{"id":2268,"date":"2023-11-19T14:49:42","date_gmt":"2023-11-19T12:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=3869"},"modified":"2026-08-14T22:00:02","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:02","slug":"griff-nach-den-sternen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2023\/11\/19\/griff-nach-den-sternen\/","title":{"rendered":"Griff nach den Sternen"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit seiner gewachsenen Sammlung und einer Vielzahl neuer Ausstellungs-Formate treibt das Kunstmuseum Reutlingen die eigene Entwicklung voran.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An keinem Ort auf der Welt seien mehr wichtige Werke aus allen seinen Schaffensphasen versammelt als in Reutlingen, hat Fran\u00e7ois Morellet einmal gesagt. Wer mit dem Namen des herausragenden Vertreters der konkreten Kunst in Frankreich etwas anfangen kann, wird aufhorchen. Das Kunstmuseum Reutlingen besitzt <em>Lignes grises et noires<\/em>, das 1952 entstandene Werk, das der K\u00fcnstler als sein wichtigstes bezeichnet, weil es in seiner radikalen Absage an jeden subjektiven Ausdruck seine Entwicklung bestimmt hat. Eigens f\u00fcr die Er\u00f6ffnungsausstellung der Fabriketage in den Wandel-Hallen, heute &#8222;Kunstmuseum Reutlingen | konkret&#8220;, konzipierte Morellet 1989 das 14 Meter lange, wandhohe Werk<em> Jerg Ratgeb d\u00e9figur\u00e9<\/em>, das die Figuren von Jerg Ratgebs <em>Herrenberger Altar<\/em>, heute Staatsgalerie Stuttgart, in wei\u00dfe Quadrate \u00fcbersetzt. &#8222;Wandel-Hallen&#8220;: So nennt sich das Ausstellungshaus in der fr\u00fcheren Metalltuch-Fabrik Christian Wandel, in dem zun\u00e4chst unter der \u00c4gide einer von Manfred und Albrecht Wandel ins Leben gerufenen Stiftung konkrete Kunst ausgestellt wurde, bevor das Reutlinger Kunstmuseum von 2017 an schrittweise die Best\u00e4nde \u00fcbernahm.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" data-id=\"641\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Spendhausstrasse-Aussenansicht-2021-08-05-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-641\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Spendhausstrasse-Aussenansicht-2021-08-05-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Spendhausstrasse-Aussenansicht-2021-08-05-300x225.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Spendhausstrasse-Aussenansicht-2021-08-05-768x576.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Spendhausstrasse-Aussenansicht-2021-08-05-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Spendhausstrasse-Aussenansicht-2021-08-05-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"677\" data-id=\"640\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wandel-Hallen-Mai-2021_2-1024x677.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-640\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wandel-Hallen-Mai-2021_2-1024x677.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wandel-Hallen-Mai-2021_2-300x198.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wandel-Hallen-Mai-2021_2-768x508.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wandel-Hallen-Mai-2021_2-1536x1016.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Wandel-Hallen-Mai-2021_2-2048x1355.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Das &#8222;St\u00e4ndehaus&#8220; des Kunstmuseums Reutlingen in der Spendhausstra\u00dfe 3. <strong>Right<\/strong>: Die Reutlinger &#8222;Wandel-Hallen&#8220;, zum Kunstmuseum geh\u00f6rend, an der Ecke Gutenbergstra\u00dfe\/Eberhardstra\u00dfe gelegen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun gibt es das Museum ebenfalls schon seit 1989. Als &#8222;St\u00e4dtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen&#8220; befand es sich nur bis 2017, wie der Name besagt, ausschlie\u00dflich an seinem anderen Standort, einem stattlichen Fachwerkhaus aus dem Jahr 1518. Ausgehend von einer seit den 1950er-Jahren angelegten st\u00e4dtischen Kunstsammlung, hatte die Stadt das Haus nach dem Auszug der Stadtb\u00fccherei sanieren und zum Museum umbauen lassen, das mit einer Ausstellung zum 80. Geburtstag HAP Grieshabers er\u00f6ffnete. Mit Schwerpunkt auf Hochdruck, da die zwei wichtigsten Reutlinger K\u00fcnstler, eben Grieshaber und Wilhelm Laage, Holzschneider gewesen waren. Aber durch die \u00dcbernahme der Sammlung von Christian Wandel und seiner Ehefrau Gabiele K\u00fcbler erwuchs dem Museum neues Renommee. Und der Stadt eine neue Verantwortung. Dass das Sammlerpaar zun\u00e4chst nur einen kleinen Teil seiner Kollektion, 124 Werke, an die Stadt \u00fcbergab, d\u00fcrfte auch als Vorsichtsma\u00dfnahme zu werten sein: Wie w\u00fcrde Reutlingen mit diesem Erbe umgehen?