{"id":2298,"date":"2024-08-18T12:32:29","date_gmt":"2024-08-18T10:32:29","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=5993"},"modified":"2026-08-14T22:00:03","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:03","slug":"endlager-oder-fundgrube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/08\/18\/endlager-oder-fundgrube\/","title":{"rendered":"Endlager oder Fundgrube?"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Das Kunstarchiv Beeskow im Museum f\u00fcr Utopie und Alltag bewahrt Kunst der fr\u00fcheren DDR.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vierten Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung und der Beerdigung des kleinen Staates mit der \u00fcbergro\u00dfen Utopie kam es in Sachen DDR-Auftragskunst zun\u00e4chst zu einer pragmatischen Teilung eine s riesigen Bilderberges. Eine Zuordnung in Nord und S\u00fcd. Als Sonderverm\u00f6gen gingen Massen von Kunst zun\u00e4chst an die Treuhand, aber ab 1993 wurde die Kunst nach dem Fundortprinzip Eigentum der jeweiligen neuen Bundesl\u00e4nder. Alles, was volkseigene Betriebe, Kombinate, Massenorganisationen, Parteien und Staatsorgane an Kunst gef\u00f6rdert und gesammelt hatten, was in Ferienheimen und Klubh\u00e4usern hing und stand, landete nach dem gewaltigen Abwicklungsprozedere der Treuhand ab 1993 auf zwei gro\u00dfen Sammelpl\u00e4tzen: abgeh\u00e4ngt, abgebaut &#8211; und aus dem \u00f6ffentlichen Blickfeld genommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DDR-Auftragskunstproduktion aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gelangte auf die Burg Beeskow im Landkreis Oder-Spree. F\u00fcr dieses Asyl hatte Herbert Schirmer, Historiker und letzter Kulturminister der DDR bis zum Tagesanbruch des 3.Oktobers 1990, weitsichtig gesorgt. Die Kunstmengen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th\u00fcringen kam ebenfalls in historische Gem\u00e4uer &#8211; auf die Festung K\u00f6nigstein im Elbsandsteingebirge. Daf\u00fcr setzten sich Kunstwissenschaftler der TU Dresden ein, etwa der Historiker Paul Kaiser. So entstanden der <em>Kunstfonds des Freistaates<\/em> <em>Sachsen<\/em> und das <em>Dokumentationszentrum<\/em> <em>Alltagskultur<\/em> <em>der DDR<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Jahrzehnte sp\u00e4ter reicht ein Tagestrip kaum aus, um in Augenschein zu nehmen, was allein in Beeskow, dem Ort f\u00fcr Kunst aus Berlin, Brandenburg und Meck-Pom, wie der \u00f6stliche Norden im Volksmund hei\u00dft, lagert: mindestens 23.000 Kunstobjekte \u2013 von gro\u00dfen und kleinen Gem\u00e4lden,&nbsp; Druckgrafik-Mappen und Plastiken bis hin zu gro\u00dfen B\u00fcsten und Wandteppichen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">DDR-Kunst und -Kulturgeschichte als Lernort<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Jahre musste f\u00fcr deren Bewahrung ein alter Speicher dienen. F\u00fcr Ausstellungen wurde Gew\u00fcnschtes m\u00fchevoll hervorgekramt. Vor knapp f\u00fcnf Jahren zog das Kunstarchiv gl\u00fccklicherweise in ein ehemaliges Schulgeb\u00e4ude mit hohen W\u00e4nden gleich hinter der alten Burg Beeskow um. Der Umbau kostete Land und Landkreis 300.000 Euro; Letzterer \u00fcbernahm dann die Tr\u00e4gerschaft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" data-id=\"994\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/IMG_5524-ausschnitt-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-994\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/IMG_5524-ausschnitt-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/IMG_5524-ausschnitt-300x169.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/IMG_5524-ausschnitt-768x432.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/IMG_5524-ausschnitt-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/IMG_5524-ausschnitt-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Besuchergruppe im Archiv Beeskow. Foto: Museum f\u00fcr Utopie und Alltag.