{"id":2336,"date":"2025-01-16T17:33:34","date_gmt":"2025-01-16T16:33:34","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=7413"},"modified":"2026-08-14T22:00:03","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:03","slug":"massstaebe-der-menschlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/01\/16\/massstaebe-der-menschlichkeit\/","title":{"rendered":"Ma\u00dfst\u00e4be der Menschlichkeit"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Rineke Dijkstra in der Berlinischen Galerie und im Frankfurter St\u00e4del Museum.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Klarheit, die Direktheit, die schonungslosen Details: sie wohnen den Malereien des <em>Goldenen Zeitalters<\/em> der niederl\u00e4ndischen Genremalerei inne. &#8222;Peeckelhaering&#8220; (P\u00f6kelhering) zum Beispiel, das Bildnis des lustigen Zechers mit schiefen Z\u00e4hnen, fettigen Haaren und ungewaschenem Gesicht, das Frans Hals zwischen 1628 und 1630 malte, die Maserung des Holzstuhls, auf dem der &#8222;Junge Fl\u00f6tenspieler&#8220; (1635) im Bildnis von Judith Leyster sitzt oder der Tintenfleck auf der Tischdecke im &#8222;Gruppenportr\u00e4t der Regentinnen des St. Elisabeths Gasthuis, Haarlem&#8220;, das Jan Cornelisz Verspronck 1641 anfertigte. Sparsam dekorierte Hintergr\u00fcnde bilden die Kulisse f\u00fcr die niederl\u00e4ndische <em>Schilderkunst<\/em> des 17. Jahrhunderts, nur wenige Requisiten umgeben die Portr\u00e4tierten, die in ihrem Lebensumfeld oder nach einer soeben vollzogenen T\u00e4tigkeit dargestellt sind. &#8222;Generally I get more out of looking at old paintings. I think the light, as well as the emotional and psychological forces at play are so incredible in those paintings. I prefer the old classics to contemporary art shows,&#8220; bemerkte Rineke Dijkstra anl\u00e4sslich ihrer 2012 im New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum gezeigten Retrospektive. Die Fotografien und Videos der 1959 in den Niederlanden geborenen K\u00fcnstlerin sind gepr\u00e4gt von der Klarheit in den Kompositionen der Malerei des <em>Goldenen Zeitalters<\/em> \u2013 doch was macht ihre Bildnisse, die zeitgleich in der Berlinischen Galerie unter dem Titel &#8222;Still \u2013 Moving. Portraits 1992 \u2013 2024&#8220; und &#8222;Beach Portraits&#8220; im St\u00e4del Museum in Frankfurt am Main zu sehen sind, ausgerechnet jetzt wieder so interessant?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischenzeiten<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rineke Dijkstras &#8222;Beach Portraits&#8220;, die die K\u00fcnstlerin zwischen 1992 und 1998 umsetzte, begegneten mir gleich zu Beginn meines Studiums Anfang der 2000er-Jahre. Wir betrachteten in einem Seminar zur zeitgen\u00f6ssischen Fotografie Dijkstras Bilder von Kindern und Jugendlichen am Meer: M\u00e4dchen, Jungen, Teenager und junge Erwachsene stehen einzeln oder in Gruppen in Bademode der 1990er-Jahre oder in anderen Kleidungsst\u00fccken im Sand vor den anrollenden Wellen und einem Himmel, der \u2013 mal hellblau, mal durch Wolken verdunkelt \u2013 das Hintergrundbild gestaltet. Die K\u00f6rperhaltung zeigt sich im Kontrapost wie etwa in einer Malerei von Sandro Botticelli, dann wiederum l\u00e4ssig wie bei einer schnappschussartigen Urlaubsfotografie \u2013 mal die Arme verschr\u00e4nkt, dann die H\u00e4nde \u00fcbereinandergelegt, locker h\u00e4ngend oder gerade an die Oberschenkel gepresst. Die Fotografierten sind nicht von der K\u00fcnstlerin zurechtgemacht, sondern so, wie sie sind: mit abgebl\u00e4ttertem Nagellack, einem Pflaster auf dem Bauchnabel, mit Pickeln im Gesicht. Etwas Ungesch\u00f6ntes, Privates gewinnt durch Rineke Dijkstras komponierte, dabei doch authentisch wirkende Fotografie \u00f6ffentliche Sichtbarkeit. Die Blicke der von ihr