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"725\" data-id=\"885\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-885\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1024x725.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-300x212.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-768x543.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2-1536x1087.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/vg-bildkunst-grau-quer-2.jpg 1754w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"875\" data-id=\"643\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/03935-ausschnitt-1024x875.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-643\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/03935-ausschnitt-1024x875.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/03935-ausschnitt-300x256.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/03935-ausschnitt-768x656.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/03935-ausschnitt-1536x1312.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/03935-ausschnitt-2048x1750.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: HAP Grieshaber, Brief an Wolfgang Rothe vom 12.10.1959, Holzschnitt, Privatsammlung. <strong>Right<\/strong>: Wilhelm Laage, <em>B\u00f6ige Mondnacht<\/em>, 1907, Farbholzschnitt, 31,2 x 36 cm, Foto: Frank Kleinbach, \u00a9 Kunstmuseum Reutlingen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neues Renommee<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem bisherigen Sammlungsschwerpunkt hatte die Neuerwerbung nun so gut wie gar nichts zu tun. Was in den Wandel-Hallen aufbewahrt und ausgestellt wird, gilt als eine der wichtigsten Sammlungen konkreter Kunst \u00fcberhaupt: eine Pilgerst\u00e4tte f\u00fcr die kleine Schar von Aficionados aus Deutschland und dar\u00fcber hinaus. Nur ist das noch kein breites Publikum. Und den Reutlinger\/innen und der Region immer noch nicht richtig ins Bewusstsein gedrungen. Das Spendhaus zieht nach wie vor mehr Besucher an. Und besitzt die weitaus gr\u00f6\u00dfere Sammlung: \u00fcber 14.000 Werke, darunter mehr als 1000 Gem\u00e4lde und 2000 Zeichnungen. Wenn sich diese auch kaum mit den oft gro\u00dfen Formaten und vielteiligen Serien der Sammlung <em>konkret<\/em> vergleichen lassen. Die beiden H\u00e4user, nicht weit voneinander entfernt, befinden sich aber auch nicht in Sichtweite. Das Souterrain der Fabrik, in der auch noch der Kunstverein Reutlingen und das Industriedepot des historischen Museums untergebracht sind, nutzt das Kunstmuseum schon seit 1994 als &#8222;St\u00e4dtische Galerie&#8220;. Dass Wandel-Hallen und Spendhaus zusammen geh\u00f6ren, ist dennoch nicht ohne weiteres ersichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um sich des neu hinzu gewonnenen Erbes w\u00fcrdig zu erweisen, brauchte Reutlingen zwei kompetente F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten. Zuerst f\u00fcr die neue Abteilung <em>konkret<\/em>. Vielleicht hat die Stadt einfach Gl\u00fcck gehabt, vielleicht auch gut verhandelt. Jedenfalls gelang es ihr, Holger Kube Ventura zu gewinnen, der f\u00fcr die Documenta und die Kulturstiftung des Bundes gearbeitet sowie die Werkleitz Biennale kuratiert hatte, f\u00fcnf Jahre Leiter des Kunstvereins Frankfurt gewesen war und just 2017 seine T\u00e4tigkeit als Leiter der Kunsthalle T\u00fcbingen entnervt aufgab, weil sich G\u00f6tz Adriani, Gr\u00fcndungsdirektor im Ruhestand, zu sehr in seine Arbeit einmischte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"671\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2314-1-1024x671.