{"id":2283,"date":"2024-05-26T16:53:56","date_gmt":"2024-05-26T14:53:56","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=5116"},"modified":"2026-08-14T22:00:03","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:03","slug":"zeit-war-reichlich-vorhanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/05\/26\/zeit-war-reichlich-vorhanden\/","title":{"rendered":"Zeit war reichlich vorhanden"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Br\u00fcder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu DDR-Zeiten reisten wir am liebsten mit dem Finger auf der Landkarte. Zuweilen kam es freilich zu \u00dcbersprungshandlungen. Dann brachen wir aus unseren Hinterhofwohnungen im Prenzlauer Berg, in der Dresdner Neustadt oder im Leipziger Osten aus, fuhren per Anhalter nach Polen, die CSSR oder Ungarn und genossen das s\u00fc\u00dfe Leben. Meine ersten West-Schallplatten hatte ich 1973 auf dem Schwarzmarkt in Krakau erstanden. Danach litt ich unter Entzugserscheinungen, wenn ich nicht meine regelm\u00e4\u00dfige Dosis <em>Jimi Hendrix<\/em> oder <em>Led Zeppelin<\/em> bekam. In Budapest kaufte ich Scheiben von <em>Jefferson Airplane<\/em>, Made in India, gleich mehrere, um sie zu Hause in den Plattentauschring einzuspeisen. Chilenische Exilanten brachten Scheiben aus S\u00fcdamerika mit. Der schwere Blues von <em>Pesacado Rabioso<\/em> aus Argentinien stiftete gezielte Selbstverwirrung. Aus Prag schleppte ich Anfang der 80er Jahre Musikkassetten der <em>Rock &amp; Jokes Extempore Band<\/em> und von <em>MCH<\/em> ein. Sie waren von dem legend\u00e4ren Label Fist Records herausgegeben worden und inspirierten auch den DDR-Untergrund, sich \u00fcber Kassettenproduktionen gr\u00f6\u00dfere Reichweiten in der alternativen Szene zu verschaffen. Wir f\u00fchlten uns gut aufgehoben in unseren Nischen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Grenz\u00fcberschreitungen als Strategie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Ostlern ging es 1989 blendend. Viele begegneten denen, die \u00fcber Ungarn nach \u00d6sterreich flohen oder sich in die Botschaften der BRD in Prag, Budapest und Warschau absetzten, um ihre Ausreise zu erzwingen, mit Skepsis. Mit 5 Ost-Mark (1 Schachtel KARO, dazu wahlweise 1 Liter Milch, 5 Schrippen, 2 Bockw\u00fcrste, 1 Schlager-S\u00fc\u00dftafel &#8211; oder 6 Flaschen Bier) rettete der Lebensk\u00fcnstler sich \u00fcber den ganzen Tag. Die Herrscher \u00fcber die volkseigene Mangelgesellschaft hatten Ost-Berlin zum Schaufenster der DDR herausgeputzt. Man lebte in einem komfortabel ausgepolsterten Ghetto. Hier gab es alles, was es sonst nicht gab, au\u00dferdem Besuche von West-Freunden auf Tages-Passierschein. Dazu die medialen Parallelkr\u00e4fte \u2013 West-Fernsehen und ein psychophysisches Mindestma\u00df an Rockmusik jenseits des Durchschnittschrotts. Weil die meisten Freunde kein Telefon besa\u00dfen, besuchte man sich wechselseitig oder sa\u00df in K\u00fcnstlerateliers und Werkst\u00e4tten herum und wartete auf ein erlebnishaftes Feedback. Man lebte in einer Warteschlange unter Abschirmbedingungen. Vieles fehlte. Nur eines war reichlich vorhanden: Zeit. Zeit f\u00fcr das t\u00e4gliche Basteln an Outfit und Klamotten, zum Schwatzen, B\u00fccherlesen, f\u00fcr das sechsfache Kopieren von Texten per Schreibmaschinendurchschlag mittels Kohlepapier, zum Musikh\u00f6ren und Platten-\u00dcberspielen, f\u00fcr gemeinsame Literatur- und Kunstaktionen, zur Erweiterung des Wahrnehmungsinventars. Das \u00f6ffentliche Leben war am sch\u00f6nsten auf Partys in den eigenen vier W\u00e4nden. Wenn ich heute etwas vermisse, dann sind es die pr\u00e4-medialen Privatismen im Untergescho\u00df der realsozialistischen Lebenswelt, wo wir sommers wie winters vor dem sch\u00f6nsten Nachthimmel an der Aufmerksamkeitsverschiebung bastelten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-jetpack-tiled-gallery aligncenter is-style-rectangular\"><div class=\"\"><div class=\"tiled-gallery__gallery\"><div class=\"tiled-gallery__row\"><div class=\"tiled-gallery__col\" style=\"flex-basis:53.05643%\"><figure class=\"tiled-gallery__item\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" data-height=\"3008\" data-id=\"878\" data-link=\"https:\/\/on-art.news\/?attachment_id=878\" data-url=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_106_48-bearb-1024x684.jpg\" data-width=\"4501\" src=\"https:\/\/i2.wp.com\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_106_48-bearb-1024x684.jpg?ssl=1\" data-amp-layout=\"responsive\" tabindex=\"0\" role=\"button\" aria-label=\"Bild\u00a01 von 5 im Vollbildmodus \u00f6ffnen\"\/><\/figure><figure class=\"tiled-gallery__item\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" data-height=\"2944\" data-id=\"879\" data-link=\"https:\/\/on-art.news\/?attachment_id=879\" data-url=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_107_12-bearb-1024x684.jpg\" data-width=\"4407\" src=\"https:\/\/i2.wp.com\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_107_12-bearb-1024x684.jpg?ssl=1\" data-amp-layout=\"responsive\" tabindex=\"0\" role=\"button\" aria-label=\"Bild\u00a02 von 5 im Vollbildmodus \u00f6ffnen\"\/><\/figure><\/div><div class=\"tiled-gallery__col\" style=\"flex-basis:46.94357%\"><figure class=\"tiled-gallery__item\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" data-height=\"4536\" data-id=\"880\" data-link=\"https:\/\/on-art.news\/?attachment_id=880\" data-url=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_107_20-bearb-674x1024.jpg\" data-width=\"2986\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_107_20-bearb-674x1024.jpg?ssl=1\" data-amp-layout=\"responsive\" tabindex=\"0\" role=\"button\" aria-label=\"Bild\u00a03 von 5 im Vollbildmodus \u00f6ffnen\"\/><\/figure><\/div><\/div><div class=\"tiled-gallery__row\"><div class=\"tiled-gallery__col\" style=\"flex-basis:70.00959%\"><figure class=\"tiled-gallery__item\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" data-height=\"3020\" data-id=\"881\" data-link=\"https:\/\/on-art.news\/?attachment_id=881\" data-url=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_108_21-bearb-1024x647.jpg\" data-width=\"4777\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_108_21-bearb-1024x647.jpg?ssl=1\" data-amp-layout=\"responsive\" tabindex=\"0\" role=\"button\" aria-label=\"Bild\u00a04 von 5 im Vollbildmodus \u00f6ffnen\"\/><\/figure><\/div><div class=\"tiled-gallery__col\" style=\"flex-basis:29.99041%\"><figure class=\"tiled-gallery__item\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" data-height=\"4414\" data-id=\"883\" data-link=\"https:\/\/on-art.news\/?attachment_id=883\" data-url=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_108_35-bearb-692x1024.jpg\" data-width=\"2985\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/RHG_Fo_MBie_108_35-bearb-692x1024.jpg?ssl=1\" data-amp-layout=\"responsive\" tabindex=\"0\" role=\"button\" aria-label=\"Bild\u00a05 von 5 im Vollbildmodus \u00f6ffnen\"\/><\/figure><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Auftritt von Ornament und Verbrechen anl\u00e4sslich der Ausstellung &#8222;Schimmelmaschinen und Schimmel&#8220; in der Galerie Wohnmaschine im Januar 1989. Alle Fotos: Michael Biedowicz, Fotoarchiv der Robert-Havemann-Gesellschaft \/ Archiv der DDR Opposition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Praxis der Grenz\u00fcberschreitung von einem k\u00fcnstlerischen Medium zu einem anderen, etwa im \u00dcbergang von der bildenden Kunst zur Klangerzeugung, zum Super-8-Film, zur Performance, zum Text und zum Theater, geh\u00f6rte in der damaligen DDR zur Strategie der Aufm\u00fcpfigen, die gegen die Reglementierungen seitens des SED-Staats und des K\u00fcnstlerverbandes angingen. In Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz), Ostberlin, Cottbus und Magdeburg waren K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen aktiv, die mit wilden Gesten, infernalischen Auftritten, aber auch subtil merkw\u00fcrdigen innerk\u00fcnstlerischen Erkundungen von sich reden machten. Zu ihnen geh\u00f6rten zum Beispiel A.R. Penck und die Gruppe <em>L\u00fccke frequentor <\/em>(mit Harald Gallasch, Peter Herrmann, Wolfgang Opitz, Steffen Terk), Helge Leiberg, Michael Freudenberg, Klaus H\u00e4hner-Springm\u00fchl, Hans Scheuerecker, Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, Christine Schlegel, Hans J. Schulze, die Autoperforationsartisten, Matthias Baader Holst, Moritz G\u00f6tze und Tohm di Roes. Die Bands und K\u00fcnstler-Formationen, die sich im Fahrwasser des radikalen Normbruchs bewegten, f\u00fchrten idiotische Namen wie <em>AG Geige<\/em>, <em>Zwitschermaschine<\/em>, <em>Gruppe 37,2<\/em>, <em>Pfff&#8230;<\/em>, <em>Rennbahnband<\/em>, <em>Kartoffelsch\u00e4lmaschine<\/em>, <em>Die letzten Recken<\/em>, <em>Die Gehirne<\/em> oder <em>Die Strafe<\/em>. Klanglich waren die \u00dcberg\u00e4nge zwischen Free Jazz, Anarcho Jazz, Free Style, Noise, Punk und NDW-Elektro flie\u00dfend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders als im Westen Deutschlands verf\u00fcgten diese Kunstrebellen des Ostens kaum \u00fcber M\u00f6glichkeiten, sich \u00fcber Tontr\u00e4ger und Medien bekannt zu machen. In privaten Tonstudios entstanden ein paar