{"id":2265,"date":"2023-10-29T21:23:23","date_gmt":"2023-10-29T19:23:23","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=3649"},"modified":"2026-08-14T22:00:02","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:02","slug":"ich-kann-nicht-in-grenzen-denken-sondern-in-moeglichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/10\/29\/ich-kann-nicht-in-grenzen-denken-sondern-in-moeglichkeiten\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich kann nicht in Grenzen denken, sondern in M\u00f6glichkeiten&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Zu Besuch bei Tilo Schulz in der Uckermark<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war im Jahr 2015, als der K\u00fcnstler Tilo Schulz und seine Frau Sarah Johann, die Taschendesignerin ist und ihr eigenes Label f\u00fchrt, erstmals von Berlin in das Dorf Sch\u00f6nermark in der Uckermark fuhren. Ein Freund von ihnen hatte dort gerade ein Haus gekauft, ein Bekannter, ein Kunstsammler, war schon einige Zeit zuvor aus Berlin herausgezogen in diesen kleinen Ort, der von weitl\u00e4ufigen Wiesen und Windr\u00e4dern ges\u00e4umt wird. Das um 1860 aus Backstein gemauerte und zwischenzeitlich bauf\u00e4llige Haus, das zu diesem Zeitpunkt in der Nachbarschaft zum Verkauf angeboten wurde und das sich das Paar im Rahmen ihres Ausflugs anschaute, hinterlie\u00df nicht unmittelbar den Wunsch, es besitzen zu wollen. Aber das Gr\u00fcn des Grundst\u00fccks, das sich hinter dem alten Dorfhaus \u00fcber endlose Wiesenfl\u00e4che und Obstb\u00e4ume hinaus erstreckte, lie\u00df die beiden nicht mehr los. 2017 dann entschlossen Schulz und Johann sich dazu, das kleine Haus in der Uckermark zu kaufen. Durch die Bewilligung einer F\u00f6rderung konnten sie das Haus wieder zum Leben erwecken, die urspr\u00fcngliche Bausubstanz erhalten und diesen Ort zu ihrem Arbeits- und Lebensraum werden lassen. &#8222;Mir war nicht bewusst, wieviel k\u00f6rperliche Arbeit mich \u00fcber Jahre hinweg erwarten w\u00fcrde, um dieses Haus mit den eigenen H\u00e4nden und der Unterst\u00fctzung anderer zu sanieren&#8220;, so Schulz. &#8222;Doch w\u00e4ren wir in Berlin geblieben, h\u00e4tte sich unsere Situation etwa aufgrund steigender Mieten und dem Wegbrechen von Atelierr\u00e4umen durch Gentrifizierung immer mehr verschlechtert, nicht verbessert. Nun haben wir ein Haus, das Sarahs Werkstatt und Studio und mein Atelier in sich birgt \u2013 ein gesicherter Platz, der mit jeder Pflanzung im Garten w\u00e4chst.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" data-id=\"597\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9666-1024x768.jpg\" alt=\"Foto: Stephan Lucius Lemke.\" class=\"wp-image-597\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9666-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9666-300x225.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9666-768x576.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9666-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9666-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" data-id=\"598\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9195-768x1024.jpg\" alt=\"Foto: Stephan Lucius Lemke.\" class=\"wp-image-598\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9195-768x1024.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9195-225x300.jpg 225w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9195-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9195-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9195-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" data-id=\"602\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9266-1024x768.jpg\" alt=\"Tilo Schulz im Gespr\u00e4ch. Foto: Stephan Lucius Lemke.