{"id":2225,"date":"2022-11-18T07:29:59","date_gmt":"2022-11-18T05:29:59","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=816"},"modified":"2026-08-14T22:00:01","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:01","slug":"einheit-und-vielheit-martin-assig-kueppersmuehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2022\/11\/18\/einheit-und-vielheit-martin-assig-kueppersmuehle\/","title":{"rendered":"Einheit und Vielheit"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Martin Assig im Museum K\u00fcppersm\u00fchle, 4. November 2022 bis 5. M\u00e4rz 2023.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Zeiten, als Drahtlosigkeit noch nicht gebr\u00e4uchlich und Smartphones noch nicht verbreitet waren, stand in den meisten Wohnungen an einem zentralen Ort das Telefon. Oft war es der Flur, wo es auf einem Tischchen wartete, daneben lagen ein Block oder Oktavheft und ein Stift bereit. Letztere wurden nicht nur genutzt, um w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs Notizen zu machen, sondern auch um Phasen der Langeweile, die im Lauf eines Telefongespr\u00e4chs auftreten konnten, zu \u00fcberbr\u00fccken. Und zwar mit Zeichnungen, f\u00fcr die der Begriff &#8222;Telefonkritzeleien&#8220; gepr\u00e4gt wurde. Diese Zeichnungen konnten noch so verschieden sein, irgendwie waren sie sich doch gleich und wenn man unerwartet mit ihnen konfrontiert wurde, stellte sich die Frage, ob sie etwas \u00fcber ihren Urheber verraten w\u00fcrden. Was nur selten zutraf. Die Folge war dann akute Ratlosigkeit. Denn so eine kleine Zeichnung, die nichts verr\u00e4t \u00fcber die Bezugssysteme, in denen sie verankert ist, gewinnt \u2013 vielleicht nur f\u00fcr einen kurzen Moment \u2013 Macht \u00fcber ihren Betrachter, weil sie ihn herausrei\u00dft aus seiner Situation, indem sie ihn seiner Deutungshoheit beraubt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bad Painting<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So oder so \u00e4hnlich f\u00fchlt sich der Moment an, in dem man das kleine Kabinett direkt beim Eingang der Duisburger K\u00fcppersm\u00fchle betritt, das die Ouvert\u00fcre der Ausstellung &#8222;Weil ich Mensch bin&#8220; beherbergt. &#8222;Weil ich Mensch bin&#8220; zeigt uns einen Querschnitt durch das Schaffen des in Berlin lebenden Malers Martin Assig. Die Deutungshoheit, die man als Betrachter insgeheim eigentlich jederzeit zu besitzen glaubt, hat sich bereits nach wenigen Schritten verfl\u00fcchtigt. Diese &#8222;Losl\u00f6sung&#8220; wird durch die schiere Vielfalt der Motive hervorgerufen \u2013 figurative, nichtgegenst\u00e4ndliche, ornamentale Bildfiguren auf kleinen Bl\u00e4ttern, auf denen auch W\u00f6rter oder Redewendungen herumtrudeln, pr\u00e4sentieren sich, all dies vermischend, zu Hunderten Rahmen an Rahmen. Man versteht wohl im Vor\u00fcberschreiten, dass hier gro\u00dfe Zyklen zusammenh\u00e4ngen, deren Titel auf das Material (&#8222;Tuschen&#8220;), auf ein Thema (&#8222;Seelen&#8220;) oder einen Ort (&#8222;St. Paul&#8220;) verweisen, die sich aber dennoch jeder linearen Systematik verweigern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"725\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-885\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-300x212.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-768x543.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1536x1087.