Walter Dahn, The House of Blues, 1995. Holz, Blei, Glas, Papier, Stein, 40 × 70 × 57 cm. Slg. Wilhelm Otto Nachf. Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Sprüth Magers. Foto: Annette Kradisch.
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Ein Ausstellungsort als Verstärker oder Karl Marx auf dem Fensterbrett

Walter Dahns letzte Ausstellung, Haus Mödrath, 20. Oktober 2024 bis 31. August 2025

Ein Sonntagmorgen im Mai. Der Himmel ist klar und unverschämt blau. Im Park von Haus Mödrath liefern sich Zaunkönig und Zilpzalp ein geräuschvolles Duell. Dass so ein Ort ausgerechnet hier liegt – südwestlich von Köln, nahe Kerpen, mitten in einer vom Braunkohleabbau geprägten Landschaft – überrascht. Rundherum riesige Gruben, Entwässerungskanäle, industrielle Spuren – und dann plötzlich dieses weiße Haus am Rand eines geschützten Parks. „Räume für Kunst“ nennt sich das Haus Mödrath. Ohne Sammlerpose, ohne Selbstdarstellung. Der Mann, der diesen Ort möglich macht, will anonym bleiben. Er hat Haus Mödrath 2014 gekauft, eröffnet hier seit 2017 einmal im Jahr eine Ausstellung – und bleibt dabei gern im Hintergrund. „Es geht doch nicht um mich“, sagt er, während er das alarmgesicherte Eisentor eine halbe Stunde früher als sonst öffnet, „es geht um die Kunst und die Künstler*innen – nicht um den Sammler“.

Die Kunst soll für sich stehen

Dass er Haus Mödrath gekauft hat, war eine glückliche Fügung. Alles begann mit einer Besichtigung – „mehr aus Neugier als aus Kaufabsicht“. Das Gebäude war in keinem guten Zustand. „Und doch: Ich war sofort fasziniert. Es war, als würde der Ort mir sagen: Hier geht etwas.“

Die Geschichte des Hauses spiegelt die Brüche des 20. Jahrhunderts: Einst ein Wöchnerinnenheim, in dem 1928 Karlheinz Stockhausen geboren wurde, dann in der NS-Zeit beschlagnahmt, später von einem rheinischen Bau- und Immobilienunternehmer erworben – dem sogenannten „Burgenkönig“, der seine Kinder mit Burgen beschenkte. Als das Geld ausging, musste er verkaufen.

Das Anwesen stand leer. Der Kauf sei „ein fast absurder Entschluss“ gewesen – ursprünglich suchte er nur ein neues Büro für seine Firma. „Als ich dann von Mödrath erfuhr, dem verschwundenen Ort, der dem Braunkohletagebau weichen musste, von der nahegelegenen Mühle, von Stockhausen – da wusste ich, das ist der richtige Ort für Kunst.“ Entstanden ist ein besonderer Ort, in dem sich Kunst, Geschichte und Natur begegnen können. „Manche Dinge entstehen nur, weil man sich der Konsequenzen nicht bewusst ist.“

Zwischen Weltflucht und Welthunger

Seit September 2024 ist Haus Mödrath dem Werk von Walter Dahn gewidmet – einem der prägenden Künstler der „Neuen Wilden“, die in den 1980ern mit expressiver Geste, politischer Energie und kultureller Referenzlust die deutsche Malerei neu belebten. Der Mann hinter Haus Mödrath kannte Dahn seit den 80ern, mit ihm begann er Kunst zu sammeln. Schon lange wollte er ihn ausstellen – nun wurde genau diese Ausstellung mit dem Zitat des Sonics-Hits „Have Love. Will Travel“ als Titel zu Dahns Vermächtnis: Der Künstler starb am 7. November 2024 überraschend, nur drei Wochen nach der Vernissage, im Alter von 70 Jahren.

Dahns Werk lässt sich nicht auf die Zeit der „Mülheimer Freiheit“ reduzieren, jener Gruppe von befreundeten Künstlern, die Anfang der 1980er ein Atelier in Köln teilte. Die Ausstellung setzt 1986 ein – als diese Zeit bereits Vergangenheit war. Dahn hatte 1984 in New York eine Begegnung mit einer Sammlerin, die ihm sagte, wie „schön“ er male. Doch das war genau das, was er gar nicht wollte. Er wollte in Opposition gegen vergeistigte Konzepte, gegen ästhetische Konventionen anmalen.

„Have Love Will Travel“ –Ausstellung als Vermächtnis

Auf drei Etagen entfaltet sich in „Have Love Will Travel“ ein Werk, das Eindeutigkeit unterläuft. Während andere seiner Generation in Vergessenheit gerieten oder stagnierten, erfand sich Dahn neu – das zeigt die Ausstellung eindrucksvoll.

In „Warum“ (1986), einem großen Werk im Eingangsbereich, begegnet einem der existentielle Ton, der trotz aller Ironie durch sein Werk zieht. Groß prangt das Wort „Warum“ über einer Szenerie zwischen Traum und Comic. Diese Geste – ein einzelnes Wort als Titel, Motiv, Frage – ist typisch für Dahn. Sie verbindet Sprachkritik mit Bildkritik.

Schräg gegenüber hängt ein Bild in Brauntönen: es zeigt zeichenhaft ein Tier – vielleicht geht es auf Beuys zurück, denn es erinnert an einen Hirsch. Dahn war 1971 als jüngster Schüler in die Beuys-Klasse aufgenommen worden – für ihn eine prägende Zeit.

