{"id":2354,"date":"2025-03-19T16:43:20","date_gmt":"2025-03-19T15:43:20","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=8128"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"der-koerper-als-geschenk-buerde-und-verwundbare-huelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/03\/19\/der-koerper-als-geschenk-buerde-und-verwundbare-huelle\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6rper als Geschenk, B\u00fcrde und verwundbare H\u00fclle"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Lange Zeit zu Unrecht \u00fcbersehen: Die polnische Bildhauerin Alina Szapoczinikow wird jetzt im Kunstmuseum Ravensburg mit einer imposanten Einzelausstellung geehrt.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Klassische Bronzen treten zur Seite, um Pf\u00fctzen von ausgesch\u00fcttetem Kunstharz ihren Platz einzur\u00e4umen; die Figur steigt vom Sockel herab und kehrt, zerlegt in ihre Einzelteile, zur\u00fcck&#8220;. Viel treffender als es Karen Rosenberg 2012 in einem Artikel f\u00fcr die <em>New York Times<\/em> getan hat, kann man die k\u00fcnstlerische Entwicklung im Werk der fr\u00fch verstorbenen polnisch-franz\u00f6sischen Bildhauerin, Zeichnerin und Konzeptk\u00fcnstlerin Alina Szapocznikow kaum beschreiben. Innerhalb nur weniger Jahre hat sie sich von einer figurativ arbeitenden, zeitweise auch dem Sozialistischen Realismus verpflichteten K\u00fcnstlerin zu einer der spannendsten und innovativsten Bildhauerinnen ihrer Zeit entwickelt. Eine Karriere, die sie sicherlich noch zu Lebzeiten fest im popul\u00e4ren Kanon der zeitgen\u00f6ssischen Kunst verankert h\u00e4tte, w\u00e4re sie nicht schon 1976 im Alter von nur 46 Jahren an Brustkrebs, einer damals noch wesentlich t\u00f6dlicher als heute verlaufenden Krankheit, gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem internationalen Fachpublikum jedoch, darunter Museumskuratoren, Kunstwissenschaftlern, K\u00fcnstlerkollegen und Sammlern, ist Szapocznikow als bedeutende Erneuerin und experimentierfreudige Pionierin auf dem Feld der Skulptur l\u00e4ngst vertraut. Besonders zu ihrem Ruf beigetragen haben ihre Lust auf neue, unorthodoxe Materialien und ihr Mut, sich auch an gro\u00dfe Dimensionen und existenzielle Fragestellungen heranzuwagen. Beim breiten Publikum ist sie, obwohl ihre Werke beispielsweise 2007 auf der Documenta 12 zu sehen waren, im Gegensatz zu ihrer mehr als doppelt so alt gewordenen Bildhauerkollegin Louise Bourgeois (1911-2010) noch weitgehend unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" data-id=\"1369\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-X-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1369\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-X-768x1024.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-X-225x300.jpg 225w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-X-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-X-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-X.jpg 1772w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"682\" height=\"1024\" data-id=\"1368\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Noyee-Plongee-682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1368\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Noyee-Plongee-682x1024.jpg 682w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Noyee-Plongee-200x300.jpg 200w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Noyee-Plongee-768x1152.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Noyee-Plongee-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Noyee-Plongee.jpg 1181w\" sizes=\"(max-width: 682px) 100vw, 682px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"747\" height=\"1024\" data-id=\"1371\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-XI-747x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1371\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-XI-747x1024.jpg 747w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-XI-219x300.jpg 219w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-XI-768x1053.