{"id":2226,"date":"2022-11-15T00:00:00","date_gmt":"2022-11-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=836"},"modified":"2026-08-14T22:00:02","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:02","slug":"michel-majerus-in-den-berliner-kw-institute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2022\/11\/15\/michel-majerus-in-den-berliner-kw-institute\/","title":{"rendered":"<strong>Gr\u00fc\u00dfe aus der Konsumh\u00f6lle<\/strong>"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Michel Majerus in den Berliner KW Institute for Contemporary Art<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alice im Wunderland, Super Mario, Mick Jagger. Allseits bekannte Charaktere und Werbeslogans ploppen aus klein- wie gro\u00dfformatigen Bildgr\u00fcnden. Aufmerksamkeitsheischend, dynamisch und bunt kehren sie einen von Medien durchdrungenen Alltag hervor, sind Signum einer schnelllebigen Gegenwartskultur. In einer Vitrine liegt ein Malbuch mit Roadrunner-Figuren, an der Wand h\u00e4ngt ein mehrteiliges Sandmann-Spiel und inmitten der Petersburger H\u00e4ngung an der R\u00fcckwand der Haupthalle findet sich ein Super-Mario, der doppeldeutig f\u00fcr &#8222;Action and Fun&#8220; wirbt. Die popkulturellen Referenzen sind vielf\u00e4ltig in Michel Majerus&#8216; Werkschaffen, aber nicht nur die kapitalistische Konsumkultur, deren inhaltslose Bildwelt, wird findig aufs Korn genommen, der K\u00fcnstler richtet sich in seiner Kritik auch an die Kunst und ihre Institutionen selbst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1708\" data-id=\"70\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-scaled.jpg 2560w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0080_HQ-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"69\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0110_HQ-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-69\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0110_HQ-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0110_HQ-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0110_HQ-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0110_HQ-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/221020_KW-Michel-Majerus_0110_HQ-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Michel Majerus, 10 bears masturbating in 10 boxes, 1992, \u00a9 Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin. <strong>Right<\/strong>: Michel Majerus, Fuck, 1992, \u00a9 Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Blick hinter die Kulissen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerzu ist den Arbeiten ein Augenzwinkern gemein, wenn sich Majerus in &#8222;Fuck&#8220; (1992) ikonoklastisch im Kontext von Vorg\u00e4ngern und Zeitgenossen positioniert, beinah blasphemisch am Mythos von Gr\u00f6\u00dfen der Malerei des 20. Jahrhunderts kratzt oder \u2013 ganz anders \u2013 in einem f\u00fcr Stiftung Warentest typischen Urteil die Bewertung von Kondomen aufschl\u00fcsselt, wovon 20 sehr gut bis zufriedenstellend waren, aber eins mangelhaft. Was auf den ersten Blick den Anschein von reiner Oberfl\u00e4chlichkeit hat, besch\u00e4ftigt sich genau mit eben dieser Banalit\u00e4t kapitalistischer Bildkultur und entwickelt zugleich in der Aussage oftmals politische Brisanz. Die \u00fcberlebensgro\u00dfe Auflistung von Eigenschaften der Parteien beispielsweise stellt einen humorvoll-bissigen Leitfaden als &#8222;Entscheidungshilfe&#8220; f\u00fcr Wahlen dar, ist gespickt mit Vorurteilen und gibt typische Narrative wieder wie: Gr\u00fcne &#8222;sch\u00fctzen Grashalme, morden Babys, sind Deutschen-Hasser, schw\u00e4rmen f\u00fcr Schwule&#8220;. Abschlie\u00dfend kommt die Aufz\u00e4hlung zu dem Urteil, dass alle f\u00fcnf Parteien das deutsche Volk &#8222;durch eine Promenadenmischung aus allen V\u00f6lkern der Welt: Multi-Kultur&#8220; ausl\u00f6schen wollten und deshalb &#8222;nicht w\u00e4hlbar&#8220; seien. Augenf\u00e4llig ist hier die bis ins Heute reichende Aktualit\u00e4t bezogen auf die Problematik rund um das Thema der Fake News.