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seither dient der Ort mit herausziehbaren Metallrollw\u00e4nden, Regalen und Mappenschr\u00e4nken &#8211; wie in jedem modernen Kunstdepot &#8211; pragmatisch und sehr lebendig als offenes Depot, als eine Art Schaulager \u2013 Fundgrube f\u00fcr zahllose M\u00f6glichkeiten der Wissensvermittlung &#8211; und des Dialogs zwischen Ost- und West-Kunst. Bl\u00f6dsinn also, despektierlich von einem &#8222;Endlager&#8220; f\u00fcr die Kunst aus der DDR-Zeit zu sprechen. F\u00fchrungen werden lebhaft genutzt, Studioausstellungen und Podien gut besucht. Studenten, Doktoranden, Historiker und Ausstellungsmacher melden sich an; wissenschaftliches Arbeiten geh\u00f6rt zum Alltag, ebenso ein Stipendiaten-Programm. Museen, Galerien, Institute leihen Werke aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Interesse an DDR-Kunst ist wieder da. Das sp\u00fcrt die Leiterin der Instanz, die Medienwissenschaftlerin und Kulturmanagerin Andrea Wieloch, deutlich. Seit gut einem Jahr im Amt, sieht sie das Kunstarchiv in Beeskow und das Museum Utopie und Alltag im gut 27 Kilometer Luftlinie entfernten Eisenh\u00fcttenstadt, sozusagen im Doppelpack, als wichtigen \u2013 und notwendigen \u2013 Lernort: &#8222;Die DDR-Geschichte ist wichtig, um die Gegenwart zu verstehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sieht auch so aus, als sei der fatale deutsch-deutsche Bilderstreit seit 1990 (freie West-Kunst versus ideologisierte, unfreie Ost-Kunst) endlich beerdigt. Zumindest schleptt die junge Generation der Kunstschaffenden, der Kuratoren und des Publikums dieses (ideologische) Brett vorm Kopf schon lange nicht mehr mit sich herum und erweist sich als eher neugierig und aufgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bogen nach Eisenh\u00fcttenstadt, einst als &#8222;Stalinstadt&#8220; und Vorzeigestadt der sozialistischen Stahlkocher-Industrie am Rei\u00dfbrett entstanden, l\u00e4sst sich leicht spannen. Im Beeskower Depot lagert ein Bleiglasmosaik von Walter Womacka, Maler des ber\u00fchmten Paares &#8222;Am Strand&#8220;, dessen Repro in fast jedem DDR-Jugendzimmer hing. Lustige, harmonische Bleiglasfenster-Szenen von spielenden Kindern und Blumenornamenten zieren auch das Foyer und den Treppenaufgang des Doku-Zentrums in Eisenh\u00fcttenstadt, denn das Haus war einst eine Kinderkrippe. Jetzt ziehen sich durch seine R\u00e4ume und G\u00e4nge Bilderw\u00e4nde, Dokumentationen zur Stadt und zum Alltag an sich, Video-Monitore, Wandvitrinen. Die Besucher entdecken hier sinnf\u00e4llig erkl\u00e4rte allt\u00e4gliche Dinge: Konsumg\u00fcter ebenso wie bescheidene Luxusgegenst\u00e4nde, Modebekleidung, Arbeitskluft, Geschirr, Spielzeug, Kosmetik, einst begehrten Mopeds (wie das Simson-Kultmoped &#8222;Schwalbe&#8220;), Kofferradios, begehrte Tesla-Tonbandger\u00e4te &#8211; und sie finden sogar den Bug eines Paddelbootes namens &#8222;Randfichte&#8220;. Dieses Sammelsurium, diese Mischung von Trivialem und vom Hinein-Tr\u00e4umen in eine gr\u00f6\u00dfere Welt mag kurios anmuten &#8211; lehrreich und zugleich unterhaltsam ist das Ganze zweifellos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich zeigt das Museum st\u00e4ndig Sonderausstellungen von Gegenwartsk\u00fcnstlern etwa zum Klimawandel. Und man erf\u00e4hrt die Legende von der einstigen Antarktis-Station der DDR namens Georg Forster, deren Wissenschaftler bis zur endg\u00fcltigen Schlie\u00dfung 1993 v\u00f6llig abgeh\u00e4ngt von den Ereignissen in der fernen Heimat zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung buchst\u00e4blich ziellos zwischen ihren Ger\u00e4ten und Apparaturen im Eis ausharrten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bewahren, erforschen und sachlich bewerten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck zur Kunst im Beeskower Depot. Wie mit diesem Erbe des &#8222;Sozialistischen Realismus&#8220; umgehen? In den 1990-er-Jahren meinten manche Leute &#8211; Georg Baselitz hatte mit seinem &#8222;Arschloch&#8220;-Schimpf zur DDR-Kunst gerade noch \u00d6l ins Feuer gegossen &#8211; das sei keine Kunst, das m\u00fcsse weg. 1994 warnte jedoch die Historikerin Monika Flacke vom Deutschen Historischen Museum in der S\u00fcddeutschen Zeitung vor<br>ein em Verdikt gewarnt: &#8222;Es besteht die Gefahr, dass sich die Mauer im Kopf festigt statt aufl\u00f6st.