{"id":15955,"date":"2026-10-16T18:43:21","date_gmt":"2026-10-16T16:43:21","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=15955"},"modified":"2026-10-17T11:37:52","modified_gmt":"2026-10-17T09:37:52","slug":"mut-zur-luecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/10\/16\/mut-zur-luecke\/","title":{"rendered":"Mut zur L\u00fccke"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zum 50. Geburtstag widmet sich das Museum Ludwig in der Ausstellung &quot;Along the Color Line&quot; dem Fehlen afroamerikanischer Modernisten.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines muss man dem K\u00f6lner Museum Ludwig lassen: Zu einem runden Geburtstag beschenkte es sich schon vor zehn Jahren lieber mit Selbstkritik als dem \u00fcblichen Eigenlob. Zur damaligen Jubil\u00e4umsausstellung &quot;Wir nennen es Ludwig&quot; hatte man die Guerilla Girls eingeladen, jene Gruppe von K\u00fcnstlerinnen-Aktivistinnen, die hinter Gorillamasken und prominenten Pseudonymen Ungleichheiten im Kunstbetrieb zur Sprache bringt. Ihr Geburtstagsgeschenk zur Schau von 2016 beinhaltete eine Studie, die offenbarte, dass von den in der Sammlung vertretenen K\u00fcnstler*innen nur elf Prozent Frauen waren, davon drei Prozent Women of Color, und insgesamt nur zwei Prozent Artists of Color. Diese fanden sich ausschlie\u00dflich im Bereich der Gegenwartskurt, nicht in der klassischen Moderne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der damals erst ein Jahr als Direktor amtierende Yilmaz Dziewior nahm die Mahnung ernst und k\u00fcndigte schon 2018 eine wissenschaftliche Neubewertung der Sammlung an, die Ausstellungen wie &quot;Mapping the Collection&quot; (2020) anregte, doch erst die aktuelle Jubil\u00e4umsschau zum F\u00fcnfzigsten, &quot;Along the Color Line&quot;, thematisiert umfassend eine der gravierendsten Sammlungsl\u00fccken: In der wohl bedeutendsten Sammlung US-amerikanischer Moderne au\u00dferhalb der USA fehlt die Harlem Renaissance, jene Aufbruchsbewegung afroamerikanischer Kunst, die zwischen 1919 und 1934 ihre Bl\u00fcte erlebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&quot;Gerade im Bereich der Moderne vermittelt die Sammlung des Museum Ludwig noch immer eine weitgehend <em>wei\u00dfe<\/em> Erz\u00e4hlung internationaler Kunstgeschichte&quot;, schreibt Dziewior im Katalogvorwort. &quot;F\u00fcr die Jubil\u00e4umsausstellung richten wir unser Augenmerk deshalb auf das, was \u00fcbersehen wurde.&quot; Tats\u00e4chlich hat es eine repr\u00e4sentative \u00dcbersichtsausstellung zur Harlem Renaissance in ganz Deutschland nie gegeben. Aber kann denn &quot;Along the Color Line&quot; als solche gelten?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"677\" height=\"1024\" data-id=\"15965\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-677x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15965\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-677x1024.jpg 677w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-198x300.jpg 198w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-768x1161.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-1016x1536.jpg 1016w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-1354x2048.jpg 1354w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1-8x12.jpg 8w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/rba_d039234_046-1.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 677px) 100vw, 677px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" data-id=\"15963\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15963\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-768x1151.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1-8x12.jpg 8w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Atkinson_2-1.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2019\" height=\"2560\" data-id=\"15996\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-scaled.jpg\" alt=\"W.E.B. Du Bois, [The Georgia Negro] Assessed value of\nhousehold and kitchen furniture owned by\nGeorgia Negroes, ca. 1900 (Reproduktion).