{"id":13882,"date":"2026-08-21T11:30:31","date_gmt":"2026-08-21T09:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=13882"},"modified":"2026-09-20T12:07:41","modified_gmt":"2026-09-20T10:07:41","slug":"fuer-mich-gibt-es-nicht-nur-einen-star","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/08\/21\/fuer-mich-gibt-es-nicht-nur-einen-star\/","title":{"rendered":"&#8222;F\u00fcr mich gibt es nicht nur einen Star&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber Petra G\u00f6llnitz und die Ausstellung <em>Ihr denkt, wir waren anders \u2013 Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989<\/em> im Kunstmuseum Ahrenshoop.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei M\u00e4nner stehen sich im Jahr 1972 vor dem &#8222;Tr\u00e4nenpalast&#8220; in Ostberlin gegen\u00fcber: Sie sehen einander \u00e4hnlich, tragen dunkle H\u00fcte, Brillen, M\u00e4ntel aus gr\u00e4ulichem Gewebe. Der eine legt seinen Arm \u00fcber die Schulter des anderen, jener seine Hand an die Wange des ihm Begegnenden. Sie schauen sich in die Augen, lesen in ihren Gesichtern. Es sind Br\u00fcder, die sich Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer erstmals am Grenz\u00fcbergang vom Bahnhof Friedrichstra\u00dfe wiedersehen. Denn erst 1972 durften Westberliner durch die Besuchererlaubnis nach Ostberlin einreisen. Der ber\u00fchrende Moment des Wiedersehens der getrennten Br\u00fcder wurde von dem Fotografen Thomas Hoepker (1936\u20132024) festgehalten, der zu dieser Zeit f\u00fcr das Wochenmagazin <em>Stern<\/em> arbeitete und zeitweise in Ostberlin als Korrespondent lebte. Hoepker ist einer der wenigen zwischen West und Ost wandelnden Fotografen, von dem Petra G\u00f6llnitz ein Bild f\u00fcr die Ausstellung <em>Ihr denkt, wir waren anders \u2013 Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989<\/em> ausgew\u00e4hlt hat. Mehr als zwei Jahre arbeitete die ehemalige Bildredakteurin an dieser Schau, die mit rund 200 Aufnahmen von Fotograf:innen aus Ost und West erstmals das allt\u00e4gliche Sein in DDR und BRD aus dem jeweiligen Land heraus in den Blick nimmt und zusammenf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"665\" height=\"1024\" data-id=\"13893\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/05b_Gruenke_HandstandOstseestrand_1957-ausschnitt-665x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13893\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/05b_Gruenke_HandstandOstseestrand_1957-ausschnitt-665x1024.jpg 665w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/05b_Gruenke_HandstandOstseestrand_1957-ausschnitt-195x300.jpg 195w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/05b_Gruenke_HandstandOstseestrand_1957-ausschnitt-768x1182.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/05b_Gruenke_HandstandOstseestrand_1957-ausschnitt-998x1536.jpg 998w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/05b_Gruenke_HandstandOstseestrand_1957-ausschnitt-1331x2048.jpg 1331w\" sizes=\"(max-width: 665px) 100vw, 665px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Wolf Gr\u00fcnke, Handstand am Ostseestrand, 1957, Binz<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von der Idee, DDR-Fotografie zu vertreten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Diese Ausstellung ist jetzt m\u00f6glich, weil ich die Zeit habe, meine eigenen fotografischen Geschichten zu erz\u00e4hlen \u2013 und nicht mehr abends ersch\u00f6pft aus der Redaktion komme&#8220;, sagt Petra G\u00f6llnitz, w\u00e4hrend wir die Schau im Kunstmuseum Ahrenshoop gemeinsam betrachten. Bereits mit der Ausstellung <em>Der gro\u00dfe Schwof \u2013 Feste feiern im Osten<\/em>, die 2023 in der Kunstsammlung Jena, 2024 im Brandenburgischen Landesmuseum f\u00fcr moderne Kunst, in der Kunsthalle Rostock sowie 2025 in der Kunstsammlung Neubrandenburg gezeigt wurde, erzielte sie beachtliche Erfolge. Ihre Kenntnis der Fotografie in Ost und West ist aufs Engste verwoben mit ihrer Biografie. Denn die in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, geborene Petra G\u00f6llnitz wuchs mit der Szene-Fotografie der DDR auf und begleitete die Bildgeschichte des wiedervereinten Deutschlands. Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften begann Petra G\u00f6llnitz, als Veranstalterin eines Jugendklubs zu arbeiten. In dieser Zeit organisierte sie etwa in dem von Ulrich M\u00fcther erbauten &#8222;Ahornblatt&#8220; in Berlin-Mitte Gro\u00dfdiskos. Als Leiterin des Klubs des Verbandes Bildender K\u00fcnstler im Berliner Bezirk Pankow realisierte sie zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen, setzte sich mit der Moderne und internationaler Kunst auseinander. &#8222;Das hat schon ausgereicht, um in mir &#8218;das Feindbild&#8216; zu erkennen&#8220;, bemerkt Petra G\u00f6llnitz, die daraufhin &#8222;kaltgestellt&#8220; wurde und keine Festanstellungen mehr erhielt. F\u00fcr einen Moment h\u00e4lt sie inne und erg\u00e4nzt: &#8222;Ein Gl\u00fccksfall, wie sich sp\u00e4ter herausstellte. Denn so lernte ich, freiberuflich zu arbeiten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"775\" height=\"1024\" data-id=\"13898\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07a_Lebeck_MS-Hanseatic_1960-775x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13898\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07a_Lebeck_MS-Hanseatic_1960-775x1024.jpg 775w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07a_Lebeck_MS-Hanseatic_1960-227x300.jpg 227w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07a_Lebeck_MS-Hanseatic_1960-768x1015.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07a_Lebeck_MS-Hanseatic_1960-1162x1536.jpg 1162w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07a_Lebeck_MS-Hanseatic_1960-1550x2048.jpg 1550w\" sizes=\"(max-width: 775px) 100vw, 775px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2214\" height=\"3289\" data-id=\"13899\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13899\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited.jpg 2214w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited-202x300.jpg 202w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited-689x1024.jpg 689w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited-768x1141.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited-1034x1536.jpg 1034w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/07b_Gillhausen_Twist_1964-edited-1379x2048.jpg 1379w\" sizes=\"(max-width: 2214px) 100vw, 2214px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Robert Lebeck, MS Hanseatic, 1960. <strong>Right<\/strong>: Rolf Gillhausen, Twist, 1964, Stiftung f\u00fcr das Museum Folkwang<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Petra G\u00f6llnitz wurde infolge dessen etwa als Freie f\u00fcr Dokumentarfilmer t\u00e4tig, kuratierte 1985 zusammen mit Matthias Fl\u00fcgge die Leipziger Ausstellung <em>Fr\u00fche Bilder<\/em> zur Geschichte der Fotografie in der DDR und arbeitete ab 1987 in der Bildredaktion des Monatsmagazins <em>Das Magazin<\/em> in Ostberlin. \u201eAls ich beim <em>Magazin<\/em> den <em>Spiegel<\/em> oder den <em>Stern<\/em> in die H\u00e4nde bekam, sah ich darin die Fotos aus dem Osten \u2013 und kannte immer bessere, die aber ihren Weg in den Westen nicht finden durften. Das war einer der Gr\u00fcnde, warum zwischen meinen Freunden Ute und Werner Mahler und mir in dieser Zeit der Gedanke aufkam, durch eine Agentur die DDR-Fotografie zu vertreten. Aus dieser Idee ist sp\u00e4ter die Agentur <em>OSTKREUZ<\/em> entstanden.