{"id":16142,"date":"2026-11-04T19:53:31","date_gmt":"2026-11-04T18:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=16142"},"modified":"2026-11-04T19:53:31","modified_gmt":"2026-11-04T18:53:31","slug":"let-it-all-out-mickey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/11\/04\/let-it-all-out-mickey\/","title":{"rendered":"Let it all out Mickey!"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Die New Yorker Malerin Joyce Pensato hat das zutiefst verst\u00f6rte Seelenleben von Fantasiehelden wie Mickey Mouse, Batman oder Homer Simpson genial auf die Leinwand gebracht. Jetzt widmen ihr die Hamburger Deichtorhallen eine sehenswerte Einzelausstellung.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig, aber er offenbart, was die leidenschaftliche Malerin Joyce Pensato und den manischen Bilderproduzenten Andy Warhol im Kern unterscheidet: Andy Warhol portr\u00e4tierte in der f\u00fcr ihn typischen Siebdrucktechnik amerikanische Celebrities, Ikonen und Stars wie Marilyn Monroe, Elvis Presley oder Jackie Kennedy. Allesamt Menschen aus Fleisch und Blut. Gutaussehend, erfolgreich und allseits respektiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 2019 verstorbene New Yorker Malerin Joyce Pensato hingegen konzentrierte sich in ihrem malerischen Schaffen auf die fiktiven Ber\u00fchmtheiten der amerikanischen Gesellschaft. Im Laufe ihrer Karriere entstanden unz\u00e4hlige Bilder von popul\u00e4ren Helden aus Comics und Animationsfilmen wie Mickey Mouse, Felix the Cat, Donald Duck, Batman oder Homer Simpson. Gesichter, die den meisten Amerikanern mindestens genauso bekannt waren wie die der leibhaftigen Stars. W\u00e4hrend also beide die visuelle DNA ihres Heimatlandes als eine Art Sch\u00fcrfgrund benutzten, um daraus ihre eigenen Bilder zu generieren, waren doch die Resultate ihres Schaffens ganz unterschiedlicher Natur. Eine gewisse repr\u00e4sentative Gl\u00e4tte und Betonung des Starkults und des Markencharakters von Images bei Warhol trifft auf die Vermenschlichung und Emotionalisierung fiktiver Charaktere bei Pensato. Teils von Sch\u00f6nheitschirurgen geschaffene Masken hier, derangierte Fratzen dort. Der eine verabschiedet sich vom malerischen Gestus, indem er sich des weitgehend technisierten Siebdrucks bedient, die andere holt ihn umso selbstbewusster ins Studio zur\u00fcck, indem sie ihre Leinw\u00e4nde mit Farbe geradezu zusch\u00fcttet, unabl\u00e4ssig wieder bestimmte Partien mit dem elektrischen Handschleifer &quot;radiert&quot;, nur um diese dann erneut zu bemalen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"776\" data-id=\"16152\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/07_Portrait_Joyce_Pensato-scaled-e1793818114168-1024x776.jpeg\" alt=\"Portr\u00e4t Joyce Pensato. 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Foto: Jason Mandella.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sp\u00e4ter Erfolg<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein breiteres Publikum erreichte die f\u00fcr ihre meist in Schwarz, Wei\u00df und Silber gemalten Lackbilder bekannte K\u00fcnstlerin zwar erst, nachdem sie die 50 l\u00e4ngst \u00fcberschritten hatte. Doch von da an ging ihre Karriere unabl\u00e4ssig steil aufw\u00e4rts. Zun\u00e4chst in Paris, wo die stets an Neuentdeckungen von jenseits des Atlantiks interessierte Galeristin Anne de Villepoix sie ab Mitte der 1990er Jahre im Zwei-Jahres-Rhythmus in Einzelausstellungen pr\u00e4sentierte, und dann auch in ihrer Heimatstadt New York, wo sie ab 2007 von der renommierten Petzel Gallery repr\u00e4sentiert wurde. 2009 zeigte dann auch die Berliner Galerie Capitain Petzel Joyce Pensato in einer vielbeachteten Einzelausstellung. Ihre Werke befinden sich heute in so wichtigen Museumssammlungen wie der des Museum of Modern Art (MoMA) und des Solomon R. Guggenheim Museum in New York oder der des Centre Pompidou in Paris.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ber\u00fchmt geworden ist Pensato f\u00fcr ihren unverwechselbaren Stil. In einer eigent\u00fcmlichen Mischung aus expressiver Malerei und popkulturellem Aneignungsgestus entstanden auf meist gro\u00dfformatigen Leinw\u00e4nden voller breiter Pinselstriche, herablaufender Farbspuren, Kleckse und Drippings aus unz\u00e4hligen feinen Tropfen und gelegentlich auch bunten Farbnebeln mal anr\u00fchrende, mal irritierende, mal absto\u00dfende Bilder von Ikonen des Comic- und Zeichentrickzeitalters. Daneben verarbeitete Pensato die gleichen Sujets aber auch auf zahlreichen gro\u00dfformatigen Kohlezeichnungen. Kurz vor ihrem Tod wandte sie sich verst\u00e4rkt der Fotografie zu.