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3899\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2314-1-1024x671.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2314-1-300x197.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2314-1-768x503.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2314-1-1536x1006.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2314-1-2048x1342.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Holger Kube-Ventura, Leiter der Sammlung fuer konkrete Kunst. Foto: Joachim E. R\u00f6ttgers.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als dann 2019 die Leitung des Museums neu zu besetzen war, stand nun mehr auf dem Spiel als die Fortf\u00fchrung einer bew\u00e4hrten Museumsarbeit. Eine Gesamtstrategie. Die beiden Teile des Museums st\u00e4rker in Verbindung setzen. Den Bereich <em>konkret<\/em> im lokalen und regionalen Bewusstsein verankern. Ankn\u00fcpfungspunkte an die Gegenwart ausfindig machen, da die konkrete Kunst ebenso wie Grieshaber einem j\u00fcngeren Publikum nicht unbedingt viel sagt. So etwa lassen sich die Aufgaben beschreiben, die auf Ina Dinter zukamen, die vom Museum Hamburger Bahnhof aus Berlin kommend die Ausschreibung gewann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine F\u00fclle neuer Formate<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dinter war kaum ein halbes Jahr da und hatte gerade ihr erstes Ausstellungsprogramm fertig, da hie\u00df es: Corona. Sie hat keine Ausstellungen gestrichen, nur verl\u00e4ngert oder verschoben, wof\u00fcr ihr die K\u00fcnstler\/innen sehr dankbar waren. Mit Blick auf deren \u00f6konomische Sorgen schrieb sie im Sommer 2020 einmalig den internationalen Holzschnitt-Wettbewerb <em>Wanted: Woodcuts<\/em> aus. Aus 250 Einsendungen hat das Museum 21 Werke angekauft und ausgestellt, zusammen mit solchen aus der Sammlung. Aus den Einschr\u00e4nkungen beim Betreten der R\u00e4ume erwuchs auch die Idee der <em>fahrbaren Druckerei<\/em>, die eigentlich bereits auf Grieshaber zur\u00fcckgeht: Ein kleiner Handwagen mit Druckerpressen und allen n\u00f6tigen Materialien, um Postkarten, Einladungen und anderes mehr zu drucken, kommt auf Bestellung ins Quartier, auch in der Reutlinger Umgebung, an Schulen, Wohnheime und andere Einrichtungen. Sie wird inzwischen viel angefragt. Noch als Sp\u00e4tfolge von Corona entstand k\u00fcrzlich auch das Programm <em>Kunst im \u00f6ffentlichen Raum<\/em>, das sich an Schulen richtet und sich mit den zahlreichen, oft wenig beachteten Kunstwerken im Stadtraum besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"694\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2216-1-1024x694.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3901\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2216-1-1024x694.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2216-1-300x203.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2216-1-768x521.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2216-1-1536x1042.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/jr_210812_2216-1-2048x1389.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dr. Ina Dinter, Leiterin des Kunstmuseum Reutlingen. Foto: Joachim E. R\u00f6ttgers.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dinter wollte das Museum erneuern. Es gab vorher nicht einmal ein Museumscaf\u00e9, in keinem der beiden H\u00e4user. \u00dcber ein im Spendhaus enges, in den Wandel-Hallen nichtssagendes Foyer gelangt man direkt in die Ausstellungen. Wichtig war ihr daher, die Spendhaus-Dachetage auszubauen zu dem, die sie &#8222;Baumhaus&#8220; nennt mit dem Zusatz &#8222;Lounge &amp; Art Space&#8220;: Ein Raum f\u00fcr die Kunstp\u00e4dagogik, wo man sich aber auch einfach hinsetzen und unterhalten kann. Die Kaffeemaschine steht bereit, zum Selbstkostenpreis, ebenso Material, Werkzeug und Informationen zum Holzschnitt und zu HAP Grieshaber. Es ist das Labor des Museums. Schulklassen kommen montags und dienstags, wenn das Museum geschlossen ist. &#8222;Einen richtigen Ruhetag haben wir eigentlich nicht&#8220;, meint Dinter. Mit einer F\u00fclle von Formaten wendet sich die Museumsp\u00e4dagogik zudem an Senioren, Menschen mit Demenz oder