{"id":2273,"date":"2024-02-18T14:50:14","date_gmt":"2024-02-18T12:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=4472"},"modified":"2026-08-14T22:00:02","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:02","slug":"es-sind-die-blicke-die-mich-beruehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/02\/18\/es-sind-die-blicke-die-mich-beruehren\/","title":{"rendered":"&#8222;Es sind die Blicke, die mich ber\u00fchren&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Claudia Andujar, The End of the World, PHOXXI, Hamburg.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Augen einer Eule blicken durch aufbrandendes Wasser, in das sich eine begr\u00fcnte Berglandschaft hineinschiebt. Konturen menschlicher K\u00f6rper verschmelzen mit den Linien und Mustern des Oberfl\u00e4chenspiegels eines Flusses. Lichtdurchflutetes Blattwerk, durch das Lichtpunkte der Sonne dringen, scheint durch die Haut einer Person zu leuchten. Und ein Gesicht schaut wie aus einem bei Gewitter erleuchteten Himmel hervor, wacht durch die meterhohen B\u00e4ume des Amazonas, mit denen es eins wird. Die Bilder der Serie <em>Sonhos Yanomami<\/em> (<em>Yanomami Tr\u00e4ume<\/em>), die Claudia Andujar 2002 als letzte ihrer umfangreichen fotografischen Reihen umgesetzt hat, erscheinen durch die \u00dcberblendung verschiedener Motive und die Melange an Farben und Strukturen zun\u00e4chst entr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch bilden sie im Kontext von Andujars Jahrzehnte anhaltender Beziehung zum indigenen Volk der im Amazonasgebiet lebenden Yanomami eine sinnige, fast metaphysische Ausformulierung ihres Einf\u00fchlungsverm\u00f6gens in die Yanomami, die seit den 1970er-Jahren die Essenz ihres Lebens und deshalb auch ihres Werks als Fotografin und Aktivistin werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sonhos Yanomami<\/em> spiegelt die Begegnung mit dem Nichtgreifbaren, die Verschmelzung von Menschen, Tieren, Natur und den Ahnen im Schleier des Geisterhaften, vereint die Kosmologien und Lebenswelten der Yanomami, f\u00fcr deren Existenz und Fortbestehen sich Claudia Andujar noch heute einsetzt. Die Ausstellung <em>Claudia Andujar: The End Of The World<\/em> in den <em>Deichtorhallen Hamburg<\/em>, genauer gesagt im <em>PHOXXI. Haus der Photographie tempor\u00e4r<\/em> zeichnet Andujars Lebensweg im Angesicht der Yanomami nach, wof\u00fcr Viktor Hois, der die Schau feinsinnig kuratiert hat, verschiedene Werkzyklen Andujars vereint, die ihr Lebenswerk auf eindrucksvolle Weise zug\u00e4nglich machen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fotografische Sprache statt Portugiesisch<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich bin sehr an Menschen interessiert. Und so begann ich, zu fotografieren&#8220;, berichtet Claudia Andujar 1970 in einem TV-Interview in S\u00e3o Paulo, wo sie seit 1955 lebt. Geboren 1931 als Claudine Haas in Neuch\u00e2tel in der Schweiz, verbrachte sie ihre Kindheit in Oradea in Rum\u00e4nien, zeitweise Ungarn, im Kreise der Familie ihres Vaters \u2013 bis diese nach Auschwitz und Dachau deportiert und von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Gemeinsam mit ihrer Mutter gelang ihr die Flucht in die Schweiz, von wo sie 1946 allein in die USA zu einem Verwandten nach New York emigierte \u2013 und ihren Namen von Claudine zu Claudia \u00e4nderte, um ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1023\" height=\"681\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Andujar_Claudia-and-Yanomami-2015-foto-courtesy-of-the-artist.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-741\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Andujar_Claudia-and-Yanomami-2015-foto-courtesy-of-the-artist.jpg 1023w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Andujar_Claudia-and-Yanomami-2015-foto-courtesy-of-the-artist-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Andujar_Claudia-and-Yanomami-2015-foto-courtesy-of-the-artist-768x511.