\" class=\"wp-image-15996\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-scaled.jpg 2019w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-237x300.jpg 237w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-807x1024.jpg 807w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-768x974.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-1211x1536.jpg 1211w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-1615x2048.jpg 1615w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WEB-Dubois-9x12.jpg 9w\" sizes=\"(max-width: 2019px) 100vw, 2019px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Guerrilla Girls, Hormone Imbalance. Melanin Deficiency, 1992. Offsetdruck auf Papier. Museum Ludwig, K\u00f6ln, Ankauf 2015. \u00a9 Guerrilla Girls. Repro: Historisches Archiv der Stadt K\u00f6ln mit Rheinischem Bildarchiv. <strong>Mitte<\/strong>: James Gregory Atkinson, Your Job in Germany, 2021. Schaufensterpuppe mit Lederhosen, Baumwollhemd und Holzstandplatte. Installationsansicht 6 Friedberg-Chicago, Dortmunder Kunstverein, 2021 (Detail). \u00a9 James Gregory Atkinson. Foto: Jens Franke. <strong>Rechts<\/strong>: W.E.B. Du Bois, [The Georgia Negro] Assessed value of<br>household and kitchen furniture owned by Georgia Negroes, ca. 1900 (Reproduktion).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst vor zwei Jahren zelebrierte das New Yorker Metropolitan Museum mit seiner Schau &quot;The Harlem Renaissance and Transatlantic Modernism&quot; diese Kunststr\u00f6mung in einer Pracht, von der die K\u00f6lner nicht einmal zu tr\u00e4umen wagen. Nur wenige Hauptwerke hat man ausgeliehen, darunter immerhin zwei hochmusikalische urbane Szenen von Archibald Motley, der in seinen intensivfarbigen Caf\u00e9- und Barszenen das Jazz Age besonders w\u00f6rtlich nahm. Dass auch George Lucas in seinem gerade neu er\u00f6ffneten Museum of Narrative Art in Los Angeles eine ikonische Nightlife-Szene von Motley pr\u00e4sentiert, bezeugt die Wertsch\u00e4tzung dieses Malers weit \u00fcber den Modernismus-Diskurs hinaus; die Sammlung des Star-Wars-Milliard\u00e4rs platziert sie in der Nachbarschaft popul\u00e4rer Illustratoren wie Norman Rockwell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden in K\u00f6ln gezeigten Bilder, eine Pariser Stra\u00dfencaf\u00e9-Szene von 1929 und ein ausschlie\u00dflich von Schwarzen besuchter &quot;Carnival&quot;, vielleicht in New Orleans, zeigen, was mit dem \u00fcbergreifenden Thema &quot;Along the Color Line&quot; gemeint ist: Ausgehend von einem Begriff, den W.E.B. Du Bois, ein wichtiger Theoretiker der Harlem Renaissance, pr\u00e4gte, geht es um den k\u00fcnstlerischen Ausdruck Schwarzer Lebenserfahrung entlang unterschiedlicher gesellschaftlicher Grenzziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Archibald Motley (1891 \u2013 1991) hatte eine wei\u00dfe Mutter, die mit einem Schwarzen verheiratet war; die Eltern seiner wei\u00dfen Ehefrau stammten aus Deutschland. Die eigene Identit\u00e4tssuche bestimmte seine Arbeit, die sich immer wieder mit Gef\u00fchlen von Fremdheit und Zusammengeh\u00f6rigkeit auseinandersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&quot;The problem of the twentieth century is the problem of the color line&quot;, hatte Du Bois bereits um 1903 formuliert. Als &quot;color line&quot; bezeichnete er von Rassismus und Kolonialismus gepr\u00e4gte Grenzziehungen, die er international beobachtete und mit der Situation im segregierten Amerika verglich und soziologisch und politisch analysierte. In Reproduktionen gezeigte, von Du Bois selbst gezeichnete Diagramme aus einer Ausstellung von 1900 \u00fcber die Lebensverh\u00e4ltnisse der Afroamerikaner bieten ein R\u00fcckgrat der Ausstellung; ein anderes sind als Wandtexte vergr\u00f6\u00dferte Passagen aus Reportagen, die er im Olympiajahr 1936 aus Nazi-Deutschland schrieb. In ihrer Analyse wirken sie au\u00dferordentlich aktuell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zus\u00e4tzlich