Magie, bis das Land wüst wird
„The Nymphs Are Departed“: Iwajla Klinkes Fotografien im Diözesanmuseum Freising
Der Duft des Flieders liegt in Freising in der Karwoche schon in der Luft. Die Rispensträuße der Rosskastanie stehen vor ihrem Erblühen und der Blick vom Domberg aufs Tal fällt in ein erwachendes Frühjahr. Bei klarem Himmel sind die Alpengipfel in der Ferne zu sehen.
Mit diesem Frühjahrsanfang hat Iwajla Klinkes Ausstellung „The Nymphs Are Departed“ im Diözesanmuseum Freising begonnen. Zwischen zwei bodentiefen Fenstern hängt an der Stirnseite des Freisinger Saals, in dem das Museum Klinkes Bilder präsentiert, eine Fotografie, von der die Augen eines Jungen blicken, umhüllt von violettem Flieder, von weißer Kastanie, Farnkraut, purpurner Pfingstrose und Jasmin. Stille begleitet seinen Blick. Das Blüten- und Blätterkleid rahmt den Körper des Jungen, bildet eine Haube über dem Kopf. Eine quadratische Aussparung, die aus Stroh, Gehölz und Kordeln gefertigt worden ist, zeigt sein Gesicht in einem kleinen Ausschnitt. Seine Arme und Beine ragen aus den Gewächsen hervor, sind umhüllt von einem gelben Gewebe, ein Regenanzug?
„Hortus Conclusus II.“ (Bayern, 2023), so der Titel des Bildes, verweist wortwörtlich auf einen (in sich) geschlossenen Garten und in der Ikonografie auf die Mariensymbolik. Ferner ist die Verwandlung vom Menschen in eine Blume ein wiederkehrendes Motiv in der griechischen Mythologie. Die tatsächliche Geschichte aber, die mit Iwajla Klinkes Bildmotiv in Verbindung steht, bleibt ungreifbar wie die von ihr vor schwarzem Hintergrund porträtierte Figur. Dabei ist der von Blüten umrankte Körper des Jungen – ein „Pfingstler“, der als Bote des Frühsommers an Pfingsten in der bayrischen Gemeinde Egglham mit Wasser begossen wird – nicht etwa von Iwajla Klinke für ihre Aufnahme inszeniert worden: Er ist real, seiner Aktion, am Pfingstwochenende als Figuration der Fruchtbarkeit von Haus zu Haus zu laufen, für den Augenblick des Bildes entnommen, gebannt.


Vom Jungen zum Mädchen zum Pfingstkönig
Iwajla Klinke (geboren 1976) reist durch viele Länder, um Figuren wie diese für ihre großformatigen, oft lebensgroßen Fotografien zu finden. Sie fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Europa, Südamerika, Asien, sucht religiöse Feste, Prozessionen oder Wettkämpfe auf – und findet in diesen Zusammenhängen feierlich inszenierte Heranwachsende, zumeist Jungen, die sie porträtiert. So zum Beispiel einen Pfingstkönig in Tschechien, der nur dann als König gilt, wenn er sich durch Frauenkleider in ein Mädchen verwandelt und sich – mit Bändern, die das Gesicht bedecken – auf einem geschmückten Pferd öffentlich zeigt. Ihr Bild „The Nymphs Are Departed“ (Tschechien, 2021), dessen Titel auf das 1922 von T. S. Eliot verfasste Gedicht „The Waste Land“ (Das wüste Land) verweist und zugleich titelgebend für ihre Ausstellung wurde, zeigt einen solchen Pfingstkönig: in plissiertem Rock, mit geblümter Schürze und floral bedruckten Bändern verziert sitzt er aufrecht auf einem weißen Pferd, das mit verschiedenfarbigen Papierblumen geschmückt wurde. Pferd mit Reiter:in sind abermals umhüllt von einem schwarzen Hintergrund, doch die grasbedeckte Bodenfläche deutet an, dass Klinkes Fotografie nicht in einem Studio, sondern im Freien, das heißt im Zusammenhang einer Pfingstkönig-Prozession in Tschechien entstanden ist.
Iwajla Klinke interessiert sich für Praktiken des Übergangs, der Transformation von Körpern, ihrer Wandelbarkeit – nicht zuletzt für den Übergang von Entwicklungsstadien der Kindheit zum Erwachsenenleben und der äußeren Darstellung von Geschlechtlichkeit.