Portr\u00e4tierten f\u00fchren gerade zur Kamera, die Dijkstra an Str\u00e4nden in den Niederlanden, Belgien, den USA, in Polen, Kroatien oder der Ukraine aufgebaut hatte: Eine 4&#215;5-Zoll-Gro\u00dfformat-Plattenkamera, mit der sie noch heute ihre Fotografien umsetzt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"795\" height=\"1024\" data-id=\"1227\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_kolobrzeg_poland_july_26_1992_0-795x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1227\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_kolobrzeg_poland_july_26_1992_0-795x1024.jpg 795w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_kolobrzeg_poland_july_26_1992_0-233x300.jpg 233w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_kolobrzeg_poland_july_26_1992_0-768x990.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_kolobrzeg_poland_july_26_1992_0-1192x1536.jpg 1192w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_kolobrzeg_poland_july_26_1992_0.jpg 1417w\" sizes=\"(max-width: 795px) 100vw, 795px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"813\" height=\"1024\" data-id=\"1229\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie-813x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1229\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie-813x1024.jpg 813w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie-238x300.jpg 238w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie-768x968.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie-1219x1536.jpg 1219w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie-1625x2048.jpg 1625w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Coney_Island-N.Y.-USA_June-26-1993_Berlinische-Galerie.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 813px) 100vw, 813px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"797\" height=\"1024\" data-id=\"1228\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0-797x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1228\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0-797x1024.jpg 797w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0-234x300.jpg 234w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0-768x986.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0-1196x1536.jpg 1196w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0-1594x2048.jpg 1594w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/st_presse_rineke_dijkstra_selfportrait_marnixbad_amsterdam_june_19_1991_0.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 797px) 100vw, 797px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Rineke Dijkstra, Kolobrzeg, Polen, 26. Juli 1992. Inkjet Print, 35 x 28 cm. \u00a9 Rineke Dijkstra. <strong>Middle<\/strong>: Rineke Dijkstra, Coney Island, N.Y., USA, 26. Juni 1993. \u00a9 Mit freundlicher Genehmigung der Galerien Max Hetzler, Marian Goodman und Jan Mot. <strong>Right<\/strong>: Rineke Dijkstra, Selbstportr\u00e4t, Marnixbad, Amsterdam, Niederlande, 19. Juni 1991. Inkjet Print, 35 x 28 cm. \u00a9 Rineke Dijkstra.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zun\u00e4chst als freiberufliche Portr\u00e4tfotografin f\u00fcr Zeitungen und Zeitschriften t\u00e4tige Rineke Dijkstra begann die Serie &#8222;Beach Portraits&#8220;, mit der sie weltweit Beachtung erlangte, nach einem Fahrradunfall, genauer, nachdem sie 1991 nach einem Rehabilitationstraining im Amsterdamer Marnixbad ein Selbstportr\u00e4t von sich im Badeanzug im Duschraum angefertigt hatte. Mit Duschkappe und Schwimmbrille versehen, h\u00e4lt sie ihre H\u00e4nde vor ihr ersch\u00f6pftes Gesicht, die Arme angewinkelt platztiert an den nassen und etwas durchsichtig gewordenen Badeanzug. Aus ihrer K\u00f6rperhaltung spricht eine gewisse Unbehaglichkeit. Dass der Akt des Fotografiertwerdens ausgerechnet