erlaubt ein Lesezimmer innerhalb der Ausstellung, sich in diesen und andere Texte und Bildb\u00e4nde zu vertiefen. Die Ausstellung selbst und den Diskurs, den sie ansto\u00dfen will, vermittelt das jedoch noch nicht. Einerseits hat man den Eindruck, die Kunstwerke seien einer diskursiven Konzeption untergeordnet, was es erschwert, sie in ihrer individuellen \u00c4sthetik zu betrachten. Andererseits erschlie\u00dft sich der didaktische Kontext auch nicht von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon fr\u00fchere Ausstellungen der Dziewior-\u00c4ra im Museum f\u00fchlten sich mitunter an, als spaziere man durch Katalogseiten, etwa 2021 bei &quot;Der geteilte Picasso. Der K\u00fcnstler und sein Bild in der BRD und der DDR&quot;. Das kann enorm bereichernd sein, insbesondere wenn wie damals kein Geringerer als Dokumentarfilmlegende Peter Nestler mit einem begleitenden Ausstellungsfilm beauftragt wurde, den man sich in einer Blackbox ansehen konnte. Hier ist man dagegen trotz der F\u00fclle au\u00dferk\u00fcnstlerischer Quellen weitgehend sich selbst \u00fcberlassen. Ein vermittelnder Ausstellungsfilm, wie sie in vergleichbaren Museen Standard sind, w\u00e4re auch diesmal hochwillkommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die so pr\u00e4zise beobachtenden Du-Bois-Reportagen er\u00f6ffnen einerseits eine faszinierende weitere Ebene, doch als gedruckte Texte beanspruchen sie an den W\u00e4nden wertvollen Platz. H\u00e4tten sie sich nicht geradezu angeboten f\u00fcr andere mediale Umsetzungen, vielleicht, von einem Schauspieler gelesen, in H\u00f6rform? So streiten sie sich mit den Harlem-Renaissance-K\u00fcnstlern um den kostbaren Wandplatz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"742\" data-id=\"15972\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240-1024x742.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15972\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240-1024x742.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240-300x217.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240-768x557.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240-1536x1113.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240-18x12.jpg 18w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Bearden_Jazz-e1792167822240.jpg 1963w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"727\" data-id=\"15973\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906-1024x727.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-15973\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906-1024x727.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906-300x213.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906-768x545.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906-1536x1091.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906-18x12.jpg 18w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Phillips-3-e1792167777906.jpg 1883w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Romare Bearden, Jazz (Chicago) Grand Terrace Ballroom, 1964. Photostat auf Karton. Collection of the Howard University Gallery of<br>Art. \u00a9 Romare Bearden Foundation \/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026. <strong>Rechts<\/strong>: Gwendolyn Phillips, Valerie Maynard, 1975 (Reproduktion). \u00a9 Gwendolyn Phillips.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meisten dieser Leihgaben stammen aus derselben Quelle, der Kunstgalerie der Howard University in Washington, D.C. Einer der wichtigsten K\u00fcnstler der Bewegung, Aaron Douglas, ist lediglich mit einem repr\u00e4sentativen Gem\u00e4lde, &quot;The Unknown&quot;, und einer Aquarell-Illustration vertreten, sein deutscher Lehrer in Harlem, Winold Reiss, dagegen sehr umfassend mit mehreren erstaunlichen stilisierten Portr\u00e4ts und dem Drei-Meter-Hochformat &quot;City of Future&quot; von 1936, einem zeittypischen Beispiel f\u00fcr Wandgestaltungen im Art-Deco-Stil, den er ma\u00dfgeblich