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1023px) 100vw, 1023px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Claudia Andujar, Claudia Andujar and Yanomami, 2015. Copyright: Photo courtesy of the artist.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenngleich Claudia Andujar zu dieser Zeit Franz\u00f6sisch, Ungarisch, Deutsch und dann Englisch sprach und sie in New York als \u00dcbersetzerin f\u00fcr die UNO t\u00e4tig wurde, w\u00e4hlte sie als Kommunikationsmittel zun\u00e4chst die Fotokamera anstelle der portugiesischen Sprache, als sie 1955 nach einem Besuch bei ihrer Mutter in Brasilien beschloss, fortan in S\u00e3o Paulo zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits 1956 reiste sie, angeregt von dem Anthropologen Darcy Ribeiro, nach Zentralbrasilien, wo sie in der Region des Rio Araguaia einen Monat mit der indigenen Gemeinschaft der Karaj\u00e1 zusammenlebte. Hieraus ging ihr erstes fotografisches Projekt hervor, das im Magazin <em>Look<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurde. Als Fotojournalistin arbeitete Andujar fortan f\u00fcr amerikanische und internationale Zeitschriften, wie <em>Life<\/em>, <em>Esquire<\/em>, <em>Jubilee<\/em> oder <em>Fortune<\/em>, sowie f\u00fcr eine Reihe brasilianischer Zeitschriften, darunter <em>Realidade<\/em>, in der ihre sozialkritischen Fotoreportagen wegweisend f\u00fcr den brasilianischen Fotojournalismus wurden. Im Mittelpunkt stand f\u00fcr Claudia Andujar zunehmend ihr Interesse f\u00fcr Menschen. Zu Beginn des Jahres 1971, nach einer ersten Reise in den Norden Brasiliens zu den Yanomami in der Maturac\u00e1-Region, die sie f\u00fcr einen <em>Realidade<\/em>-Beitrag fotografierte, bewegte dieses Interesse sie dazu, sich vom Fotojournalismus zu l\u00f6sen \u2013 um ein zun\u00e4chst durch ein Stipendium erm\u00f6glichtes, freieres und langfristigeres (fotografisches) Arbeiten zu beginnen, das sie Ende 1971 zu den Yanomami in die Region des Rio Catrimani f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Pers\u00f6nlichkeit der Yanomami zum Ausdruck bringen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hamburger Ausstellung umfasst diesen f\u00fcr Claudia Andujar so wichtigen Moment, als sie sich von den Erwartungen ihrer Auftraggeber losl\u00f6ste, die zunehmend unter der brasilianischen Milit\u00e4rdiktatur (1964\u20131985) unter Zensurma\u00dfnahmen agierten. Nun gelang es ihr, eine assoziative Ann\u00e4herung an die Yanomami zu entwickeln. Die auf Farbfilm fotografierten Portr\u00e4ts der Reihe <em>Maturac\u00e1 <\/em>(1970\u20131971), die in <em>Realidade<\/em> erschienen, wie auch jene der freien Reihe <em>Catrimani<\/em> (1971\u20131972) zeigen eine Ann\u00e4herung an den Lebensraum, die Nahrung und den K\u00f6rperschmuck der Yanomami: Aufnahmen, die zum Teil sehr dicht am Menschen und Geschehen entstanden sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zunehmend begann Andujar \u2013 einhergehend mit ihren wiederkehrenden Reisen und lang andauernden Aufenthalten bei und mit den Yanomami \u2013, sich in diesen Lebensraum hineinzubewegen, Teil des Alltagslebens, der Feierlichkeiten und schamanischen Rituale zu werden. Eindrucksvoll zeigen so etwa Fotografien der <em>A Casa<\/em> (<em>Das Haus<\/em>) genannten Reihe von 1974\u20131976, welche Magie dem Raum des Zuhauses der Yanomami innewohnt, die als Gemeinschaft in nur einem gro\u00dfen, kreisrund errichteten Haus zusammenleben: Durch das aus Naturfaser hergestellte Dach fallen Lichtstrahlen, durchbrechen die Schwarz-Wei\u00df-Fotografien Andujars und entheben sie einer faktischen Dokumentarfotografie zugunsten eines atmosph\u00e4rischen Erlebens. Dunkelheit umringt drei sich umarmende M\u00e4nner, deren Fl\u00fcstern sich auf den nur partiell beleuchteten Stellen ihrer nackten Haut abzulegen scheint und dort ein Echo findet. In einem anderen Moment wird die Zubereitung einer Festtagsspeise zu einer Zeremonie des repetitiven Tuns. Vielmals verwendete Andujar f\u00fcr ihre Aufnahmen auch den zu dieser Zeit sehr seltenen Infrarotfilm, durch dessen farblich-fotografische Effekte sie in ihren Bildern eine \u00e4therisch-fantastische Stimmung