{"id":2255,"date":"2023-07-16T14:05:34","date_gmt":"2023-07-16T12:05:34","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=2866"},"modified":"2026-08-14T22:00:02","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:02","slug":"deutschland-ist-ein-schoenes-land-und-wird-von-schizophrenen-bewohnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/07\/16\/deutschland-ist-ein-schoenes-land-und-wird-von-schizophrenen-bewohnt\/","title":{"rendered":"&#8222;Deutschland ist ein sch\u00f6nes Land \u2026 und wird von Schizophrenen bewohnt&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Lee Miller \u2013 Fotografin zwischen Krieg und Glamour<\/em>, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, 10. Juni bis 24. September 2023.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Cauliflower Breasts<\/em>, zwei mit rosa gef\u00e4rbter Mayonnaise \u00fcbergossene Blumenkohlk\u00f6pfe, <em>Goldfish<\/em>, der mit geraspelten Karotten bedeckte Kabeljau, oder <em>Penroses<\/em>, die mit Foie Gras gef\u00fcllten Champignons, die Lee Miller (1907\u20131977) nach ihrem Ehemann Roland Penrose benannt hatte und mit denen sie sogar einen Kochwettbewerb gewann \u2013 das sind Gerichte, die sich Miller f\u00fcr das Zusammensein mit befreundeten K\u00fcnstler:innen ausdachte oder f\u00fcr Dinnerpartys auf ihrer s\u00fcdlich von London gelegenen Farm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>Farley Farm<\/em> und das dazugeh\u00f6rige Haus in Muddles Green, Chiddingly, East Sussex, bezogen Miller und Penrose im Fr\u00fchjahr 1949 in Erg\u00e4nzung zu ihrer Londoner Stadtwohnung. Was zun\u00e4chst als Wochenenddomizil gedacht war, entwickelte sich zunehmend zu einem Ort, an dem das Paar regelm\u00e4\u00dfig G\u00e4ste empfing, die sie entweder auf ihren jeweiligen k\u00fcnstlerischen Wegen aus der Zeit des Surrealismus begleitet hatten oder die Penrose als Mitbegr\u00fcnder des Londoner <em>Institute of Contemporary Arts<\/em> einlud.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lee Miller kultivierte im Garten von Farleys Farm unter anderem Heilpflanzen wie Borretsch, mit dessen Bl\u00fcten sie etwa in Formen gepressten Reis oder Getr\u00e4nke dekorierte, und sammelte unz\u00e4hlige Rezepte sowie \u00fcber 2000 Kochb\u00fccher. Mitte der 1970er-Jahre arbeitete sie selbst an einem Kochbuch mit dem Titel <em>The Entertaining Freezer<\/em>, das aber unver\u00f6ffentlicht blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort, im <em>Farleys House<\/em>, wo sich heute der Nachlass dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen K\u00fcnstlerin, Fotografin und Kriegsberichterstatterin des Zweiten Weltkriegs befindet, die ihre Karriere 1927 in New York als Fotomodell f\u00fcr die amerikanische <em>Vogue<\/em> begann, vergrub Lee Miller ihre inneren Bilder und Kriegstraumata in der physischen Auseinandersetzung mit Geschm\u00e4ckern bei der Komposition surrealistischer Men\u00fcs. Ihre Fotografien, Negative, Filmrollen, Kriegsreportagen, Briefe, Kameras wie auch ihre Uniform der US-Armee verbarg sie auf dem Dachboden des Hauses, bis Lee Millers Sohn, Antony Penrose, diese nach ihrem Tod dort fand und der Welt zug\u00e4nglich machte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Spektren der Lee Miller<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lee Millers wiederentdeckte Bilder sind in den vergangenen Jahren mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vielmals gezeigt worden. Umso \u00fcberraschender erweist sich die Ausstellung <em>Lee Miller \u2013 Fotografin zwischen Krieg und Glamour<\/em> im Bucerius Kunst Forum in Hamburg als eine Schau, die dicht an die Facetten der Lee Miller heranr\u00fcckt und ihre k\u00fcnstlerische wie menschliche Vielfalt anhand eines fein zusammengestellten Spektrums ihrer Bilder und eines Katalogs<sup>1<\/sup> herausarbeitet, der die Ausstellung mit aufschlussreichen Beitr\u00e4gen \u00fcber Millers Lebenswerk begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die von