pr\u00e4gte. Bei einer Ausstellung, die eigentlich Schwarzen K\u00fcnstlern im Kontext der internationalen Moderne gelten soll, er\u00f6ffnet die Pr\u00e4senz des deutschen Illustrators und Designers einerseits einen wichtigen Kontext, ist aber auch erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Ebenso wie ein Werk des Schweizers Frank Buchser, der 1869 unter dem Titel &quot;Art Student or Rising Taste&quot; den Schwarzen Besucher einer Kunstausstellung darstellte. F\u00fcr eine derart diskursiv angelegte Ausstellung bietet diese leider kaum didaktische Hinweise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich mehrere parallele Erz\u00e4hlstr\u00e4nge ziehen sich durch die Ausstellung. Der 1981 geborene K\u00fcnstler James Gregory Atkinson arbeitet an einem lebendigen Archiv aus medialen Relikten der Wahrnehmung Schwarzer Menschen in Wei\u00dfen Gesellschaften, insbesondere im Deutschland des 20. Jahrhunderts. In seinen in Schauk\u00e4sten arrangierten Bilderz\u00e4hlungen und skulpturalen Arrangements treffen Zeugnisse rassistischer Ausgrenzung auf Bilder naiven Staunens \u2013 manchmal auch verf\u00fchrerisch-erschreckend wie bei einer historischen Jukebox voller exotistischer deutscher Schlager.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein anderes Dokument deutscher Vereinnahmung afroamerikanischer Kultur pr\u00e4sentiert die Ausstellung mit einem Portr\u00e4t des w\u00e4hrend der \u00c4ra der Harlem-Renaissance zu Weltruhm gelangten S\u00e4ngers Paul Robeson durch den DDR-Maler G\u00fcnther Brendel. In Ostdeutschland verehrt als Kommunist und in den USA aus demselben Grund verfolgt, wirkt er im Gem\u00e4lde gleicherma\u00dfen vereinnahmt wie marginalisiert, reduziert auf ein breites, fast verlegenes L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen anderen Erz\u00e4hlstrang der Ausstellung bestreiten Werke der europ\u00e4ischen Moderne von K\u00fcnstlern, die sich aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden f\u00fcr die Kunst des Globalen S\u00fcdens interessierten, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff. Auch zwei Readymades von Duchamp sind vertreten, was zun\u00e4chst verwundert. Hier ist wohl weniger ein \u00e4hnlicher Einfluss gemeint als eine Seelenverwandtschaft; die von Duchamp betriebene Dekonstruktion und Assemblage von Alltagsgegenst\u00e4nden ist ein h\u00e4ufiges Stilmittel in afrikanischer Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Ausstellung treffen Multiples seiner Readymades auf eine h\u00e4ngende Skulptur aus Stahlplatten des afroamerikanischen Nachkriegs-Modernisten Harold Cousins. Auch Cousins studierte an der Howard University, von der so viele Leihgaben von Harlem-Renaissance-K\u00fcnstlerinnen und -K\u00fcnstlern in die Ausstellung kamen. Warum aber gerade dieses abstrakte Werk des Documenta-Teilnehmers von 1959? Liegt Cousins Bedeutung nicht eher darin, dass er sich schon 1954 in Werken wie &quot;Political Prisoner&quot; von der damals sogar vom CIA beworbenen Politikferne informeller Abstraktion entfernte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt viele offene Fragen, aber auch viel zu bestaunen in dieser Ausstellung. Dazu geh\u00f6ren auch Dokumente der Bewunderung, die Museumspatron und -g\u00f6nner Peter Ludwig f\u00fcr eine junge, au\u00dfergew\u00f6hnliche K\u00fcnstlerin aus Kuba hegte. Von Belkis Ay\u00f3n erwarben Peter und Irene Ludwig eine komplette Werkgruppe von Kollagrafien, also experimentellen Drucken mit Unikatcharakter, und pr\u00e4sentierten sie 1995 in einer Aachener Kirche. Erst vor zwei Jahren widmete die Biennale in Venedig Ay\u00f3ns imaginativen, mythologisch inspirierten Visionen eine viel beachtete Hommage. Ludwig muss sie 1993 ebenfalls bei einer Venedig-Biennale entdeckt haben. Mit einigen der Bilder ist ein Dankesbrief des M\u00e4zens an die bereits 1999, 32-j\u00e4hrig, durch Suizid verstorbene K\u00fcnstlerin ausgestellt. Wer Ludwig noch erlebt hat, wird sich in der Wortwahl an seine manchmal entwaffnend