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„Die Situation ist schon lange ernst“
Florence Thurmes vor dem "Chemnitz Open Space", 27.11.2024. Foto: Susann Bargas Gomez.
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„Die Situation ist schon lange ernst“

Interview mit Florence Thurmes, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz.

Florence Thurmes ist seit fast einem Jahr Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, einer der größten kommunalen Kunstsammlungen in Deutschland. Die gebürtige Luxemburgerin mit beruflichen Stationen in Dortmund und Dresden trat ein anspruchsvolles Erbe in einer zweigeteilten Stadt an. Chemnitz wird nächstes Jahr Europäische Kulturhauptstadt und konnte in den letzten Jahren bereits durch Veranstaltungen wie die stadtweite Ausstellung "Gegenwarten" oder das Kunstfestival "Begehungen" glänzen. Auf der anderen Seite: Kaum eine andere Großstadt erlebt den Rechtsruck so bedrohlich. Der ehemalige Leiter der Kunstsammlungen, Frédéric Bußmann, wurde auf seinem Heimweg vom Museum von Neonazis verprügelt. Hinzu kommt: Der nationale Spardruck hat jüngst auch die Chemnitzer Stadtpolitik erfasst. Luise Wolf hat sich am 27. November mit Florence Thurmes in Chemnitz getroffen, um zu erfahren, wie die 43-Jährige mit den Herausforderungen umgeht. Luise Wolf: Frau Thurmes, was können wir vom Kulturhauptstadtjahr 2025 erwarten? Florence Thurmes: Wir freuen uns auf unsere Highlight-Ausstellungen "European Realities" im Frühling – anlässlich des europäischen Jahrhundertjubiläums der Neuen Sachlichkeit – und "Edvard Munch. Angst" im Sommer 2025. Unsere Auftaktausstellung gilt aber dem Architekten und Designer Henry van der Velde, er war ein europäischer Netzwerker. Ihn kennt man eher unter dem Aspekt Jugendstil. Wir konzentrieren uns hier aber auf seine Textilgestaltung und Möbeldesigns und zeigen, dass er vom Arts and Crafts Movement beeinflusst war und in Weimar die Grundlagen für das Bauhaus gelegt hat. Er entwarf auch die hiesige Villa Esche und schlug dem gleichnamigen Industriellen vor, Edvard Munch nach Chemnitz einzuladen – und der kam. Links: Wolfgang Mattheuer, Ausbruch, 1988. Gouache, Tusche auf Karton, 69,8 x 84,8 cm, Kunstsammlungen Chemnitz. © VG Bild-Kunst, Bonn 2010. Foto: László Tóth, Chemnitz. Mitte: Sonderausstellung "Reform of Life. & Henry van de Velde mittendrin" in den Kunstsammlungen am Theaterplatz in Chemnitz. Im Vordergrund: Henry van de Velde, Keksdose, 1903. Silber, getrieben, punziert, Kunstsammlungen Chemnitz. Foto: Susann Bargas Gomez. Rechts: Das Carlfriedrich Claus-Archiv der Kunstsammlungen Chemnitz. Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/Alexander Meyer. Luise Wolf: Sie sagten jüngst gegenüber der regionalen Presse, "Ein 'Schrei' wäre für Chemnitz gut". Sind Sie optimistisch, dass das klappt? Florence Thurmes: Ja. Die drei Gemälde in Oslo werden ja nicht mehr verliehen, weil zwei davon gestohlen worden sind. Aber es gibt noch verschiedene Auflagen von Grafiken dieses Motivs. Jedoch dauert das, denn wir müssen ja eine nach der anderen anfragen. Luise Wolf: Sie haben noch einen anderen Fokus für die Ausstellung "Angst", oder nicht? Nämlich "Die Einsamen". Florence Thurmes: Ein wunderbarer Glücksfall, dass uns das gelungen ist, ja. Der erste Direktor der Kunstsammlungen, Friedrich