evozierte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Reihe <em>Reahu<\/em> (1974\u20131976) intensivierte Andujar das fotografische Erleben, das sich ihren Bildern einschreibt, indem sie das <em>Reahu<\/em>, eine zeremonielle Vereinigung zwischen den Gemeinschaften der Yanomami zu einem Begr\u00e4bnisritual, mit einem Weitwinkelobjektiv fotografierte und die Linse manuell mit beispielsweise Vaseline manipulierte. Oder aber, indem sie lange Verschlusszeiten und zus\u00e4tzliche Lichtquellen verwendete, um eine sph\u00e4rische Spannung des Geschehens in ihre Bilder zu \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend f\u00fcr Andujars fotografische Reihen ist, dass sie kontextuell, das hei\u00dft in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen, zu lesen sind: Andujar bringt verschiedene Facetten eines Aspekts, den sie betrachtet, zusammen. Und diese Facetten lassen in dem Spektrum, das sie er\u00f6ffnen, eine individuelle, empathische Ann\u00e4herung zu. K\u00f6rper in Bewegung verschwimmen zwischen Licht und Dunkelheit und erz\u00e4hlen von Emotionen, die keinem Volk allein geh\u00f6ren, sondern Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Es sind die Blicke, die mich ber\u00fchren&#8220;, erz\u00e4hlt Claudia Andujar in dem von Heidi Specogna umgesetzten Dokumentarfilm <em>Ich sehe dich durch meine Kamera<\/em> <em>\u2013 Claudia Andujar<\/em>, der im Mai dieses Jahres in die Kinos kommen wird und von dem ein kleiner Auszug in der Ausstellung im <em>PHOXXI <\/em>zu sehen ist. &#8222;Ich wollte Pers\u00f6nlichkeit als Ganzes zum Ausdruck bringen&#8220;, erg\u00e4nzt darin Andujar und macht von ihrem Herzen ausgehend eine ausgreifende Bewegung in den Raum.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von der k\u00fcnstlerischen zur politischen Arbeit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die erste Reise nach Catrimani machte Andujar noch mit einem kleinen Flugzeug, das in Boa Vista startete. 1971 existierten dort noch keine Stra\u00dfen. Doch bereits 1973 begann die Milit\u00e4rdiktatur mit dem Bau der Autobahn <em>Perimental Norte<\/em>, die quer durch die Amazonasregion und somit durch das Lebensgebiet der Yanomami verlaufen sollte. Durch das verst\u00e4rkte Eindringen der &#8222;Wei\u00dfen&#8220; in den Lebensraum der Yanomami \u2013 etwa durch Goldgr\u00e4ber und Bergleute, die Bodensch\u00e4tze pl\u00fcnderten, oder illegale Holzf\u00e4ller, die den Amazonas zu roden begannen \u2013 wurden Infektionskrankheiten eingeschleppt und Fl\u00fcsse verschmutzt, etwa durch Quecksilber. Bis 1974 lebten die Yanomami fast vollst\u00e4ndig isoliert und gesch\u00fctzt in ihrem Lebensraum. Dies \u00e4nderte sich nun.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" data-id=\"743\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Yanomami-da-serie-O-invisivel-ou-O-reahu-Yanomami-from-The-Invisible-or-Reahu-series-1974-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-743\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Yanomami-da-serie-O-invisivel-ou-O-reahu-Yanomami-from-The-Invisible-or-Reahu-series-1974-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Yanomami-da-serie-O-invisivel-ou-O-reahu-Yanomami-from-The-Invisible-or-Reahu-series-1974-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Yanomami-da-serie-O-invisivel-ou-O-reahu-Yanomami-from-The-Invisible-or-Reahu-series-1974-768x511.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Yanomami-da-serie-O-invisivel-ou-O-reahu-Yanomami-from-The-Invisible-or-Reahu-series-1974-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Yanomami-da-serie-O-invisivel-ou-O-reahu-Yanomami-from-The-Invisible-or-Reahu-series-1974-2048x1364.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"672\" data-id=\"742\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Sem-titulo-da-serie-A-Casa-Untitled-from-The-House-series-Courtesy-Galeria-Vermelho-1024x672.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-742\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Sem-titulo-da-serie-A-Casa-Untitled-from-The-House-series-Courtesy-Galeria-Vermelho-1024x672.