Karin Gimmi vom Museum f\u00fcr Gestaltung Z\u00fcrich in Zusammenarbeit mit Daniel Blochwitz kuratierte Schau f\u00e4chert so Lee Millers Sein und Schaffen auf: Zun\u00e4chst erschien sie selbst auf Modefotografien, die der renommierte Edward Steichen oder auch George Hoyningen-Huene von der jungen Lee Miller f\u00fcr die amerikanische <em>Vogue<\/em> aufnahm. Zwischen 1929 und 1932 fertigte sie in ihrer Zeit in Paris im Zusammenleben mit Man Ray und den Surrealisten erste eigene k\u00fcnstlerische Fotografien an. Dann folgen Selbstportr\u00e4ts, in denen Miller \u00fcber die Ausleuchtung verschiedener Texturen der von ihr getragenen Kleider und arrangierten Objekte nicht nur Werbung f\u00fcr sich, sondern auf ihre Fertigkeiten als Portr\u00e4t- und Modefotografin in ihrem New Yorker Studio aufmerksam machte. In den Jahren 1934 bis 1937 vertiefte sie in Kairo ihr k\u00fcnstlerisches Werk mit einem Fokus auf abstrahierte Landschaftsfotografie. Bei Kriegsbeginn 1939 zog Lee Miller nach London zu Roland Penrose und fotografierte als freie Mitarbeiterin der britischen <em>Vogue<\/em> erste Kriegsreportagen. Diese f\u00fchrten schlie\u00dflich 1942 bis 1946 zu Lee Millers Position als Kriegsberichterstatterin der US-Armee f\u00fcr die <em>Vogue<\/em> mit kontinuierlichen Ver\u00f6ffentlichungen in der britischen und amerikanischen Ausgabe dieser Modezeitschrift.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"940\" height=\"1024\" data-id=\"444\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Portrait_of_space_1937-940x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-444\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Portrait_of_space_1937-940x1024.jpg 940w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Portrait_of_space_1937-276x300.jpg 276w, 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war die 1907 in Poughkeepsie, New York, geborene Elizabeth Miller mit dem Medium Fotografie vertraut gemacht worden, fertigte ihr Vater Theodore Miller doch fortlaufend Portr\u00e4tfotografien und mit zunehmendem Alter auch Aktfotografien von Lee Miller an, die er mitunter im stereoskopischen Verfahren umsetzte.<sup>2<\/sup> Sie selbst nahm zun\u00e4chst Unterricht in experimenteller B\u00fchnen- und Lichtgestaltung bei Ladislas Medgy\u00e8s in Paris und erweiterte 1926 ihre Faszination f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen Umgang mit Licht und Schatten bei Studien des Experimentaltheaters mit Hallie Flanagan am Vassar College in Millers Geburtsort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lee Millers Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Dramaturgie eines (fotografischen) Bildes durch gezielte Ausleuchtung zeigt sich in den in der Hamburger Ausstellung pr\u00e4sentierten Werken vielgestaltig, doch insbesondere in der Serie <em>Portraits from Four Saints in Three Acts<\/em> (1933): Zu sehen sind die Akteur:innen Bruce Howard, Edward Matthews, Altonell Hines und Bertha Fitzhugh, die Miller anl\u00e4sslich der Urauff\u00fchrung der gleichnamigen surrealistischen Oper von Virgil Thomson am Wadsworth Atheneum in Hartford fotografiert hatte.<sup>3<\/sup> Bemerkenswert in diesen Aufnahmen ist Millers Herausstellen von Gestik und Mimik, Hell und Dunkel, wie es in dieser Zeit \u00e4hnlich von dem Fotografen Helmar Lerski in seinen Gesichtsstudien umgesetzt worden war. Auch Lerskis Blick auf das menschliche Antlitz wurde durch seine Arbeit am Theater und beim Stummfilm gepr\u00e4gt.<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lee Miller wiederum kn\u00fcpfte w\u00e4hrend ihrer engen Zusammenarbeit mit Man Ray in Paris in ihren Portr\u00e4ts an das durch sie wiederentdeckte Verfahren der Solarisation an, etwa mit <em>Solarised portrait [Thought to be Meret Oppenheim]<\/em> (1932), bei dem die dargestellte Figur schematisch-linienhaft im Bild hervortritt. Miller formulierte in ihrer Bildsprache so zunehmend eine assoziativ-abstrakte, sensible wie auch direkte Ann\u00e4herung an den Menschen, die sie mitunter durch starke Retuschen derart radikal umsetzte, dass von ihr Portr\u00e4tierte losgel\u00f6st vom eigenen K\u00f6rper auf der schwarzen Bildfl\u00e4che zu schweben scheinen wie in <em>Floating head [Mary Taylor]<\/em> (1933).