{"id":2326,"date":"2024-11-21T10:42:53","date_gmt":"2024-11-21T09:42:53","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=7024"},"modified":"2026-08-14T22:00:03","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:03","slug":"die-wuerde-der-einfachen-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/11\/21\/die-wuerde-der-einfachen-menschen\/","title":{"rendered":"Die W\u00fcrde der einfachen Menschen"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">George Segal w\u00e4re am 26. November 100 Jahre alt geworden.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das bei vielen Entdeckungen so ist, fand George Segal Material und Technik seiner Kunst eher beil\u00e4ufig, unbeabsichtigt. Eine Sch\u00fclerin, deren Mann in einem Betrieb der Pharmaindustrie arbeitete, brachte ihm eines Tages ein paar Kartons Gipsbinden mit. Segal bat seine Frau Helen, diese an ihm auszuprobieren. Es war, als h\u00e4tte er danach gesucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Segal, 1924 als Sohn russisch-j\u00fcdischer Immigranten in New York geboren, war damals bereits 36 Jahre alt. 1941 hatte er an der Cooper Union, Manhattan, ein Kunststudium begonnen, das er unterbrechen musste, um seinen Eltern auf ihrer H\u00fchnerfarm bei New Brunswick im Staat New Jersey zu helfen. Um seine Familie zu ern\u00e4hren, hatte er dort nach dem Krieg selbst H\u00fchner gez\u00fcchtet. Sein Atelier, ein Panoptikum lebensgro\u00dfer Gipsfiguren in allen erdenklichen Positionen, war einmal ein Stall f\u00fcr f\u00fcnftausend Legehennen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Herkunft aus einfachen Verh\u00e4ltnissen war ausschlaggebend f\u00fcr Segals k\u00fcnstlerische Entscheidungen. Dabei gelang es ihm, einen eigenen Blickwinkel herauszuarbeiten, der ihn von den Kunstrichtungen seiner Umgebung ebenso unterschied wie von der alten Kunst, zu der er sich immer wieder in Beziehung setzte. Als er anfing, war die aktuelle Kunst fast dogmatisch fixiert auf die Abstraktion. Segal bevorzugte die klassische Moderne aus Paris. Er wollte fig\u00fcrlich arbeiten. Aber seine Welt, zwischen New York und New Jersey, gepr\u00e4gt von Highways und Leuchtreklamen, war vom Paris der Jahrhundertwende denkbar weit entfernt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"793\" height=\"1024\" data-id=\"1165\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Segal_Man-seated_8071-kompr-793x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1165\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Segal_Man-seated_8071-kompr-793x1024.jpg 793w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Segal_Man-seated_8071-kompr-232x300.jpg 232w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Segal_Man-seated_8071-kompr-768x991.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Segal_Man-seated_8071-kompr.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 793px) 100vw, 793px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">George Segals <em>Man Seated at Table <\/em>war 1960 das erste Werk, in dem der K\u00fcnstler mit Gipsbinden gearbeitet hat; es war Segal selbst, an dem seine Frau Helen die Gipsbinden angelegt hat, die nach dem Trocknen aufgeschnitten und wieder zusammengesetzt wurden. Das Museum Abteiberg, M\u00f6nchengladbach, hat das Werk 1968 angekauft.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">In Kontakt mit allen Kunstrichtungen seiner Zeit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Lehrer in New York, Tony Smith, der Vater von <a href=\"https:\/\/on-art.news\/en\/2024\/04\/23\/herzig\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Kiki Smith<\/a>, sp\u00e4ter vor allem als Bildhauer bekannt, war ein energischer Verfechter der abstrakten Kunst. Aber auch ein Fan des damals noch ganz neuen neorealistischen italienischen Films. Eine realistische Wiedergabe des Alltags: Im Film schien dies m\u00f6glich, in der Kunst nicht. Sp\u00e4ter