{"id":2364,"date":"2025-04-13T14:41:35","date_gmt":"2025-04-13T12:41:35","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=8375"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"schatten-ueber-der-documenta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/04\/13\/schatten-ueber-der-documenta\/","title":{"rendered":"Schatten \u00fcber der Documenta"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Documenta, 1955 gegr\u00fcndet, um Kunst zu zeigen, die in der NS-Zeit nicht gezeigt werden konnte, wird die Schatten der Vergangenheit nicht los.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon im Herbst 2019 hatte das Selbstbild der Documenta Risse bekommen. Im Zuge einer Emil-Nolde-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) waren der Historiker Bernhard Fulda und die Kunsthistorikerin Julia Friedrich auf die NSDAP-Mitgliedskarte des ersten Documenta-Kurators Werner Haftmann gesto\u00dfen. Dann fand Vincenza Benedettino bei Recherchen zu ihrer Doktorarbeit heraus, dass dieser bereits 1933 in die SA eingetreten war. Zu Beginn der NS-Zeit hatte er f\u00fcr die Zeitschrift <em>Kunst der Nation<\/em> gearbeitet, die sich f\u00fcr den Expressionismus als &#8222;deutsche Kunst&#8220; einsetzte. In einem seiner Beitr\u00e4ge schreibt er 1934: &#8222;Der gro\u00dfe Vertreter dieser erregten und leidenschaftlichen Form ist Nolde, in ihm fasst sich all das mystische und leidvoll erregte dieser brennenden Zeit in seiner Weise noch einmal ganz voll zusammen.&#8220; Wollte er als Kurator der Documenta also nur jene Kunst rehabilitieren, f\u00fcr die er schon im Nationalsozialismus eingetreten war? Den j\u00fcdischen K\u00fcnstler Rudolf Levy strich er jedenfalls wieder von seiner Teilnehmerliste, wie Julia Voss im Gespr\u00e4ch mit der Bildhauerin Emy Roeder herausfand, einer der wenigen K\u00fcnstlerinnen der ersten Documenta: offenbar um seine These aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen, es habe keine signifikanten j\u00fcdischen Beitr\u00e4ge zur Moderne gegeben. Schlie\u00dflich deckte der Historiker Carlo Gentile im Juni 2021, wenige Tage vor Er\u00f6ffnung der DHM-Ausstellung <em>Documenta. Politik und Kunst<\/em> in der S\u00fcddeutschen Zeitung auf, dass Haftmann zudem f\u00fcr Folter und Mord an italienischen Partisanen verantwortlich war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"395\" data-id=\"1409\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/portraet-werner-haftmann-galerie_1988.g.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1409\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/portraet-werner-haftmann-galerie_1988.g.jpg 600w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/portraet-werner-haftmann-galerie_1988.g-300x198.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"428\" height=\"290\" data-id=\"1406\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dr._Werner_Haftmann_b._1912-04-08_in_Glowno_NSDAP_membership_card_no._4457013_BArch_R_9361_-_IX_KARTEI_-_13020147.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1406\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dr._Werner_Haftmann_b._1912-04-08_in_Glowno_NSDAP_membership_card_no._4457013_BArch_R_9361_-_IX_KARTEI_-_13020147.png 428w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Dr._Werner_Haftmann_b._1912-04-08_in_Glowno_NSDAP_membership_card_no._4457013_BArch_R_9361_-_IX_KARTEI_-_13020147-300x203.png 300w\" sizes=\"(max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Portr\u00e4t Werner Haftmann, 1988. <strong>Right<\/strong>: NSDAP-Mitgliedskarte Nr. 4457013, Bundesarchiv R 9361. Das Dokument belegt die Mitgliedschaft Werner Haftmanns in der NSDAP ab 1937.