Schreiber-Weigand, kaufte das Gemälde damals für das Chemnitzer Museum an. Es musste jedoch während der NS-Zeit nach Norwegen verkauft werden und gelangte schließlich in die USA. Es fiel damals nicht unter die Beschlagnahmung der "entarteten Kunst", aber es passte nicht in die nationalsozialistische Ideologie. Jetzt, nach 90 Jahren, wird es zum ersten Mal wieder in Chemnitz, beziehungsweise Deutschland oder – man könnte sogar sagen – Europa gezeigt. Luise Wolf: Wir waren heute – vor unserem Gespräch hier in den Kunstsammlungen am Theaterplatz – zu Besuch im Chemnitz Open Space, einem temporären Raum der Kunstsammlungen. Welchen Auftrag hat dieser Ort? Florence Thurmes: Der Open Space wurde 2018 ins Leben gerufen; eine Zeit, die für Chemnitz schwierig war mit den großen Aufmärschen von Rechtspopulisten und Neonazis. Der Raum wurde auf Initiative meines Vorgängers hin für die Stadtgesellschaft gegründet. Jede und jeder kann hier anfragen eine Ausstellung oder Veranstaltung zu machen, das funktioniert losgelöst vom künstlerischen Programm der Sammlungen. Nur nächstes Jahr wollen wir dort eben auch etwas zum Thema Angst im Zuge von "Edvard Munch" zeigen. Florence Thurmes (im linken Bild links) im Gespräch mit Luise Wolf, Chemnitz, 27.11.2025. Fotos: Susann Bargas Gomez. Luise Wolf: Was macht die Kunstsammlungen Chemnitz aus im Unterschied zu westdeutschen Sammlungen? Florence Thurmes: Wenn man auf die Zeit nach 1945 schaut, findet man massive Unterschiede was Künstler:innen aus der DDR anbelangt. Da hinkt der Westen hinterher – wenn ich das so sagen darf. Wir beherbergen hier zum Beispiel das Archiv des Avantgarde-Künstlers Carlfriedrich Claus oder den Nachlass des Gestalters Karl Clauss Dietel. Wir haben hier Clara Mosch, die Künstlergruppe, die seit den 1970er Jahren aktiv war oder den gesamten grafischen Bestand des Malers, Grafikers und Bildhauers Wolfgang Mattheuer. Wir müssen unsererseits natürlich auch daran arbeiten, diese Künstler:innen im Westen von Deutschland und international bekannter zu machen. Nach dem Kulturhauptstadtjahr 2025 wollen wir Ausstellungen konzipieren, die wandern können. Was die finanziellen Aspekte anbelangt, gibt es auch strukturelle Unterschiede zwischen den Museen. Weniger als zehn Prozent der Stiftungen befinden sich in Ostdeutschland. Unter den DAX-Konzernen hat kein Unternehmen seine Zentrale hier. Es gibt also sehr markante Unterschiede, und die merkt man auch im Museum. Auch was das Personelle angeht. Luise Wolf: Ihr Vorgänger, Frédéric Bußmann, sagte der Sächsischen Zeitung gegenüber nach seinem Weggang im August 2023: "Das Team arbeitet bis zur Erschöpfung, wir bräuchten doppelt so viele Mitarbeiterinnen." Ich gehe davon aus, dass sich die Situation nicht verbessert hat. Florence Thurmes: Was das Personelle angeht, sind wir nicht breit aufgestellt. Wir müssen alle eine intensive Zeit auf uns nehmen, dadurch dass die Kulturhauptstadt vor der Tür steht. Ab 2026 müssen wir dann überlegen, wie wir dem Defizit entgegenwirken können, etwa durch verlängerte Ausstellungslaufzeiten. Luise Wolf: Seit den Gemeinderatswahlen am 9. Juni dieses Jahres fallen 18 von 59 Sitzen im Stadtparlament rechtsextremen Parteimitgliedern aus AfD und Pro Chemnitz bzw. Freien Sachsen zu. Gibt es Sorgen, wie sich das auf die Kulturpolitik auswirken könnte? Florence Thurmes: Wir befinden uns auf jeden Fall schon jetzt in einer finanziell schwierigen Lage. Luise Wolf: 2020 hat eine Ausstellung zur Antifa vom Peng!