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">In zerbombten St\u00e4dten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonderer Schwerpunkt der Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist \u2013 vermutlich in Bezug zu seinem Stifter Gerd Bucerius als ehemaligem Verleger und Herausgeber \u2013 der Fokus auf Lee Millers Presse- und Reportage-Fotografie, die f\u00fcr die K\u00fcnstlerin einen essenziellen Abschnitt und Einschnitt in ihr bis dahin gef\u00fchrtes Leben beschreibt: Sie akkreditierte sich 1942 als zivile Kriegsberichterstatterin bei der US-Armee als Fotografin und Kolumnistin f\u00fcr die britische <em>Vogue<\/em>. Und sie war damit, wie beispielsweise Margarete Bourke-White, eine der wenigen Frauen, die \u00fcberhaupt \u00fcber den Krieg berichten konnten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"938\" height=\"1024\" data-id=\"446\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller__David_E._Scherman__dressed_for_war__1942-938x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-446\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller__David_E._Scherman__dressed_for_war__1942-938x1024.jpg 938w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller__David_E._Scherman__dressed_for_war__1942-275x300.jpg 275w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller__David_E._Scherman__dressed_for_war__1942-768x838.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller__David_E._Scherman__dressed_for_war__1942-1408x1536.jpg 1408w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller__David_E._Scherman__dressed_for_war__1942-1877x2048.jpg 1877w\" sizes=\"(max-width: 938px) 100vw, 938px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" data-id=\"448\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-448\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-300x300.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-150x150.jpg 150w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-768x768.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Auxiliary_Territorial_Service_searchlight_operators_1943-100x100.jpg 100w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"981\" height=\"1024\" data-id=\"447\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Fire_Masks_1941-981x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-447\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Fire_Masks_1941-981x1024.jpg 981w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Fire_Masks_1941-288x300.jpg 288w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Fire_Masks_1941-768x801.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Fire_Masks_1941-1472x1536.jpg 1472w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/BKF_Presse_Lee_Miller_Fire_Masks_1941-1963x2048.jpg 1963w\" sizes=\"(max-width: 981px) 100vw, 981px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Lee Miller, David E. Scherman, dressed for war, London, 1942. \u00a9 Lee Miller Archives, East Sussex, England. <strong>Mitte<\/strong>: Lee Miller, Auxiliary Territorial Service searchlight operators, Nord-London, 1943. \u00a9 Lee Miller Archives, East Sussex, England. <strong>Rechts<\/strong>: Lee Miller: Fire masks, London, 1941. \u00a9 Lee Miller Archives, East Sussex, England.