auf eine Fotografin beklemmend wirkt, macht einen besonderen, reflektierten Aspekt dieses Bildes aus. Gesten der Verlegenheit einen Dijkstras Selbstportr\u00e4t und ihre &#8222;Beach Portraits&#8220;, zeigen Lebensmomente im \u00dcbergang: den Weg durch den Sand ins Meer hinein oder heraus; die Entwicklung vom Kindsein zum Erwachsenwerden \u2013 und Dijkstras eigenen Werdegang von der Auftragsfotografin hin zum Finden einer freien k\u00fcnstlerischen Bildsprache. \u00c4nderungen, Wandel, Wechsel, Wenden: Menschen, die in gewisser Weise Zwischenzeiten erleben, sind fortan Sujet ihrer Fotografien und Videoarbeiten, die sie in Serien und oftmals \u00fcber Jahre hinweg ausformuliert. Neue M\u00fctter, die die K\u00fcnstlerin wenige Stunden und Tage nach der Geburt nackt mit ihren Neugeborenen im Ganzk\u00f6rperbildnis fotografiert hat, Stierk\u00e4mpfer, von denen sie, noch vom Kampf blutverschmiert, Brustst\u00fccke angefertigt hat \u2013 es sind Zust\u00e4nde der \u00e4u\u00dferen und vor allem der inneren Nacktheit, die Rineke Dijkstra in ihren Bildern einfasst.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einander mit Respekt begegnen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ende des Kalten Kriegs reiste Rineke Dijkstra in Hafenst\u00e4dte wie Jalta auf der Krim und Odessa in der Ukraine, Dubrovnik in Kroatien oder Ko\u0142obrzeg in Polen. Dort fotografierte sie Kinder und Jugendliche als Bestandteil ihrer Reihe &#8222;Beach Portraits&#8220;, um diese Bilder mit jenen ebenfalls von ihr in dieser Zeit gemachten Fotografien von westlich gepr\u00e4gten Heranwachsenden aus Belgien, England oder den USA zusammenzubringen. Dieser Aspekt wird deutlich im St\u00e4del Museum in Frankfurt am Main hervorgehoben, wo ausschlie\u00dflich Dijkstras &#8222;Beach Portraits&#8220; in einer Kabinettausstellung pr\u00e4sentiert werden und den Ausgangspunkt ihrer Arbeit einkreisen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"808\" height=\"1024\" data-id=\"1231\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1-808x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1231\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1-808x1024.jpg 808w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1-237x300.jpg 237w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1-768x973.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1-1212x1536.jpg 1212w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1-1616x2048.jpg 1616w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Asylumcenter-Leiden_March-14-1994_Berlinische-Galerie1.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 808px) 100vw, 808px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"811\" height=\"1024\" data-id=\"1232\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie-811x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1232\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie-811x1024.jpg 811w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie-238x300.jpg 238w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie-768x970.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie-1217x1536.jpg 1217w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie-1622x2048.jpg 1622w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_Almerisa_Rotterdam_October-27-2018_Berlinische-Galerie.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 811px) 100vw, 811px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links <\/strong>und <strong>Right<\/strong>: Rineke Dijkstra, Almerisa, Asylumcenter Leiden, Niederlande. 14. M\u00e4rz 1994 \/ Almerisa, Rotterdam, Niederlande, 27. Obtober 2018. \u00a9 Mit freundlicher Genehmigung der K\u00fcnstlerin, der Galerien Max Hetzler, Marian Goodman und Jan Mot.