&#8220; Sie mahnte, die (zumeist fig\u00fcrliche, gegenst\u00e4ndliche) Kunst aus dem Osten sei schlie\u00dflich Teil der deutschen Nachkriegs- und Teilungsgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Basis des Kunstarchivs Beeskow ist also: bewahren, erforschen, sachlich bewerten, gerade, wenn es um Vergleiche mit der Kunst des Westens geht. Und bisweilen findet, wer sucht, richtige Sch\u00e4tze. So schlummerten im DDR-Kunstarchiv Beeskow Mappenwerke von K\u00fcnstlerinnen aus sp\u00e4ter DDR-Zeit im Dornr\u00f6schenschlaf vor sich hin: Malerei, Papierarbeiten, Fotografie. Ein einziges Mal waren sie<br>zu sehen &#8211; im Wende-November 1989 in einer Dresdner Galerie: die Mappen-Edition &#8222;Silberblick&#8220;. Sie war entstanden ohne staatliche Druckgenehmigung, unabh\u00e4ngig von Institutionen, ohne offiziellen Auftrag. Das subversive Projekt war Teil des subkulturellen Aufbruch<br>willens, der sich nicht vor aller \u00d6ffentlichkeit vollzog, sondern in sogenannten Samisdat-Zeitschriften (Eigeneditionen), in Berliner, Dresdner, Leipziger Ateliers und Galerie-Hinterzimmern, an privaten Wohnzimmer- und K\u00fcchentischen. Und bei illegalen Aktionen auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im letzten Jahr st\u00f6berte die aus Karlsruhe stammende Ostkreuzfotografin Sibylle Fendt im Kunstarchiv, und zwar als erste Stipendiatin der Institution. Sie durchforstete die &#8222;Silberblick&#8220;-Mappen, entdeckte auf den Bl\u00e4ttern die Namen bekannter K\u00fcnstlerinnen wie Tina Bara, Petra Flierl, Sabina Grzimek, Heidrun Hegewald, Sabine Herrmann, Carin Kreuzberg, Barbara Raetsch, Erika St\u00fcrmer-Alex und Helga Paris. Fendt suchte sie alle auf und fotografierte diese Frauen. \u2013 So schuf sie eine aktuelle Fortsetzung zu 1989, verweisend auf das Kunstarchiv Beeskow und all die Kunstgeschichten, die dort erz\u00e4hlt werden, auch \u00fcber den Trotz und den Eigenwillen der K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler im vormundschaftlichen Staat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich vor Ort hinein-sieht, sich vertieft in dieses 1990 noch so ungeliebte Erbe, hat alsbald viele Beispiele daf\u00fcr vor Augen, dass das obrigkeitliche Diktieren von Inhalt und Form nur bedingt gelang. Deshalb, weil in der DDR, auch unter den Argusaugen der Kulturw\u00e4chter, die Kunst gerade auch in der meisterschaftlichen Nutzung von Meta-Ebenen und Metaphern bestand.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere Beitr\u00e4ge aus unserer Reihe &#8222;West-Ost-Begegnungen&#8220; finden Sie hier:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil 1: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/03\/28\/der-osten-im-westen-im-osten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten &#8211; Eine niederl\u00e4ndische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989<\/a><br>Teil 2: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/05\/26\/zeit-war-reichlich-vorhanden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Christoph Tannert: Zeit war reichlich vorhaben &#8211; Die Br\u00fcder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR<\/a><br>Teil 3: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/06\/06\/ueberraschende-verwandtschaften\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Wolfgang Ullrich: \u00dcberraschende Verwandtschaften &#8211; Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der R\u00fcckschau<\/a><br>Teil 4: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/06\/21\/freistaat-der-kunst\/\">Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst &#8211; Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle f\u00fcr die ostdeutsche Kunst<\/a><br>Teil 5: <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/07\/19\/ich-lehne-es-ab-positiv-in-die-ddr-zurueckzuschauen\/\">Luise Wolf: &#8222;Ich lehne es ab, positiv in die DDR zur\u00fcckzuschauen.&#8220; Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung \u2013 als erste K\u00fcnstlerin aus der ehemaligen DDR.<\/a><\/p>\n\n\n\n<style>\n.post-template-single-features .wp-block-group .wp-block-post-date {\n    margin-bottom: -1.5rem;\n}\n.post-template-single-features .wp-block-group .post-over-image {\n    margin-bottom: 3rem;\n}\n<\/style>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kunstarchiv Beeskow im Museum f\u00fcr Utopie und Alltag bewahrt Kunst der fr\u00fcheren DDR. 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