&#8220; Gegr\u00fcndet wurde die Agentur dann 1990 in Paris durch Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler, Harald Hauswald, Harf Zimmermann, Jens R\u00f6tzsch sowie Thomas Sandberg nach dem Vorbild der Fotoagentur <em>Magnum Photos<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Petra G\u00f6llnitz aber schlug einen anderen Weg ein: &#8222;Gegen Ende der 1980er-Jahre habe ich die politische Situation als so bedr\u00fcckend empfunden, dass es Zeit wurde, zu gehen&#8220;, sagt sie. &#8222;Ich hatte meine Ausreise geplant und nat\u00fcrlich \u00fcberlegt, was ich im Westen machen k\u00f6nnte. Mein Ziel war, Ostfotografie im Westen publik zu machen. Im Juni 1989 kam es in meiner Wohnung in Prenzlauer Berg zu einem Treffen mit rund vierzig Fotografinnen und Fotografen. Ich erz\u00e4hlte ihnen von meinen Pl\u00e4nen, M\u00f6glichkeiten zu schaffen, um ihre Bilder im Westen zu ver\u00f6ffentlichen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann fiel die Mauer. Noch im Herbst 1989 ging Petra G\u00f6llnitz beim <em>Geo<\/em>-Magazin in Hamburg unter Vertrag und wechselte kurz darauf zum <em>Stern<\/em>. Dort betreute sie als Bildredakteurin die f\u00fcr den <em>Stern<\/em> t\u00e4tigen Fotograf:innen und begleitete die gro\u00dfen Farbstrecken des Magazins, die Rubrik &#8222;Bilder der Woche&#8220; oder Jahrb\u00fccher wie zum Beispiel <em>Stern Extra<\/em> <em>60 Jahre Bundesrepublik \u2013 eine opulente Zeitreise von 1949 bis 2009<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus den Bildkonvoluten, die ihr w\u00e4hrend ihrer t\u00e4glichen Arbeit in der Redaktion begegneten sowie aus den Erfahrungswerten ihrer Lebenszeit in der DDR sch\u00f6pft Petra G\u00f6llnitz seit 2019 als freie Kuratorin f\u00fcr Fotografie \u2013 so auch f\u00fcr ihre aktuelle Schau im Kunstmuseum Ahrenshoop.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"6953\" height=\"4620\" data-id=\"13903\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13903\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited.jpg 6953w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited-300x199.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited-768x510.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited-1536x1021.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10a_Berthold_Puhdysfans-Berlin-Ost_um1980-edited-2048x1361.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 6953px) 100vw, 6953px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Barbara Berthold, Puhdysfans in Ost-Berlin, um 1980. Deutsche Fotothek.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"688\" data-id=\"13904\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10b_Kraemer_RollingStonesFansMunsterlandhalle_1965-1024x688.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13904\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10b_Kraemer_RollingStonesFansMunsterlandhalle_1965-1024x688.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10b_Kraemer_RollingStonesFansMunsterlandhalle_1965-300x202.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10b_Kraemer_RollingStonesFansMunsterlandhalle_1965-768x516.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10b_Kraemer_RollingStonesFansMunsterlandhalle_1965-1536x1032.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/10b_Kraemer_RollingStonesFansMunsterlandhalle_1965-2048x1376.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Volker Kr\u00e4mer, Rolling Stones Fans Mu\u0308nsterlandhalle, 1965. Nachlass Volker Kr\u00e4mer, Hamburg.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Two Masterminds&#8220;: Petra G\u00f6llnitz und Margot Klingsporn<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich habe ein fotografisches Ged\u00e4chtnis: Was ich einmal sehe und mich beeindruckt, merke ich mir&#8220;, sagt Petra G\u00f6llnitz. F\u00fcr <em>Ihr denkt, wir waren anders \u2013 Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989<\/em> hat sie ihr Wissen mit jenem von Margot Klingsporn gepaart, der Gr\u00fcnderin und ehemaligen Leiterin der Hamburger Fotoagentur <em>Focus<\/em> sowie langj\u00e4hrigen Vertreterin von <em>Magnum<\/em> in Deutschland. Aus ihrem Austausch \u00fcber Fotografie in DDR und BRD und der daraus gewachsenen Zusammenarbeit der beiden Bildkennerinnen ist eine einzigartige Schau mit Fotos von rund neunzig Fotograf:innen entstanden, die Perspektiven aus Ost und West in einem von G\u00f6llnitz assoziativ gesetzten Dialog zusammenbringen. &#8222;Sie sehen hier auch Bilder, die kaum einer kennt, die viele vergessen haben oder gar nicht wissen, dass es sie \u00fcberhaupt gab&#8220;, bemerkt die Kuratorin. F\u00fcr die Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt bezeichnete Robert Pledge, der etwa in den 1970er-Jahren an der Gr\u00fcndung der New Yorker Agentur <em>Contact Press Images<\/em> beteiligt war, Petra G\u00f6llnitz und Margot Klingsporn als &#8222;two masterminds&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schau beginnt mit zwei Aufnahmen der zerbombten St\u00e4dte Dresden und K\u00f6ln im Jahr 1945, gefolgt von Bildern, die das t\u00e4gliche Leben und \u00dcberleben in den Besatzungszonen sowie die Arbeit der Frauen dieser Zeit zum Gegenstand haben. Eine Fotografie von Friedrich Seidenst\u00fccker (1882\u20131966) aus dem Jahr 1946 zeigt eine Gruppe, die mit Taschen beladen von Potsdam aus auf einem G\u00fcterzug \u2013 dem sogenannten &#8222;Kartoffelexpress&#8220; \u2013 aufs Land f\u00e4hrt, um dort Nahrungsmittel zu &#8222;hamstern&#8220;. Ein Foto von Ursula Litzmann (1916\u20132004) h\u00e4lt 1947 fest, wie Geflohene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in einem Notaufnahmelager in Uelzen registriert werden. Aus Funden wie diesen und ihrer Erinnerung an pr\u00e4gnante Motive im Allgemeinen, die ihr im Verlauf ihrer redaktionellen T\u00e4tigkeiten begegneten, sch\u00f6pft die Kuratorin Petra G\u00f6llnitz. Diese Bilder in Archiven und Nachl\u00e4ssen zu recherchieren, von denen es f\u00fcr <em>Ihr denkt, wir waren anders<\/em> zun\u00e4chst rund 500 waren, braucht Zeit. Petra G\u00f6llnitz hat sie sich mit Margot Klingsporn, mit der sie ein Jahr lang Hand in Hand arbeitete, genommen. In Gespr\u00e4chen mit weiteren Kolleg:innen und Freund:innen reduzierte sich die Auswahl nach und nach. Mit ihrem Bewusstsein f\u00fcr das Szenische, mit dem Petra G\u00f6llnitz bereits als Veranstalterin oder im Rahmen ihrer Dokumentarfilmarbeiten vertraut wurde, ist ihr im Kunstmuseum Ahrenshoop eine eindr\u00fcckliche, freie Erz\u00e4hlstruktur mittels der Fotografien aus Ost und West gelungen, die sich \u00fcber mehrere Ausstellungsr\u00e4ume des Hauses erstrecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Petra G\u00f6llnitz\u2019 assoziative Erz\u00e4hlung differenziert sich analog zur Teilung des Landes 1949 und den Staatsgr\u00fcndungen von BRD und DDR in Bildpaaren und Bildgruppen aus. Ein Foto von Josef &#8222;Jupp&#8220; Heinrich Darchinger (1925\u20132013), das eine Bonner Familie mit Care-Paket aus den USA zeigt, trifft auf ein Bild vom Kirmesumzug im Th\u00fcringischen Berka, das Ludwig Schirmer (1929\u20132001) aufnahm. Dabei zeichnen die zusammengestellten Fotografien zun\u00e4chst das Leben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den 1950er- und 1960er-Jahren nach. Bilder, durch die sich Leichtigkeit beim Spielen, Feiern, beim Vespa-Fahren durch Westberlin oder beim Schminken im blank polierten Geh\u00e4use des MZ-Rads transportiert. Gesten der Euphorie finden sich in Aufnahmen von Volker Kr\u00e4mer (1943\u20131999) anl\u00e4sslich eines Konzerts der Rolling Stones 1965 in M\u00fcnster wie auch bei den Fans der Puhdys 1980 in Ostberlin, die Barbara Metselaar Berthold (1951\u20132024) fotografierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Idee zur Ausstellung, die Werbe- und Nachrichtenbilder sowie Autor:innen-Fotografien vereint, entstand \u00fcber das Nachdenken dar\u00fcber, wie spezifisch oder aber doch \u00e4hnlich sich das Zusammenleben in Ost und West gestaltete. Erg\u00e4nzen lie\u00dfe sich im Angesicht zweier Bilder von Max Scheler (1928\u20132003), wo auf dem einen im Jahr 1964 zwei Frauen am Strand von Usedom durch einen Stacheldraht hindurch blicken, der bis ins Meer hineinreicht, und auf dem anderen 1952 eine Frau an der Strandpromenade in Travem\u00fcnde durch ein dort installiertes Fernrohr f\u00fcr 20 Pfennige einen Blick in die russische Zone zu erhaschen sucht, die Frage: Wieviel konnten oder wollten die Deutschen in Ost und West \u00fcberhaupt voneinander sehen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8222;H\u00fcben und dr\u00fcben&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 1961 errichtete Mauer trennte das deutsch-deutsche Leben ungleich. Und doch gibt es Bilder, die \u00e4hnliche Szenen des Alltags in ihrem Angesicht zeigen. 