Sieht zwar so aus, ist aber kein "Ufo", sondern ursprünglich Station für den Wasserrettungsdienst, der von dort das Strandgeschehen bei Binz beobachtete. Irgendwann nach der Wende begann das Binzer Standesamt, hier Trauungen durchzuführen. Foto: Stephan Lucius Lemke.
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Fischbrötchen im Vorbeigehen

Eine Reise zu den Schalenbauten von Ulrich Müther auf Rügen.

Wer eine Wochenendreise lang den Schalenbauten von Ulrich Müther (1934-2007) auf Rügen folgen möchte, sollte Weile haben. Die Fahrt mit dem Zug über den Rügendamm ist bis zum Ostseebad Binz oder Sassnitz möglich. Doch trotz des ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs ist das Mieten eines Autos auf der Insel empfehlenswert, um mühelos die zum Teil abseits gelegenen Architekturen zu erreichen.

Charakteristisch für Müthers Entwürfe ist die „hyperbole Paraboloidschale“. Was wie ein Zungenbrecher klingt, ist nicht nur für Müthers Arbeiten, sondern baugeschichtlich für die Architektur des 20. Jahrhundert weltweit prägend. Dabei wohnt den Bauten, die der „Schalenbaumeister“ Ulrich Müther in den 1960er- und 1970er-Jahren vor allem auf der Insel Rügen geschaffen hat, eine schwebende Leichtigkeit inne. Für seine Entwürfe erlangte er weit über die DDR hinaus Aufmerksamkeit. Heute stehen sie vielfach als Teil der „Ostmoderne“ unter Denkmalschutz.

In Rügens Mitte: Das Bushäuschen in Buschvitz

Buschvitz liegt am Westufer des Kleinen Jasmunder Boddens auf einem Hügel und ist – nahe Bergen auf Rügen – der geografische Mittelpunkt der Insel. Selbst an einem Sommertag weht in dem Dorf mit Hanglage stets ein leicht zugiger Wind. So wundert es nicht, dass Ulrich Müther für Buschvitz 1974 eine Buswartehalle konzipiert hat, die der Form eines Taucherhelms gleicht: Denn nach einem Sturm im Jahr 1973 wurden die Bushaltestellen der Gemeinde zerstört und Müther erhielt den Auftrag für neue Wartehäuschen. Realisiert wurde dann in Buschvitz das auf der Dorfstraße 19 umgesetzte Exemplar, das dem damals jungen Architekten Dietrich Otto zuzuschreiben ist, der ab 1971 für Müther in Binz zu arbeiten begann. Gefertigt aus einer gekrümmten Spritzbetonschale wirkt das Wartehäuschen wie eine aus dem Untergrund auftauchende Glocke, versehen mit Fenstern, die ovalen Bullaugen gleichen. Doch der Blick beim Warten auf einen Bus (der am Wochenende nicht fährt), führt jetzt in der Sommerzeit auch nicht mehr in die Umgebung hinein, sondern in die das Häuschen umwuchernde Natur. Blattwerk von Büschen und Hecken drückt sich an die lukenartigen Fensterscheiben. Dadurch erhält die kleine (vier mal fünf Meter große und 2,6 Meter hohe) Wartehalle mit skulpturalem Charakter einen angenehm sinnbefreiten Aspekt, der an einem heißen Tag zum Verweilen in ihrer schattenspendenden Höhle und zum Abtauchen ins Innere einlädt.

Meer, Sand und Sterne: Das „Inselparadies“ in Baabe

Eine von Ulrich Müthers Perlen findet sich am Strand im Ostseebad Baabe auf dem südöstlich gelegenen Inselteil Mönchgut. Die Küstenkiefern der Baaber Heide verdichten sich hier zu einem Wald und Müthers Bauwerk scheint über den Dünen, dem heißen Sand und den Strandkörben zu schweben: Direkt aus dem Meer betrachtet erschließt sich das als Strandgaststätte konzipierte „Inselparadies“ vermutlich am stimmigsten. Ein Kioskbereich direkt an der Strandpromenade, darüberliegend die gläserne Architektur des Panoramarestaurants mit Meerblick, wo Gäste überwölbt von einer schirmartigen Decke sitzen, deren Lampen dem Sternenhimmel gleichen. In der Hitze des Sommers und aus der Ostsee blickend eine Fata Morgana? Aus der Nähe betrachtet: eine Oase. So muss das „Inselparadies“ bereits zu seiner Eröffnung 1966 gewirkt haben, denn es avancierte schnell zu einem Vorzeigeobjekt. Das Besondere an dem Bau ist zweifelsohne Müthers Innenraumdeckenkonstruktion: denn durch vier zu einer Schirmschale zusammengefügte Hyparflächen wirkt die Decke so, als versinke sie als eine homogene Fläche mittig im Boden. Insbesondere in der Dämmerung, wenn die regelmäßig angeordneten, minimalistischen Deckenlampen zu glimmen beginnen und der Blick auf die im Meer versinkende Sonne fällt, verschmelzen Innen und Außen. In der DDR befand sich hinter der verglasten Fassade das legendäre Restaurant „Milch-Mocca-Bar“. Nach einigen Jahren Leerstand und wechselnden gastronomischen Angeboten zieht jetzt im Juli mit dem „Mynt“ eine neue Café-Bar ein und belebt das „Inselparadies“ wieder.

