{"id":2290,"date":"2024-07-04T16:06:09","date_gmt":"2024-07-04T14:06:09","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=5605"},"modified":"2026-08-14T22:00:03","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:03","slug":"moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/07\/04\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\/","title":{"rendered":"M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Yael Bartana, &#8222;Utopia Now!&#8220;, in der Weserburg, Bremen, 25.05.2024 &#8211; 24.11.2024<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4gnanter k\u00f6nnte das erste Bild nicht sein: Die T\u00fcren des Aufzugs, der in die obere Etage des alten Bremer Speicherhauses Weserburg zum Museum f\u00fcr moderne Kunst f\u00fchrt, \u00f6ffnen sich und die Augen werden aus dem Dunkel des Raumes heraus durch wei\u00dfes Neonlicht geblendet: <em>CRISIS\u2013CRYSIS\u2013CRYCIS<\/em>, diese Worte flimmern in leuchtenden Versalien der Textarbeit von Yael Bartana aus dem Jahr 2020 und erzeugen ein vibrierendes Nachbild, das zun\u00e4chst im Ausstellungsraum, dann als optischer Effekt sowie innerlich durch Bartanas Wortspiel nachhallt. CRISIS, ISIS, CRY, CIS \u2013 die M\u00f6glichkeit des gedanklichen Zusammenschlie\u00dfens und Umverteilens von Buchstaben und Silben f\u00fchrt die variable Lesart dieser Worte vor Augen, ihre Bedeutung und Bedeutungsverschiebung. Und doch zeichnet sich ab, dass Yael Bartana auf die Vielzahl globaler Krisen und die Hoffnung auf einen Perspektivwechsel und Neubeginn gleich zu Beginn ihrer Einzelausstellung <em>Utopia Now!<\/em> in der Weserburg verweist. Vier raumgreifende Filminstallationen und drei Neonarbeiten werden dabei begleitet von der Frage, wie wir angesichts (be-)lastender Geschichte und Gegenwart eine Zukunft des achtungsvollen Umgangs miteinander gestalten k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Strukturen der Unterdr\u00fcckung sichtbar halten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon im Jahr 2006 begegneten mir die Filme, Installationen und Fotografien der 1970 in Israel geborenen und nun in Amsterdam und Berlin lebenden Yael Bartana auf eindr\u00fcckliche Art: Im Rahmen ihrer Einzelausstellung <em>Amateur Anthropologist<\/em> in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel zeigte sich eine kritisch-beobachtenden Weise, mit der die K\u00fcnstlerin ihren Blick auf den Nahostkonflikt zwischen Israel und Pal\u00e4stina richtete. So behandelte sie etwa in der Videoarbeit <em>Kings of the Hill<\/em> (2003) die Dynamiken zwischen Individuum und Gesellschaft, ja die politischen Implikationen sozialen Handelns am Beispiel eines durch israelische M\u00e4nner ausge\u00fcbten aggressiven Autosports an der K\u00fcste Tel Avivs. Ihre Beobachtungen von Ritualen des Alltags der israelischen Bev\u00f6lkerung kontextualisierte sie an anderer Stelle durch das Integrieren verschiedener Kameraperspektiven, wodurch sie Inszenierungen medial vermittelter Bilder thematisierte als auch plurale Sichtweisen betonte. Oftmals zeigte sich in ihren Bildern das Potenzial von gegenseitiger Akzeptanz. Nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander zu erproben ist ein Ansatz, der ihr Werk noch immer kennzeichnet. In Yael Bartanas neuere Arbeiten flie\u00dft die Betrachtung deutscher Geschichte und der Geschichte j\u00fcdischen Lebens im nationalsozialistischen Deutschland, wie im Rahmen ihrer aktuellen Bespielung des Deutschen Pavillons auf der Venedig Biennale zusammen mit dem Theaterregisseur Ersan Mondtag.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"924\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/1-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-924\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/1-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/1-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/1-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/1-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/1-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" data-id=\"925\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage-819x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-925\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage-819x1024.jpg 819w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage-240x300.jpg 240w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage-768x960.