1968 fotografierte Ludwig Binder (1928\u20131980) zwei Paare beim Sonnenbaden unmittelbar vor der mit Stacheldraht \u00fcberbauten Mauer auf Westberliner Seite. 1986 sonnen sich junge Familien auf einer Liegewiese in Prenzlauer Berg, die von der Mauer und einem Wachturm ums\u00e4umt wird \u2013 so dokumentiert es eine Aufnahme von J\u00fcrgen Hohmuth (geboren 1960). Diese Bilder h\u00e4ngen im Kunstmuseum Ahrenshoop in einem schmalen Gang, der wie die Umkehrung der Mauer wirkt \u2013 ein Vakuum, in das Petra G\u00f6llnitz Sichtmomente und Realit\u00e4ten, die durch die Mauer entstanden, hineinholt: Die getrennten Br\u00fcder der eingangs beschriebenen Szene; Menschen, denen eine \u00fcber Leitern zu erklimmende Aussichtsplattform in Kreuzberg dazu diente, einen Blick \u00fcber die Mauer zu werfen (so ein Foto von Barbara Klemm, geboren 1939); den l\u00e4chelnden SED-Generalsekret\u00e4r Walter Ulbricht beim Rudern auf freiem Meer oder ein Foto von Hilmar Pabel (1910\u20132000), das Konrad Adenauer 1949 unbek\u00fcmmert beim Beschneiden seiner Gartenrosen in Bad Honnef-Rh\u00f6ndorf pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der deutsch-deutschen Teilung begegnet Petra G\u00f6llnitz immer wieder mit Bildern, in denen die St\u00e4rke der Menschen in den Vordergrund tritt, ihre individuelle Lebensenergie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fotos, die Ulrike Schamoni (geboren 1966) oder Werner Mahler (geboren 1950) am 9. November 1989 in der Nacht des Mauerfalls am Brandenburger Tor schossen, sind Bilder, die von unsichtbaren K\u00e4mpfen, die lange gef\u00fchrt und von manchen gewonnen wurden, erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich beschreibe mit den Bildern dieser Ausstellung viele Leben. Mehrere Generationen erz\u00e4hlen durch sie ihre eigenen Geschichten. Die Bilder dieser Generationen h\u00e4ngen in der Ausstellung oft nebeneinander, Fotografien von Richard Peter jun. und Richard Peter sen., von Ute Mahler und ihrem Vater Ludwig Schirmer, von Erasmus Schr\u00f6ter und seinem Vater Wolfgang G. Schr\u00f6ter, oder von Lutz Gr\u00fcnke und seinem Vater Wolf Gr\u00fcnke. F\u00fcr mich gibt es nicht nur einen Star \u2013 das wollte ich mit der Vielzahl der Fotografinnen und Fotografen abbilden&#8220;, bemerkt die Kuratorin. Die Fotografien von Lutz Gr\u00fcnke (geboren 1953) zeigen Freunde von Petra G\u00f6llnitz und sie selbst mit ihrem Kind auf dem Arm am Meer in Binz auf R\u00fcgen, nicht lang vor ihrer Ausreise. Es sind Abschiedsfotos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Bilder der Ausstellung <em>Ihr denkt, wir waren anders<\/em> geben Hinweise auf die staatliche Reglementierung des Lebens. In der ebenso von Petra G\u00f6llnitz kuratierten Schau im Fischlandhaus Wustrow mit Arbeiten von Matthias Leupold (geboren 1959) ist diese Kritik zentral. Denn Leupolds szenische Fotografien der Reihe <em>Aus dem Gruppenbuch der Christiane P.<\/em> thematisieren, wie eindringlich sozialistisches Bewusstsein durch die DDR-Regierung gelehrt wurde. Daf\u00fcr inszenierte Matthias Leupold 2021 ein umfangreiches fotografisches Reenactment einer ostdeutschen Jugend, wie er sie selbst zwischen Ernst-Th\u00e4lmann-Pionierorganisation, Freier Deutscher Jugend, Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee und Unterrichtstagen in der Produktion eines Volkseigenen Betriebs erlebte. Leupold wurde 1982 in der Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohensch\u00f6nhausen inhaftiert: wegen Beihilfe und Nichtanzeige einer geplanten, doch gescheiterten Republikflucht eines Freundes. Seine umfangreiche Bildserie ist eindr\u00fccklich, bewegend \u2013 nicht zuletzt, wenn Leupold kommentiert, dass die Armbinde eines Wachregiments, die er im Rahmen der Vorbereitung seiner Bildserie in einem Kost\u00fcmfundus entdeckt, ihm pl\u00f6tzlich nur noch als St\u00fcck Stoff, und nicht mehr als Mittel zur Angsterzeugung erscheint.