Klinke studierte zunächst Kunstgeschichte in Berlin, bevor sie als freie Autorin für verschiedene internationale Fernsehsender tätig wurde und Dokumentarfilme zu kulturellen Themen drehte. Hiervon ausgehend widmete sie sich der künstlerischen Fotografie und auf besondere Weise verschmilzt in den Kompositionen ihrer Fotografien ihr Wissen um die Porträtmalerei der Renaissance oder der niederländischen Alten Meister mit einem zielsicheren Auge für den Augenblick, den Henri Cartier-Bresson einmal mit dem „entscheidenden Augenblick“ in der (dokumentarischen) Fotografie bezeichnet hat. Die Figuren ihrer Bilder erscheinen frontal oder im Halbprofil, einer Lichtquelle, die in Klinkes Bildern stets aus Tageslicht besteht, seitlich zugewandt, sodass Licht und Schatten partiell ihre Gesichter sowie ihre Gewänder in Erscheinung treten lassen – oder aber im Dunkeln des sie umschließenden Raumes verschwinden. Dass Klinkes Bilder dadurch nur schwer ihren Entstehungszusammenhängen zuzuordnen sind, macht sie so magisch wie irritierend zugleich.
Klinkes Koffer mit Kamera und schwarzem Tuch
Mit einer Digitalkamera und einem Koffer mit einem schwarzen Tuch, das ihr bei allen Fotografien als Bildhintergrund dient, begibt sich Iwajla Klinke auf den Weg zu ihren Bildmotiven. Da Klinke sehr weite Wege zu den von ihr in den Blick genommenen Anlässen zurücklegt, die zum Teil nur an wenigen Tagen oder innerhalb weniger Stunden stattfinden, plant sie ihre Reisen genau: recherchiert im Internet, ruft in einer Bar oder in einem Verein an, macht Ansprechpartner:innen ausfindig, um von Abläufen vorab Kenntnis zu erlangen und das Bild mit den entsprechenden Protagonist:innen oder deren Angehörigen zu besprechen. Denn das Bild, das entsteht, ist stets an die Reise und den Ort des Ereignisses gekoppelt. Oftmals wartet Klinke mehrere Jahre auf die Realisierung einer Fotografie, denn ein Ereignis wie die Lausitzer Bescherkinder oder die Schweizer Silvesterklausen kann pro Jahr nur an einem Ort in den Blick genommen werden. Und auch dann stehen ihr nur wenige Minuten zur Umsetzung eines Bildes zur Verfügung, da sich der Moment des Bildmachens komprimiert auf die Situation: kurz vor dem Verlassen des Hauses, zu Beginn oder im Verlauf eines Handlungsablaufes. Mal dient Klinke ein Treppenaufgang als improvisierter Arbeitsraum, dann eine Mauer. Bei einem großformatigen Bild hatte sogar die gesamte Familie des Porträtierten auf dem Balkon gestanden und Klinkes schwarzes Tuch gespannt gehalten.
Zeiträume und Orte des Zusammenkommens, die mit Festlichkeiten, Feiertagen, Abschied oder Neubeginn in Verbindung stehen, bilden immer wieder den Rahmen ihrer Recherche. So insbesondere die Karwoche, während der Klinke den Passionsumzügen in Italien, auf den Philippinen oder in Mexiko beigewohnt hat. Ihr Anliegen ist dabei nicht, traditionelle Rituale zu dokumentieren, sondern eine persönliche Situation inmitten globaler (religiöser, mythischer oder kultureller) Praktiken abzubilden, die für die jeweils Porträtieren von tiefer emotionaler Bedeutung ist.


„Leonardo, Petaled Knights in Gemstones“ (Italien, 2019) zeigt einen Jungen, der zusammen mit seiner Familie und Freunden eine ganze Nacht lang ein Pferd mit Blüten bis zur Erschöpfung schmückte, um schlaflos am Folgetag als Reiter dieses Pferdes Teil eines Umzugs zu sein.
Klinke betrachtet die Einbindung von Jugendlichen in diese Feierlichkeiten und ihre Bedeutung für Jugendliche mit der Frage: Wie kann aus der individuellen Interpretation von überlieferten Praktiken persönliches Wachstum entstehen? Denn oftmals sind diese lebenden Bilder, die sie aufspürt, verbunden mit einem Moment der Verwandlung, einem Übertreten von einem Geschlecht ins andere und der damit verknüpften temporären Loslösung von tradierten Männlichkeitsbildern. Auch die unterschiedlichen und ungewöhnlichen Perspektiven, aus denen Männlichkeit in den von ihr vorgefundenen Situationen verhandelt wird, faszinieren Klinke, überträgt sie in ihre Fotografien. Ihre Bilder zeigen die Hingabe an einen von Normen entkoppelten, bedeutungsvollen Moment.
Ein Echo auf die Ikonen?