anderen Einschr\u00e4nkungen, kooperiert mit Bildungseinrichtungen und anderen Kulturinstitutionen der Stadt. Vor einem Jahr war der Landesverband Museumsp\u00e4dagogik eingeladen, sich im Rahmen einer Tagung unter dem Titel &#8222;Einblicke&#8220; eben solche zu verschaffen. &#8222;Kunst kann mehr&#8220;, lautet das Motto, &#8222;Kunst f\u00fcr alle&#8220; die Zielrichtung, und das gilt ebenso f\u00fcr die Ausstellungen. Nicht jede Ausstellung muss jeden erreichen, findet Dinter, aber f\u00fcr jeden sollte etwas dabei sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All dies musste quasi zum Selbstkostenpreis geschehen, denn die Stadt hat sich bereits mit der \u00dcbernahme der Sammlung <em>konkret<\/em> und der Wandel-Fabrik neue Ausgaben aufgehalst, die sie im Moment kaum ausweiten kann. Reutlingen, einst tituliert als &#8222;Stadt der Million\u00e4re&#8220;, pendelt seit einigen Jahren zwischen Haushaltssperre und Konsolidierung. Sie finde bei der Stadt immer offene Ohren, meint Dinter, nur der Geldbeutel sei leer.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Immer in Bewegung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Ausstellung geht zu Ende; eine l\u00e4uft seit einem Monat; eine hat gerade er\u00f6ffnet; und eine vierte befindet sich im Aufbau: So wie zum Zeitpunkt des Besuchs sieht es fast immer aus \u2013 schon allein, weil es mit dem vorhandenen Personal anders gar nicht geht. Es gibt keine Dauerausstellung. Rund ein Viertel des Programms ist gesetzt: In der Abteilung <em>konkret<\/em> gibt es zwei Ausstellungen pro Jahr, k\u00fcnftig soll es eine Sommerpause geben, weil es in den oberen Fabriketagen ziemlich warm werden kann. Ein Stipendium und verschiedene Preise sind jeweils mit einer Ausstellung verbunden. Die bereits 1977 von Grieshaber selbst und Rolf Szymanski eingerichtete HAP-Grieshaber-Stiftung vergibt den Jerg-Ratgeb-Preis f\u00fcr ein herausragendes Lebenswerk, zuletzt 2022 an den K\u00fcnstler Strawalde (J\u00fcrgen B\u00f6ttcher), und seit 1994 das HAP-Grieshaber-Stipendium f\u00fcr Absolvent\/innen deutscher Hochschulen, das aus einem zehnmonatigen Reutlingen-Aufenthalt samt Lebensunterhalt besteht. Die aktuelle Stipendiatin Simone Eisele stammt aus Reutlingen, hat aber in Mainz, London und Wien studiert. Dazu kommt seit 2017 ein Holzschnitt-F\u00f6rderpreis, alle drei Jahre eine Ausstellung von Mitgliedern der Holzschneidervereinigung Xylon, die seit 1997 ihre Gesch\u00e4ftsstelle am Kunstmuseum Reutlingen hat, alle zwei Jahre eine jurierte Ausstellung mit Reutlinger K\u00fcnstler\/innen, und Grieshaber sollte auch einmal im Jahr dabei sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Gro\u00dfteil der Ausstellungen beruht angesichts der knappen Kassenlage auf eigenen Best\u00e4nden. Im Bereich <em>konkret <\/em>stellt dies \u00fcberhaupt kein Problem dar. Im vergangenen Jahr ist die Sammlung auf das Sechsfache angewachsen. Offenbar waren die Erben \u2013 Manfred Wandel und seine Frau sind vor zwei Jahren verstorben \u2013 mit der Arbeit des Museums zufrieden. Neun K\u00fcnstler\/innen listet Kube Ventura im Vorwort zum Katalog der aktuellen Ausstellung auf, von denen allein aus den neuen Best\u00e4nden Einzelausstellungen m\u00f6glich w\u00e4ren. Dazu kommt eine Privatsammlung mit weiteren 200 Werken, die er unbegrenzt nutzen darf. Die zumeist kleinen, aus der der Wohnung der Sammler stammenden Arbeiten k\u00f6nnen allerdings eine 900 Quadratmeter gro\u00dfe Fabriketage nicht f\u00fcllen. Kube Ventura hat in der letzten Ausstellung <em>Home@Museum<\/em> den Spie\u00df umgedreht und die Ausstellungsr\u00e4ume als Wohnung m\u00f6bliert, in der die Besucher auch Tischtennis oder Klavier spielen konnten. Was sehr gut ankam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Spendhaus sind die R\u00e4ume kleiner. Neben Ausstellungen aus den umfangreichen eigenen Best\u00e4nden und verschiedenen Kooperationen \u00fcberwiegen Einzelausstellungen, bei denen sich die Kosten in Grenzen halten, da die Exponate vom K\u00fcnstler oder der K\u00fcnstlerin selbst kommen. Gro\u00dfe thematische Ausstellungen mit vielen Leihgaben sind kaum zu bew\u00e4ltigen. Auch sonst m\u00fcssen einige W\u00fcnsche aufgeschoben werden, etwa ein einladender Eingang f\u00fcr die Wandel-Hallen. Immerhin muss man mittlerweile nicht mehr klingeln: W\u00e4hrend der \u00d6ffnungszeiten ist die T\u00fcr offen, es gibt zwar keinen Empfang, aber eine Leitsystem.