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer wieder blitzen im poppigen Bilderkosmos die Abgr\u00fcnde der Realit\u00e4t hervor, schw\u00e4ren unter der pastellfarbenen Oberfl\u00e4che, weiten sich als dunkle Risse in der scheinbaren Makellosigkeit aus, bis die Kulisse einer perfekten Welt an der Realit\u00e4t scheitert und angesichts aufklaffender Nahtstellen in sich zusammenf\u00e4llt. Ungew\u00f6hnlich ist es, wenn die Mainzelm\u00e4nnchen pl\u00f6tzlich krank im Bett liegen und das Leben beklagen oder lustige Werbeb\u00e4ren mit hohlen Augen aus viel zu kleinen Boxen ragen. Wei\u00dfe Farbschlieren \u00fcberdecken zuweilen die vielfarbigen Bilder, manche Leinw\u00e4nde bleiben g\u00e4nzlich leer, getaucht in einen undurchdringlichen Schleier von Grau, sind trotz unbeschriebener Sprechblasen in ihrer Aussage seltsam laut. So vielf\u00e4ltig sich die Referenzen in Majerus\u2018 Schaffen gestalten, so mannigfaltig sind die Bezugnahmen auf ihn selbst in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst. Nicht verwunderlich, k\u00f6nnten Majerus\u2018 Arbeiten doch zeitgen\u00f6ssischer kaum sein, wird der Einfluss von Werbung, Fernsehen, Computern, Videospielen und Popkultur langfristig eher gr\u00f6\u00dfer als kleiner. Ein medial durchdrungener Alltag ist zur Normalit\u00e4t geworden, ver\u00e4ndert das Leben eines jeden und einer jeden von uns. Zukunftstechnologien wie beispielsweise smarte Kontaktlinsen oder das Metaverse werden diese Verschr\u00e4nkung nur noch weiter fortf\u00fchren, lassen das Smartphone direkt zu einem Bestandteil des K\u00f6rpers werden. Die comicartige Darstellung von einem Skelett hinter Gittern mit umgest\u00fcrztem Wasserkrug und einer gezackten Sprechblase mit der Bezeichnung \u201eartist\u2019s space\u201c k\u00f6nnte genauso heute als Meme auf der Social Media-Plattform Instagram funktionieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck zu den Anf\u00e4ngen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die KW Institute for Contemporary Art zeigen 20 Jahre nach Majerus&#8216; pl\u00f6tzlichem Tod bei einem Flugzeugabsturz einen Querschnitt seiner fr\u00fchen Arbeiten. In 80 Werken, manche davon noch nie \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert, wird in &#8222;Early Works&#8220; Einblick in die Zeit zwischen 1990 und 1996, die Jahre vor seinem internationalen Durchbruch, gew\u00e4hrt. Die Schau ist Teil einer bundesweit an verschiedenen Orten stattfindenden Ausstellungsreihe, die das gesamte Werkschaffen des K\u00fcnstlers wieder an die Oberfl\u00e4che holen soll, angetrieben von der in Berlin ans\u00e4ssigen Michel Majerus Estate. In den KW l\u00e4sst sich nun an die Anf\u00e4nge zur\u00fcckgehen, bis zu Majerus&#8216; Stuttgarter Akademiezeit bei K.R.H. Sonderborg und Joseph Kosuth, deren Einfluss deutlich sichtbar ist und letzterer sogar namentlich als Hippie-Homer Simpson auftaucht. Die gemeinsam mit KommilitonInnen gegr\u00fcndete Gruppe &#8222;3K-NH&#8220; wird ebenfalls thematisiert, deren Ziel es nach eigener Aussage war, &#8222;die