{"id":2252,"date":"2023-06-16T15:04:55","date_gmt":"2023-06-16T13:04:55","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=2597"},"modified":"2026-08-14T22:00:02","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:02","slug":"weibels-vermaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/06\/16\/weibels-vermaechtnis\/","title":{"rendered":"Weibels Verm\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Ausstellung Renaissance 3.0 im ZKM, 25. M\u00e4rz 2023 bis 7. Januar 2024.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mann und eine Frau atmen in einen Glaskolben. Aus kurzer Entfernung sehen sie sich direkt in die Augen. Ihr Atem kondensiert. Er enth\u00e4lt neben 93 Prozent menschlicher DNA auch 6700 Mikrobenarten, die der Mann, der Genomwissenschaftler Jimmy Breen, analysiert hat. Die Namen dieser Mikroben hat die Komponistin Amanda Cole zu einem achtstimmigen Chorwerk verarbeitet. Die Daten leuchten als Zahlenkolonnen an den W\u00e4nden auf. Die Frau im Video ist die australische K\u00fcnstlerin Helen Pynor, die diese Arbeit konzipiert hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"725\" data-id=\"885\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-885\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-300x212.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-768x543.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1536x1087.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2.jpg 1754w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"725\" data-id=\"885\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-885\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-300x212.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-768x543.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1536x1087.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2.jpg 1754w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: &#8222;93% Human&#8220;, video still, Helen Pynor, 2023. Panoramic video (10.20 min), 8-channel sound (20.09 min), scientific glassware objects. \u00a9 Helen Pynor. <strong>Right<\/strong>: Thomas Feuerstein, &#8222;METABOLICA Camp&#8220; (2023) in der Ausstellung &#8222;Renaissance 3.0&#8220; im ZKM Karlsruhe, 2023. \u00a9 ZKM \/ Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe. Foto: Felix Gr\u00fcnschlo\u00df.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es kommt nicht oft vor, dass sich Wissenschaft und Kunst so buchst\u00e4blich auf Augenh\u00f6he gegen\u00fcber stehen. Auch nicht in dieser Ausstellung, die sich ein &#8222;Basislager f\u00fcr neue Allianzen von Kunst und Wissenschaft im 21. Jahrhundert&#8220; nennt. Das ist, neudeutsch, das Wording von Peter Weibel, als dessen letzte Ausstellung <em>Renaissance 3.0<\/em> auch bezeichnet wird. 3.0 deshalb, weil Weibel die Renaissance, in \u00dcbereinstimmung mit Hans Belting, dessen Buch <em>Florenz und Bagdad<\/em> in der Ausstellung ausliegt, in der islamischen Welt des 9.&nbsp;Jahrhunderts beginnen l\u00e4sst. Ein Nachbau eines Musikautomaten, der \u00e4hnlich wie ein Walzenklavier nach einem vorprogrammierten Code die Klappen eines Rohrblattinstruments bet\u00e4tigt, ist in der Ausstellung zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Renaissance 3.0<\/em> sei aus der Ausstellungsgeschichte der letzten Jahre hervorgegangen, sagt Anett Holzheid, die leitende Kuratorin: Ausstellungen seit der <em>Globale<\/em> 2015, zu der <em>Allahs Automaten<\/em> geh\u00f6rte, Ausstellungen wie <em>Open Codes<\/em>, die eine ganz neue Herangehensweise etablierten, weg von der Kunstbetrachtung, hin zu einer selbsterm\u00e4chtigenden Aneignung digitaler Werkzeuge. So sind denn, nach der historischen Einf\u00fchrung, auch ganz andere Arbeiten, andere Arten von Arbeiten zu sehen, als man sie in anderen Kunstausstellungen zu sehen bekommt. Arbeiten, die mit Mikroskopie und Mikrobiologie experimentieren, die mit k\u00fcnstlicher Intelligenz, unkonventionellen Materialien und eigenen technologischen Werkzeugen arbeiten. Die in einigen F\u00e4llen aus der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst resultieren, wenn sich auch genau hier vielfach zeigt, dass diese beiden Bereiche eben keine gleichen Schwestern sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ungleiche Schwestern<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Feuerstein