hundert Musikkassetten und weniger als eine Handvoll LPs und Singles, die aber zumindest den Kultstatus der Underground-Musiker mehrten. Bis heute sind sie Geheimtipps. Ihre fluxistische Radikalit\u00e4t bei der Unterminierung der realsozialistischen Verh\u00e4ltnisse kann freilich nicht hoch genug gepriesen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff &#8222;Geniale Dilletanten&#8220; wurde in der DDR nicht verwendet, weil er 1981 von Wolfgang M\u00fcller (Mastermind der <em>T\u00f6dlichen Doris<\/em>) mit Blick auf bestimmte Aktivit\u00e4ten in West-Berlin hin als inhaltliche Klammer benutzt worden war. Sein B\u00e4ndchen aus dem Merve Verlag mit gleichem Titel kursierte aber in der DDR und wurde von Abweichlern aller Couleur als Best\u00e4tigung des eigenen Tuns verstanden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"687\" data-id=\"877\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img172-1024x687.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-877\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img172-1024x687.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img172-300x201.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img172-768x515.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img172-1536x1031.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img172.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"708\" height=\"1024\" data-id=\"875\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img028-708x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-875\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img028-708x1024.jpg 708w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img028-207x300.jpg 207w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img028-768x1111.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img028-1061x1536.jpg 1061w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img028.jpg 1382w\" sizes=\"(max-width: 708px) 100vw, 708px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"679\" data-id=\"876\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img168-1024x679.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-876\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img168-1024x679.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img168-300x199.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img168-768x509.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/img168.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Konzert von Ornament und Vebrechen im August 1988 anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der ersten Solo-Show des Malers Klaus Killisch in der Ostberliner Galerie &#8222;Zinnober&#8220;. Fotos: Klaus Killisch.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ornament und Verbrechen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerhalb der DDR-Subkultur nahmen <em>Ornament und Verbrechen<\/em>, von Anfang an, also etwa seit 1983, eine Sonderstellung ein. Wer dabei war, erinnert sich bei <em>Ornament &amp; Verbrechen<\/em> an ein fesselndes Kaleidoskop kollektiver Improvisation, eine Mischung aus gruppendynamischen Praktiken, Gedankentransfer, Sounderzeugung und k\u00fcnstlerischer Interaktion. Wenn <em>Ornament &amp; Verbrechen<\/em> heute bekannter in der internationalen Musikszene sind, weil sie dort als freiformatige Klangkreateure gefeiert werden, verdeckt diese Publikumseuphorie ihren urspr\u00fcnglichen Ansatz, ein offenes Kollektiv f\u00fcr alles M\u00f6gliche gewesen zu sein, was damals unter den Bedingungen der geschlossenen Gesellschaft unter staats-sozialistischen Vorzeichen das Notwendige war, ein Impuls des Lebendigen gegen die Erstarrung des Systems. <em>Ornament &amp; Verbrechen<\/em> lebten die Grenz\u00fcberschreitung, angstlos und energiegeladen, den \u00e4sthetischen \u00dcbergang von Klangerzeugung zu Rezitation, Bildproduktion, Performance und Modedesign. Im Abseits der DDR-Kulturproduktion spannten sie ihr Netzwerk und dynamisierten insbesondere das Szene-Unterfutter im Ost-Berliner Prenzlauer Berg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Nukleus s\u00e4mtlicher Aktivit\u00e4ten bildete das Br\u00fcderpaar Ronald (*1963) und Robert Lippok (*1966), konzentriert in der Sache, aber in hohem Ma\u00dfe publikumszugewandt und immer neugierig auf Reaktionen von au\u00dfen. <em>Ornament &amp; Verbrechen<\/em> sah man unter diesen Freigeistern als richtungsweisendes Ph\u00e4nomen an, weniger als feste Band, eher als ein offenes System des Experimentierens mit anderen K\u00fcnstlern und Musikern, das \u00fcber ein Jahrzehnt lang andauerte. Insofern haben sie sich auch nie aufgel\u00f6st (im Gegensatz zum Side project <em>To Rococo Rot<\/em>), nur eben mal ein paar Jahre pausiert, um die Gedanken kreisen zu lassen. &#8222;Es gibt keine feste Bandstruktur \u2013 wir arbeiten wie Pilze, die ihre Sporen in der Stadt verteilen&#8220;, sagt Ronald Lippok.