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4ziser eintauchen in ihr Werk l\u00e4sst sich jedoch in der Ausstellung &#8222;Still \u2013 Moving. Portraits 1992 \u2013 2024&#8220; in der Berlinischen Galerie, die einen Schwerpunkt auf Rineke Dijkstras Fotografien und Videobilder der 1990er- und 2000er-Jahre legt. Eine Werkgruppe ist hierbei besonders bemerkenswert: 1994 richtete Dijkstra ihr Interesse auf ein im Gef\u00fcge der Jugoslawienkriege aus Bosnien mit ihrer Familie in die Niederlande geflohenes M\u00e4dchen \u2013 &#8222;Almerisa&#8220;. Aus der Absicht, auf die Lebensrealit\u00e4t der zu diesem Zeitpunkt in einer Gefl\u00fcchteten-Unterkunft in Leiden lebenden Sechsj\u00e4hrigen aufmerksam zu machen, entwickelte Rineke Dijkstra eine fotografische Serie, f\u00fcr die sie Almerisa etwa alle zwei Jahre \u2013 bis heute \u2013 in ihrem jeweiligen Lebensumfeld besucht(e) und auf einem Stuhl sitzend portr\u00e4tiert(e). Die erste, 1994 entstandene Fotografie, zeigt Almerisa im Sonntagsstaat in wei\u00dfer Bluse mit Perlmuttkn\u00f6pfen, Weste, kariertem Rock, Lackschuhen. Etwas zu dicke Socken umh\u00fcllen ihre F\u00fc\u00dfe, die vom roten Kunststoffschalensitz noch \u00fcber dem Boden schweben. Eine rote Schleife ziert ihren Hals und unterstreicht den Blick eines Kindes, das \u2013 trotz aller \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde \u2013 W\u00fcrde in sich tr\u00e4gt. Das n\u00e4chstfolgende Bild, das 1996 in Wormer im Norden Hollands in der Wohnung von Almerisas Familie entstanden ist, vermittelt ein hoffnungsvolles L\u00e4cheln im Gesicht des M\u00e4dchens. Die in der Berlinischen Galerie in einer Reihe geh\u00e4ngten, mittlerweile nun 18 Fotografien, zeigen das Gr\u00f6\u00dferwerden eines Kindes und Teenagers hin zu einer jungen Frau, Schwangeren und Mutter mit Baby, bis zu einer Ansicht von Almerisa, die zuletzt 2022 aufgenommen worden ist. Frisuren, Kleidung, Accessoires und Make-up sowie St\u00fchle, Bodenbel\u00e4ge und Wandverkleidungen wandeln sich. Dabei bleibt die Bildkomposition, durch die sich wie durch ein Fenster in ein Interieur hineinblicken l\u00e4sst, gleichbleibend schlicht: die Kante eines Schrankes oder einer T\u00fcr ist zu erkennen, ein Lichtschalter oder eine Steckdose sitzt auf der Tapete, lange Gardinen, die herabh\u00e4ngenden Bl\u00e4tter einer Efeutute oder ein aus der Wand hinausragendes Kabel zeigen, dass die Bilder in privaten R\u00e4umen entstanden sind und nicht in einem Fotostudio. Rineke Dijkstra sucht das Umfeld der von ihr Fotografierten auf, nicht umgekehrt. Dabei ist der menschliche K\u00f6rper in ihren Aufnahmen kein Abbild, kein modelliertes Objekt im K\u00fcnstler:innenstudio: Dijkstra zeigt Menschen in ihrem gegenw\u00e4rtigen Sein, mit allem Unperfekten. Und gerade das ist ein Aspekt, der ihre Bilder in einer Zeit der zunehmenden k\u00f6rperlichen Selbstbestimmung aktuell auch f\u00fcr junge Menschen so interessant macht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verletzlichkeit und St\u00e4rke<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vulnerabel, verletzlich zu sein \u2013 das beinhalten Rineke Dijkstras Fotografien &#8222;The Buzz Club&#8220;, die sie 1995 im gleichnamigen Club in Liverpool von Jugendlichen aufgenommen hatte. Die Portr\u00e4ts, von denen in der Berlinischen Galerie einige erstmals aus Dijkstras Archivbest\u00e4nden ausgestellt werden, zeigen junge Frauen in ihrem Ausgehlook, der modische Trends der 1990er-Jahre zwischen Second-Hand, Versandhauskatalogware in Satin-Optik und Kaufhausaccessoires wie elastische Halsketten oder volumin\u00f6se transparente Kunststoffringe zusammenbringt. Die jungen Frauen nehmen selbstbewusste Posen ein, doch bleibt in ihrer Gestik und Mimik Unsicherheit oder Selbstschutz kenntlich. Ein M\u00e4dchen tr\u00e4gt einen Anstecker am Top: &#8222;People Are Warning You Looking At My Chest!