etwa, der einen ganzen Raum bespielt, arbeitet mit einem Team von nicht weniger als 17 Mikrobiologen, Maschinenbauern und anderen Experten zusammen. Die Kolben und Apparaturen, die hier im Raum stehen, zeugen von einem Aufwand, wie er sich in der Kunst sonst nur selten realisieren l\u00e4sst. Die W\u00e4nde sind tapeziert mit chemischen Strukturformeln, vom K\u00fcnstler zeichnerisch \u00fcberarbeitet. <em>Metabolica<\/em> nennt er seine Arbeit, das erinnert an Metallica, und in Richtung Heavy Metal geht auch die \u00c4sthetik. In den Kolben zersetzt ein Bakterium kultivierte Algen und macht daraus ein Biopolymer, aus dem Feuerstein wiederum mit dem 3D-Drucker den Kopf des <em>David<\/em> von Michelangelo druckt, w\u00e4hrend die Bakterien in einem anderen Kolben dessen Hand wieder zersetzen. Kreislaufwirtschaft statt fossiler Energie, lautet die Botschaft des K\u00fcnstlers. Aber warum Michelangelo? Was hat Caspar David Friedrichs <em>Wanderer \u00fcber dem Nebelmeer <\/em>in der Arbeit verloren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen neueren Arbeiten und Werken aus der Sammlung des ZKM, etwa mikroskopischen Filmaufnahmen von Plankton, dem <em>Institut Scientifique de Recherche Paranaturaliste<\/em> von Louis Bec, der 1972 mit Vil\u00e9m Flusser imagin\u00e4re Lebewesen entwarf, bis hin zu den &#8222;spekulativen Lebensformen&#8220; des KI-Projekts <em>Codex Virtualis<\/em> lassen sich vielerlei Korrespondenzen entdecken. Oder zwischen verschiedenen Arbeiten, die R\u00f6ntgenbilder des Stimmapparats beim Sprechen oder Singen zeigen. Es gibt auch ganz kleine, schlichte Arbeiten wie Daniel Canogars <em>Pneuma 4<\/em>: Telefonkabel aus dem Elektroschrott, die durch effektvolle Beleuchtung zu einem bunten Leben erwachen. Eher sinnbildlich ist die Installation von Constanza Pi\u00f1a Pardo zu verstehen, die die Khipu-Knotenschn\u00fcre der Inka sehr \u00e4sthetisch \u00fcber feine Kupferdr\u00e4hte an eine Platine anbindet, die Sternbildern nachempfunden ist. Ebenso sinnlich das Netz, das Tom\u00e1s Saraceno gesponnen hat, angelehnt an Spinnweben und platonische K\u00f6rper, wobei die Besucher die F\u00e4den wie ein Musikinstrument bespielen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"392\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a9588-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-392\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a9588-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a9588-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a9588-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a9588-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a9588-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"393\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a0057-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-393\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a0057-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a0057-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a0057-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a0057-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/v5a0057-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Constanza Pi\u00f1a Pardo, &#8222;Khipu: Electrotextile Prehispanic Computer&#8220; (2018) in der Ausstellung &#8222;Renaissance 3.0&#8220; im ZKM | Karlsruhe, 2023. \u00a9 ZKM \/ Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe. Foto: Felix Gr\u00fcnschlo\u00df. <strong>Right<\/strong>: Peter Weibel &amp; Christian L\u00f6lkes, &#8222;Wissensfeld&#8220; (2023) in der Ausstellung &#8222;Renaissance 3.0&#8220; im ZKM \/ Karlsruhe, 2023. \u00a9 ZKM | Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe. Foto: Felix Gr\u00fcnschlo\u00df.