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie Puzzlesteine setzten sich die Funde der Historiker und Kunsthistorikerinnen zu einem neuen Bild zusammen. Es stimmt zwar, dass die Ausstellung in Kassel Werke zeigte, die in der nationalsozialistischen Zeit nicht gezeigt werden konnten. Doch die Documenta war keine &#8222;Stunde Null&#8220;. Wie die gesamte deutsche Nachkriegsgeschichte war sie st\u00e4rker als bisher gedacht mit den Greueln der NS-Zeit verbunden. Der Mythos war entzaubert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine Atmosph\u00e4re von Denunziation<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die unsch\u00f6nen Seiten in Haftmanns Biografie sorgf\u00e4ltig recherchiert waren, l\u00e4sst sich dasselbe \u00fcber die Vorw\u00fcrfe des <em>Kasseler B\u00fcndnis gegen Antisemitismus<\/em> gegen die Kuratoren der n\u00e4chsten Documenta nicht sagen. Im Januar 2022, f\u00fcnf Tage nach dem Ende der Ausstellung des DHM, beschuldigte das B\u00fcndnis das indonesische Kollektiv Ruangrupa, antisemitische Vorurteile zu bedienen. &#8222;Dem B\u00fcndnis geht es darum, Menschen zu denunzieren, die die Besatzungspolitik Israels kritisch sehen&#8220;, zitiert drei Wochen sp\u00e4ter die <em>Hessische\/ Nieders\u00e4chsische Allgemeine<\/em> (HNA), die zuerst die Vorw\u00fcrfe publik gemacht hatte, den Historiker Ulrich Schneider. &#8222;Der pauschale Vorwurf des Antisemitismus wird bei ihnen bewusst als Totschlagargument eingesetzt.&#8220; Der Nahost-Experte Werner Ruf sagt aus eigener Erfahrung mit dem B\u00fcndnis: &#8222;Bei dieser Gruppe kann man tun und lassen, was man will. Sie bauen sich einfach ihr Feindbild auf.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Kern drehten sich die Vorw\u00fcrfe um das von Ruangrupa eingeladene pal\u00e4stinensische Kollektiv <em>The Question of Funding<\/em>: eine nach eigenen Angaben kleine Gruppe kultureller Akteure, die sich drei Jahre zuvor im Khalil Sakakini Kulturzentrum in Ramallah gegr\u00fcndet hatte. Die in verschiedenen Einrichtungen arbeitenden Beteiligten hatten festgestellt \u2013 daher der Name \u2013, dass sie sich in ihren F\u00f6rderantr\u00e4gen eher nach den Kriterien der internationalen Geldgeber richteten als nach ihrer eigenen Agenda. Auf seiner Website vertreten sie keine bestimmte Politik oder Agenda, sondern stellen lediglich eine Reihe von Fragen an die eigene Community, unter anderem, welche Rolle das Kollektiv auf der Documenta spielen k\u00f6nne. Das Kasseler B\u00fcndnis warf nun dem Namensgeber des Kulturzentrums, dem 1878 in Jerusalem geborenen christlichen Autor und Reformp\u00e4dagogen Khalil Sakakini vor, mit den Nationalsozialisten kooperiert zu haben. Ein Ger\u00fccht, sagt der in Toronto lehrende Nahost-Historiker Jens Hanssen, der im Online-Magazin <em>Jadaliyya<\/em>, herausgegeben vom <em>Arab Studies Institute<\/em> in Washington (auf Deutsch auszugsweise in <em>Geschichte der Gegenwart<\/em>) aufgearbeitet hat, wer Sakakini tats\u00e4chlich war. &#8222;Glaube ja nicht, dass Hitler der Luther unsere Zeit ist!&#8220; warnt dieser 1934 seinen Sohn und beschreibt den Nationalsozialismus, so Hanssen, als &#8222;eine Folge von Krisen und Katastrophen, die die gesamte Menschheit auf den Holzweg f\u00fchren werde und uns alle noch zu Bestien werden lasse&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht alle, die \u00fcber das Kasseler B\u00fcndnis schrieben, machten sich wie die HNA auch die M\u00fche, zu durchleuchten, wer sich dahinter verbarg. Es erhob sich ein medialer Shitstorm, der oftmals bereits als erwiesen betrachtete, was vorerst nur eine schwach begr\u00fcndete Anschuldigung war: dass diese Kuratoren aus S\u00fcdostasien &#8222;ein Antisemitismus-Problem&#8220; h\u00e4tten, wie es ein Beitrag der Wochenzeitung <em>Die Zeit<\/em> s\u00fcffisant formulierte. Um dem zu begegnen, setzte die Documenta unter dem Titel <em>We Need to Talk<\/em> eine Experten-Gespr\u00e4chsreihe an, die an drei Terminen im Mai online stattfinden sollte. Doch dann schaltete sich Ende April der Zentralrat der Juden ein. In einem \u00fcber die Deutsche Presseagentur (dpa) weit verbreiteten &#8222;Brandbrief&#8220; an Kulturstaatsministerin Claudia Roth monierte dessen Pr\u00e4sident Josef Schuster, nicht gen\u00fcgend eingebunden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"574\" data-id=\"1410\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/friedrichsplatz-2022-foto-victoria-tamaschko-012-1-2280x1280px-1024x574.