\" class=\"wp-image-602\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9266-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9266-300x225.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9266-768x576.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9266-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9266-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Right<\/strong>: Tilo Schulz im Gespr\u00e4ch. Alle Fotos: Stephan Lucius Lemke.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein sonniger Morgen im fr\u00fchen Herbst, an dem ich Tilo Schulz in Sch\u00f6nermark an dem an einer Ausfallstra\u00dfe gelegenen Haus treffe. Dort erz\u00e4hlt er mir von dem Entschluss, aufs Land zu ziehen, von den Umbauten des Geb\u00e4udes und den M\u00f6glichkeiten, die sich hier durch ein dem Haus zugeh\u00f6riges Nebengeb\u00e4ude andeuten. Vorbei an einer hinter dem Haupthaus gelegenen Feldstein-Ruine, mit frisch aufgegossenem Tee der Zitronenmelisse aus dem Garten auf dem Tablett, setzen wir uns nahe des alten Kirschbaums ins Freie. Der Blick f\u00fchrt ins Weite eines Horizonts, an dem Kraniche vorbeiziehen, w\u00e4hrend er mir erz\u00e4hlt: &#8222;Ich bin 1972 in Leipzig geboren und aufgewachsen und habe dort begonnen, meine Kunst zu produzieren. Mich haben die Diskussionen vieler Orte und Zusammenh\u00e4nge gepr\u00e4gt. Das ist zum Gro\u00dfteil auch jetzt noch so.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von der Kunst des Ringens zur Bildenden Kunst<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es waren die mit der Wende 1989 einhergehenden gesellschaftspolitischen und pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderungen, die Tilo Schulz als Autodidakt zur Kunst brachten. Im Rahmen seiner ersten Ausstellung in einer psychosozialen Tagesst\u00e4tte in Leipzig lernte Schulz zuf\u00e4llig den K\u00fcnstler Olaf Nicolai kennen, durch den sich zun\u00e4chst weitere Ausstellungsm\u00f6glichkeiten ergaben und dessen Auffassung eines erweiterten Kunstbegriffs Schulz grundlegend gepr\u00e4gt hat. Wenige Zeit sp\u00e4ter erhielt er als j\u00fcngster beteiligter K\u00fcnstler bei der vom <em>K\u00fcnstlerbund Dresden<\/em> organisierten Ausstellung <em>abstrakt<\/em> einen mit 30.000 DM dotierten F\u00f6rderpreis. Es war f\u00fcr ihn klar, dass er das Geld in das Herausbilden seiner k\u00fcnstlerischen Sprache investierten wollte. Schulz arbeitete zu dieser Zeit mit lackierten Farbtafeln, anhand derer er das feststehende Tafelbild in einer frei kombinierbaren Weise behandelte, etwa die Farbtafeln als serielle Felder an der Wand oder als Skulptur im Raum zusammenf\u00fcgte. <em>Formenmalerei<\/em> nannte er das. Indem er die Bezugspunkte durch einen wechselnden Umgang mit den Bildelementen im Ausstellungsraum \u00e4nderte und somit der Standortwechsel aktiver Teil des Betrachtungsprozesses war, evozierte er einen fluiden Perspektivwechsel im Wahrnehmen seiner Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich war auf der Suche nach einer Sprache&#8220;, sagt Tilo Schulz. Aus einer Sprachlosigkeit, die aus den Ver\u00e4nderungen der Wendezeit f\u00fcr ihn hervorging, wurde die Bildende Kunst die erste Sprache. Das Kuratieren, das er kurze Zeit darauf aufnahm, aber damals noch (wie heute) im Sinne eines Zusammenbringens von Menschen und Dingen auffasst(e), die zweite. Sp\u00e4ter kam das Schreiben und die Arbeit am Text innerhalb seines Werks hinzu. Tilo Schulz\u2019 Kunst bedient nicht die Anforderung eines Wiedererkennungswertes \u2013 seine Methoden stehen mit dem in Verbindung, was er inhaltlich bearbeiten m\u00f6chte: &#8222;Ich gehe vom Problem aus und suche daf\u00fcr eine L\u00f6sung. Das kann eine Zeichnung, eine Malerei, eine skulpturale Arbeit, ein Vortrag oder eine Kooperation mit jemandem sein. Oft entwickele ich Arbeiten f\u00fcr spezifische Situationen. Ich denke, dass ich noch heute auf der Suche nach Sprache bin und deshalb immer wieder versuche, andere Ans\u00e4tze f\u00fcr meine Arbeit zu w\u00e4hlen, die sich dadurch kontinuierlich ver\u00e4ndert.