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weibel selbst war auch beteiligt, unter anderem mit der Idee zu einem &#8222;Wissensfeld&#8220;: Begriffe wie <em>Sonifizierung<\/em>, <em>Richterskala<\/em> oder <em>K\u00fcnstlerische Forschung<\/em> sind auf den Boden gebeamt. Wer sich darauf stellt, wird mit dem Wort eingekreist. Von dem Kreis ausgehend, der nun auch den Schritten des Eingekreisten folgt, bildet sich eine Linie zu einer der beiden Leinw\u00e4nde auf jeder Seite des Felds, wo dann die Erkl\u00e4rungen stehen. Das funktioniert zwar im Moment des Besuchs nicht ganz, was aber insofern entschuldbar ist, als der Programmierer Christian L\u00f6lkes gleichzeitig die 21. Gulaschprogrammiernacht organisiert, zu der 2000 Programmierer aus dem Kreis des Chaos Computer Clubs erwartet werden. Eines ist der Ausstellung sicher nicht abzusprechen: dass sie ein buntes Panorama \u00fcberraschender&nbsp;Arbeiten zeigt, wie man sie sonst selten zu sehen bekommt. Eine gro\u00dfe Spielwiese, zum Teil auch zum Mitmachen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Andere Codierungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwieriger ist die Frage zu beantworten, welche Absichten sich damit verbinden. Holzheid spricht von Weibels Philosophie. In der Ausstellung hei\u00dft es bescheidener &#8222;Gedankenskizze&#8220;, das klingt wieder nach O-Ton Weibel. Was ist aber mit einer Arbeit wie Helen Pynors <em>93% Human<\/em> gesagt? Beobachtet oder versinnbildlicht sie, was in der Wissenschaft geschieht, ist sie in der Lage, ein neues Licht darauf zu werfen? Manche Arbeiten sind \u00e4sthetisch, andere politisch motiviert, wieder andere arbeiten spekulativ, funktionieren als Sinnbilder oder nutzen ganz einfach, von ihren eigentlichen Zwecken befreit, Verfahren und Werkzeuge der Naturwissenschaften. Wenn aber ein Industrieroboter in jeweils einw\u00f6chiger Arbeit in ein rund 80 x 80 Zentimeter gro\u00dfes Quadrat einen Ausschnitt der Marslandschaft mit Kugelschreiber einzeichnet: Ist das mehr als technische Spielerei? Ein &#8222;Basislager&#8220; will die Ausstellung sein \u2013 das suggeriert H\u00f6henluft beim weiteren Aufstieg. Von einem gemeinsamen &#8222;Pool of Tools&#8220; ist die Rede. Was aber verbindet Wissenschaften und K\u00fcnste?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"394\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/k3a8826-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-394\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/k3a8826-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/k3a8826-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/k3a8826-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/k3a8826-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/k3a8826-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"439\" data-id=\"395\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/earthlink_2018_foto_miha_godec.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-395\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/earthlink_2018_foto_miha_godec.jpg 640w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/earthlink_2018_foto_miha_godec-300x206.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Tom\u00e1s Saraceno, &#8222;Algo-r(h)i(y)thms&#8220; (2023) in der Ausstellung &#8222;Renaissance 3.0&#8220; im ZKM \/ Karlsruhe, 2023. \u00a9 ZKM | Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe. Foto: Felix Gr\u00fcnschlo\u00df. <strong>Right<\/strong>: Sa\u0161a Spa\u010dal, Earthlink, 2018, biotechnological installations. \u00a9 Sa\u0161a Spa\u010dal, Foto: Miha Godec.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Er\u00f6ffnungssymposium waren zwei Nobelpreistr\u00e4ger\/innen gekommen, ein dritter, Adam Riess, per Aufzeichnung eingespielt. Christiane N\u00fcsslein-Volhard, Nobelpreistr\u00e4gerin f\u00fcr Physiologie oder Medizin, zog eine Parallele zwischen Ornamenten und Lauten der Tiere und den k\u00fcnstlerischen \u00c4u\u00dferungen des Menschen. Schon Darwin sei aufgefallen, dass sich nicht alles mit dem \u00dcberlebenskampf begr\u00fcnden l\u00e4sst. In einem zweiten Werk, <em>The Descent of Man and<\/em> <em>Selection in Relation to Sex<\/em>, 1871 erschienen, behandelte Darwin die Funktion der Sch\u00f6nheit, die, so N\u00fcsslein-Volhard, eine subjektive Bewertung impliziere, gerade so wie in der menschlichen Kunst. Stefan Hell, Tr\u00e4ger des Nobelpreises f\u00fcr Chemie, wiederum schilderte, wie er darauf kam, das Lichtmikroskop zu einer Aufl\u00f6sung weiter zu entwickeln, wie sie bis dahin f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten wurde \u2013 unter anderem, weil sich das Elektronenmikroskop nicht f\u00fcr lebende Materie eigne. Der Ber\u00fchrungspunkt zur Kunst bestand in diesem Fall in der Frage der Idee, der Eingebung. Allerdings machte Hell deutlich, dass es neue Ans\u00e4tze im heutigen, h\u00e4ufig zweckgebundenen