Kiki Smith im Gespräch über ihre Ausstellung "Verwobene Welten" im Arp Museum Bahnhof Rolandseck.
Ein Besuch der Ausstellung Verwobene Welten von Kiki Smith im Arp Museum/Bahnhof Rolandseck ist wie eine Reise zu Alice ins Wunderland oder in das Schloss eines Renaissancefürsten. Acht meterhohe, schmucke Wandteppiche verwandeln die Ausstellungsräume im ersten Stock des von Richard Meier erweiterten ehemaligen Bahnhofs Rolandseck in aus der Zeit gefallene Prunkräume. Motten und Schmetterlinge haben sich darin eingenistet. Spinnen weben ihre Netze. Lebensgroße Adler, Eulen oder Wölfe schauen uns mit aufgerissenen Augen an. Inmitten dieser surreal anmutenden Kulisse steht Kiki Smith. 70 Jahre alt, freundlicher Blick, lange graue Haare, Flip-Flops. Obwohl sie erst vor wenigen Stunden aus New York angereist ist, gibt sie gut gelaunt Auskunft über ihre Arbeit. Müdigkeit kenne sie nicht, sie schlafe ohnehin wenig, sagt sie. Lange Zeit galt Smith als Ikone feministischer Kunst. In den 80er Jahren schuf sie provokante Zeichnungen und Skulpturen aus verschiedenen Materialien wie Glas, Porzellan, Papier, Ton oder Bronze, die Organe und Körperfragmente darstellen. Zeitgeschehen, Emanzipation und Aids waren ihre Themen. Zusammen mit Paul McCarthy und anderen Zeitgenossen galt die amerikanische Künstlerin Kiki Smith damals als Wegbereiterin der sogenannten "Abject Art", was auch mit Ekelkunst übersetzt werden kann. "Ich bin keine Weberin" Kiki Smith wurde 1954 in Nürnberg geboren, ihre Mutter war Opernsängerin, ihr Vater der berühmte Minimal-Pionier Tony Smith. Im Arp Museum Rolandseck sind nun in der Ausstellung Verwobene Welten neben Skulpturen, Grafiken und Zeichnungen auch acht ihrer insgesamt zwölf Tapisserien zu sehen. "Ich bin keine Weberin", sagt Smith. "Ich habe lebensgroße Zeichnungen angefertigt, die dann fotografiert, gescannt und an eine Jacquard-Webmaschine in Belgien geschickt wurden." Als das Arp Museum darum bat, ihre Wandteppiche auszustellen, lehnte sie ab. "Ich habe gesagt, dass ich das langweilig finde. Ich möchte Werke zeigen, die sich aufeinander beziehen. Meine Kunst funktioniert wie ein Repertoire-Theater. Ich verwende jedes Motiv mehrmals, es führt immer ein anderes Leben." Links: Kiki Smith, Sky, 2011. Farbstift, Blattgold und Tusche auf Nepalpapier. Foto: Ian Densford, courtesy Pace Gallery. Rechts: Kiki Smith, Sky, 2012. Jacquard-Tapisserie aus Baumwolle. Foto: Courtesy Magnolia Editions, Oakland, CA. Links: Kiki Smith, Spinners, 2014. Jacquard-Tapisserie aus Baumwolle, handbemalt, Blattgold. Foto: Courtesy Magnolia Editions, Oakland, CA. Mitte: Kiki Smith, Spinners (Detail), 2014. Rechts: Kiki Smith, Guide, 2012. Jacquard-Tapisserie aus Baumwolle. Foto: Courtesy Magnolia Editions, Oakland, CA. Im Gegensatz zu den Arbeiten der 80er Jahre, die oftmals explizit politische Themen verhandelten, wirkt die Ausstellung im Arp Museum überraschend dekorativ. Kiki Smith zeigt sich als Geschichtenerzählerin, die in ihren Werken auf die Bildwelten der Märchen, Mythen und Religion zurückgreift. Dabei springt sie zwischen den Medien hin und her, arbeitet genauso mit Skulpturen, Zeichnungen, Grafiken wie mit metergroßen Wandteppichen. Upstate Kiki Smith legt Fährten von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Seit sie nicht nur in East Village in New York City, sondern auch sehr viel Zeit in ihrem Landhaus 200 Kilometer Upstate verbringt, hat sich ihr Fokus verschoben. "Von dem Moment an, als ich in die Natur gezogen bin, war es interessanter, Truthähne zu beobachten", sagt sie und meint das durchaus ernst. Ihre großformatigen Textilien mit imaginierten Szenen aus Natur, Kosmologie, Zitaten aus Art Déco und der Hippiebewegung verweisen aber auch auf die Allegorien und Erzählungen traditioneller Tapisserien. Mit diesem erzählerischen Gepäck entstand 2011 ihr erster Wandteppich "Earth". Darin erscheint eine Art weiblicher Archetyp, eine Frauengestalt, die an Eva im Paradies zu erinnern scheint. Ein schmaler Grat zwischen Sünde und Verheißung. Doch die Schlange, so sagt es zumindest Kiki Smith, hat keinen biblischen Ursprung, sondern symbolisiert einen Regenbogen. Zahlreiche solcher scheinbar