-Kollektiv für viel Aufsehen gesorgt. Wäre eine Antifa-Ausstellung heute nochmal möglich? Florence Thurmes: Wir leben aktuell in einer Zeit, in der die Kunst sehr aktivistisch ist und in der es schwierig ist, Künstler:innen und Werk voneinander zu trennen. Gleichzeitig müssen alle Museen noch stärker darüber nachdenken, wen sie ausstellen und warum sie diese Position ausstellen. Ich habe aber generell eher andere Themen als meine Vorgänger. Klassismus ist zum Beispiel ein wichtiges Thema für mich und für Chemnitz. Es wurde hier bisher sehr wenig bearbeitet, obwohl Chemnitz eine Stadt der Arbeiter:innen war. Und auch weibliche Perspektiven möchte ich epochenübergreifend zeigen und damit einen Kontrast zu patriarchalen Strukturen setzen. Luise Wolf: Bußmann sprach der Sächsischen Zeitung gegenüber auch über die Aufgabe der Museen, einen Dialog zu stiften. Anfangs habe er noch geglaubt, dass es eine Bereitschaft dazu gebe, dass man reden müsse, aber dann sagte er, "nach fünf Jahren frage ich mich, wer eigentlich mit wem reden will." Können Sie seine Aussage verstehen? Florence Thurmes: Diese Frage müssen wir uns alle heute stellen; wie weit geht der Dialog und wo müssen wir ihn unterbrechen und wollen wir das? Denn, wenn wir es machen, dann geben wir die Hoffnung auf. Dass wir den Diskurs mit Rechtsextremen – und ich sage auch immer dazu, mit Linksextremen – im Museum nicht führen, ist klar, denn da geraten wir in die Illegalität. Aber dazwischen ist ein weites Spektrum. Ich glaube, man sollte die Kommunikationskanäle so lange wie möglich offenhalten. Man muss sich dazu immer wieder selbst motivieren und diese Bereitschaft in sich finden. Es ist aber wichtig, dass Museen weiterhin eine Plattform für eine große Bandbreite der Stadt- und Landgesellschaft bieten. Wir haben als Bildungseinrichtungen einen Vertrauensvorschuss in der Gesellschaft und den dürfen wir nicht verspielen. Es ist wichtig, dass Museen verschiedene Seiten beleuchten und die Menschen so ins Gespräch miteinander bringen. Luise Wolf: Frédéric Bußmann war jemand, der Haltung zeigte. Er wurde mit einem Ehrenpreis für sein bürgerschaftliches Engagement ausgezeichnet. Aber die Situation ist jetzt sehr ernst. Florence Thurmes: Die Situation ist schon lange ernst. Als ich in Dresden gearbeitet habe, war sie auch schon sehr ernst. Dort stand und steht man noch stärker unter dem politischen Brennglas als hier. [Anm. d. Red.: Florence Thurmes war von 2016 bis 2022 Leiterin der Abteilung Programm der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Von 2014 bis Oktober dieses Jahres fanden in Dresden die extremistischen Pegida-Demonstrationen statt.] Luise Wolf: Bußmann sagte auch, dass von den Organisatoren der Kulturhauptstadt "definitiv zu wenig gemacht wurde in Hinblick auf die rechten Strukturen hier in der Stadt." Wie sehen Sie das? Florence Thurmes: Das ist eine schwierige Frage, denn man kann mit der Kunst und Kultur nicht die Arbeit der Politik und Polizei lösen. Inhaltlich gibt es von der Kulturhauptstadt verschiedene Stränge, z.B. das "Capacity Building", wo man sich mit genau diesen Themen auseinandersetzt. Ich