&#8220; Dabei ist der K\u00fcnstler Tilo Schulz mit seiner reflexiven Haltung gegen\u00fcber seiner eigenen Kunstproduktion und dem Kuratieren von Werken anderer K\u00fcnstler:innen in R\u00fcckkopplung an seine T\u00e4tigkeit als \u00dcbungsleiter in der Sportart des Ringens zu sehen, der er bereits als Jugendlicher nachging. &#8222;Im Ringen geht es um das Miteinander. Im Miteinanderagieren der K\u00f6rper entstehen beim Ringen architektonische Figuren, Formen. Ich gehe mit einem Bewusstsein in die Kunst, dass wir nur etwas erreichen k\u00f6nnen, wenn wir in Interaktion miteinander sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"686\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Museum-Morsbroich-Tilo-Schulz-2-Foto-Denis-Bury-1024x686.jpeg\" alt=\"Detailansicht Tilo Schulz,\u00a0your blinds don\u2019t keep me from, 2022, MDF, Tusche, Acrylfarbe. Courtesy: the artist. Fotos: Denis Bury \/ Museum Morsbroich. Mit den Einschreibungen von Christian Jacobs, demontiert und neu installiert.\" class=\"wp-image-600\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Museum-Morsbroich-Tilo-Schulz-2-Foto-Denis-Bury-1024x686.jpeg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Museum-Morsbroich-Tilo-Schulz-2-Foto-Denis-Bury-300x201.jpeg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Museum-Morsbroich-Tilo-Schulz-2-Foto-Denis-Bury-768x515.jpeg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Museum-Morsbroich-Tilo-Schulz-2-Foto-Denis-Bury-1536x1029.jpeg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Museum-Morsbroich-Tilo-Schulz-2-Foto-Denis-Bury-2048x1373.jpeg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Detailansicht Tilo Schulz,&nbsp;<em>your blinds don\u2019t keep me from<\/em>, 2022, MDF, Tusche, Acrylfarbe. Courtesy: the artist. Fotos: Denis Bury \/ Museum Morsbroich. Mit den Einschreibungen von Christian Jacobs, demontiert und neu installiert.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwa, indem Schulz bei kuratierten Projekten bestrebt ist, individuelle Qualit\u00e4ten einer Arbeit herauszubringen, sie aber auch im Kontext mit anderen zusammenwirken zu lassen. Oder, indem er seine eigenen Werke in einen Dialog mit solchen von anderen K\u00fcnstler:innen treten l\u00e4sst \u2013 wie bei seiner Arbeit <em>your blinds don\u2019t keep me from<\/em>, die er 2022\/23 im Rahmen des Langzeitprojektes <em>Werkstatt Morsbroich <\/em>(2022-2026) im Museum Morsbroich in Leverkusen umgesetzt hat, wo er noch am Vortag unseres Gespr\u00e4ches gewesen war. Dort hat Tilo Schulz eine Barriere im Obergeschoss des Museums errichtet, die sich \u00fcber mehrere Ausstellungsr\u00e4ume erstreckt und die sich durch die Intervention weiterer K\u00fcnstler:innen modifizierte. Die vielz\u00e4hligen K\u00f6rper der mit schwarzer Tusche umfassten Skulptur, die die Basis des Werks bilden, hat Schulz in Sch\u00f6nermark in seinem Atelier gebaut. Es ist eine Vorstudie zu seinem bis zum Ende der <em>Werkstatt Morsbroich<\/em> zu realisierenden Vorhaben f\u00fcr das Museum Morsbroich: die Umgestaltung des Hofes und des Gartens der historischen Schlossanlage.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Ort f\u00fcr k\u00fcnstlerische und gesellschaftliche Fragestellungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich habe immer noch einen Berliner Galeristen im Kopf, der sagte: &#8218;Was, du ziehst aufs Land? Bitte mach\u2019 jetzt keine Bauernkunst!