unverstellte Herzlichkeit erinnert f\u00fchlen. F\u00fcnfzig Jahre Museum Ludwig \u2013 dies ist der Moment, in dem die Ausstellung sich \u00fcberraschend und absolut liebensw\u00fcrdig vor dem Namensgeber verbeugt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sie allerdings nicht aufl\u00f6sen kann, ist die Mahnung der Guerilla Girls: Die afro-amerikanische Moderne bleibt ein wei\u00dfer Fleck in der Museumssammlung. Dabei ist ihre Anerkennung auf dem Kunstmarkt l\u00e4ngst nicht so weit fortgeschritten, dass attraktive Werke unbezahlbar w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die in der Schau mit elf Werken vertretene Malerin Laura Wheeler Waring zum Beispiel, eine der Entdeckungen der &quot;Harlem Renaissance&quot;-Schau im Metropolitan Museum, erreicht bei Auktionen nur selten niedrige f\u00fcnfstellige Summen. Sind die Zeiten, in denen Ausstellungen im Museum Ludwig auch der Sammlungserweiterung dienten, wirklich vorbei? Kasper K\u00f6nig nannte eine Schau einmal &quot;Das Museum der W\u00fcnsche&quot; und bettelte dann sehr erfolgreich bei Sponsoren und M\u00e4zenen um den Erwerb der ausgestellten Werke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor zehn Jahren gaben mir zwei Guerilla Girls ein Interview, und ich musste sie gleich mit ihrem Vorwurf der Unterrepr\u00e4sentation von Minderheiten in ihren eigenen Reihen konfrontieren. Es gibt ja auch den Vorwurf an die Guerilla Girls, so meine Frage, dass schwarze K\u00fcnstlerinnen bei Ihnen unterrepr\u00e4sentiert sind. Ein Mitglied, das sich Alma Thomas nannte, unterst\u00fctzte diesen Vorwurf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort bekam ich von Guerilla-Girls-Gr\u00fcndungsmitglied Frida Kahlo: &quot;Alma Thomas ist nicht mehr bei uns, das ist lange her, aber ja: Das war immer ein Problem. Es gibt kein Kollektiv, das nicht solche Probleme hat und sie hat das angesprochen. \u00dcbrigens war die echte Alma Thomas eine ganz wichtige K\u00fcnstlerin des 20. Jahrhunderts.&quot;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Tat, auch sie studierte an der Howard University und entwickelte sich als begnadete Koloristin zu einer gefeierten abstrakten Malerin. Als erster Afroamerikanerin widmete ihr das Whitney Museum eine Einzelausstellung, in der Schau ist sie nicht vertreten. In einer gerechten Welt f\u00e4nde sich l\u00e4ngst eines ihrer Meisterwerke in der Sammlung des Museum Ludwig.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.museum-ludwig.de\/de\/ausstellungen\/along-the-color-line-spuren-einer-transatlantischen-moderne\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Museum Ludwig, Along the Color Line<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 50. Geburtstag widmet sich das Museum Ludwig in der Ausstellung &quot;Along the Color Line&quot; dem Fehlen afroamerikanischer Modernisten. Eines muss man dem K\u00f6lner Museum Ludwig lassen: Zu einem runden Geburtstag beschenkte es sich schon vor zehn Jahren lieber mit Selbstkritik als dem \u00fcblichen Eigenlob. 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Die Ausstellung zeigt, wie Farbe nicht nur \u00e4sthetisches Ausdrucksmittel ist, sondern auch gesellschaftliche Grenzen markiert und politische K\u00e4mpfe sichtbar macht.Die Schau verbindet Positionen der Harlem Renaissance und der N\u00e9gritude mit zeitgen\u00f6ssischer Kunst und macht transatlantische Verflechtungen sichtbar, die eine eurozentristisch gepr\u00e4gte Moderne-Erz\u00e4hlung korrigieren.\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/10\/16\/mut-zur-luecke\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_GB\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Mut zur L\u00fccke - on art Magazine\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u201eAlong the Color Line\u201c im Museum Ludwig K\u00f6ln richtet den Blick auf die Geschichte und Gegenwart von Rassismus, Ausgrenzung und Schwarzer Selbstbehauptung in der Kunst. 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