Zurück auf den Freisinger Domberg: Der karge Vorplatz des Doms St. Maria und St. Korbinian, der innen prunkvoll im Stil des Spätbarocks durch die Gebrüder Asam ausgestaltet ist, wirkt heute wie eine Aufnahme aus einem Pasolini-Film. In direkter Nähe, wo ursprünglich das Knabenseminar zur Förderung des Nachwuchses an Priesteramtskandidaten beherbergt war, wurde 1974 das Diözesanmuseum Freising gegründet, das 2022 nach einigen Jahren der Schließung und Sanierung wiedereröffnet wurde. Der offene Lichthof, der ein Schauen quer durch das Haus ermöglicht und auf diese Weise etwa byzantinische mit zeitgenössischer Kunst in Verbindung treten lässt, gibt Raum für unkonventionelle Setzungen – so auch im Rahmen der von Steffen Mensch kuratierten Ausstellung Iwajla Klinkes. Denn „The Nymphs Are Departed“ erstreckt sich über verschiedene Ebenen des Diözesanmuseums: Während die Präsentation im Freisinger Saal mit einer Ausstellungsarchitektur mit freistehenden Wänden und Podesten Klinkes Porträts zuweilen als Körper im Raum in Erscheinung treten lässt, wirken Klinkes Fotografien, die rund um einen der oberen Galeriegänge des offenen Lichthofs gehängt wurden, wie ein Echo auf die permanent im Haus gezeigte christliche Kunst, zu der sie durch die geöffnete Architektur mitunter sogar in Blickkontakt steht.
Porträts junger Männer mit Blütenwimpeln, Röcken und Kegeln zur Buße, die während der Karwoche auf den Philippinen entstanden sind und die Klinke in ihrer Reihe „Blutstern“ (Philippinen, 2024) zusammengebracht hat, treten in einen Bedeutungszusammenhang mit den Darstellungen der Passion Christi, wie sie aus den Priestersammlungen des Diözesanmuseums in der permanenten Ausstellung vielfältig gezeigt werden.
Klinkes „Paolo, Iberian Summer, Altar II./II.“ (Spanien, 2018) wiederum zeigt einen Jungen in Mariengewand mit Heiligenscheinkrone, der in Spanien als Sieger eines Wettbewerbs um den schönsten Gesang an Mariä Himmelfahrt als Madonna verehrt wird. Das in ein blau-weißes Gewand gehüllte Kind wirkt in Klinkes Fotografie durch starke Licht-Schatten-Partien plastisch, steht in einer gestalterischen Nähe zu mittelalterlichen Madonnenfiguren und hier insbesondere zum „Freisinger Lukasbild“ – jener byzantinischen Marienikone, der zugesprochen wird, um 1000 vom Evangelisten Lukas gemalt worden zu sein und die 1440 durch eine Bischofsschenkung in den Freisinger Dom gelangte. Im Diözesanmuseum ist sie an zentraler Stelle in einem frei einsehbaren Kabinett platziert, das von Klinkes Bildgalerie gesehen werden kann.


Die visuelle sowie inhaltliche Nähe zwischen Iwajla Klinkes Fotografien und den Sammlungsbeständen des Diözesanmuseums Freising, das als eines der größten religionsgeschichtlichen Museen der Welt gilt, erweist sich als äußerst sinnstiftender Impuls: Denn dadurch wird ein vergleichendes Betrachten angeregt zwischen den christlich-religiös motivierten Bildern, die einer Verehrung entsprungen sind, und Iwajla Klinkes Fotografien, die das Ikonenhafte durch das Abbilden eines vergänglichen Moments geradezu infrage stellen. Klinkes Bilder bannen Phänomene, die zwar in Kontexten des Besonderen stehen, doch die sich aus Alltäglichem entwickelt haben, mit Natur, aber auch mit zeitgenössischer Mode und Zierrat verknüpft sind – und doch von etwas Erhabenem, von einem Staunen umfangen werden. Eingebettet in eine Laufzeit von April bis August, in der sich eine Reihe der von Iwajla Klinke in den Blick genommenen Figuren einst in Zusammenhängen christlicher Festtage verwandelt haben, macht dies die Ausstellung „The Nymphs Are Departed“ im Diözesanmuseum Freising so stimmig wie reibungsvoll. Im Betrachten von Iwajla Klinkes Konvolut wird deutlich: Die Vielfalt, die ihre Motive abbilden, spiegelt ein Spektrum individueller Mythologien. Sie sind Teil unseres gegenwärtigen Lebens – so lang, wie wir ihrer Magie Raum zu existieren schenken.
„The Nymphs Are Departed“: Iwajla Klinkes Fotografien im Diözesanmuseum Freising, 1. April bis 17. August 2025
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