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Passt er zum „Haus in Bewegung“?
Marcel van Eeden, ohne Titel (aus: Cat. 17.1.: Zürich), 2015. Nerostift auf Bütten. Sammlung Gerhard Theewen. © Marcel van Eeden.
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Passt er zum „Haus in Bewegung“?

Marcel van Eedens "Art Today" im Museum Morsbroich Leverkusen, 30. Juni bis 6. Oktober 2024

Seit seinem Amtsantritt als Museumsdirektor begreift Jörg van den Berg seine Aufgabe als kreative Herausforderung, formuliert innovative Ansätze für ein "gegnwärtiges Museum" und spricht von einem "Haus in Bewegung", das den Prozess seiner kontinuierlichen Transformation offen zur Schau stellt. Geplant war von Anfang an nicht bloß ein Kurswechsel im Ausstellungsprogramm, das bekanntermaßen mit jeder neuen Leitung andere kuratorische Schwerpunkte auferlegt bekommt, sondern eine komplett neue Ausrichtung der gesamten Anlage von Schloß Morsbroich. Der enthusiastische Aufruf zum Aufbruch, zur mutigen Aufhebung alter musealer Gewissheiten und Hierarchien sah – auch unter der demokratischen Einbeziehung von Bürgern – ein stetig organisch wachsendes und sich wandelndes Gefüge vor: das harmonische Zusammenspiel als "Ensemble Morsbroich". Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit den historischen Gegebenheiten vor Ort, den herrschaftlichen Gebäuden, dem Parkgelände, der Kunst im Depot. Dabei ist es bis heute wichtig, "unsere kuratorische Alleinherrschaft aufzugeben" und verschiedene Akteure an der kontinuierlichen Veränderung von Morsbroich mitwirken zu lassen. Die im weitesten Sinne gestalterischen Eingriffe werden in experimentellen Versuchsanordnungen, etwa im "Parklabyr" und der "Werkstatt" von Künstlern begleitet. Der "Proberaum" ermöglicht partizipatorisches Engagement der Leverkusener Bürger und verschiedener Bevölkerungsgruppen zur Einbringung relevanter gesellschaftlicher Themen wie etwa Inklusion oder Rassismus in die Kunstbetrachtung. Neue Perspektiven im Außenareal entstanden bereits durch umfassende Revitalisierungsmaßnahmen, die sensibel – und unter dem strengen Blick der Unteren Naturschutzbehörde – mit der Expertise von Landschaftsplanern, Ingenieuren, Gewässerspezialisten, Baumpflegern durchgeführt wurden und als "größter Eingriff in den Schlosspark seit 40 Jahren" für Schlagzeilen sorgten. Nicht nur die verschlammten Teiche und der Graben erhielten ihre Originalwassertiefe zurück, sondern auch das Gehölz wurde gelichtet und die zentrale Blickachse auf das Schloss wieder freigelegt. Ebenso breitet sich die architekturbezogene Malerei von Harald F. Müller nach und nach raumgreifend aus, macht neue Bezüge zwischen den einzelnen Gebäudeteilen sichtbar und erzeugt überraschende Raumeindrücke. Hochpigmentiert gefasste Flächen wirken strukturierend: Der Empfangsbereich im Erdgeschoss ist in Nickeltitangelb getaucht, während das Treppenhaus in kräftigem Zinnoberrot und Perlmuttschimmer wie ein atmosphärisch leuchtender Baldachin darüber schwebt. Links: Marcel van Eeden, Oswald Sollmann, Der Traum, 1957, 2014. Aquarell auf Bütten. Sammlung Gerhard Theewen. © Marcel van Eeden. Rechts: Marcel van Eeden, The Sollmann Trocadero 1916, 2012. Nerostift, Buntstift auf Bütten. Sammlung Gerhard Theewen. © Marcel van Eeden. Dynamische Kooperationen Langfristig angelegte Beziehungen zu Künstlern, aber auch Sammlern tragen dazu bei, dass aktuelle Ausstellungsformate synergetisch aus der produktiven Zusammenarbeit entstehen. So resultiert auch die jüngste Präsentation Marcel van Eeden. Art Today – Zeichnungen und Animationen aus der engen Kooperation mit dem Kölner Verleger und Herausgeber zahlreicher Künstler-Editionen Gerhard Theewen zustande. Sie stellt eine Auswahl von Zeichnungen der letzten 25 Jahre aus dessen Sammlung vor, ergänzt durch weitere Leihgaben und eine selten gezeigte Serie von Animationen, die der Künstler selbst beigesteuert hat. Vor dem Hintergrund der von Morsbroich umfänglich betriebenen Dynamisierung könnte nun angesichts einer solch monografischen Werkschau der Eindruck entstehen, dass hier ein Stillstand eingetreten ist. Denn die grafische Etage bietet ein klassisch konservatives Präsentationsformat mit vorwiegend gerahmten Papierarbeiten und einzelnen Gemälden. Aber nein, kein Widerspruch, meint Jörg van den Berg, sondern ein fluides Nebeneinander: "Wir sind nach wie vor in der Erprobungs- oder Entwicklungsphase und haben uns entschlossen, dass wir auch klassische Ausstellungsformate anbieten. Da das Haus eine Vielzahl an Räumen hat, können wir vieles gleichzeitig machen…" Allerdings entkräftet das in seiner Vielseitigkeit durch und