Nutzlosigkeit der Kommunikation im Allgemeinen, insbesondere in Werbung und Kunst zu enth\u00fcllen&#8220; (zitiert nach 3K-NH, Ausstellungskatalog, Stuttgart 1992\/1993). In den betrachteten Zeitraum f\u00e4llt zudem Majerus kurz nach der Wende erfolgter Umzug in die Hauptstadt. Die Berlin eigene Janusk\u00f6pfigkeit zwischen Zentrum des Geschehens und dem Gef\u00fchl von existenzieller Verlorenheit ist in den Werken dieser Zeit unverhohlen zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die w\u00fctende Verve seiner Arbeiten, eine Art jugendliche Rebellion \u00fcbertr\u00e4gt sich von den Malereien auf die Besuchenden der Ausstellung. Die Bildsprache ist frisch, die Aussagen mutig und kritisch, zweifeln an einer b\u00fcrgerlichen Erziehung, an der Kunst, an der als heilig empfundenen Unantastbarkeit von Institutionen. Insbesondere dem altehrw\u00fcrdigen Medium der Malerei galt Majerus&#8216; Augenmerk, dem Austesten ihrer Grenzen und der fehlenden Aktualit\u00e4t. Immer wieder sind seine Bilder provokativ in der Motiv- und Sprachwahl, erregen mit goldenem Hakenkreuz auf pinkem Grund und dem Schriftzug &#8222;learning GERMAN is easy&#8220;, der Bezug auf die luxemburgische Herkunft des K\u00fcnstlers nimmt, Aufsehen. Die Ausstellung zeigt einen noch auf der Suche befindlichen, jungen Maler mit einem sich jedoch langsam herausbildenden ganz eigenen Stil, innerhalb dessen wiederkehrende Motive und Techniken bereits auftauchen, sp\u00e4tere Entwicklungen vorgezeichnet sind. Aus Kostengr\u00fcnden verwendete Majerus zu Beginn beispielsweise zusammengen\u00e4hte Stoffst\u00fccke, ganz \u00e4hnlich der Technik, in der er sp\u00e4ter Leinw\u00e4nde zu gro\u00dfen Bildtableaus montierte. Vieles ist noch Experiment, ein best\u00e4ndiges Tasten in alle Richtungen, ein Ausloten der M\u00f6glichkeiten. Mit einem Zeitungsausschnitt von D\u00fcrers Schmerzensmutter nach dem S\u00e4ureangriff 1988 ausgestattete Hostienverpackungen und mit Abbildungen von Museen bedruckte Hostien im Innern waren so der erste Versuch einer Edition.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arbeiter an der Gegenwart<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die in der Haupthalle der KW gezeigten Arbeiten sind schlie\u00dflich am Ende der fokussierten Zeitperiode entstanden, erinnern an Plakatw\u00e4nde im \u00f6ffentlichen Raum und weisen in ihrer Gr\u00f6\u00dfe schon auf sp\u00e4tere Werke hin. So wie Majerus mittels Appropriation hinter die bunte Fassade der Realit\u00e4t blickte, insinuiert es auch die Ausstellungsarchitektur. Der Boden ist mit metallischen Streben bedeckt, l\u00e4sst hinter die Kulissen blicken, mutet in Baustellenoptik an wie im Prozess begriffen. &#8222;Industrieboden&#8220; entstand 1996 f\u00fcr die erste institutionelle Einzelausstellung von Majerus in der Kunsthalle Basel, war ein Versuch, mit einer ortsspezifischen Installation aus der Zweidimensionalit\u00e4t des Bildes auszubrechen und in die Dreidimensionalit\u00e4t des Raums hinauszutreten. Die gro\u00dfformatigen Werke sind an Ger\u00fcststreben montiert, charakterisieren Majerus als eine Art Arbeiter an der Gegenwart. Wie die schwarzen Linien eines Ausmalbuchs gibt die Ausstellung ein gedankliches Ger\u00fcst vor, l\u00e4sst jedoch gleichsam Raum f\u00fcr Gedankenspiele, f\u00fcr eine ganz eigene Interpretation.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michel Majerus in den Berliner KW Institute for Contemporary Art Alice im Wunderland, Super Mario, Mick Jagger. 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