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-5 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"696\" data-id=\"13907\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/12a_Klemm_TrapezkunstlerinnenRostock_1974-1024x696.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13907\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/12a_Klemm_TrapezkunstlerinnenRostock_1974-1024x696.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/12a_Klemm_TrapezkunstlerinnenRostock_1974-300x204.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/12a_Klemm_TrapezkunstlerinnenRostock_1974-768x522.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/12a_Klemm_TrapezkunstlerinnenRostock_1974-1536x1044.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/12a_Klemm_TrapezkunstlerinnenRostock_1974-2048x1393.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Barbara Klemm, Trapezk\u00fcnstlerinnen, 1974, Rostock<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehr Lametta<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck nach Ahrenshoop: Denn in <em>Ihr denkt, wir waren anders<\/em> geht es doch immer wieder auch um die Sch\u00f6nheit des Miteinanderseins und das Staunen \u00fcber die Kunstst\u00fccke des Lebens. Das zeigt sich symbolisch mit den Trapezk\u00fcnstler:innen in Rostock, 1974 von Klemm aufgenommen, und 1979 in Berlin-Kreuzberg, fotografiert von Wolfgang Krolow (1950\u20132019). Zahlreiche Bildmomente, die \u00c4sthetik, Glamour, Genuss und Humor zum Inhalt haben, pr\u00e4gen die Schau. Darunter die aus der Dunkelheit tanzende Frau in einem Foto von Sibylle Bergemann (1941\u20132010); die Op-Art-Bademode, die F.C. Gundlach (1926\u20132021) fotografierte; das Modell, das Erasmus Schr\u00f6ter (1956\u20132021) auf einer vom Chauffeur des slowakischen Ministerpr\u00e4sidenten geliehenen Tschaika inszenierte; oder das Werbefoto mit den Afri-Cola-Nonnen von Charles Wilp (1932\u20132005).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Neben den sch\u00f6nsten und besten Fotografien der Welt habe ich als Bildredakteurin auch die grausamsten gesehen. Bilder von Kriegen, Gewalt, Zerst\u00f6rung, Erdbeben, die ungefiltert in die Redaktion kamen. Der Schock, der ihnen oft eingeschrieben war, \u00fcbertrug sich im Auswahlprozess auch auf mich. Das habe ich so noch nie formuliert. Erst heute fangen wir (ehemaligen) Kolleginnen und Kollegen an, dar\u00fcber zu reden. Vor diesem Hintergrund sind Ausstellungen wie diese oder <em>Der gro\u00dfe Schwof<\/em> f\u00fcr mich auch eine Art visuelle Kompensation.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu sehen ist die Schau <em>Ihr denkt, wir waren anders<\/em> zurzeit im skulpturalen Bau des Kunstmuseums Ahrenshoop, das nur wenige Meter von der Ostsee entfernt liegt. Die Ausstellung wird ab 2027 wandern: ins GRASSI Museum f\u00fcr Angewandte Kunst in Leipzig, in das Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in M\u00fcnchen und in die Photobastei in Z\u00fcrich. Petra G\u00f6llnitz arbeitet derweil an ihrem n\u00e4chsten Ausstellungsprojekt, mit dem sie das Feiern aus westlicher Perspektive in den Blick nimmt. Es hei\u00dft: <em>Im Westen war mehr Lametta<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/kunstmuseum-ahrenshoop.de\/veranstaltung\/ihr-denkt-wir-waren-anders\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\"><em>Ihr denkt, wir waren anders<\/em>. <em>Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989<\/em><\/a>, Kunstmuseum Ahrenshoop, bis 20. September 2026.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><a href=\"https:\/\/www.ostseebad-wustrow.de\/de\/termine\/aus-dem-gruppenbuch-der-christiane-p.-szenische-fotografien-von-matthias-leupold\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Aus dem Gruppenbuch der Christiane P. \u2013 Szenische Fotografien von Matthias Leupold<\/a><\/em>, Fischlandhaus Wustrow, bis 1. 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