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Momentaufnahme: Vier Ausstellungen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vier Ausstellungen zur Zeit des Besuchs dokumentieren bestens die verschiedenen Schwerpunkte der Arbeit. Inzwischen zu Ende ist <em>Der Vieux<\/em>, eine in Briefen gern gew\u00e4hlte Selbstbezeichnung Grieshabers. Ausgangspunkt war tats\u00e4chlich ein besonders umfangreicher Briefwechsel, den der Vorsitzende des Grieshaber-Freundeskreises, Wolfgang Bartelke, schon lange herausgeben wollte und der nun im Vorjahr endlich erschienen ist. Briefpartner sind Wolfgang und Maria Rothe, Verleger und Galeristin aus Heidelberg. Rothe kontaktiert Grieshaber 1958 f\u00fcr eine Grafik-Edition. Er hat bereits eine erste Edition mit abstrakten, tachistischen Arbeiten herausgegeben. Die zweite soll fig\u00fcrlich sein. Es kommt zu Irritationen. Zwei Jahre sp\u00e4ter k\u00fcndigt Grieshaber seine Professur in Karlsruhe, weil Sch\u00fcler von ihm das Staatsexamen nicht bestanden haben, da ihre Arbeiten nicht f\u00fcr naturgetreu genug befunden wurden. Rainer Lawicki, stellvertretender Leiter des Kunstmuseums und Kurator der Ausstellung, schl\u00e4gt den Bogen bis zu Grieshabers zweiter Documenta-Teilnahme 1964. Holzschnitte und Malbriefe illustrieren seine Zusammenarbeit mit den Rothes und konfrontieren diese mit anderen Bereichen seiner Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"648\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/13872-10_Installation-Konkrete-Progressionen_2023_BOE_Gegen-1024x648.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-646\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/13872-10_Installation-Konkrete-Progressionen_2023_BOE_Gegen-1024x648.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/13872-10_Installation-Konkrete-Progressionen_2023_BOE_Gegen-300x190.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/13872-10_Installation-Konkrete-Progressionen_2023_BOE_Gegen-768x486.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/13872-10_Installation-Konkrete-Progressionen_2023_BOE_Gegen-1536x971.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/13872-10_Installation-Konkrete-Progressionen_2023_BOE_Gegen-2048x1295.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><br>Hartmut B\u00f6hm, <em>Gegen\u00fcberstellung 10<\/em> (1999). 16 Formstahltr\u00e4ger IPE 160, gesamt: 640 x 160 x 32 cm. Foto: H. Kube Ventura.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Konkrete Progressionen<\/em>, von Mitte Oktober bis Mitte April 2024, zeigt vier K\u00fcnstler\/innen aus den neu hinzu gewonnenen Best\u00e4nden: Neben 17 zum Teil gro\u00dfformatige Arbeiten von Morellet tritt Vera Moln\u00e1r, mit ihm 1960 verbunden durch die <em>Groupe de Recherche d\u2019Art Visuel<\/em> (GRAV) und wie Manfred Mohr, der dritte im Bunde, eine Pionierin computergenerierter Kunst. Dazu kommt Hartmut B\u00f6hm, dessen Arbeiten ebenfalls einer strikten Systematik folgen. Kube Ventura w\u00fcrde gern auch mal wieder etwas Anderes machen: wie in der Ausstellung <em>Vom Verrinnen<\/em> \u00fcber die Thematisierung von Zeit nicht nur in der konkreten Kunst, zumal dies auch ein gr\u00f6\u00dferes Publikum anzieht. Aber der enorme Zuwachs der Sammlung muss nat\u00fcrlich sichtbar gemacht werden. Der Katalog zu <em>Konkrete Progressionen<\/em> enth\u00e4lt auch ein Gesamtverzeichnis.