erlebe seit einem Jahr, dass die Stadt und Organisatoren bei diesen Themen sehr bemüht und engagiert sind. Ich glaube aber, das erwähnte Zitat ist kein Fazit für das, was Bußmann hier bewirkt hat. Luise Wolf: Bußmann sprach auf seinem Heimweg vom Museum durch den Konkordiapark eine Gruppe von fünf Jugendlichen an, die "Sieg Heil!" riefen und den Hitlergruß machten. Daraufhin verprügelten und traten sie Bußmann, der flüchten konnte. Das ist natürlich ein Ereignis, das man bei Ihrer Position mitdenkt. Florence Thurmes: Nein, eigentlich gar nicht. Denn das ist ihm ja nicht in dieser Position passiert, sondern als Zivilperson. Er ist nicht geschlagen worden, weil er Direktor der Kunstsammlungen war, sondern weil er Zivilcourage bewiesen hat – und das muss man ihm wirklich hoch anrechnen. Aber ich projiziere dieses Ereignis nicht auf meine Position. Ich habe mich natürlich damit auseinandergesetzt, gerade auch unter dem Aspekt; ich als Frau, würde ich abends durch den Park gehen? Luise Wolf: Würden Sie? Florence Thurmes: Nein. Luise Wolf: Wegen den Rechten oder wegen den Männern im Allgemeinen? Florence Thurmes: Im Allgemeinen. Und das nicht nur in Chemnitz, sondern in zahlreichen Städten und Ländern. Luise Wolf: Ja, ich auch nicht. Insofern verstehe ich Sie natürlich. Florence Thurmes: Man hat als Frau gelernt, anders durch eine Stadt zu gehen. Luise Wolf: Wo bemerken Sie die patriarchalen Strukturen in dieser Stadt noch, die Sie vorhin bereits ansprachen? Florence Thurmes: Im historischen Programm des Museums und in der Geschichte der Stadt bemerke ich sie sehr stark, auch im Programm des Kulturhauptstadtjahres. Man hätte auch Marianne Brandt oder andere Künstlerinnen ausstellen können. Die weiblichen Positionen sind in unseren Museen stark unterrepräsentiert. Der Anteil liegt – ähnlich wie in ganz Deutschland – immer nur bei 10 bis 15 Prozent. Parallel geht der Ankaufsetat der Kunstsammlungen im Rahmen der Sparpolitik gegen Null. Das heißt, dass wir keinen realistischen Querschnitt einer bestimmten künstlerischen Epoche erzeugen können. Und das ist die Situation allein bezüglich der Frauen und Männer, da sprechen wir noch nicht einmal von non-binären Positionen. Luise Wolf: Was erwarten Sie sich von der Politik der nächsten Jahre? Florence Thurmes: Ich wünsche mir, dass die Politik nicht nur auf die Pflichtaufgaben schaut – Jugend und Soziales sind ohne Zweifel am wichtigsten, aber die Kultur muss als Ort sozialen Austauschs und außerschulischer Lernort anerkannt sein, als Ort, wo man Menschen etwas Positives bieten kann. Ein gutes Beispiel hierfür ist: In Kanada werden Menschen mit Long Covid oder Burnout Museumsbesuche als Teil der Therapie verschrieben. Ich hoffe, die Politik wertschätzt die partizipatorische Leistung von Museen und kämpft dafür, dass sie weitergeführt werden kann. Luise Wolf: Gibt es die Sorge, dass es Zensur in der Kunst geben könnte? Florence Thurmes: Die Sorge gibt es immer. Wenn man nach Ungarn oder Polen vor der letzten Wahl schaut – da wurden Werke von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, die unbequem waren, ins Depot gestellt und gar nicht mehr gezeigt. Das kann immer passieren. Aber wir müssen dagegen ankämpfen. Zu den Kunstsammlungen Chemnitz

Text: Luise Wolf

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