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-XI-1120x1536.jpg 1120w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Sculpture-lampe-XI.jpg 1292w\" sizes=\"(max-width: 747px) 100vw, 747px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Alina Szapocznikow, Sculpture-lampe X, ca. 1970. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Galerie Loevenbruck, Paris \/ Hauser &amp; Wirth, Foto: Todd-White Art Photography, Courtesy Hauser &amp; Wirth <strong>Middle<\/strong>: Alina Szapocznikow, Noy\u00e9e (Plong\u00e9e), 1968. Privatsammlung, M\u00fcnchen. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Galerie Loevenbruck, Paris \/ Hauser &amp; Wirth. Foto: Stephan H\u00f6ck <strong>Right<\/strong>: Alina Szapocznikow, Sculpture-lampe XI, 1970. T&amp;C Collection. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Galerie Loevenbruck, Paris \/ Hauser &amp; Wirth. Foto: Fabrice Gousset, Courtesy Loevenbruck, Paris.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">80 Werke auf zwei Etagen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung &#8222;Alina Szapocznikow \u2013 K\u00d6RPERSPRACHEN&#8220; im Kunstmuseum Ravensburg d\u00fcrfte, zumindest im deutschsprachigen Raum, dazu beitragen, dass sich das \u00e4ndert. Ute Stuffer, die Direktorin des Museums, und Ursula Str\u00f6bele, Professorin f\u00fcr <em>Skulptur und Skulpturtheorie an der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste Braunschweig,<\/em> als Gastkuratorin haben f\u00fcr diese gro\u00dfe \u00dcberssichtsschau mehr als 80 Skulpturen, Zeichnungen und Fotografien zusammengetragen. Kr\u00e4ftig unterst\u00fctzt wurden sie dabei von institutionellen Leihgebern in Polen und der Pariser Galerie Loevenbruck, die zusammen mit der Schweizer Galerie Hauser &amp; Wirth den umfangreichen Nachlass der K\u00fcnstlerin betreut. Flankiert werden die k\u00fcnstlerischen Arbeiten zudem von wertvollen Originaldokumenten, darunter auch einem Schriftwechsel zwischen Szapocznikow und Marcel Duchamp. Die auf zwei Etagen pr\u00e4sentierte Ausstellung vermittelt einen profunden Einblick in Leben und Werk der Holocaust-\u00dcberlebenden. Nicht zuletzt die ausgekl\u00fcgelte Ausstellungsarchitektur mit eleganten Raumteilern, die mit semitransparenter Gaze bespannt sind und so Durchblicke gleichzeitig versperren und erm\u00f6glichen, tr\u00e4gt zum positiven Gesamteindruck bei.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schwere Jahre in Ghettos und Konzentrationslagern<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geboren 1926 als Kind eines j\u00fcdischen Arztehepaars, erf\u00e4hrt Alina Szapocznikow schon als junges M\u00e4dchen die Greuel der deutschen Besatzung. Ihr Leidensweg f\u00fchrt sie \u00fcber die j\u00fcdischen Ghettos in Pabianice und \u0141\u00f3d\u017a in die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen und schlie\u00dflich nach Theresienstadt, wo sie 1945 von der Roten Armee befreit wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den erlittenen Traumata zum Trotz, vielleicht aber auch als Akt der Befreiung davon, beginnt sie direkt nach dem Krieg eine Steinmetzlehre, um gleich im Anschluss daran, zuerst in Prag und dann in Paris, ein Kunststudium aufzunehmen. Hier trifft sie erstmals auf moderne bildhauerische Positionen von Alberto Giacometti, Jean Arp oder Henry Moore. Im Alter von 23 Jahren aber erleidet sie den n\u00e4chsten Schicksalsschlag. Szapocznikow erkrankt schwer an Tuberkulose. Sie muss ihr Studium abbrechen und aufgrund von Geldmangel zun\u00e4chst nach Polen zur\u00fcckkehren. Zudem kann sie nach der Behandlung keine