Einige hundert Meter weiter nördlich, fast schon im Ostseebad Sellin, realisierte Müther 1977 zusammen mit Kurt Tauscher eine asymmetrisch geformte Schwimmbadüberdachung für das Zentralkomitee-Heim – dem im Auftrag von Erich Honecker errichteten Ferienheim, das dem mittleren Kader der SED zum Urlauben vorbehalten war. Seit einigen Jahren ist in dem Gebäude das „Cliff Hotel Rügen“ ansässig. Und Müthers aus Spritzbeton hergestellte Membranhängeschale, unter der einst die Parteielite schwamm, existiert im Spa- und Wellnessbereich noch immer.

Ufo zwischen Kartoffelrosen

Das Ostseebad Binz ist nicht nur das größte Seebad auf Rügen. Es ist auch der Ort, in dem Ulrich Müther 1934 geboren wurde und in dem er bis zu seinem Tod im Jahr 2007 als Bauingenieur tätig war. Müther führte sein Unternehmen zunächst in Selbstständigkeit, dann wurde es 1972 in einen volkseigenen Betrieb, den VEB Spezialbetonbau Rügen, umgewandelt. Durch die Ausrichtung auf Spezialbetonarbeiten nahm der Betrieb eine nahezu konkurrenzlose Sonderstellung in der DDR ein. Müther realisierte seine Hyparschalen durch Spritzbeton, indem er eine trockene Zement-Sand-Mischung noch direkt am Schlauch mit der nötigen Menge Wasser verband. Die Schalenkonstruktionen erzielten internationale Anerkennung, wirkten für die DDR als innovative Vorzeigeprojekte. Der „Schalenbaumeister“ prägte so das Erscheinungsbild des neuen sozialistischen Deutschlands der 1960er- und 1970er-Jahre. Noch während Deutschland geteilt war, realisierte er außerdem Bauten im Westen wie in Osnabrück, Wolfsburg und Fulda. Wenngleich die meisten seiner Bauvorhaben auf der Insel Rügen, im Gebiet der Hansestadt Rostock oder in Brandenburg umgesetzt worden sind, verlieh er seinen Entwürfen auch in Tripolis, Kuwait und Helsinki Gestalt.

Müther arbeitete zeitweise mit über 100 Beschäftigten. Gaststätten, Pavillons, Sporthallen und Kirchengebäude entstanden aus Betonschalen ebenso wie kleinere Bauten wie zum Beispiel die etwas irreführend bezeichnete „Buswartehalle“ (1967) am Hauptverkehrskreisel in Binz, die als Studienobjekt für größere segelartige Schalenbauten diente – und heute zwischen Plattenbausiedlung, Marken-Discounter, Souvenirladen, Fernverkehrsbussen und Straßenbeschilderung vollkommen unsichtbar wirkt.

Oftmals wohnt Ulrich Müthers Schalenbauten etwas Utopisches, Eskapistisches inne, wie den „Rettungsstationen der Strandwache 1 und 2“, die er – gleich dem Bushäuschen in Buschvitz – zusammen mit Dietrich Otto entwarf: 1975 bauten sie für den Wasserrettungsdienst des Roten Kreuzes der DDR an der Stelle der ehemaligen Seebrücke in Binz, die 1912 zusammenbrach, eine Rettungsstation, die in ihrer Gestalt einem Ufo gleicht. 1981 folgte die zweite Rettungsstation am Strandaufgang 6 in leicht verbesserter Konstruktion. Während die erste Rettungsstation aufgrund des Wiederaufbaus der Binzer Seebrücke 1993 abgerissen wurde, steht jene am Strandaufgang 6 noch immer. Das in duftende Kartoffelrosen gebettete „Ufo“, auch „Müther-Turm“ genannt, wirkt wie ein Objekt aus dem Märchen: Noch bis 2003 Rettungsschwimmerstation der DLRG, diente es zwischenzeitlich als Galerieraum und wird seit fast zwanzig Jahren vom Binzer Standesamt für Trauungen genutzt. Gelegen am Binzer Südstrand und in der Nähe zu den Hotels gehobener Klasse macht dies aus tourismuswirtschaftlicher Sicht vermutlich Sinn. Nacheinander schreiten Strandbesucher:innen die kleine Treppe zum weißen „Ufo“ hinauf und blicken ins Interieur der Architektur, die aus zwei doppelt gekrümmten Schalen zusammengesetzt ist und durch ihre Rundumverglasung die Sicht auf die brandenden Wellen freigibt. Ob ihnen auffällt, dass die Dekoartikel für die Trauzeremonie mit der reduzierten Ästhetik des „Ufos“ kollidieren?

