „klimagerechtes Museum“ vor zehn Jahren noch weitgehend unbekannt, ist er heute aus dem Museumsalltag kaum noch wegzudenken. Mittlerweile gibt es Kurator:innen für Ökologie wie zum Beispiel im Kölner Museum Ludwig und Museen schlüsseln ihre CO₂-Bilanzen öffentlichkeitswirksam auf. Immer mehr Museen beziehen Strom aus erneuerbaren Energien, reduzieren Kunsttransporte und Müll. Obwohl das „Grüne Museum“ noch nicht genau definiert ist, nimmt das Thema Nachhaltigkeit in allen Bereichen des Kunstbetriebs an Relevanz zu. So auch bei der Bonner Privatsammlerin Carolin Scharpff-Striebich, die seit 2004 die elterliche Sammlung von Rudolf und Ute Scharpff sowie ihre eigene Kollektion von Gegenwartskunst leitet. Inspiriert von Haley Mellin, Gründerin der lnitiative „Art to Acres“, versucht sie, die CO₂-Bilanz der beiden Sammlungen massiv zu verbessern. Die Maßnahmen zur Reduzierung des CO₂-Ausstoßes lassen sich dabei in vier große Bereiche aufteilen: Reisetätigkeit, Lagerung, Transport und Verpackung. So reist sie vornehmlich mit dem Zug, hat ihre Lager auf LED-Licht mit Bewegungsmeldern umgerüstet, setzt auf Sammelcontainer oder LKW-Beiladung zwecks Versand. Dazu bevorzugt sie langfristige Leihanfragen und setzt wiederverwendbare Transportkisten ein.

Sonja Strange, Still photo from the video artwork: Blodsten – (Blótet / The Ritual). Foto: Ulrik Dinesen.

„Socle du Monde“

Doch macht all das wirklich einen Unterschied? Noch immer zeichnet sich der Kunstbetrieb angesichts zahlreicher Biennalen, Triennalen und Messen rund um den Globus durch CO₂-intensive Transport- und Reisetätigkeit aus. Obwohl unmittelbar die Klimaanlage als besonders großer CO₂-Faktor bei Museen in den Sinn kommt, zeigt sich beispielsweise beim Blick in die Bilanz des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, dass entgegen dieser Annahme die An- und Abreise der Besucher:innen den Hauptfaktor darstellt. Auch die Realisation von Kunstwerken selbst kann sehr CO₂-intensiv ausfallen. So hat Olafur Eliassons anlässlich der Pariser Weltklimakonferenz 2015 platzierte „Ice Watch“ aus schmelzenden Eisblöcken mit insgesamt 30 Tonnen so viel CO₂ verbraucht wie der Hin- und Rückflug von 30 Menschen, die sich vor Ort in Grönland ein Bild von der Lage hätten machen können. Kann Kunst trotzdem als Treiber nachhaltigen Wandels funktionieren?

Im Herzstück der dänischen Biennale, dem HEART, findet sich auch der namensgebende Bronzekubus „Socle du Monde“ des Künstlers Piero Manzoni. Die Inschrift ist allerdings um 180 Grad gedreht, lässt sich also am besten auf dem Kopf stehend entziffern. Im Kopfstand aber scheint die ganze Welt plötzlich auf dem Sockel zu ruhen: ein Appell, die Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten – und genau das ist die große Qualität von Kunst. Sie erzählt Geschichten, vermittelt Emotionen und kann wissenschaftliche Erkenntnisse in intuitiv verständliche Bildsprache übersetzen. Kunst ist befähigt, wichtige Impulse zu setzen, eine Multiplikator-Funktion innezuhaben und so zur Erhaltung der Ökosysteme beizutragen.


Socle du Monde Art Festival 2024, „DO IT!“, Gesamtkonzept von Tijs Visser
Herning, Dänemark
24. Mai bis 24. November 2024


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