Kinder mehr bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck im kommunistischen Polen, entstehen zun\u00e4chst klassisch-figurative Skulpturen, jedoch bereits mit einem gewissen Twist ins Rebellische. Der 1956 entstandene lebensgro\u00dfe Akt &#8222;Trudny wiek&#8220; (&#8222;Schwieriges Alter&#8220;), etwa zeigt eine moderne junge Frau mit Pferdeschwanz und selbstbewusst in die Seite gest\u00fctztem Arm. In dieser Zeit beteiligt sich die K\u00fcnstlerin aber auch regelm\u00e4\u00dfig an Wettbewerben f\u00fcr Monumente zu Ehren der Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Einige dieser allesamt unrealisierten Entw\u00fcrfe sind jetzt in Ravensburg zu sehen. Darunter eine \u00fcberdimensionale, deformierte Hand als Denkmal f\u00fcr die Helden des Warschauer Ghettos. 1963 kehrt Szapocznikow dann nach Paris zur\u00fcck, wo sie in zweiter Ehe den polnischen Grafiker und langj\u00e4hrigen Art Director des Magazins <em>Elle,<\/em> Roman Cie\u015blewicz, heiratet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" data-id=\"1372\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-02-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1372\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-02-768x1024.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-02-225x300.jpg 225w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-02-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-02.jpg 1329w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"802\" height=\"1024\" data-id=\"1373\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-05-802x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1373\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-05-802x1024.jpg 802w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-05-235x300.jpg 235w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-05-768x980.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-05-1203x1536.jpg 1203w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Installationsansicht-05.jpg 1388w\" sizes=\"(max-width: 802px) 100vw, 802px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Ausstellungsansicht ALINA SZAPOCZNIKOW. K\u00d6RPERSPRACHEN, Kunstmuseum Ravensburg, 2025. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Galerie Loevenbruck, Paris \/ Hauser &amp; Wirth, Foto: Wynrich Zlomke. <strong>Right<\/strong>: Ausstellungsansicht ALINA SZAPOCZNIKOW. K\u00d6RPERSPRACHEN, Kunstmuseum Ravensburg, 2025. Mit Trudny wiek, 1956\/1984. Muzeum Sztuki, \u0141\u00f3d\u017a. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Galerie Loevenbruck, Paris \/ Hauser &amp; Wirth. Foto: Wynrich Zlomke.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Objektifizierung des (meist) weiblichen K\u00f6rpers<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gro\u00dfe Verdienst der Ravensburger Ausstellung ist es, Szapocznikows erstaunlich tabulose Hinwendung zur Ambivalenz des menschlichen K\u00f6rpers, namentlich auch ihres eigenen, nachzuzeichnen. &#8222;Meine Geste bezieht sich auf den menschlichen K\u00f6rper, diese vollkommen erogene Zone, auf seine leisesten und fl\u00fcchtigsten Empfindungen\u2026 Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass von allen \u00c4u\u00dferungen des Verg\u00e4nglichen der menschliche K\u00f6rper am verwundbarsten ist, die einzige Quelle aller Freude, allen Leidens und aller Wahrheit&#8220;, so Alina Szapocznikow in einem manifestartigen Aufruf aus dem Jahr 1972. In Ravensburg sind jetzt Arbeiten zu sehen, die das erotische Potenzial weiblicher und m\u00e4nnlicher K\u00f6rperfragmente mit spielerischem Ernst ausloten. So etwa eine ganze Reihe von sexuell aufgeladenen Tischlampen aus farbigem Polyesterharz, die auf einem Wandsockel im hinteren Teil des zweiten Ausstellungsraums versammelt sind. In Fragmente zerlegte Abg\u00fcsse von