lernte er Allan Kaprow kennen, der ab 1953 an der Ruttgers University in New Brunswick unterrichtete. Sie stellten in denselben New Yorker Galerien aus. Kaprow machte ihn mit John Cage und anderen K\u00fcnstlern bekannt, die sie zu sich aufs Land einluden. Bei Segal inszenierte Karpow erste Happenings. George Brecht und Robert Watts organisierten hier ihr erstes <em>Yam Festival<\/em>. Robert Frank, bekannt geworden durch den Fotoband <em>The Americans<\/em>, drehte auf Segals Farm seinen zweiten Film, <em>The Sin of Jesus<\/em>, nach einer Kurzgeschichte von Isaac Babel. Vorangegangen war <em>Pull My Daisy,<\/em> der erste Film \u00fcber die Beat Generation: beide ungef\u00e4hr halbst\u00fcndige Kurzfilme, die scheinbar direkt in die Realit\u00e4t hinein stolpern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Happening, Fluxus, die Beatniks, Pop Art: Segal stand vielen aktuellen K\u00fcnstlern und Kunstrichtungen seiner Zeit nahe. Doch er suchte nach etwas anderem. Er wollte nicht von der Realit\u00e4t abstrahieren, er wollte ihr n\u00e4her kommen. Wie die Neorealisten, die mit Laiendarstellern arbeiteten, die selbst Teil der Welt waren, die sie verk\u00f6rperten. Wie Frank, der in <em>The Americans<\/em> einen neuen Blick auf die Unterschichten, abgelegene Orte, die Widerspr\u00fcche der amerikanischen Gesellschaft richtete, interessierte sich auch Segal f\u00fcr die diejenigen Aspekte in seiner Umgebung, die hingenommen, aber nicht wahrgenommen wurden: die Stra\u00dfen, Tankstellen, Leuchtreklamen im Potpourri der Vorortgebiete zwischen New York und New Jersey, die er wie Frank in Schwarzwei\u00dffotos festhielt. Ihn interessierte die Realit\u00e4t, wie sie war, nicht die Idealbilder der Kunstgeschichte. Ganz besonders interessierten ihn die Menschen: ihr t\u00e4glicher Kampf ums \u00dcberleben; ihre Verlorenheit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gips, aber nicht nur<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihnen wollte er n\u00e4her kommen. Vielleicht ihnen ein Denkmal setzen. Das Mittel, die Technik, um dies zu erreichen, fand er in den Gipsbinden. Gips ist in der Geschichte der Kunst ein gebr\u00e4uchliches, wenn auch kein hoch angesehenes Material. Gips diente zum Modellieren, \u00e4hnlich wie Ton, aber auch in gro\u00dfem Format. Segal hatte schon erste lebensgro\u00dfe Gipsfiguren angefertigt, bevor er zu seiner Technik fand. Ohne die Sammlungen von Gipsabg\u00fcssen antiker Figuren, Fragmente und Torsi h\u00e4tte es den Klassizismus mit seiner Vorliebe f\u00fcr wei\u00dfe, unbemalte Skulpturen wohl nicht gegeben. Segal hat dies reflektiert, wenn er etwa die Kunsthistorikerin Carroll Janis vor antiken Torsi im British Museum fotografierte oder einen Gipstorso modellierte, den er <em>The Venus Gesture<\/em> nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gips war auch das Material der Totenmasken, die ein verbl\u00fcffend lebendiges Bild der Verstorbenen festhielten. Genau das kennzeichnet auch Segals Arbeiten. Donna Gustafson, leitende Kuratorin am Zimmerli Art Museum der Ruttgers University, bezeichnet sie im Katalog der Ausstellung zu Segals 100. Geburtstag als <em>ghostly<\/em> und <em>uncanny<\/em>, gespenstisch und unheimlich, Kaprow sprach gar von lebendigen Mumien. Wie bei den Totenmasken treten die individuellen Z\u00fcge der Abgeformten verbl\u00fcffend deutlich hervor \u2013 auch wenn Segals Figuren zumeist nicht als Portr\u00e4ts angefertigt wurden. Wie andere K\u00fcnstler seiner Generation, der Generation nach dem abstrakten Expressionismus, von der Pop Art bis zur Konzeptkunst, wollte Segal weg vom Handschriftlichen und kam gerade dadurch der Realit\u00e4t seiner Figuren noch n\u00e4her. Scheinbar sogar ihrer Psychologie, ihrem Innenleben, das ihn mehr als alles andere interessierte. Wei\u00df in wei\u00df, ohne Augen, die einen ansehen, den Blick nach innen gekehrt, scheinen sie in Nachdenken versunken, zu tr\u00e4umen, mit sich selbst besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem entspricht die Leere seiner skulpturalen Arrangements, wenn er etwa eine Gruppe von Menschen im Bus, wartend an der Bushaltestelle oder an einer Tankstelle zeigt. Indem er seine Figuren ins Fahrerhaus eines Lkw oder neben einen Coca-Cola-Automaten platzierte, versetzte er sie in die amerikanische Realit\u00e4t seiner Zeit. Das Sozialrealistische, Amerikanische ist vielleicht nirgendwo so pr\u00e4sent, wie in den Figuren, die er zum 1997 eingeweihten Franklin-D.