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1410\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/friedrichsplatz-2022-foto-victoria-tamaschko-012-1-2280x1280px-1024x574.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/friedrichsplatz-2022-foto-victoria-tamaschko-012-1-2280x1280px-300x168.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/friedrichsplatz-2022-foto-victoria-tamaschko-012-1-2280x1280px-768x431.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/friedrichsplatz-2022-foto-victoria-tamaschko-012-1-2280x1280px-1536x862.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/friedrichsplatz-2022-foto-victoria-tamaschko-012-1-2280x1280px-2048x1149.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Der Friedrichsplatz in Kassel w\u00e4hrend der documenta fifteen, 20. Juni 2022. Foto: Victoria Tamaschko.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Documenta wollte \u00fcber &#8222;das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie&#8220; diskutieren und damit auch \u00fcber rassistische \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber den indonesischen Kuratoren und ihren G\u00e4sten. Widerspr\u00fcche sollten &#8222;ausgehalten und produktiv diskutiert werden k\u00f6nnen&#8220;. Schuster wollte dagegen keine Widerspr\u00fcche aushalten, sondern dem Antisemitismus entschlossen entgegentreten. Er wunderte sich &#8222;dass die Thematik des antipal\u00e4stinensischen Rassismus Eingang in das Programm gefunden hat&#8220; und konnte keinen Zusammenhang erkennen. Dass ein Zusammenhang bestand, zeigte bald darauf ein Fall von Vandalimus in den R\u00e4umen der Gruppe <em>The Question of Funding<\/em> mit versteckten Morddrohungen. Das Gespr\u00e4ch war zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert. Unter dem massiven Druck der medialen Debatte hatten sich einige Teilnehmer zur\u00fcckgezogen. Daraufhin sagte die Documenta die gesamte Reihe ab.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Eklat<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss diese aufgeheizte Atmosph\u00e4re von Denunziation und Verd\u00e4chtigungen Revue passieren lassen, in der schon der Versuch eines kl\u00e4renden Gespr\u00e4chs auf erregten Widerstand stie\u00df, um den Eklat bei der Er\u00f6ffnung der Documenta zu begreifen. Niemand hat bestritten, dass zwei der Figuren auf dem zw\u00f6lf Meter hohen Banner <em>People\u2019s Justice<\/em> der Gruppe Taring Padi antisemitische Klischees enthalten. Aber wer Taring Padi eigentlich ist, warum dieses Banner so prominent platziert wurde und was es in seinem urspr\u00fcnglichen Kontext bedeutet hatte: solche naheliegenden Fragen wurden nicht gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das riesige agitatorische Werk war 2002 nach dem R\u00fccktritt des Diktators Suharto entstanden, dessen eiserner Faust mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Es handelt sich um eine Art s\u00e4kulares <em>J\u00fcngstes Gericht<\/em> mit hunderten von Figuren: Auf der linken Seite sind die T\u00e4ter des Suharto-Regimes dargestellt, darunter Agenten verschiedener Geheimdienste von der CIA bis zum KGB und eben auch eine Figur mit der Aufschrift &#8222;Mossad&#8220; am Helm. Der Davidstern an dessen rotem Halstuch bezeichnet nicht, wie in der NS-Zeit, die verfolgten Juden, sondern fungiert als Hoheitszeichen des Staates Israel, dessen Geheimdienst durchaus, wenn auch