weiblichen Br\u00fcsten, Lippenpartien, mitunter provokant aufgest\u00e4ndert auf phallusf\u00f6rmigen Lampenf\u00fc\u00dfen kombiniert die K\u00fcnstlerin zu Leuchtk\u00f6rpern, die Weibliches und M\u00e4nnliches auf surreale Art und Weise miteinander verschmelzen. Aufgrund ihrer ostentativ vorgef\u00fchrten, leichten Konsumierbarkeit stellen diese Arbeiten aber auch kritische Fragen zur Objektifizierung des meist weiblichen K\u00f6rpers in Werbung, Konsum- und Unterhaltungsindustrie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 1965 entstandene, nach dem gleichnamigen James-Bond-Film betitelte Materialassemblage &#8222;Goldfinger&#8220; wiederum ist eine der ber\u00fchmtesten Arbeiten von Szapocznikow. Sie scheint eindeutig von Einfl\u00fcssen des Nouveau R\u00e9alisme, einer h\u00e4ufig mit sogenannten <em>Objets Trouv\u00e9s<\/em>, gefundenen Alltagsobjekten also, operierenden Kunststr\u00f6mung, der die damals bereits wieder in Paris lebende K\u00fcnstlerin durch pers\u00f6nliche Kontakte zu ihren Protagonisten nahestand. Ein Abguss von Szapocznikows Beinen wurde hier mit einer vertikal auf einer Grundplatte stehenden Vorderachse eines Autos zwangsverm\u00e4hlt. Beide Elemente sind vereinheitlichend mit goldener Farbe \u00fcberzogen. Unwillk\u00fcrlich denkt man dabei auch an Lautr\u00e9amonts von den Surrealisten viel zitierte Aussage, in der etwas als &#8222;sch\u00f6n wie das zuf\u00e4llige Zusammentreffen einer <em>N\u00e4hmaschine<\/em> und eines Regenschirms auf einem Seziertisch&#8220; beschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vielf\u00e4ltige Form- und Materialexperimente<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An verschiedenen Stellen in der Ausstellung sind wandgro\u00dfe Fotografien zu sehen, die die K\u00fcnstlerin bei der Arbeit im Atelier zeigen. Auf einer Aufnahme, die w\u00e4hrend eines Gastaufenthalts in den ber\u00fchmten Marmorsteinbr\u00fcchen von Carrara in der Toskana entstanden ist, steht sie, eine Schleifmaschine in der Hand, im kurzen Rock und mit eleganten Schuhen vor ihrer Arbeit \u201eGrand Ventres\u201c (1968), einem ihrer monumentalsten Werke. Ausgehend von Gipsabdr\u00fccken, die sie vom ausladenden und mehrfach gefalteten Bauch einer Freundin gemacht hat, hat Szapocznikow diese herk\u00f6mmlichen Sch\u00f6nheitsidealen eher widersprechende, nat\u00fcrliche Form immer wieder skulptural umgesetzt. Entstanden sind \u00e4u\u00dferst haptisch anmutende, zum Nachfahren der Linien mit den Fingern geradezu herausfordernde Gebilde. Die Grundform wird mal verkleinert, mal vergr\u00f6\u00dfert oder aber vervielfacht und \u00fcbereinandergestapelt. Es entstehen Versionen in Gips, Marmor oder Polyurethanschaum. Indem sie einen keineswegs idealtypischen weiblichen Bauch zu einem in ihrem Werk immer wiederkehrenden modulartigen Element macht, nimmt sie gewisserma\u00dfen heutige Auffassungen von Body Positivity und einem entspannteren Verh\u00e4ltnis zu unrealistischen Sch\u00f6nheitsidealen vorweg.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"740\" height=\"1024\" data-id=\"1370\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Torso-740x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1370\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Torso-740x1024.jpg 740w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Torso-217x300.jpg 217w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Torso-768x1062.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Torso-1110x1536.jpg 1110w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Torso.jpg 1281w\" sizes=\"(max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"694\" height=\"1024\" data-id=\"1376\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres-694x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1376\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres-694x1024.jpg 694w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres-203x300.jpg 203w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres-768x1132.