-Rossevelt-Memorial in Washington beisteuerte: einen Radioh\u00f6rer; ein Paar aus den Appalachian Mountains; und eine Warteschlange von f\u00fcnf M\u00e4nnern mit Hut, die in der &#8222;Great Depression&#8220; um Brot anstehen. Wie sehr sich Segal, der zur Zeit des B\u00f6rsencrashs ein f\u00fcnfj\u00e4hriger Junge war, mit ihnen identifizierte, zeigt sich darin, dass er seinen eigenen Abguss in diese Schlange einreiht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine besondere N\u00e4he<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Segal hat zeitlebens auch gemalt und gezeichnet, Pastelle, Lithografien, Radierungen und Siebdrucke angefertigt. Wenn sie f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum bestimmt waren wie das Roosevelt-Memorial, hat er seine Figuren in Bronze gegossen. Er hat sein Gipsfiguren manchmal auch eingef\u00e4rbt \u2013 und umgekehrt Pastelle und \u00d6lbilder in Schwarzwei\u00df gemalt. Bei allen Unterschieden \u2013 Schwarzwei\u00df oder Farbe, Malerei oder Skulptur \u2013 scheint etwas doch alle seine Arbeiten zu verbinden: ein bestimmtes Gef\u00fchl, eine Stimmung, die sich in zwei Richtungen rationalisieren l\u00e4sst: Kennzeichnend ist zum einen eine Spannung zwischen den kunsthistorischen Bez\u00fcgen und der amerikanischen Gegenwart. Die Wartenden an der Bushaltestelle \u00e4hneln ein wenig Rodins <em>B\u00fcrgern von Calais<\/em>, aber ohne das Pathos. Sie erz\u00e4hlen keine heroische Geschichte, oder doch nur vom Heroismus der einfachen Menschen, die zu k\u00e4mpfen haben, um ihren Alltag bew\u00e4ltigen. Seine <em>T\u00e4nzerinnen<\/em> erinnern an Degas, auch wenn sich kein genaues Vorbild findet; und doch sind es Abformungen lebender Personen. So verleiht der K\u00fcnstler seinen Figuren Bildw\u00fcrde, wie sie den Menschen auf dem Land in New Jersey sonst nicht zuteilwurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit verbunden ist eine besondere N\u00e4he des K\u00fcnstlers zu seinen Modellen. Bei den Gipsfiguren liegt dies auf der Hand: Es sind Verwandte und Freunde, denen er beim Abformen einzelner K\u00f6rperteile \u2013 die Figur entstand immer in mehreren Teilen \u2013 buchst\u00e4blich sehr nahe kommt. Er will seine Figuren gar nicht auf einen Sockel stellen, am liebsten setzt er sie in einem Zimmer auf einen Stuhl, wie eine lebende Person, oder auf eine Parkbank. Bei den Malereien und Druckgrafiken zeigt sich die N\u00e4he anders. Zu sehen sind h\u00e4ufig nur Ausschnitte des K\u00f6rpers, fast so, wie man sich selbst sieht, ohne Kopf. Oder eben aus geringer Distanz, was eine besondere Vertrautheit oder auch Empathie nahezulegen scheint, so als teile der K\u00fcnstler die stillen Gedanken der Dargestellten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei aller Vielfalt des k\u00fcnstlerischen Werks sind es trotz allem die Gipsfiguren, die mit Abstand den st\u00e4rksten Eindruck hinterlassen. Die Busfahrer, Passanten, Bauarbeiter und T\u00e4nzerinnen scheinen wie die vom Vulkan \u00fcberraschten Pompeianer mitten aus dem Leben gegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/segalfoundation.org\/\">Zur Website der George Segal Foundation<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>George Segal w\u00e4re am 26. November 100 Jahre alt geworden. 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