christlichen Motive ziehen sich wie ein roter Faden durch Smiths Arbeiten. Es ist ihre visuelle Kraft, die sie interessiert und die sie zum Teil verstärkt, wenn sie textile Strukturen nachträglich mit Glitter und Stiften bearbeitet, so dass ein unwirklicher Schimmer von ihnen ausgeht. "Eigentlich wollte ich alle Wandteppiche mit Lichteffekten zum Glänzen bringen. In gewisser Weise war das meine Auseinandersetzung mit dem Art Déco. Ich mag das Spektakuläre daran. Vielleicht kommt das auch daher, dass ich auch mal Filmemacherin werden wollte. Aber als ich New York verließ, interessierte mich das nicht mehr so sehr, und ich begann, Tiere darzustellen, die ich dort jeden Tag sah." Links: Kiki Smith, Eagle in the Pines, 2016. Bronze. Foto: Tom Barrat, Courtesy Pace Gallery. Rechts: Kiki Smith, Woman with Wolfe. Porzellan. Foto: Kerry Ryan McFate, Courtesy Pace Gallery. "Männer werden oft behandelt, als wären sie entbehrlich." Von einer durchaus zornigen Feministin scheint sich Smith im Laufe der Jahre zu einer eher versöhnlichen Heilerin aufgeschwungen zu haben. Ein weiteres überraschendes Motiv, das sie seit Ende der 90er Jahre durch unterschiedliche Werkformen dekliniert, ist der Wolf – als biblisches und auch mythisches Wesen. "Dort in der Zeichnung von 1999 bin ich selbst als Mischwesen aus Frau und Wolf zu sehen. Diese Bronzeskulptur zeigt Rotkäppchen, das aus dem aufgerissenen Bauch des toten Wolfes heraussteigt. Mir gefällt an Märchen, dass ein Mensch aus einem toten Tier herausgeschnitten werden kann. Es geht nicht darum, was es bedeutet, aus einem Wolf geboren zu sein. Ich wollte zeigen, was in der Fantasie eines Kindes vorgehen kann." Auch der Adler ist so ein Motiv, das Kiki Smith immer wieder variiert: In Bronze breitet er seine Schwingen aus oder kauert auf einem Felsen. Sein kühler Körper steht im Kontrast zu den warmen Farben der Wandteppiche. Seit sie 1976 das größte Meisterwerk der mittelalterlichen Teppichkunst mit seinen Szenen zur Apokalypse im Schloss von Angers anschaute, gingen ihr diese Eindrücke nicht mehr aus dem Kopf. Davon ließ sie sich leiten für einen ihrer eigenen Wandteppiche. In einer Zeichnung und einem Teppich mit dem Titel "Underground" scheint ein nackter Mann aus einem chaotischen Geflecht von Windungen, dunklem Rot und rankenden Zweigen zu fallen. Die gewundene Form seines Körpers erinnert an eine Pietà. "Männer sind wie das Schlachtvieh auf Erden. Männer werden oft behandelt, als wären sie entbehrlich. In Kriegen werden sie einfach abgeschlachtet. In der Insektenwelt ist es nicht anders. Männliche Exemplare werden oft genug nur zur Fortpflanzung gebraucht und dann getötet." Der Einfluss ihres Vaters Durch die digitale Produktionsweise erzielt Kiki Smith in ihrer Jacquardweberei eine überraschende Detailtreue. Immer wieder treffen abstrakte, fast ornamentale Formen auf kleinteilige, figurative Elemente wie Hasen, oder auch Insekten: Spinnen, Motten oder Schmetterlinge. In einem Wandteppich sind neben Tannen, Eulen und Bienen auch großflächige Zickzacklinien eingewebt. "Die Idee dazu stammt aus dem Wissen über das Werk meines Vaters, dem Minimal Art Künstler Tony Smith, dem ich früher bei der Produktion seiner Arbeiten geholfen habe. Mein Vater hat 1976 eine Skulptur namens 'Throwback' gemacht. Auch sie bildet eine Zickzackform. Eigentlich mochte ich die Arbeit nicht. Aber nach und nach wurde mir klar, dass die Hälfte von dem, was ich mache, auf den Einfluss meines Vaters zurückgeht." Das eine gehört zum anderen. Wenn man sich darauf einlässt, macht es Spaß, sich in den Fantasiewelten von Kiki Smith zu verlieren oder, wie die Künstlerin sagt, "die Wunder des Daseins zu betrachten". Ihr Plädoyer für einen bewussteren und schonenderen Umgang mit der Natur zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. "Ich denke, dass man das Leben wertschätzen sollte und dass unser Dasein mehr als nur ein Wunder ist. Kunst ist für mich ein Weg, besser acht zu geben. Denn es ist ein großer Segen, hier auf dieser Welt zu sein." Kiki Smith, Verwobene Welten Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Rolandseck 21. April bis 20. Oktober 2024 https://arpmuseum.org/