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Sem-titulo-da-serie-A-Casa-Untitled-from-The-House-series-Courtesy-Galeria-Vermelho-300x197.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Sem-titulo-da-serie-A-Casa-Untitled-from-The-House-series-Courtesy-Galeria-Vermelho-768x504.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Sem-titulo-da-serie-A-Casa-Untitled-from-The-House-series-Courtesy-Galeria-Vermelho-1536x1008.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia-Andujar_Sem-titulo-da-serie-A-Casa-Untitled-from-The-House-series-Courtesy-Galeria-Vermelho-2048x1345.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Claudia Andujar, Yanomami &#8211; da s\u00e9rie O invis\u00edvel ou O reahu (Yanomami from The Invisible or Reahu series), 1974. Copyright: Claudia Andujar.   Courtesy Galeria Vermelho, S\u00e3o Paulo Rechts. <strong>Right<\/strong>: Claudia Andujar, Sem t\u00edtulo da s\u00e9rie A casa (Untitled from The House series), 1974-1976. Copyright: Claudia Andujar. Courtesy Galeria Vermelho, S\u00e3o Paulo.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einem ersten Zusammentreffen mit dem Yanomami-Schamanen Davi Kopenawa ergriff Andujar die Initiative f\u00fcr die Yanomami und gr\u00fcndete 1978 gemeinsam mit dem italienischen Missionar Carlo Zacquini und dem franz\u00f6sischen Anthropologen Bruce Albert die <em>CCPY Comiss\u00e3o pela Cria\u00e7\u00e3o do Parque Yanomami<\/em>, eine NGO mit dem Ziel, das Lebensgebiet der Yanomami zu sch\u00fctzen. Bereits 1980 initiierte sie zusammen mit zwei \u00c4rzten aus eigenen finanziellen Mitteln eine Impfkampagne, um die Gesundheitssituation der Yanomami zu stabilisieren. Um Impfkarteien der Yanomami anfertigen zu k\u00f6nnen, die keine festen Namen, sondern wechselnde, deskriptive Beschreibungen ihres Tuns tragen, fotografierte Andujar die Yanomami mit Nummern, die sie als Kette um den Hals trugen. Dem Schicksal ihrer eigenen Familie bewusst, die im KZ mit eint\u00e4towierten Zahlenreihen versehen worden war, versuchte Claudia Andujar, die von ihr nun fotografierten Menschen so individuell wie m\u00f6glich in den einzelnen Bildern zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Bilder sind nun in der Hamburger Ausstellung zentral und unter dem Titel <em>Marcados<\/em> (<em>Die Markierten<\/em>) zu sehen. Im Kontext ihres Entstehens waren diese Fotografien nicht als k\u00fcnstlerisches Projekt beabsichtigt gewesen. Im Gegenteil \u2013 Claudia Andujar entschied sich zun\u00e4chst <em>gegen<\/em> ihre weitere k\u00fcnstlerische Laufbahn, um sich von nun an den territorialen und kulturellen Rechten der Yanomami zu widmen. &#8222;Die Regierung verbot uns, mit der Arbeit fortzufahren&#8220;, erz\u00e4hlt Andujar in Specognas Film: Sie musste 1986 unter Zwang und von einem Tag zum n\u00e4chsten aus dem Yanomami-Gebiet ausreisen, galt als Staatsfeindin, durfte nicht zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Situation hinterlie\u00df in ihr ein inneres Schweigen. Doch zunehmend begann Andujar, die Fotografie als Sprache gegen die brasilianische Regierung zu gebrauchen, um sich f\u00fcr das \u00dcberleben der Yanomami und ihren gesicherten Lebensraum einzusetzen: Als Reaktion auf die Pl\u00e4ne, das Yanomami-Gebiet in Mikroreservate zu unterteilen, um Agrarkolonisation und Bergbau zu f\u00f6rdern \u2013 und somit die Indigenen ihres Landes zu berauben \u2013, realisierte Andujar 1989 eine provokante audiovisuelle Installation, <em>Genoc\u00eddio do Yanomami: Morte do Brasil<\/em> (<em>V\u00f6lkermord an den Yanomami: Der Tod Brasiliens<\/em>), f\u00fcr die sie ihre fotografischen Bilder aus ihrem Archiv neu organisierte, mit Tonaufnahmen der Yanomami und verschiedenen internationalen Kompositionen unterlegte und mit CCPY im Museu de Arte de S\u00e3o Paulo ausstellte. 1992 schlie\u00dflich erkannte ein Pr\u00e4sidentendekret den Yanomami ein zusammenh\u00e4ngendes Gebiet zu: den Yanomami Park.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia_Andujar_Human-Cocoon.