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erste institutionelle Einzelausstellung nach ihrem Tod in Europa<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der den Hamburger Deichtorhallen angegliederten Sammlung Falckenberg in den Phoenix Fabrikhallen in Hamburg-Harburg wird Pensatos malerisches und zeichnerisches Werk nun erstmals nach ihrem Tod in einer institutionellen Einzelausstellung in Europa gezeigt. Kleine Arrangements mit Objekten aus ihrem ehemaligen Studio lassen einen Hauch von Arbeitsatmosph\u00e4re aufkommen. Die Schau erstreckt sich \u00fcber gleich zwei Etagen und tr\u00e4gt den Titel &quot;Joyce Pensato: Eyes For You&quot;. Sie \u00fcbernimmt rund 20 wichtige Arbeiten aus einer urspr\u00fcnglich f\u00fcr das Institute of Contemporary Art Miami konzipierten Einzelausstellung. Im Mai 2027 wird die Ausstellung dann ins Frac des Pays de la Loire im franz\u00f6sischen Carquefou weiterwandern. Erg\u00e4nzt wird die Pr\u00e4sentation um zahlreiche weitere Exponate aus europ\u00e4ischen Sammlungen. Nicht zuletzt auch aus der Sammlung Falckenberg selbst. Die konsum- und medienkritisch aufgeladenen Werke von Joyce Pensato f\u00fcgen sich n\u00e4mlich perfekt in den Sammlungskontext ein, den der 2023 verstorbene Harald Falckenberg gerne mit dem Etikett &quot;Counterculture&quot; beschrieb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"915\" height=\"1024\" data-id=\"16148\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/01_Captain_Homer-scaled-e1793817404740-915x1024.jpeg\" alt=\"Joyce Pensato, Captain Homer. Courtesy: Haubrok Collection. \u00a9 Joyce Pensato Foundation. 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Foto: Jason Mandella. <strong>Right<\/strong>: <br>Joyce Pensato, Bang Bang Donald. Courtesy: Private Collection. \u00a9 Joyce Pensato Foundation. Foto: Jason Mandella.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausbildung und Europa-Reise<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wer war Joyce Pensato eigentlich? Die am 20. August 1941 geborene K\u00fcnstlerin kam als Tochter eines aus Sizilien eingewanderten Vaters, der als Drucker unter anderem f\u00fcr K\u00fcnstler t\u00e4tig war, auf die Welt. Auch ihre als Hausfrau t\u00e4tige Mutter war italienischer Abstammung, jedoch wurde sie bereits in den Vereinigten Staaten geboren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pensato wusste bereits als Kind, dass sie K\u00fcnstlerin werden wollte. Da es aufgrund der schlechten Einkommensverh\u00e4ltnisse ihrer Familie jedoch notwendig war, m\u00f6glichst fr\u00fch eigenes Geld zu verdienen, schrieb sie sich zun\u00e4chst f\u00fcr ein Studium der Gebrauchsgrafik an der New Yorker Art Students League ein, verbunden mit der Hoffnung, vielleicht sp\u00e4ter noch als Malerin t\u00e4tig sein zu k\u00f6nnen. Doch ihre Unf\u00e4higkeit, extrem pr\u00e4zise nach Vorlagen zu arbeiten, erzwang dann fr\u00fcher als erwartet den Hochschulwechsel. Zuvor hatte Pensato aber noch das Gl\u00fcck, ein einj\u00e4hriges Reisestipendium f\u00fcr Europa zu gewinnen. F\u00fcr sie die Gelegenheit, sich intensiv Meisterwerke der Malerei in den gro\u00dfen Museen des alten Kontinents anzusehen. Im zweiten Anlauf an der New York Studio School aufgenommen studierte Pensato dort von 1973 bis 1977. Der Maler Philip Guston geh\u00f6rte damals ebenso zum Lehrk\u00f6rper wie der Avantgarde-Komponist Morton Feldman. Und hier lernte sie auch den Kommilitonen Christopher Wool kennen, mit dem sie sich lange Zeit ein Atelier teilte, und der ihr auch den entscheidenden Tipp gab, es doch einmal mit industriellen Lacken statt mit \u00d6lfarbe zu versuchen, um die von ihr erw\u00fcnschten Effekte auf der Leinwand besser zu erreichen. Sein Vater sollte dann auch ihr erster Sammler werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bekannt war die Studio School f\u00fcr eher traditionelle Sujets wie Stilllebenmalerei. Paul C\u00e9zanne, Henri Matisse oder Alberto Giacometti wurden den Studierenden als nachahmenswerte Vorbilder vermittelt. Doch Joyce Pensato war mehr am Abstrakten Expressionismus eines Willem de Kooning oder am Action Painting eines Jackson Pollock interessiert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joyce Pensato hat noch w\u00e4hrend ihres Studiums damit begonnen, im New Yorker Stadtraum Versatzst\u00fccke der Popkultur wie Comic-Helden in Pl\u00fcschtiergestalt, Maskottchen oder Werbefiguren aufzusammeln und in ihrem Studio anzuh\u00e4ufen. Die zum teil stark beschmutzten oder besch\u00e4digten Fantasiewesen und Brand-Character fanden in ihrem Studio gewisserma\u00dfen ein neues Zuhause. Sp\u00e4ter besuchte sie dann auch Flohm\u00e4rkte oder bediente sich digitaler Verkaufsplattformen wie eBay.