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage-1229x1536.jpg 1229w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage-1638x2048.jpg 1638w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/2-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-photomontage.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" data-id=\"926\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/3-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-926\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/3-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/3-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-300x225.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/3-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-768x576.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/3-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/3-Yael-Bartana-Mir-Zaynen-Do-We-Are-Here-2024-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>, <strong>Middle<\/strong> und <strong>Right<\/strong>: Szenenbilder aus Yael Bartana, Mir Zaynen Do! (We Are Here!)<em>,<\/em> 2024. Video still, courtesy of Capitain Petzel Gallery \/ Berlin, Annet Gelink Gallery \/ Amsterdam, Sommer Contemporary Art \/ Tel Aviv, Galleria Rafaella Cortese \/ Mailand, Petzel Gallery \/ New York, Cecilia Hillstrom Gallery, Stockholm.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Weltpremiere in der Bremer Ausstellung ist nun Bartanas neuester Film <em>Mir Zaynen Do! (We Are Here!)<\/em> (2024)zu sehen, f\u00fcr den die K\u00fcnstlerin im Casa de Povo (&#8222;Haus des Volkes&#8220;) in S\u00e3o Paulo zwei Gruppen zusammengebracht hat, die beide auf eine Geschichte der Unterdr\u00fcckung und der Erfahrung der Diaspora zur\u00fcckblicken: die Coral Tradi\u00e7\u00e3o, die in Brasilien von j\u00fcdischen Immigrant:innen zum Erinnern und Bewahren jiddischer Ges\u00e4nge gegr\u00fcndet wurde, und die Il\u00fa Ob\u00e1 De Min, ein afrobrasilianisches Stra\u00dfenmusik-Ensemble in Tradition der Maroons, jener Gemeinschaft, die sich aus kolonialer Sklaverei befreien konnte. Das Casa de Povo wurde von j\u00fcdischen \u00dcberlebenden des Holocausts als Ort des Gedenkens und Zusammenkommens \u00dcberlebender gegr\u00fcndet. Dieser Gedanke wurde von Yael Bartana aufgegriffen und bildet die Essenz ihres Filmes, durch den die erste Begegnung einiger Angeh\u00f6riger jener beider Gruppen erfolgte. In <em>Mir Zaynen Do! <\/em>verk\u00f6rpern sie ihre Lebensgeschichten durch ihre spezifischen kulturellen Praktiken in einem gemeinsamen performativen Akt: Die siebenundneunzigj\u00e4hrige Chorleiterin der Gruppe Coral Tradi\u00e7\u00e3o dirigiert emotionale Ges\u00e4nge, w\u00e4hrend die Il\u00fa Ob\u00e1 De Min in farbenpr\u00e4chtigen Gew\u00e4ndern ihre T\u00e4nze umsetzen. Als Schauplatz ihrer Begegnung diente im Casa de Povo das Teatro de Arte Israelita Brasileiro, ein wichtiger Ort der Kunstszene S\u00e3o Paulos der 1960er- und 1970er-Jahre, der nunmehr vom Verfall gekennzeichnet ist, doch durch Bartanas Inszenierung erneut zu einem Ort des Imaginierens freundschaftlicher, kollektiver M\u00f6glichkeiten wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Pre-enactment<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Yael Bartana bezeichnet ihr Agieren zwischen historisch real Geschehenem und in der Zukunft sich als M\u00f6glichkeit Ereignendem als &#8222;pre-enactment&#8220;: als eine Vorwegnahme des Kommenden auf der Basis von Vergangenem. Vor dem Hintergrund dieses methodischen Vorgehens ist ihre Dreikanalvideoinstallation <em>Malka Germania<\/em> (hebr\u00e4isch f\u00fcr &#8222;K\u00f6nigin Germania&#8220;) zu sehen, die sie 2021 im Rahmen ihrer ersten umfassenden Werkschau <em>Redemption Now<\/em> im J\u00fcdischen Museum Berlin realisieren konnte. <em>Malka Germania<\/em> nimmt in der Bremer Ausstellung, die von Janneke de Vries kuratiert wurde und deren Realisierung seit einigen Jahren ein Anliegen der Direktorin war, eine zentrale Rolle in der Weserburg ein und formt durch die Bildsprache und die Thematik des (Sich-)Entfernens von bestehenden Weltordnungen einen Br\u00fcckenschlag zu Bartanas Arbeit <em>Light To The Nations<\/em> (2022\u20132024) auf der Venedig Biennale.