<em>Dunkle wilde Rosen<\/em>, die Ausstellung zu Wilhelm Laage, besteht ebenfalls ganz aus eigenen Best\u00e4nden. Um die 70 Arbeiten sind zu sehen, zum Teil dicht geh\u00e4ngt, in sch\u00f6nen Gegen\u00fcberstellungen: Malerei vs. Holzschnitt, Alblandschaften vs. Nordseek\u00fcste, denn Laage stammte aus Stellingen, heute Hamburg, und kehrte immer wieder in seine alte Heimat zur\u00fcck. Aus einfachen Verh\u00e4ltnissen stammend, entdeckte Alfred Lichtwark, der gro\u00dfe Direktor der Hamburger Kunsthalle, sein k\u00fcnstlerisches Talent. Laage studierte bei Leopold von Kalckreuth in Karlsruhe und folgte diesem nach Stuttgart, wo er seine Frau, eine Reutlingerin kennenlernte. Laage geh\u00f6rt zur selben Generation wie die K\u00fcnstler von Worpswede. \u00c4u\u00dferst sensibel reagiert er auf Licht- und Wetterverh\u00e4ltnisse. Doch neben der unber\u00fchrten Natur finden sich \u00fcberraschend auch rauchende Schornsteine und Kaktusbl\u00fcten. Stilistisch schwer einzusortieren, war er einer der ersten deutschen K\u00fcnstler, die 1901 die erste gro\u00dfe Van-Gogh-Retrospektive in Paris sahen, was in einer Sonne klar hervortritt. Es sei der Titel der Ausstellung, <em>Dunkle wilde Rosen<\/em>, der die Besucher\/innen anzieht, meint Dinter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"739\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Folmer_Vektorgrafik_2018-1024x739.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-639\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Folmer_Vektorgrafik_2018-1024x739.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Folmer_Vektorgrafik_2018-300x217.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Folmer_Vektorgrafik_2018-768x554.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Folmer_Vektorgrafik_2018-1536x1109.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Folmer_Vektorgrafik_2018-2048x1478.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><br>Wolfgang Folmer: o.T., Vektorgraphik, 2018, Foto und \u00a9 the artist.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch im Aufbau befindet sich die erste gro\u00dfe Retrospektive zu Wolfgang Folmer. Dinter ist durch eine Jurysitzung auf den K\u00fcnstler aufmerksam geworden und war von der Vielfalt und Qualit\u00e4t seines Werks schnell \u00fcberzeugt. Bevor er Kunst studiert hat, war Folmer Wagenmeister bei der Deutschen Bundesbahn. Eine systematische Herangehensweise ist an den vielen verschiedenen Techniken zu erkennen, die er oft in ganzen Serien durchexerziert. Kunstgeschichte und Kinderzimmer, niedliche Tiere und schie\u00dfende Soldaten, Nationalsozialismus und Gartenzwerge treffen darin unvermittelt zusammen. So formt sich ein Bild einer kleinb\u00fcrgerlichen, spie\u00dfigen Welt, das von der eigenen Kindheit im katholischen Saarland gepr\u00e4gt und von einem hinterh\u00e4ltigen Humor durchzogen ist, bis hin zu den Panoramaaufnahmen n\u00e4chtlicher Industrieareale oder den eigenen Videoaufritten als Perkussionist und Landschaftsmaler. Folmer, der seit kurzem in Dortmund lebt und lehrt, war in der Region schon oft ausgestellt, noch nie jedoch in diesem breiten \u00dcberblick.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Retrospektive ist die erste Ausstellung, die beide H\u00e4user verbindet, das Spendhaus und die Galerie im Untergeschoss der Wandel-Hallen. Das Erdgeschoss dient bisher als Depot und ist nicht zug\u00e4nglich. Das Kunstmuseum ist dabei, dies zu \u00e4ndern, um den Bau schrittweise zug\u00e4nglicher zu gestalten. Angesichts der leeren Kassen hat sich das Museum in den letzten Jahren zu einer Adresse entwickelt, die weit \u00fcber Reutlingen hinaus strahlt. Das muss sich jetzt zuerst einmal herumsprechen. Und der Prozess ist noch nicht zu Ende. Ina Dinter hinterl\u00e4sst jedenfalls ein gut bestelltes Haus, wenn sie im M\u00e4rz kommenden Jahres nach Bergisch Gladbach weiter zieht. Die Stelle wird derzeit neu ausgeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Laufzeiten der angesprochenen Ausstellungen: HAP Grieshaber, <em>Der Vieux<\/em>, hat am 19. November geendet; <em>Konkrete Progressionen<\/em>: 14.10.2023 \u2013 14.4.2024; Wilhelm Laage, <em>Dunkle wilde Rosen<\/em>: 4.11.2023 \u2013 4.2.2024; Wolfgang Folmer: 25.11.2023 \u2013 3.3.2024.<br>Mehr dazu unter: <a href=\"https:\/\/www.kunstmuseum-reutlingen.de\/willkommen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.kunstmuseum-reutlingen.de\/willkommen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seiner gewachsenen Sammlung und einer Vielzahl neuer Ausstellungs-Formate treibt das Kunstmuseum Reutlingen die eigene Entwicklung voran. 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