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres-1042x1536.jpg 1042w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres-1389x2048.jpg 1389w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/KMR_Szapocznikow_Grands-ventres.jpg 1475w\" sizes=\"(max-width: 694px) 100vw, 694px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Alina Szapocznikow mit ihrem Werk Torso, Atelier Malakoff, FR, 1966. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Alina Szapocznikow Archive, Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Loevenbruck, Paris. Foto: Marek Holzman. <strong>Right<\/strong>: Alina Szapocznikow f\u00fcr ELLE bei der Arbeit an ihrem Werk Grands Ventres, Querceta Steinbr\u00fcche, IT, 1968. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Alina Szapocznikow Archive, Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow \/ Loevenbruck, Paris. Foto: Roger Gain.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Miniskulpturen aus Kaugummi<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Szapocznikows Interesse an unorthodoxen Formfindungsprozessen wird aber auch in ihrer einzigen fotografischen Serie mit dem Titel &#8222;Fotoskulpturen&#8220; (1971) deutlich. In einer Art Versuchsreihe hat sie Kaugummi mit ihren Z\u00e4hnen in die unterschiedlichsten Formen transformiert. Die zwischen Zufall und bewusster Geste angesiedelten Resultate wurden dann auf steinernen Unterlagen platziert und von ihrem Mann vor einem schwarzen Hintergrund fotografiert. Das Material und die genauen Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse wurden dadurch zun\u00e4chst verunkl\u00e4rt. Dass es sich um ephemere Kaugummiskulpturen mit kurzer Haltbarkeit handelt, erschlie\u00dft sich nicht so sehr aus der Einzelaufnahme, als vielmehr erst aus dem Kontext der 20-teiligen Serie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hinwendung zu synthetischen Materialien<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anhand ausgew\u00e4hlter Schl\u00fcsselwerke beleuchtet die Ravensburger Ausstellung Szapocznikows Anfang der 1960er Jahre in Paris erfolgte Hinwendung zu sch\u00fcttbaren, erst nach und nach aush\u00e4rtenden fl\u00fcssigen Kunststoffen wie Polyurethan und Polyesterharz. &#8222;Ich habe das Bed\u00fcrfnis, mit Material umzugehen; ich m\u00f6chte es mit meinen Fingern kneten und ber\u00fchren. Dieser physische Kontakt mit dem Material vermittelt mir das Gef\u00fchl, in Beziehung zu der Skulptur zu treten&#8220;, so Alina Szapocznikow.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die an der Wand pr\u00e4sentierte Arbeit &#8222;Noy\u00e9e Plong\u00e9e&#8220; (1968) etwa zeigt den entbl\u00f6\u00dften Oberk\u00f6rper einer jungen Frau mit lippenstiftroten Brustwarzen. Das verkleinert dargestellte K\u00f6rperfragment tritt aus einer diffusen schwarzen, an erstarrte Lava erinnernden Masse hervor, die Unterarme sind teilweise davon bedeckt. Wie so oft in ihrem Werk arbeitet Alina Szapocznikow hier mit dem Wechselspiel aus Attraktion und Absto\u00dfung, Sch\u00f6nheit und Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tumor-Skulpturen aus Polyesterharz<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1969 erh\u00e4lt die K\u00fcnstlerin den Befund, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Auch dieser nunmehr existenziellen Bedrohtheit ihrer eigenen physischen Existenz verleiht sie in ihrem Werk mit geradezu schonungsloser Drastik eine un\u00fcbersehbare skulpturale Pr\u00e4senz. Fast wirkt es so, als versuche sie, die T\u00f6dlichkeit dessen, was da in ihrem K\u00f6rper das Regime \u00fcbernommen hat, zu bannen, indem sie es nach au\u00dfen