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Punk, New Wave, New Romantic, Gothic und Industrial gingen auch an der DDR nicht spurlos vor\u00fcber. Parallel zu den Fanzines und Musikkassettenkombinaten im Westen formierten sich eigene Distributionsmechanismen im Osten \u2013 mit K\u00fcnstlerzeitschriften, Poster-Auflagen, selbstproduzierten Fan-Artikeln, Flohm\u00e4rkten, auf denen trendige Klamotten angeboten wurden, und, vor allen Dingen, Kleinstauflagen von Tapes Marke ORWO, die unter der Hand ihre zur Auflehnung bereiten Rezipienten erreichten. Selbst als die Mauer noch stand, lie\u00dfen Ornament und Verbrechen sich nicht einschr\u00e4nken. Befreundete Musiker kamen mit einem Tagesvisum als Touristen in den Osten, wurden mit Instrumenten versorgt. Auf diese Weise spielte ein gewisser Jeremy Clarke mit auf der LP &#8222;On Eyes&#8220; und veredelte sie mit seinen Gitarrenparts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ronald Lippok ist Musiker und Maler. Er hat von 1986 bis 1992 an der Kunsthochschule Berlin-Wei\u00dfensee studiert. Sein Stil freilich hat sich v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Spezifik der sogenannten Berliner Schule und ihrem Sensualismus ohne Anf\u00fchrerschaft entwickelt. Aktuell ist er abgetaucht in die Zeit des Barocks und in die Denkbilder vom Bewusstsein der Verg\u00e4nglichkeit. Ihn interessieren fig\u00fcrlich surreale Kompositionen, oft mit \u00d6l oder in Mischtechnik auf Leinwand gemalt, und nur auf den ersten Blick \u00fcbersichtlich. Sie faszinieren durch ein gleichsam polyphones Denken, das sich konfiguriert in verdeckten thematischen Mittelstimmen und gegenl\u00e4ufigen Rhythmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robert Lippok ist mittlerweile ein gefragter Spezialist f\u00fcr Klanginstallationen. Seine j\u00fcngste Arbeit ist ein Sound-Piece, das er auf Einladung von \u00c7a\u011fla Ilk, Kommissar des Deutschen Pavillons der 60.&nbsp;Biennale&nbsp;von Venedig, konzipierte. Das Thema lautete: &#8222;THRESHOLDS \u2013 die Schwelle als Moment zeitlicher und r\u00e4umlicher \u00dcberg\u00e4nge&#8220;.&nbsp;Mit seinem im Osten geweiteten Erfahrungshorizont ist Robert Lippok daf\u00fcr mit Sicherheit der Richtige.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere Beitr\u00e4ge aus unserer Reihe &#8222;West-Ost-Begegnungen&#8220; finden Sie hier:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil 1: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/03\/28\/der-osten-im-westen-im-osten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten &#8211; Eine niederl\u00e4ndische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989<\/a><br>Teil 3: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/06\/06\/ueberraschende-verwandtschaften\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Wolfgang Ullrich: \u00dcberraschende Verwandtschaften. Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der R\u00fcckschau<\/a><br>Teil 4: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/06\/21\/freistaat-der-kunst\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst &#8211; Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle f\u00fcr die ostdeutsche Kunst<\/a><br>Teil 5: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/07\/19\/ich-lehne-es-ab-positiv-in-die-ddr-zurueckzuschauen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Luise Wolf: &#8222;Ich lehne es ab, positiv in die DDR zur\u00fcckzuschauen&#8220;. Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung \u2013 als erste K\u00fcnstlerin aus der ehemaligen DDR.<\/a><br>Teil 6: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/08\/18\/endlager-oder-fundgrube\/\">Ingeborg Ruthe: Endlager oder Fundgrube. Das Kunstarchiv Beeskow im Museum f\u00fcr Utopie und Alltag bewahrt Kunst der fr\u00fcheren DDR<\/a><\/p>\n\n\n\n<style>\n.post-template-single-features .wp-block-group .wp-block-post-date {\n    margin-bottom: -1.5rem;\n}\n.post-template-single-features .wp-block-group .post-over-image {\n    margin-bottom: 3rem;\n}\n<\/style>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Br\u00fcder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR Zu DDR-Zeiten reisten wir am liebsten mit dem Finger auf der Landkarte. Zuweilen kam es freilich zu \u00dcbersprungshandlungen. 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