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"850\" height=\"632\" data-id=\"1233\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_The-Buzz-Club_Liverpool_Mystery-World_Zaandam_1996-97_Berlinische-Galerie-bearb.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1233\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_The-Buzz-Club_Liverpool_Mystery-World_Zaandam_1996-97_Berlinische-Galerie-bearb.jpg 850w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_The-Buzz-Club_Liverpool_Mystery-World_Zaandam_1996-97_Berlinische-Galerie-bearb-300x223.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Rineke-Dijkstra_The-Buzz-Club_Liverpool_Mystery-World_Zaandam_1996-97_Berlinische-Galerie-bearb-768x571.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Rineke Dijkstra, The Buzz Club, Liverpool \/ Mystery World, Zaandam, 1996-97 (Videostill). \u00a9 Mit freundlicher Genehmigung der K\u00fcnstlerin, der Galerien Max Hetzler, Marian Goodman und Jan Mot.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dijkstras Fotografien wirken als Vorstudie zu ihrer Videoarbeit &#8222;The Buzz Club, Liverpool, UK \/ Mystery World, Zaandam, NL&#8220;, die sie kurz darauf in den Jahren 1996 und 1997 realisierte. Hierf\u00fcr richtete sie in den beiden Diskotheken &#8222;The Buzz Club&#8220; und &#8222;Mystery World&#8220; jeweils in einem Nebenraum zur Tanzfl\u00e4che einen tempor\u00e4ren Studioraum ein: eine Kamera, die jene Teenager, die den Raum zumeist allein betraten, bis zu 15 Minuten lang filmte. Vor einer wei\u00dfen Wand zeigen sich so \u2013 mit Blick in die Kamera oder bewusst an ihr vorbei \u2013 junge Menschen, die rauchen, Kaugummi kauen, trinken, sich zaghaft zur Musik bewegen, im Takt mit dem Kopf nicken oder wild zu dem im Club gespielten (Hardcore-)Techno tanzen. Ein Paar liegt sich in den Armen wie etwa jenes auf der legend\u00e4ren Fotografie von Robert Doisneau &#8222;Der Kuss am Rathaus&#8220; (1950), kurz darauf h\u00f6rt man einen Remix von Marushas &#8222;Somewhere Over The Rainbow&#8220;. Zwischen Selbstdarstellung, Selbsterm\u00e4chtigung und Sehnsucht wirken diese filmischen Bilder, von denen Dijkstra je zwei zueinander als Doppel-Kanal-Videoinstallation arrangiert hat und die die Akteur:innen miteinander in Beziehung treten l\u00e4sst. Gleichg\u00fcltigkeit, Nervosit\u00e4t, Mut, \u00dcberwindung, Losgel\u00f6stheit, Freude und Witz liegen in ihren Gesichtern. Erstmals hatte ich diese Videoarbeit vermutlich im Jahr 2003 im Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe in der Ausstellung &#8222;Fast Forward&#8220; gesehen. Damals, als meine Kommiliton:innen und ich selbst gerade erst die Schule absolviert hatten, wirkten die Bilder auf mich gew\u00f6hnlich, wie ein beil\u00e4ufiger Auszug aus einem Partyabend. Die N\u00e4he zum gelebten Leben, die das Besondere der Bilder Rineke Dijkstras ausmacht, zeigt sich heute als das Authentische: Ihr Wert liegt in einer auf Dauer angelegten Betrachtung, die nicht wertet.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rineke Dijkstra, Beach Portraits. St\u00e4del Museum, Frankfurt am Main, 13.12.2024\u201318.5.2025. <a href=\"https:\/\/www.staedelmuseum.de\/de\/rineke-dijkstra\">https:\/\/www.staedelmuseum.de\/de\/rineke-dijkstra<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rineke Dijkstra, Still Moving, Portraits 1992 \u2013 2024. Berline Galerie, 8.11.2024 \u2013 10.2.2025. <a href=\"https:\/\/berlinischegalerie.de\/ausstellungen\/aktuell\/rineke-dijkstra\/\">https:\/\/berlinischegalerie.de\/ausstellungen\/aktuell\/rineke-dijkstra\/<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rineke Dijkstra in der Berlinischen Galerie und im Frankfurter St\u00e4del Museum. 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