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" data-id=\"927\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/6-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-927\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/6-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/6-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-300x169.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/6-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-768x432.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/6-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/6-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" data-id=\"928\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/7-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-928\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/7-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/7-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-300x225.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/7-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-768x576.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/7-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/7-Yael-Bartana-Malka-Germania-2021-video-still-Photo-Tobias-Huebel-Weserburg-Museum-fuer-moderne-Kunst-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><br><strong>Links<\/strong>: Yael Bartana, Malka Germania<em>,<\/em> 2021. Video still, courtesy of Capitain Petzel Gallery \/ Berlin, Annet Gelink Gallery \/ Amsterdam, Sommer Contemporary Art \/ Tel Aviv, Galleria Rafaella Cortese \/ Mailand, Petzel Gallery \/ New York, Cecilia Hillstrom Gallery, Stockholm. <strong>Right<\/strong>: Ausstellungsansicht mit Video-Projektion &#8222;Malka Germania&#8220;, Weserburg. Foto: Tobias H\u00fcbel.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit drei nebeneinander ablaufenden Filmbildern, die unterschiedliche Situationen verbinden, wirkt <em>Malka Germania<\/em> als filmische Collage, in der die androgyne Malka Germania als Erl\u00f6serfigur auf einem Esel durch Berlin reitet und einen sich in der Stadt und Bev\u00f6lkerung vollziehenden Wandel betrachtet. Blickbeziehungen entstehen zwischen den stummen Protagonist:innen im diagonalen Lesen der drei Filmbilder und Erz\u00e4hlstr\u00e4nge, in denen Bartana propagierte \u00c4sthetiken aus der Zeit des Nationalsozialismus zitiert und durchdringt: Stereotype K\u00f6rperbilder der NS-Zeit verschmelzen mit heutigen Freizeitszenen am Wannsee, w\u00e4hrend Albert Speers gescheiterte Stadtbauentw\u00fcrfe f\u00fcr die ersonnene Welthauptstadt Germania aus dem Wasser des Sees emporsteigen. Israelische Soldaten passieren mit deutschen Sch\u00e4ferhunden den Berliner Reichstag, Teller fliegen aus dem oberen Stockwerk eines Wohnhauses und deren Motive von Goethe, Cranachs Luther oder dem Mei\u00dfener Zwiebelmuster zerschellen auf Asphalt, w\u00e4hrend zwei M\u00e4nner die Berliner Stra\u00dfenschilder demontieren und gegen solche mit hebr\u00e4ischer Schrift und Stra\u00dfennamen austauschen. Auf der Stra\u00dfe selbst sammeln sich Fotoalben mit Schwarz-Wei\u00df-Fotografien, deutsche P\u00e4sse, Kartoffeln und Scherben. Ein stilles Zusehen. Der Film endet mit Bildern von Menschen, die mit Taschen und Koffern an einem Bahnhof stehen, warten, Fu\u00df vor Fu\u00df entlang der Gleise setzen \u2013 jeder Schritt tr\u00e4gt eine Schwere in die dicht bewaldete Landschaft, ins Ungewisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sind nur wenige Eindr\u00fccke aus <em>Malka Germania<\/em> und doch wird Yael Bartanas Zusammenf\u00fchren von Zeitebenen entlang kollektiv erinnerter Inschriften deutlich. Die Perzeption ihrer Filmbilder bringt Fragen mit sich: K\u00f6nnen Bilder, Symbole