verlagert und f\u00fcr sich und ihre Umgebung &#8222;begreifbar&#8220; macht. Es entstehen ebenso verst\u00f6rende wie anr\u00fchrende Tumor-Skulpturen. Diese aus einem oder mehreren Klumpen bestehenden, wie raumgreifende Gewebewucherungen aussehenden Gebilde erinnern mit ihren zerkl\u00fcfteten und in vielen Farben changierenden Oberfl\u00e4chen an stark vergr\u00f6\u00dferte medizinische Pr\u00e4parate. Gleichzeitig fertigt Szapocznikow aber auch eher an menschliche Haut erinnernde Flachreliefs aus Polyesterharz, unter deren Oberfl\u00e4che teils private Fotografien erkennbar sind. Auf einer dieser Arbeiten ist die K\u00fcnstlerin undeutlich als Kind in Badekleidung zu sehen. Eine Kindheitserinnerung, ein Bild aus unbeschwerten Zeiten, die mit der Besetzung Polens durch die Deutschen j\u00e4h zu Ende gehen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein rund achtmin\u00fctiger Dokumentarfilm, der in der Ravensburger Ausstellung gezeigt wird, zeigt die K\u00fcnstlerin in ihrem Pariser Atelier. Den immer wieder nachbohrenden, wenig sensiblen Fragen des m\u00e4nnlichen Interviewers nach ihren Erfahrungen im Krieg und in den Konzentrationslagern weicht sie mit einer bewundernswerten Nonchalance aus. \u00dcber Einzelheiten ihres Martyriums hat Alina Szapocznikow in der \u00d6ffentlichkeit nie geredet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Krankheit als Metapher<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Krankheit ist die Nachtseite des Lebens, eine eher l\u00e4stige Staatsb\u00fcrgerschaft. Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsb\u00fcrgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. Und wenn wir alle auch vorziehen, nur den guten Ruf zu benutzen, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ist doch jeder von uns gezwungen, wenigstens f\u00fcr eine Weile, sich als B\u00fcrger jenes anderen Ortes auszuweisen.&#8220; Mit diesen zwei S\u00e4tzen beginnt Susan Sonntags 1977 erschienener Essay &#8222;Krankheit als Metapher&#8220;. Alina Szapocznikow war in ihrem kurzen, aber beeindruckenden Leben nicht nur mit den unertr\u00e4glichen Erlebnissen der Lagerhaft und dem Antisemitismus der Nachkriegszeit konfrontiert, sondern immer wieder auch mit schweren Krankheitserfahrungen, die dann in Gestalt der Brustkrebserkrankung zu ihrem allzu fr\u00fchen Tod f\u00fchrten. In nur rund zwei Jahrzehnten hat sie trotz all dieser Widrigkeiten ein Werk geschaffen, das heute in einer Reihe mit dem von Bildhauerkolleginnen wie Louise Bourgeois, Eva Hesse oder Hannah Wilke steht. Die Ravensburger Ausstellung stellt eine sehenswerte kuratorische Tiefenbohrung dar, in der man der pionierhaften Leistung dieser Bildhauerin noch bis Anfang Juli auf den Grund gehen kann.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alina Szapocznikow \u2013 K\u00d6RPERSPRACHEN<br>Kunstmuseum Ravensburg<br>Bis 6.7.2025. Di 14 -18 Uhr. Mi &#8211; So 11 &#8211; 18 Uhr. Mo au\u00dfer an Feiertagen geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Katalog: ein umfangreicher Katalog erscheint im Sommer 2025 im Verlag f\u00fcr moderne Kunst<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/www.kunstmuseum-ravensburg.de\/\">www.kunstmuseum-ravensburg.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweite Station der Ausstellung: Mus\u00e9e de Grenoble im Herbst 2025<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit zu Unrecht \u00fcbersehen: Die polnische Bildhauerin Alina Szapoczinikow wird jetzt im Kunstmuseum Ravensburg mit einer imposanten Einzelausstellung geehrt. &#8222;Klassische Bronzen treten zur Seite, um Pf\u00fctzen von ausgesch\u00fcttetem Kunstharz ihren Platz einzur\u00e4umen; die Figur steigt vom Sockel herab und kehrt, zerlegt in ihre Einzelteile, zur\u00fcck&#8220;. 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