Forschungsbetrieb, immer \u00fcberwacht von den strengen Augen der Peer Reviews, durchaus schwer haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn eine Philosophie hinter der Ausstellung steht, so gibt es da auch einige blinde Flecken. In einem Gespr\u00e4ch, auf der Website des ZKM nachzulesen, sagte Weibel, die arabische und italienische Renaissance h\u00e4tten eine Verwissenschaftlichung vorangetrieben. Allerdings gab es die heutigen Begriffe von&nbsp;Wissenschaft und Kunst damals noch nicht. Lateinisch <em>ars<\/em> und griechisch <em>techne<\/em> standen gleichbedeutend f\u00fcr jedwede menschliche Fertigkeit. Mit <em>Wissenschaft<\/em> oder <em>Verwissenschaftlichung<\/em> ist hier nun fast immer nur Naturwissenschaft, genau genommen zumeist eher Technologie gemeint. Weibel prognostiziert, dass die <em>Lebenswissenschaften<\/em> in Zukunft st\u00e4rker in den Fokus r\u00fccken w\u00fcrden, also Biologie und verwandte F\u00e4cher. Ausgespart bleibt dagegen der gesamte Bereich, der im Englischen unter dem Begriff <em>Humanities<\/em> steht: in Deutschland&nbsp;Human-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Und das trotz eines genealogischen Bezugs zum <em>Humanismus<\/em>, dem zentralen Begriff der Renaissance. Der Mensch stand damals im Mittelpunkt, nicht nur als Objekt wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als denkendes und handelndes Wesen, das sich, auch historisch, selbst reflektiert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die KI ist nicht wirklich intelligent<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu dieser Art von Wissensproduktion k\u00f6nnen Apparate nur wenig beitragen. Allerdings ist zu bedenken, dass sich das ZKM urspr\u00fcnglich &#8222;Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien<em>technologie<\/em>&#8220; nannte. Es wurde gegr\u00fcndet, um die technologischen M\u00f6glichkeiten der Kunstproduktion zu erweitern. Weibels Gedankenskizze besteht darin, diesen Ansatz \u00fcber die digitalen Codes der Medienkunst hinaus auf andere Codierungen wie die Khipu-Schn\u00fcre der Inka oder die mikrobiologischen Codes der DNA zu erweitern. Es handelt sich nicht wirklich um ein in allen Details durchdekliniertes philosophisches System, vielmehr sind verschiedene, durchaus heterogene Arbeiten versuchsweise in den Raum gestellt. Dass andererseits mehr dahinter steht als eine assoziative Aneinanderreihung von Dingen, die irgendwie in den Zusammenhang passen, zeigt das<em> Tool Lab<\/em>, die Herzkammer der Ausstellung. Ein Zeitstrahl reicht von al-Chw\u0101rizm\u012b im Jahr 828 bis zur heutigen Allgegenwart der Algorithmen, die nach seinem Namen benannt sind. Die ersten Computerm\u00e4use sind zu sehen, ebenso der 1970 von Oskar Beckmann f\u00fcr seinen Vater Otto gebaute &#8222;Ateliercomputer&#8220;. Vermutlich schon f\u00fcr Weibel selbst war in j\u00fcngeren Jahren der <em>Whole Earth Catalog<\/em> von Stewart Brand wichtig. Hier wie in der Zeitschrift <em>Radical Software<\/em> verband sich die Gegenkultur um 1970 mit den Versprechungen der Digitalisierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Holzheid zeigt sich der Geist, den die Ausstellung verk\u00f6rpert, in einem gro\u00dfformatigen Schwarzwei\u00dffoto. Es zeigt sieben gut gelaunte junge Wissenschaftler 1956 beim <em>Dartmore Summer Resarch Project on Artificial Intelligence<\/em>, das den Begriff der k\u00fcnstlichen Intelligenz in die Welt gesetzt hat: eine fr\u00f6hliche Wissenschaft, eher verwandt mit den kreativen Herangehensweisen der Kunst als mit dem heutigen (Natur-) Wissenschaftsbetrieb. Die Sache hat nur einen Haken: Die k\u00fcnstliche Intelligenz ist nicht wirklich intelligent. Sie enth\u00e4lt R\u00fcckkopplungsschleifen, kann aber niemals wie der Mensch sich selbst reflektieren und auch keine Kunstwerke erschaffen. Oder nur, wenn sie daraufhin programmiert wurde.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung Renaissance 3.0 im ZKM, 25. M\u00e4rz 2023 bis 7. Januar 2024. Ein Mann und eine Frau atmen in einen Glaskolben. Aus kurzer Entfernung sehen sie sich direkt in die Augen. Ihr Atem kondensiert. Er enth\u00e4lt neben 93 Prozent menschlicher DNA auch 6700 Mikrobenarten, die der Mann, der Genomwissenschaftler Jimmy Breen, analysiert hat. 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