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2.jpg 1754w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Martin Assig, Ozean, 2009, Enkaustik auf Holz, \u00a9 VG BildKunst 2022, Foto: Gunter Lepkowski<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch ohne die St\u00fctzen einer Begrifflichkeit, die sich anb\u00f6te, mir unter die Arme zu greifen, zeigt sich nach und nach, dass hinter der herausfordernden Vielheit Assigs eine Einheit verborgen ist. Es entwickelt sich ein \u00fcbergreifender Eindruck. Sp\u00e4ter, am heimischen Schreibtisch, kann ich nachlesen, dieser Eindruck t\u00e4uscht nicht, auch andere Betrachter sehen, dass etwas die einzelnen Werke verbindet. Aber wie sieht dieser Emulgator, der die Verbindung herstellt, eigentlich aus? Enrique Juncosa, im Jahr 2002 Kurator der Ausstellung des K\u00fcnstlers im Museum Reina Sofia, der Walter Smerling, Direktor der K\u00fcppersm\u00fchle, die Bekanntschaft mit Martin Assig verdankt,<sup>1<\/sup> sieht eine &#8222;Art von urt\u00fcmlichem Primitivismus&#8220;.<sup>2<\/sup> Was hei\u00dft das? Sicher wird in den einzelnen Bl\u00e4ttern Assigs kein Konzept abgearbeitet, sie folgen, so sieht es zumindest aus, spontanen Impulsen und versuchen, das Unfertige im Bild zu halten, statt es wegzuarbeiten. Hierzu wiederum sagt uns Enrice Juncosa, bei Martin Assig handele es sich um einen Maler, &#8222;der anders als die meisten seiner Generation, in seinem Werk eine sehr pers\u00f6nliche Welt aufgerichtet&#8220; habe<sup>3<\/sup>, w\u00e4hrend Thomas Deecke von einem sehr &#8222;pers\u00f6nlichen mus\u00e9e imaginaire&#8220; spricht<sup>4<\/sup>. Leider ist dieser Begriff f\u00fcr mich kein Zauberwort, das alles zusammenf\u00fcgt. Kay Heymer hingegen sieht Martin Assigs Bildnerei als Teil einer gef\u00e4hrdeten \u00c4sthetik.<sup>5<\/sup> So zu sein, ist in der gegenw\u00e4rtigen Kunstwelt ein Normbruch, zumal keine zeitl\u00e4ufige Reflexion \u00fcber die Klimakatastrophe oder den Krieg in der Ukraine stattfindet, sondern stattdessen die Malerei sich selbst reflektiert. Das alles lie\u00dfe sich gut unter den Begriff &#8222;Bad Painting&#8220; subsumieren. Allerdings fehlen die ironischen Brechungen, nach denen man hier vergeblich sucht. Martin Assig ist kein Philip Guston. Stattdessen Ambivalenzen, denn, so erl\u00e4utert es der K\u00fcnstler im Gespr\u00e4ch, prinzipiell sei die Bildsprache nonverbal. Was der Betrachter in einem Bild sehe oder wie das Bild zu ihm spreche, folge keiner Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit. Dem muss man nicht zustimmen, man muss allerdings im weiteren Sinne eine Tendenz der Dekontextualisierung anerkennen, die sich gegenw\u00e4rtigen Kunsttrends widersetzt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">R\u00e4ume f\u00fcllen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck zum Presserundgang: Zum Konzept der Ausstellung sagt Martin Assig, es gehe zuallererst und eigentlich immer darum, R\u00e4ume zu f\u00fcllen. Das klingt etwas prosaisch. Man kann es aber auch als Hinweis auf Selbstzweifel verstehen, die auch anderen K\u00fcnstlern nicht fremd sein d\u00fcrften, wenn sie vor der Aufgabe stehen, Wandfl\u00e4chen, die zur\u00fcckstarren, mit Kunst zu f\u00fcllen. Allerdings will sich Assig damit nicht lange aufhalten, auch dann nicht, als Walter Smerling nachhakt und ihn auf die die R\u00e4ume ordnenden Themen anspricht und dabei obendrein versucht, den Favoriten des K\u00fcnstlers unter diesen zur Sprache zu bringen. So steht das Wort &#8222;Seele&#8220; pl\u00f6tzlich im Raum. Als es ausgesprochen wird, bewegen sich Walter Smerlings H\u00e4nde in dem Bem\u00fchen, etwas einzukreisen, in der Bauchgegend, als w\u00fcrde er einen Ball streicheln wollen. Der K\u00fcnstler aber l\u00e4sst sich nicht einfangen, denn ein Lieblingsthema hat Martin Assig eben nicht, im Gegenteil, wir h\u00f6ren, dass er &#8222;Zuspitzungen&#8220; dieser Art mit seiner Kunst nicht in Einklang bringen