und \u00c4sthetiken von Ideologien oder der Geschichte, die sich ihnen eingeschrieben hat, befreit werden? Ist ein Entheben aus ihrem Kontext ohne den Verlust einer Erinnerungskultur m\u00f6glich, oder gerade notwendig, um historische Entwicklungen zu verstehen und medial vermittelte \u00c4sthetiken zu dekonstruieren? Yael Bartana erarbeitet mit ihren Filmen eine kritische Lesbarkeit von etwa solchen Bildern, die an die propagandistische Bildsprache nationalsozialistischer Ideologie ankn\u00fcpfen. Ihre inszenierten Bilder und visuellen Zitate wirken provokant, zuweilen beklemmend, doch bringen sie mit sich, gleichfalls f\u00fcr die mediale Repr\u00e4sentation der jetzigen Welt einen \u00fcberpr\u00fcfenden Blick einzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal mehr deutlich wird dies mit der Videoinstallation <em>Zukunftsbew\u00e4ltigung<\/em> (2023), die in einem schmalen Hochformat drei apokalyptische T\u00e4nzerinnen mit Tiermasken von Pferd, Lamm und Esel und unterm Mondschein schwingenden Gew\u00e4ndern zeigt. Die Szene nimmt Bezug auf die Choreografien von Rudolf von Laban, der Ende der 1920er-Jahre im Berliner Grunewald sein Institut zur Lebensreform er\u00f6ffnete. Die \u00c4sthetik des Videos hingegen l\u00e4sst durch das Format des Bildes und den Slow-Motion-Effekt der Bewegungen an den Ausschnitt einer nur sekundenlangen Instagram-Story denken. Welche visuellen Erz\u00e4hlungen pr\u00e4gen unser Weltbild heute und welche toxischen Narrative des Vergangenen legen sich im Gegenw\u00e4rtigen ab?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck zum Anfang<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem nahezu unscheinbaren Kabinett, das ganz zu Beginn der Ausstellung in der N\u00e4he der Neonarbeit <em>CRISIS\u2013CRYSIS\u2013CRYCIS<\/em> gelegen ist, zeigt Janneke de Vries Yael Bartanas 2010 realisierte Arbeit <em>Entartete Kunst lebt<\/em>: ein 16mm-Film, in dem Bartana das Bild <em>Kriegskr\u00fcppel<\/em> (1920) von Otto Dix animiert hat, mit dem sich der K\u00fcnstler auf die Folgen des Ersten Weltkrieges und die Zerst\u00f6rung von k\u00f6rperlichem und mentalem Sein bezog. Dix&#8216; Bild wurde im Kontext der nationalsozialistischen Bildpolitik als &#8222;entartet&#8220; eingestuft und zerst\u00f6rt. Bartana hat ausgehend von einer Reproduktion, wie sie im Katalog zur M\u00fcnchner Ausstellung <em>Entartete Kunst <\/em>1937 zu sehen war, Dix&#8216; Figuren versehrter Veteranen in Bewegung versetzt und mit einer Tonspur unterlegt: Die durch Holzprothesen und Gehhilfen klappernden Schritte der Versehrten verdichten sich zu einem Ger\u00e4usch, das den Sch\u00fcssen eines Maschinengewehres gleicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Klang von Gewehren ist kein ungew\u00f6hnlicher f\u00fcr Yael Bartana, war sie nach dem Absolvieren der Schule Ende der 1980er-Jahre in dem in Israel f\u00fcr alle Geschlechter verpflichtenden Wehrdienst der Israel Defense Forces. Eine ihrer ersten Arbeiten, <em>Profile<\/em> (2000), mit der sie noch w\u00e4hrend ihres Studiums an der Rijksakademie Amsterdam als K\u00fcnstlerin weitreichender bekannt geworden war, ist ein Film \u00fcber junge israelische Soldatinnen bei ihren Gewehr\u00fcbungen, wobei Bartana die Profilansicht einer Soldatin herausstellt und durch N\u00e4he mit den sie Betrachtenden in Bezug setzt. Bartana umfasste schon da die Problematik, die sich in Kontexten ritualisierter Pflichtaus\u00fcbung zwischen Individuum und Ideologie niederschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem animierten Kurzfilm <em>Entartete Kunst lebt<\/em> in der Weserburg f\u00fchrt eine Verbindungslinie zur\u00fcck zu den Anf\u00e4ngen von Yael Bartanas k\u00fcnstlerischer Praxis. Zugleich vergegenw\u00e4rtigt die Arbeit, dass eine Situation des Diffamierens, wie sie sich in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts ereignete, wiederkehren kann, global wiedergekehrt ist. Yael Bartana sagt, sie versuche an so vielen Orten wie m\u00f6glich zu leben, um die Gesellschaft, die sie umgibt, anzusehen. Ihre Arbeiten sind ein Reagieren auf die stets politisch gepr\u00e4gten gesellschaftlichen Ordnungen, verbunden mit ihren Visionen als K\u00fcnstlerin \u2013 mit Vorstellungen, wie ein Zusammenleben im Bestreben des Friedens <em>auch<\/em> m\u00f6glich sein k\u00f6nnte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yael Bartana, &#8222;Utopia Now!