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insbesondere die Jahre 1944 und 1945 pr\u00e4gten Lee Miller, als sie beginnend mit dem D-Day mit den Alliierten in der Normandie landete. In Saint-Malo erlebte sie die Belagerung der bretonischen Stadt und einen der ersten Luftangriffe, bei denen Napalm eingesetzt wurde, hautnah an der Front mit und schilderte ihre Erlebnisse eindr\u00fccklich in Bild und Wort. Kaum dass Paris im August 1944 befreit war, fertigte Lee Miller einige Fotografien von langj\u00e4hrig befreundeten K\u00fcnstler:innen an, so bei einem Wiedersehen mit den Vertrauten Pablo Picasso, Nusch und Paul \u00c9luard, Elsa Triolet, Louis Aragon und Roland Penrose in Picassos Atelier; und sie best\u00e4rkte mit einem Bericht \u00fcber Colette die intellektuelle Freiheit. Nach Stationen wie in Rennes, wo sie Frauen fotografierte, die der Kollaboration mit Nazis bezichtigt wurden, folgte schlie\u00dflich die Belagerung Deutschlands, die Miller von M\u00e4rz bis Mai 1945 begleitete. Diese Zeit hielt f\u00fcr sie als Kriegsberichterstatterin wie als Mensch die m\u00f6glicherweise gr\u00f6\u00dften Herausforderungen bereit \u2013 allem voran das Konzentrationslager Dachau, in dem sie mit amerikanischen Truppen einen Tag nach der Befreiung des Lagers am 30. April 1945 eintraf und wo sie Bilder von T\u00e4tern, Opfern und Folterst\u00e4tten aufnahm. Die Fotografien von Menschen zwischen Leben und Tod, die im Bucerius Kunst Forum in einem abgedunkelten Kabinett gezeigt werden, sind schwer auszuhalten. Lee Miller sagte r\u00fcckblickend auf dieses Erleben: &#8222;Den Gestank Dachaus in meiner Nase bin ich nie wieder losgeworden.&#8220;<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In ihren Reportagen dr\u00fcckte sie wiederkehrend und variantenreich eine umf\u00e4ngliche Verachtung gegen\u00fcber den &#8222;Krauts&#8220; und &#8222;Krautland&#8220; aus: &#8222;Deutschland ist ein sch\u00f6nes Land \u2013 mit D\u00f6rfern wie Juwelen und zerbombten Stadtruinen \u2013 und wird von Schizophrenen bewohnt&#8220;<sup>6<\/sup>, lautet der Aufmacher ihres Beitrags <em>Deutschland. Der Krieg ist gewonnen<\/em>. In ihm berichtete sie \u00fcber das von ihr im besiegten Deutschland Erfahrene und Gesehene f\u00fcr die <em>Vogue<\/em>, die im Juni 1945 erschien. Es folgte ihr Beitrag <em>Hitleriana<\/em>, der mit einem Foto von Lee Miller in Hitlers Badewanne im Sommer 1945 den H\u00f6hepunkt ihrer Kriegsberichterstattung markierte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hitlers Badewanne<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unmittelbar nach Dachau er\u00f6ffnete sich f\u00fcr Lee Miller und David E. Scherman, der f\u00fcr das Magazin <em>Life <\/em>fotografierte und der Millers Truppe seit der Normandie begleitete, die M\u00f6glichkeit, Hitlers M\u00fcnchner Privatwohnung am Prinzregentenplatz aufzusuchen. Sie konnten einige Tage in ihr wohnen und seltene Fotografien anfertigen \u2013 so die fotografische Reihe, bei der Miller und Scherman gegenseitig Aufnahmen von sich in Hitlers Badewanne machten. Die von beiden inszenierte Bildfolge weist noch heute emblematische Wirkung auf: Auf der linken Seite des Bildes wird Miller (respektive Scherman) von einer Fotografie flankiert, die Adolf Hitler in einem 1933\/34 durch den &#8222;Reichsbildberichterstatter&#8220; Heinrich Hoffmann aufgenommenen Portr\u00e4t des <em>F\u00fchrers<\/em> als Reichskanzler zeigt. Von diesem Bild wendet sich Miller durch die Ausrichtung ihres K\u00f6rpers ab, w\u00e4hrend ihr Blick an der Statuette <em>Die Ausschauende<\/em> (1936) von Rudolf Kaesbach vorbei in einen unbestimmten, symbolischen Raum f\u00fchrt. Sp\u00e4testens seit der documenta 13 im Jahr 2012 werden die Fotografien Millers\/Schermans breit diskutiert. Dort pr\u00e4sentierte die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev jenes Foto Lee Millers als impulsgebend f\u00fcr ein assoziatives Denken, indem sie es zentral in der Rotunde des Fridericianums im sogenannten <em>Brain<\/em> positionierte \u2013 umringt von den im Bild enthaltenen Objekten. Doch ist es bei der Betrachtung dieses Bildes vernachl\u00e4ssigt worden, dass das von Miller\/Scherman verwendete Foto Hitlers nahezu ikonografischen Charakter in der NS-Propaganda gehabt hatte, ja dass <em>diese<\/em> Ansicht als Sinnbild des <em>F\u00fchrers<\/em> gehandelt worden war \u2013 dessen endg\u00fcltige Abwesenheit als Besiegter und Toter wiederum Lee Miller mit ihrer Inszenierung vergegenw\u00e4rtigt.