Meeresrauschen: Die „Kurmuschel“ in Sassnitz

„Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen“, bemerkte Theodor Fontane 1894/95 in seinem Roman „Effi Briest“: Dieser Eindruck trifft beim Besuch der Hafenstadt auf bemerkenswerte Weise noch immer zu. Der Mischung aus Fischfabrik und Bäderarchitektur wohnt etwas Wildes inne, das wahrscheinlich mit der Nähe zur rauen Küste, ihren Steinstränden und dem angespülten Treibholz zusammenhängt. Auf der Halbinsel Jasmund gelegen, beginnt im nördlichen Teil von Sassnitz der Nationalpark mit seinen weißen Kreidefelsen und steilen Klippen. Am Ende der Strandpromenade und kurz vor Beginn des Wanderwegs hinauf zu den Kreidefelsen, die Caspar David Friedrich in seinen Malereien mehrfach aufgriff, findet sich Ulrich Müthers „Kurmuschel“, die er 1987 direkt an der Küste platzierte. Zusammen mit Dietmar Kuntzsch und Otto Patzelt als Musikpavillon konzipiert, ragt die muschelförmige Konstruktion vor dem Hintergrund des Meeres empor. Links und rechts wird die um einige Treppenstufen angehobene Freilichtbühne von zwei freistehenden (Lager-)Räumen flankiert, die Bullaugen tragen und wie von einem Ozeandampfer entnommen wirken. Der „Kurmuschel“ ist ein großer, aus quadratischen Steinplatten zusammengefügter Platz vorgelagert, aus dessen Fugen das herauswachsende Gras schon länger nicht mehr entfernt wurde, der aber – selbst wenn hier keine öffentlich-kulturelle Veranstaltung stattfindet – Passant:innen dazu einlädt, vor Müthers skulpturaler Kulisse zu verweilen. Die ursprünglich geplante Gesamtanlage wurde nie vollständig realisiert: So schiebt sich eine durch Witterung verkommene Pergola immer wieder in den Blick, sobald dieser von der cremefarben gestrichenen Spritzbetonschale der gigantischen Muschel auf ein vorbeifahrendes Schiff auf der Ostsee abgleitet.

Abendrot: Die „Ostseeperle“ in Glowe

Bereits 1968 konzipierte Ulrich Müther die Gaststätte „Ostseeperle“ für das Ostseebad Glowe an der nördlichen Küste der Insel. Baugleiche Häuser, die aus einer geschwungenen, angekippten Hyparschale und einer vollverglasten Front bestehen, realisierte Müther in Zusammenarbeit mit Hans-Otto Möller außerdem im Brandenburgischen Eberswalde und im Thüringischen Hohenfelden am Stausee. In Glowe an der Hauptstraße 42, direkt hinter dem Dünenstreifen gelegen, bietet die „Ostseeperle“ freien Blick aufs Meer.

Wie so viele Bauwerke Müthers mit der Wende vom Verfall bedroht, begannen an der „Ostseeperle“ in den 2000er-Jahren Sanierungsarbeiten durch Arne Knaak, die mit einem neu angegliederten Trakt in eine Hotelanlage mündeten. Ohnehin wurde Ulrich Müther in dieser Zeit von einer Vielzahl an Architekt:innen und Wissenschaftler:innen wiederentdeckt, erste Überblicksdarstellungen zu seinen Schalenbauten entstanden. Das 2006 gegründete Müther-Archiv der Hochschule Wismar bietet umfangreiches Material, in die Recherche um Ulrich Müthers Schaffen einzusteigen.

Wer sich zum Abendessen in der „Ostseeperle“ niederlässt, genießt den Blick auf Kap Arkona und damit auf die nördlichste Spitze Rügens. Mit etwas Glück strahlt nachts der 1828 von Karl Friedrich Schinkel erbaute Leuchtturm herüber.


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