Im ersten Stock, hoch in der Ecke, hängt so etwas wie das Manifestbild von Dahns Kunst. „Mein Malewitsch“ (1994): ein schwarzer Kreis mit weißem Punkt in der Mitte – eine Hommage an Malewitschs schwarzes Quadrat, und zugleich eine Ikonisierung der Vinylplatte als Symbol seines künstlerischen Referenzsystems.

Diedrich Diederichsen schreibt im Katalogbeitrag, dass Dahn mit Mitteln der Ergänzungsbedürftigkeit arbeite. Die Schallplatte sei nicht monumental, sondern auf Ergänzung durch Betrachtung, Aneignung, Erinnerung angewiesen. Genau das macht Dahns Kunst aus: ein Sammeln von Zeichen, ein Archäologisieren der Gegenwart und ein Aktivieren der Vergangenheit.

Musik als Haltung

Dahn war ein leidenschaftlicher Musikkenner. „Cash“ steht auf einem Bild von 1997, das „Johnny“ heißt. Auch „House of Blues“, ein 70 Zentimeter breites Haus aus Holz, Blei, Glas und Papier, entstand nach dem Cover eines Albums von John Lee Hooker – gebaut gemeinsam mit einem Schüler. Viele Motive tauchen immer wieder auf: Gitarren, kurze Schriftzüge, die an Mantras, Diederichsen nennt sie Aphorismen, erinnern, und nicht mehr und nicht weniger als Songzeilen sind: „Work hard, play hard“ oder „Let the Boy Become a Man“, aber auch Kinder, die Elefanten führen, Pilze, Kreuze, Totenköpfe. Ein anderes Werk, „I Forgot to Remember to Forget“, das mit Erinnerung und Nostalgie spielt, ist eine Leinwandarbeit, in der Dahn die gleichnamige Elvis-Songzeile mit verschiedenen Schriftzügen überkrakelt und kombiniert. Ein kleines Hufeisen-Symbol in einem Gemälde nimmt Bezug auf ein Album von Madonna. Die Verbindung von spirituellem Glückszeichen und popkulturellem Star ist typisch für Dahns Arbeitsweise: Er verschränkt Mythos und Medienwirklichkeit, Hochkultur und Alltagsikonografie.

Popkultur trifft Symbolik

Kinder führen oder reiten Elefanten, auch diese möglicherweise als Kolonialismuskritik deutbare Darstellungen kombiniert Dahn mit der Siebdrucktechnik Sigmar Polkes oder dekliniert sie in anderen Techniken durch. Varianten zeigen die Tiere, gezeichnet, gedruckt oder auch verwischt fotografiert.

Schon als junger Mann spielte Dahn in Bands, war mit Musikern befreundet. Dieser für ihn so wichtige Kontext ist nicht nur Thema, sondern Haltung, Material, Kosmos.

Dahns Kunst ist nie gefällig. Sie folgt keinem klassischen Kompositionsprinzip. Fotografien verfremdete er bewusst – doppelt belichtet, mit abgelaufenem Entwickler. Der Fehler wird zur Chance. Kein Hochglanz, kein dekoratives Bild. „Sein Credo war: keine Handschrift, keine Malerei – sich selbst zurücknehmen“, sagt der Mann hinter dem Projekt, dessen Idee es auch war, nach dem plötzlichen Tod Dahns seinen engsten Kreis von Schüler*innen einzuladen, je einen Monat eine kleine Ausstellung im Untergeschoss in Erinnerung an ihren Lehrer auszurichten. „Den Raum hat Dahn nicht bespielt“, sagt er, „so als hätte er ihn für diesen Zweck aufbewahrt“.

Erinnerung ohne Pathos

Skizzen, Collagen, bemalte Plattencover, Siebdrucke. Dahn denkt in Serien, aber jede Arbeit steht für sich. Man wandelt wie durch seine Plattensammlung oder sein Musikgedächtnis – jeder Raum ein neues Album. Dietrich Diederichsen nennt diese Arbeiten so treffend „Schnappschüsse des Erwischtwerdens“, die versuchen „den Strom der Lebendigkeit anzuhalten“. Es seien keine Monumente für die Songs und ihre Aufnahmen, sondern ein Versuch „dem Flüchtigen wie Gewaltigen gerecht zu werden“. Irgendetwas verfängt davon beim Betrachten, auch wenn sich der wirkliche semantische Kosmos dahinter nur erahnen lässt.

Auf dem Fensterbrett im Treppenhaus ganz oben steht ein kleines Gemälde, das Karl Marx zeigt, oder zitiert, oder ihm einfach nur einen schönen Ausblick beschert in diesen unfasslich schönen Park, der sich bei jedem neuen Blick aus dem Fenster von Haus Mödrath ergibt. Die „Räume für Kunst“ in dieser eigentlich kulturfeindlichen Umgebung einer vom Braunkohletagebau geschundenen Landschaft funktioniert wie ein Verstärker. „Wir versuchen nicht zu erklären, sondern einen Zustand zu ermöglichen“, sagt dazu bescheiden der Initiator, dessen Name keine Rolle spielen soll.


Walter Dahn, Have Love Will Travel, Haus Mödrath, Kerpen, 20. Oktober 2024 bis 31. August 2025.

The Sonics, Have Love Will Travel


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