<sup>7<\/sup> Vor der Badewanne stehen Millers Stiefel, die sie wenige Stunden zuvor noch im KZ Dachau getragen hatte \u2013 einem Ort, an dem sie Spuren von Unsagbarem fotografierte und von dem sie nicht zu Fotografierendes als Bilder mitnahm, die in ihrem Inneren verblieben. Mit ihrer entkleideten Pose in Hitlers Badewanne verk\u00f6rperte Lee Miller als (verletzter) Mensch die Rolle der Zeugin der durch sie wahrgenommenen Untaten. Gegen diese Untaten hat sie mit ihrer Arbeit als Fotografin und Autorin \u2013 als eine Notwendigkeit von Sehen und Denken \u2013 in nachhaltig beeindruckender Weise Position ergriffen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schlussbilder<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So umfassend die vielen scharfkantigen Lebensabschnitte der Lee Miller sind, so weitreichend ist die Hamburger Ausstellung. Sie zeichnet auf inspirierende Weise das Lebenswerk einer bedeutenden Frau des 20. Jahrhunderts nach, die ihrerseits in ihren Bildern vielmals die T\u00e4tigkeiten von Frauen \u2013 vor allem w\u00e4hrend der Kriegsjahre \u2013 in den Blick r\u00fcckte. Es sind dabei Lee Millers Wege, die unabdingbar mit dem Medium der Fotografie verbunden gewesen sind, und so war es auch die Fotografie, die ihr Sein und Sehen \u00fcber mehrere Jahrzehnte hinweg spiegelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass am Ende der Ausstellung im Bucerius Kunst Forum einige ausgew\u00e4hlte Rezeptkarten Lee Millers zum Mitnehmen ausgelegt sind, scheint im Zuge ihres Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg und einem Zur\u00fccktreten von diesen Bildern nur folgerichtig zu sein: Es waren ihre kulinarischen surrealistischen Kreationen, \u00fcber die sie auf eine neue Art ihr Schaffen transformierte und in zwischenmenschlichen Momenten \u2013 auch fotografisch \u2013 (mit)teilte.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>1<\/sup> Lee Miller, Fotografin zwischen Krieg und Glamour, Ausst.-Kat. Bucerius Kunst Forum, Hamburg, hrsg. v. Kathrin Baumstark, Hirmer, M\u00fcnchen 2023; mit Beitr\u00e4gen von Ami Bouhassane, Elisabeth Bronfen, Karin Gimmi, Cath\u00e9rine Hug und Katharina Menzel-Ahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>2<\/sup> Ein bislang weniger ausgeleuchteter, doch von Carolyn Burke benannter Aspekt in Lee Millers Biografie: &#8222;These images are, at the very least, disturbing&#8220;, in: dies., &#8222;Framing a life: Lee Miller&#8220;, in: The Surrealist and the Photographer: Roland Penrose and Lee Miller, Ausst.-Kat. Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh 2001, S. 127\u2013134, hier S. 128.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>3<\/sup> Inszenierung von John Houseman, komponiert von Virgil Thomson und mit einem Libretto von Gertrude Stein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>4<\/sup> Lerskis fotografisches Werk begann sich bereits in den 1910er-Jahren in den USA zu entwickeln, vgl. Helmar Lerski, Pionnier de la Lumi\u00e8re, Ausst.-Kat. Mus\u00e9e d\u2019art et d\u2019histoire du Juda\u00efsme, \u00c9ditions Gallimard, Paris 2018.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>5<\/sup> Lee Miller, Fotografin zwischen Krieg und Glamour, S. 193.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>6<\/sup> Lee Miller: &#8222;Deutschland. Der Krieg ist gewonnen&#8220;, in: Lee Miller, Krieg, Reportagen und Fotos, Mit den Alliierten in Europa 1944\u20131945, hrsg. v. Antony Penrose, btb, M\u00fcnchen 2015, S. 201\u2013231, hier S. 201 [erstmals ver\u00f6ffentlicht 1991 in der englischen Originalausgabe].<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.75rem\"><sup>7<\/sup> Vgl. Christina Irrgang: Hitlers Fotograf, Heinrich Hoffmann und die nationalsozialistische Bildpolitik, transcript, Bielefeld 2020, S. 177ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lee Miller \u2013 Fotografin zwischen Krieg und Glamour, Bucerius Kunst Forum, Hamburg, 10. Juni bis 24. September 2023. 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