&#8216;. Auf dem Land zu leben bringt f\u00fcr mich aber viel eher \u00dcberlegungen zu meiner eigenen Arbeitsweise hervor: Welche Materialien verwende ich eigentlich, welche Nachhaltigkeit haben sie? Wie kann man die Verpackung von Kunstwerken ganz anders l\u00f6sen? Diese Fragen stellen sich mir, indem ich mich hier mit \u00f6kologischen und nachhaltigen Fragen konkret besch\u00e4ftige, nicht blo\u00df theoretisch \u2013 und ich stelle mich ihnen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9631-1024x768.jpg\" alt=\"Das Haus von Sarah Johann und Tilo Schulz in Sch\u00f6nermark, Uckermark. Foto: Stephan Lucius Lemke.\" class=\"wp-image-599\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9631-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9631-300x225.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9631-768x576.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9631-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/DSCF9631-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Haus von Sarah Johann und Tilo Schulz in Sch\u00f6nermark, Uckermark. Foto: Stephan Lucius Lemke.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00dcberlegungen des K\u00fcnstlers umspannen auch den Gedanken des regionalen Produzierens, das seine Frau Sarah Johann mit ihrer Taschenmanufaktur bereits begonnen hat, umzusetzen: Sie verarbeitet alle Materialien vor Ort in ihrer Werkstatt, f\u00fcr die Schulz den Boden des von Fachwerkgeb\u00e4lk durchzogenen Hauses tiefer gegraben und aus vier R\u00e4umen einen gro\u00dfen Studioraum im Erdgeschoss geschaffen hat, in dem Johann die Leder und Textilien vern\u00e4ht und neuerdings auch pr\u00e4sentiert. F\u00fcr ihre aktuelle Kampagne hat sie ein Fotoshooting in der Region umgesetzt. Sarah Johann und Tilo Schulz begreifen den Ort, in dem sie leben und den sie mit ihrem r\u00e4umlichen Gef\u00fcge geschaffen haben als M\u00f6glichkeit und Angebot, Dinge anders zu sehen und zu praktizieren. Schulz bemerkt: &#8222;Teil meines Seins ist die Arbeit, aber auch das Hiersein. Diese bewusste Verschiebung ist eine Ver\u00e4nderung, die dieser Ort hervorgebracht hat. Es ist f\u00fcr mich vor diesem Hintergrund ein interessanter Gedanke, zu sagen: Auch das Nachdenken \u00fcber die Nachhaltigkeit der Wiesen dieses Gel\u00e4ndes mit Apfelb\u00e4umen alter Sorten, die etwa im 19. Jahrhundert in Riga gez\u00fcchtet wurden, ist 30 Prozent meiner Arbeitszeit, denn es beinhaltet wichtige gesellschaftliche Fragen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schulz erg\u00e4nzt, dass er keine explizit politische Kunst produziere. Doch dass die Aspekte, mit denen er sich in seiner Arbeit befasse, stets verschiedene gesellschaftliche Kontexte spiegeln. Es geht ihm um ein Denken von Gesellschaft \u2013 als Mensch und in seinen k\u00fcnstlerischen Gesten. So auch in der Uckermark. Und auch wenn es eine wenig bev\u00f6lkerte sowie wenig an \u00f6ffentliche Verkehrsmittel angeschlossene Region ist, in der Schulz und Johann leben, sind sie durch ihr vielf\u00e4ltiges Interagieren nicht isoliert, m\u00f6chten durch ihr Tun der Region etwas zur\u00fcckgeben. Eine weitere M\u00f6glichkeit k\u00f6nnte das kleine Nebengeb\u00e4ude bieten, in dem Tilo Schulz einen Ort der Gespr\u00e4chssuche und Vermittlung sieht. &#8222;Kunst wird eine Rolle spielen, aber nicht im Format der Ausstellung. Grundlegend stellt sich die Frage: Was ist der Bedarf? Wie kann dies ein Ort von Verhandlungen werden? Zun\u00e4chst aber m\u00fcssen wir den Raum erst schaffen, das Nebengeb\u00e4ude sanieren, und daf\u00fcr bedarf es noch finanzieller Investition.