-Mortuary-Rite-from-The-House-series-1976-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-744\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia_Andujar_Human-Cocoon.-Mortuary-Rite-from-The-House-series-1976-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia_Andujar_Human-Cocoon.-Mortuary-Rite-from-The-House-series-1976-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia_Andujar_Human-Cocoon.-Mortuary-Rite-from-The-House-series-1976-768x511.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia_Andujar_Human-Cocoon.-Mortuary-Rite-from-The-House-series-1976-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Claudia_Andujar_Human-Cocoon.-Mortuary-Rite-from-The-House-series-1976.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Claudia Andujar, Casulo humano (rito mortu\u00e1rio) &#8211; da s\u00e9rie Casa (Human Cocoon. Mortuary Rite from The House series), 1976. Copyright: Claudia Andujar. Courtesy Galeria Vermelho, S\u00e3o Paulo<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Wunsch, akzeptiert zu werden<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Claudia Andujars Installation, die sinnbildlich f\u00fcr ihr Weitermachen steht, n\u00e4mlich um den Yanomami auf internationaler Ebene eine Stimme zu geben, ist im <em>PHOXXI<\/em> in einem kleinen schmalen Raum in Form einer aus 228 Bildern bestehenden Fotoinstallation zu sehen. Der Raum ist im Gesamtgef\u00fcge der Ausstellungshalle derart positioniert, dass er jenen Raum spiegelt, in dem die Fotografien vom Anfang ihrer Begegnung mit den Yanomami zu sehen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im R\u00fcckblick auf ihre Arbeit sagt Claudia Andujar: &#8222;Um sich einer Person n\u00e4hern zu k\u00f6nnen, muss man akzeptiert werden.&#8220; Es ist diese Akzeptanz, die sich 1975 zwischen Claudia Andujar und Davi Kopenawa beispielhaft bei ihrer ersten fotografischen Aufnahme von ihm vollzogen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Davi Kopenawa ist einer der bedeutendsten Sprecher seines Volkes geworden. Sein Buch <em>Der Sturz des Himmels \u2013 Worte eines Yanomami-Schamanen<\/em> wird im kommenden M\u00e4rz erstmals in deutscher \u00dcbersetzung erscheinen. &#8222;Sie hat mir einen Pfeil gereicht&#8220;, sagt Davi Kopenawa sinnbildlich. Er meint damit die Stimme, die Claudia Andujar durch ihre fotografischen Bilder und politischen Handlungen f\u00fcr ihn und die Yanomami angeschlagen hat. Dass Andujar nun diese umfassende W\u00fcrdigung ihres Werkes im deutschsprachigen Raum erh\u00e4lt \u2013 in den Deichtorhallen, im Kino und als Echo durch die zuvor genannte Publikation \u2013, ist eine wahre Bereicherung f\u00fcr die, die sich nun von ihren Blicken ber\u00fchren lassen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Claudia Andujar: The End Of The World<\/em>, Deichtorhallen Hamburg, <em>PHOXXI. Haus der Photographie tempor\u00e4r<\/em>, 9. Februar bis 11. August 2024.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiterf\u00fchrende Informationen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Film:<br><em>Ich sehe dich durch meine Kamera \u2013 Claudia Andujar<\/em>, D\/CH 2024, Regie: Heidi Specogna, <a href=\"https:\/\/www.wfilm.de\/claudia-andujar\/\">https:\/\/www.wfilm.de\/claudia-andujar\/<\/a>.<br>In Kooperation mit der Ausstellung wird der Dokumentarfilm voraussichtlich im Mai 2024 in Hamburg seine Kinopremiere feiern, in Anwesenheit der Regisseurin.<br>Pressekontakt f\u00fcr eine Vorabsichtung des Films: Filmverleih&nbsp;W-Film, K\u00f6ln, Kenan Hasic, kenan.hasic@wfilm.de.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Buch:<br>Davi Kopenada, Bruce Albert: <em>Der Sturz des Himmels \u2013 Worte eines Yanomami-Schamanen<\/em>, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2024, <a href=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/der-sturz-des-himmels.html?lid=3\">https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/der-sturz-des-himmels.html?lid=3<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Andujar, The End of the World, PHOXXI, Hamburg. 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