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Pl\u00fcschtiere im Studio<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sie an den Figuren reizte beziehungsweise, was ihr nahezu bemutterndes Verhalten ihnen gegen\u00fcber erkl\u00e4rt, hat Joyce Pensato einmal so formuliert: &quot;Walt Disney hat Mickey Mouse wie &apos;gehirnamputiert&apos; erscheinen lassen&quot;. Sie hingegen hat die von ihr aufgelesenen Spielzeugfiguren zu stark psychologisch aufgeladenen und emotionalisierten Wesen gemacht, teils komisch, teils drollig, teils verdutzt in die Welt schauend, teils \u00e4ngstlich, teils aber auch mit bedrohlichem oder gar d\u00e4monischem Subtext aufgeladen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zehn Jahre lang schuf sie unz\u00e4hlige Kohlezeichnungen zur Popkultur, die sie damals jedoch nicht \u00f6ffentlich ausstellte. An die \u00d6ffentlichkeit wagte sie sich zun\u00e4chst nur mit abstrakt-expressionistischen Landschaftsgem\u00e4lden in bunten \u00d6lfarben, von denen sie selbst nicht ganz \u00fcberzeugt war. Als eine geplante Einzelausstellung dieser Werke in einer Galerie kurzfristig von dem Betreiber der Galerie abgesagt wurde, da er sie f\u00fcr zu &quot;unreif&quot; hielt, zog Joyce Pensato die Reissleine und begann damit, die Motive ihrer Kohlezeichnungen fortan auf Leinwand zu malen. Statt bunter \u00d6lfarbe reduzierte sie ihre Farbpalette fortan im Wesentlichen auf Schwarz, Wei\u00df und Silber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch warum malte sie nicht direkt nach den gezeichneten Comic-Vorlagen? &quot;Die dreidimensionalen Elemente geben mir viel. Ich kombiniere auch Teile unterschiedlicher Herkunft, um die Erwartungen zu durchkreuzen. Man ist sich nicht ganz sicher, was man da eigentlich sieht. Manchmal verwende ich die Augen von Felix the Cat, den Mund eines Clowns und die Ohren von Mickey Mouse. Ich muss eine Verbindung zu dem aufbauen, was ich sehe. Ich k\u00f6nnte immer wieder mit denselben Vorlagen arbeiten, aber ich muss trotzdem st\u00e4ndig auch wieder etwas Neues betrachten. Das l\u00f6st etwas in mir aus&quot;, so Joyce Pensato 2018 in einem Interview mit dem New Yorker Online-Kunstmagazin Hyperallergic.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schwarzer Humor und Sarkasmus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&quot;Ich habe bis 1990 gebraucht, um zu erkennen, dass Farbe nichts f\u00fcr mich ist&quot;, so die selbsterkl\u00e4rte &quot;Sp\u00e4tz\u00fcnderin&quot;. Roberta Smith, die Grand Old Lady der New Yorker Kunstkritik, fasste Pensatos Ansatz in ihrem Nachruf f\u00fcr die New York Times folgenderma\u00dfen zusammen: &quot;Sie hat dem Abstrakten Expressionismus das Abstrakte ausgetrieben und stattdessen ein bisschen Pop hinzugef\u00fcgt&quot;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Hamburger Sammlung Falckenberg ist das nun alles zu besichtigen. Am besten man bringt ein wenig Zeit mit. Denn neben den Werken der K\u00fcnstlerin vermitteln auch kurze Filme und Vitrinen mit Archivmaterialien einen tieferen Einblick in ihr ungew\u00f6hnliches Leben. Wer sich auf Joyce Pensatos Werk einl\u00e4sst, wird eine unangepasste K\u00fcnstlerin entdecken, die nicht ohne eine geh\u00f6rige Portion schwarzen Humor und Sarkasmus die allseits geliebten gezeichneten Helden der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft zu Protagonisten der psychischen Krisen und Deformationen macht, die die amerikanische Gesellschaft bis heute pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joyce Pensato: Eyes For You, Sammlung Falckenberg\/Deichtorhallen Hamburg, bis 4. April 2027<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/www.deichtorhallen.de\/de\/deichtorhallen\/sammlung-falckenberg\">www.deichtorhallen.de\/de\/deichtorhallen\/sammlung-falckenberg<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die New Yorker Malerin Joyce Pensato hat das zutiefst verst\u00f6rte Seelenleben von Fantasiehelden wie Mickey Mouse, Batman oder Homer Simpson genial auf die Leinwand gebracht. Jetzt widmen ihr die Hamburger Deichtorhallen eine sehenswerte Einzelausstellung. 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