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits zu Beginn seines k\u00fcnstlerischen Handelns hat Tilo Schulz sich parallel zu seinem Werk mit Vermittlungsans\u00e4tzen als einer anderen M\u00f6glichkeit der k\u00fcnstlerischen Sprache befasst. Etwa 1997, als er im Rahmen von <em>Kunst in der Leipziger Messe<\/em> Busfahrten organisierte, oder 1998 bei der <em>Manifesta 2<\/em> in Luxemburg, wo er Schriftbilder als subtile Handlungsanregungen in den \u00f6ffentlichen Raum brachte. Schulz ist es wichtig, auf Vorhandenes zu verweisen und dies durch behutsame Interventionen zu erg\u00e4nzen, Blicke durch eine spezifische (k\u00fcnstlerische) Setzung zu sch\u00e4rfen \u2013 sowohl im Leben, als auch im Kunstsystem.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Stadt und Land<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile ist der Stand der Sonne vorangeschritten. Bevor wir ins Haus in das \u00fcber eine gro\u00dfe Treppe zu erreichende Atelier von Tilo Schulz gehen, in dem er mir sein konzeptuell-realistisches Textst\u00fcck f\u00fcr die Inszenierung <em>Eine kurze Poesie der BeWegung<\/em> im Kontext seiner Morsbroicher Skulptur zeigt, greift der K\u00fcnstler in die Erde und zieht eine Hand voll frischer Kartoffeln aus dem Boden f\u00fcr unser gemeinsames Mittagessen. &#8222;Stadt oder Land: Mir f\u00e4llt es schwer, das eine gegen das andere auszuspielen. Ich denke, dass es wieder einen Ausgleich zwischen Stadt und Land gibt, ist wichtig f\u00fcr die Zukunft.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00fcnstler im Netz: <a href=\"https:\/\/www.tiloschulz.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.tiloschulz.com\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere Beitr\u00e4ge aus der Reihe &#8222;Provinz oder Metropole&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/02\/09\/was-ich-hier-schon-immer-und-von-anfang-an-mache-ist-fotografieren\/\">&#8222;Was ich hier schon immer und von Anfang an mache, ist Fotografieren!&#8220;<\/a>: Anne Schwalbe in Werben an der Elbe. Die in Berlin geborene K\u00fcnstlerin Anne Schwalbe f\u00e4hrt seit 20 Jahren nach Werben und fotografiert Landschaften, die Elbe, die sie umgebende Natur, G\u00e4rten. Vor einigen Jahren kaufte sie sich in der kleinsten Hansestadt an der Elbe ein etwa 200 Jahre altes Pfarrwitwenhaus, das sie saniert und von dem\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/07\/06\/restare-in-movimento\/\">Restare in movimento<\/a>: Christiane L\u00f6hr lebt in einem Weiler in der n\u00f6rdlichen Toskana. Dass Christiane L\u00f6hr in Prato lebt, war meine feste \u00dcberzeugung, seit wir uns kennen. Prato, Gro\u00dfstadt im Nordwesten von Florenz, war fr\u00fcher eines der Zentren der italienischen Textilindustrie. Deren Reste werden heute von mehr als zwanzigtausend Exilchinesen, die hier nach Paris und Mailand die drittgr\u00f6\u00dfte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/08\/13\/kuenstlerinnenkolonie-auf-zeit\/\">K\u00fcnstler:innenkolonie auf Zeit<\/a>: Zu Besuch im Mecklenburgischen K\u00fcnstlerhaus Schloss Pl\u00fcschow. Es war einige Jahre vor der Wende, als der K\u00fcnstler Udo Rathke das Gutshaus Schloss Pl\u00fcschow im gleichnamigen Ort in Mecklenburg entdeckte und bald darauf dort zu leben und zu arbeiten begann. Miro Zahra, die wie Rathke in den 1980er-Jahren an der Kunsthochschule Berlin-Wei\u00dfensee studierte, erfuhr von diesem\u2026<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Besuch bei Tilo Schulz in der Uckermark Es war im Jahr 2015, als der K\u00fcnstler Tilo Schulz und seine Frau Sarah Johann, die Taschendesignerin ist und ihr eigenes Label f\u00fchrt, erstmals von Berlin in das Dorf Sch\u00f6nermark in der Uckermark fuhren. 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