&#8220;, in der Weserburg, Bremen, 25.05.2024 &#8211; 24.11.2024 Pr\u00e4gnanter k\u00f6nnte das erste Bild nicht sein: Die T\u00fcren des Aufzugs, der in die obere Etage des alten Bremer Speicherhauses Weserburg zum Museum f\u00fcr moderne Kunst f\u00fchrt, \u00f6ffnen sich und die Augen werden aus dem Dunkel des Raumes heraus durch wei\u00dfes Neonlicht geblendet: CRISIS\u2013CRYSIS\u2013CRYCIS, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":923,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[222,271,420,1473,1510],"autor":[1631],"class_list":["post-2290","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-features","tag-bremen","tag-christina-irrgang","tag-ersan-mondtag","tag-weserburg-museum-fuer-modern-kunst","tag-yael-bartana","autor-christina-irrgang"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume f\u00fcr die Zukunft - on art Magazine<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Yael Bartana, &quot;Utopia Now!&quot;, in der Weserburg, Bremen, 25.05.2024 - 24.11.2024\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/07\/04\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_GB\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume f\u00fcr die Zukunft - on art Magazine\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Yael Bartana, &quot;Utopia Now!&quot;, in der Weserburg, Bremen, 25.05.2024 - 24.11.2024\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/07\/04\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"on art Magazine\" \/>\n<meta property=\"article:publisher\" content=\"https:\/\/www.instagram.com\/on_art_news\/\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2024-07-04T14:06:09+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2026-08-14T20:00:03+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/240704-yael-bartana-crisis-crysis-crycis-2020-neon-foto-tobias-huebel-ausschnitt.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"2290\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"1290\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Frank Niederl\u00e4nder\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Written by\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Frank Niederl\u00e4nder\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Estimated reading time\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"10 minutes\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/en\\\/2024\\\/07\\\/04\\\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\\\/#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/en\\\/2024\\\/07\\\/04\\\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\\\/\"},\"author\":{\"name\":\"Frank Niederl\u00e4nder\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/#\\\/schema\\\/person\\\/c6cd030d38ee4d4a4a8f10c0c3b8eab5\"},\"headline\":\"M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume f\u00fcr die Zukunft\",\"datePublished\":\"2024-07-04T14:06:09+00:00\",\"dateModified\":\"2026-08-14T20:00:03+00:00\",\"mainEntityOfPage\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/en\\\/2024\\\/07\\\/04\\\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\\\/\"},\"wordCount\":1655,\"publisher\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/#organization\"},\"image\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/en\\\/2024\\\/07\\\/04\\\/moeglichkeitsraeume-fuer-die-zukunft\\\/#primaryimage\"},\"thumbnailUrl\":\"https:\\\/\\\/on-art.news\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2024\\\/07\\\/240704-yael-bartana-crisis-crysis-crycis-2020-neon-foto-tobias-huebel-ausschnitt.jpg\",\"keywords\":[\"Bremen\",\"Christina Irrgang\",\"Ersan Mondtag\",\"Weserburg Museum f\u00fcr modern Kunst\",\"Yael Bartana\"],\"articleSection\":[\"Features &amp; 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