durch bewegliche Werk van Eedens jegliche Kritik an einer möglicherweise veralteten, starren Präsentationsform. In der Betrachtung weicht hier die passive Rezeption einem aktiven Eintauchen in die geschaffenen Bildwelten, deren Irrungen und Wirrungen ein hohes Maß an gedanklicher Flexibilität voraussetzen. Marcel van Eeden, ohne Titel (aus: The Collection. Zurich 1958), 2015. Nerostift, Buntstift auf Bütten. Kunstsammlung der Zürcher Kantonalbank. © Marcel van Eeden. Zwischen Rekonstruktion und Interpretation Äußerst geist- und erfindungsreich bewegt sich nämlich der 1965 geborene Künstler durch historisches Bildmaterial, das er mit dem Zeichenstift genau erfasst und befragt, quasi unter die Lupe nimmt. Den Beginn dieser Zeitreise ermöglichen Vorlagen, die allesamt vor seinem Geburtsdatum veröffentlicht wurden: Postkarten, Fotografien aus Zeitschriften, Tageszeitungen, Bücher und Kataloge. Seit 1993 führt er in eigenem Auftrag eine Zeichnung pro Tag aus, seit 2004 fasst er die entstandenen Einzelblätter anschließend zu Serien zusammen. Mit einem beinahe detektivischen Gespür absorbiert er die dargebotenen Bestandteile der Bildvorlagen, um gleichsam hinter ihre sichtbare Oberfläche zu dringen und verborgene Inhalte aufzuspüren: „Wenn du ein… Foto nachzeichnest, bist du gewissermaßen in diesem Foto, dann spazierst du in ihm herum… Durch dein Bemühen, es so genau wie möglich zu studieren, … kommst du auch dem Moment sehr nahe, in dem dieses Foto aufgenommen wurde, Man hört die abgebildeten Menschen fast miteinander reden.“ (van Eeden) Mit den daraus resultierenden zeichnerischen Betrachtungen erzählt van Eeden Geschichten, die zwischen Rekonstruktionen und Interpretationen changieren. Raffiniert kombiniert van Eeden verifizierbare Fakten mit fiktionalen Elementen, unterläuft subtil die Grenzen zwischen einer authentischen Wiedergabe von Geschichte und freier, fantasievoller Erzählung. In diesem sich stets vielschichtig ausdehnenden zeichnerischen Kosmos werden immer wieder narrative Sequenzen und Charaktere eingefügt, Kontexte verschoben und überraschende Wendungen herbeigeführt, so dass der übergeordnete Plot zahlreiche Wege und Nebenwege einschlägt. Das Werk van Eedens lockt so auf (falsche) Fährten, es schlägt Haken, kokettiert mit Ausdrucksformen wie Film noir und graphic novel, zitiert Vaudeville und alte Stadtansichten. Die Serie Cat.17.1. ist Teil eines enzyklopädischen Projekts, in dem alle Kategorien zur Welterfassung angelegt sind. Den Anfang bilden drei seiner Wahlheimat Zürich gewidmete Folgen. Darin beleuchtet van Eeden Straßenszenen und Ausschnitte aus der Stadtgeschichte und wirft ein neues Licht auf prominente Protagonisten der dortigen Kunstszene – etwa auf die dunklen Machenschaften von Eduard van der Heydt, dessen teilweise auf kulturelles Raubgut zurückgehende Sammlung den Grundstock des Züricher Museums Rietberg bildet. Diese Vorgeschichte erscheint in The Collection schillernd ausgeschmückt als Gangsterstory à la pulp fiction mit illegalen Autorennen in Kambodscha, den Wesendoncks und dubiosen Aktivitäten im Museumskeller. Imagination und Information liegen dicht beisammen, so dass sich bei der Deutung des Dargestellten stets eine latente – durchaus anregende! – Verunsicherung einstellt. Kapriolen und Koteletts Überhaupt scheint die Beschäftigung mit Bildsprachen jeglicher Art, sowie mit den übermittelten Inhalten im Zentrum von van Eedens (mit fast wissenschaftlicher Akribie betriebenen) Interesse zu stehen. Während er die manipulative und suggestive Wirkung von Werbung, Comics, dokumentarischem Fotomaterial gleichermaßen erkundet, demontiert er mit subversivem Schalk und spielerischer Selbstironie bewährte Gewissheiten und Gewohnheiten, reflektiert auf amüsante Art auch die historische Abbildung von Kunststilen, Gattungen und Gruppierungen: Nicht nur die Einteilung unserer Welterfahrung in Wissenskategorien steht dabei auf dem Prüfstand seines revisionistischen Blicks, sondern auch die Glaubwürdigkeit allgemeiner, anerkannter (Kunst-)Geschichtsschreibung. Die leichten, bisweilen absurden Kapriolen der Bildgeschichten van Eedens spiegeln eine kritische Auseinandersetzung mit Weltwirklichkeit und Wissensvermittlung und eröffnen zugleich kreative Freiräume. Im Parcours begegnet man zahlreichen wechselvollen Sinnzusammenhängen und nicht zuletzt sind die Animationen in der Filmkammer mit zahlreichen akrobatischen Einlagen äußerst bewegt: Hier treffen van Eedens Alter Ego, tanzende Koteletts und rauchende Okkultisten aufeinander – kurzweilig und voller Witz.

Text: Bettina Haiss

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