mag. In der K\u00fcppersm\u00fchle gibt es so etwas wie eine thematische Ordnung vielleicht eben doch nur, weil sich nur so aus der kaum zu verbegrifflichenden Vielheit kleinere Einheiten bilden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das Gesamtbild dennoch nicht disparat ger\u00e4t und eigentlich keiner begrifflichen Hilfestellungen bedarf, offenbart sich mir erst in dem Teil der Ausstellung, der im Katalog mit der unscheinbaren \u00dcberschrift &#8222;Kleid&#8220; versehen wurde. Den Kleidern Assigs fehlen R\u00fcmpfe, Gliedma\u00dfen und K\u00f6pfe, die \u00fcblicherweise darinnen stecken, denn Kleider sind f\u00fcr den K\u00fcnstler nichts weiter als &#8222;Beh\u00e4ltnisse&#8220;. Auch hier gibt er sich wieder prosaisch und das passt nun ganz und gar nicht mehr zu der gro\u00dfformatigen malerischen Pracht, die sich vor unseren Augen entfaltet. Von hier aus kann auch ich die Ausstellung pl\u00f6tzlich lesen, sie spricht nun auch zu mir, nonverbal nat\u00fcrlich und fernab jeder Begrifflichkeit. Wenn jedes der vielen hundert Bl\u00e4tter eine nur f\u00fcr sich klingende Stimme w\u00e4re, hier bilden sich gro\u00dfe kraftvolle malerische Akkorde. Was auch f\u00fcr die \u00fcbrigen gro\u00dfe Formate beherbergenden R\u00e4ume gilt, die sich Themen wie &#8222;Schmerz&#8220; oder &#8222;Wasser&#8220; widmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ach ja, Enkaustik. Sie ist die Technik der Wahl des K\u00fcnstlers. Wieder ganz und gar prosaisch: Weil er sich als Kunststudent etwas zulegen wollte, durch das er sich von anderen Studenten unterscheidet. Im Gespr\u00e4ch fallen zwei (oder drei?) Namen anderer K\u00fcnstler, die diese Technik anwenden, darunter der von Jasper Johns.<sup>6<\/sup> Da kann man nun nicht mehr ratlos den Kopf sch\u00fctteln, denn die Ausstellung in der K\u00fcppersm\u00fchle ist nicht nur die gr\u00f6\u00dfte, die bisher dem K\u00fcnstler gewidmet wurde, sie zeigt auch: Martin Assigs und Jasper Johns Namen in einem Atemzug zu nennen, ist alles andere als verfehlt.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>1<\/sup> So schilderte Walter Smerling w\u00e4hrend der Pressekonferenz am 3.11.2022 die Entstehung der Idee, eine Ausstellung mit Martin Assig zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>2<\/sup> Enrique Juncosa, Frida Kahlo besucht den Prado, ein Traum von Gustav Klimt, in: Martin Assig, Erz\u00e4hlung am Boden (Ausst.-Kat.), 3. Februar bis 7. April 2002, Neues Museum Weserburg Bremen, 2002, S. 84.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>3<\/sup> Enrice Juncosa, ebenda, S. 83.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>4<\/sup> Thomas Deecke, Auratische Malerei, in: Martin Assig, Erz\u00e4hlung am Boden (Ausst.-Kat.), 3. Februar bis 7. April 2002, Neues Museum Weserburg Bremen, 2002, S. 75.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>5<\/sup> Key Heymer, Ein Bekenntnis zu Martin Assig, Martin Assig, Weil ich Mensch bin (Ausst.-Kat.), S. 19.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>6<\/sup> Der andere ist der des norwegischen Malers Olav Christopher Jenssen, den wir hier nicht unterschlagen wollen. Ich bin mir nicht sicher, meine mich aber zu erinnern, dass auch David Shrigley erw\u00e4hnt wurde, anders als Jenssen allerdings nicht als Freund der Wachsmalerei.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Assig im Museum K\u00fcppersm\u00fchle, 4. November 2022 bis 5. M\u00e4rz 2023. In den Zeiten, als Drahtlosigkeit noch nicht gebr\u00e4uchlich und Smartphones noch nicht verbreitet waren, stand in den meisten Wohnungen an einem zentralen Ort das Telefon. 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