nicht in erster Linie in Indonesien, verdeckte Morde, Folterungen und Sabotageaktionen nachgesagt werden. Weiter zur Mitte ist die zweite problematische Figur zu sehen: ein Anzugtr\u00e4ger mit Schl\u00e4fenlocken und einer Zigarre im Mundwinkel, mit gezackten, vorstehenden Z\u00e4hnen und roten Augen. Ein antisemitisches Juden-Klischee, paradoxerweise aber gekennzeichnet durch SS-Runen am Hut. Auf der rechten Seite sind dagegen die K\u00e4mpfer gegen das Suharto-System zu sehen, das einfache Volk: im Mittelpunkt ein Mann mit Reisstrohhut, der eine Fahne schwenkt, auf der steht: &#8222;Resistance Culture Movement&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand hat sich die M\u00fche gemacht, die Gesamt-Ikonografie des Banners zu entschl\u00fcsseln. Dazu blieb auch wenig Zeit: Es wurde verh\u00fcllt und dann abgeh\u00e4ngt. Genozid- und Holocaust-Experten wie Michael Rothberg von der University of California, Los Angeles, oder Anthony Dirk Moses vom City College of New York haben immerhin versucht, die beiden inkriminierten Figuren zu kontextualisieren. Wie Jeffrey Hadler, 2017 verstorbener Professor f\u00fcr Indonesian Studies der University of Berkeley gezeigt hat, war der Antisemitismus in Indonesien ein Import der niederl\u00e4ndischen Kolonisatoren und in der NS-Zeit dort lebender Deutscher. Es gab aber nur eine verschwindend kleine j\u00fcdische Minorit\u00e4t. Die antisemitischen Klischees wurden eher auf die Chinesen \u00fcbertragen, die als fremde Drahtzieher wahrgenommen wurden. Es gab auch Pogrome gegen Chinesen, allerdings nicht von Seiten der Suharto-Gegner, sondern von Suharto selbst. Sp\u00e4ter \u2013 daf\u00fcr steht die Figur des Mossad-Agenten \u2013 verbanden sich diese Negativ-Bilder aufgrund des Nahostkonflikts mit einer antiisraelischen Haltung. Die Z\u00e4hne und roten Augen der zweiten Figur stammen dagegen aus der traditionellen Darstellung von B\u00f6sewichten im javanischen Schattenspiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche Kontextualisierung fand allerdings, abgesehen von den Kommentaren weit entfernter Beobachter wie Rothberg und Moses, nicht statt. Das Banner best\u00e4tigte, was das Kasseler B\u00fcndnis, also Jonas D\u00f6rge, <em>Zeit<\/em>-Autor Thomas E. Schmidt, der Zentralrat und alle anderen schon immer gewusst oder allm\u00e4hlich begriffen hatten, ohne es vorerst beweisen zu k\u00f6nnen: Ruangrupa hatte ein Antisemitismus-Problem. Da halfen keine Entschuldigungen: Die Kurator:innen und K\u00fcnstler:innn hatten, ohne es auch nur zu merken, ein Tabu verletzt. &#8222;Nun m\u00fcssen harte Konsequenzen folgen&#8220;, forderte die J\u00fcdische Allgemeine kurz nach der Er\u00f6ffnung, &#8222;auch f\u00fcr Kulturstaatsministerin Claudia Roth&#8220;: quasi im Chor mit der Bild-Zeitung, die bereits am Vortag in einem Video gefordert hatte: &#8222;Claudia Roth muss zur\u00fccktreten&#8220;. Roth ruderte zur\u00fcck. Sie warf den Kuratoren Wortbruch vor, zitierte sie vor den Kulturausschuss des Bundestags. &#8222;Zentralrat der Juden erh\u00f6ht den Druck auf Claudia Roth&#8220;, vermeldete die Bild-Zeitung zwei Wochen sp\u00e4ter. Roth knickte ein. &#8222;H\u00e4tte lauter und deutlicher sein m\u00fcssen&#8220;, zitiert sie <em>Der Spiegel<\/em>. Sp\u00e4ter drohte sie der Documenta mit finanziellen Konsequenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Claudia Roth ist nicht zur\u00fcckgetreten. Aber Opfer mussten gebracht werden. Bereits kurz nach der Er\u00f6ffnung trat die Documenta-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Sabine Schormann zur\u00fcck. Im November 2023 folgte Ranjit Hoskot\u00e9, ein Mitglied der Findungskommission, und dann aus Solidarit\u00e4t mit ihm die gesamte Findungskommission. Hoskot\u00e9 hatte 2019 eine Petition gegen eine Veranstaltung des israelischen Generalkonsulats in Mumbai unterschrieben. Das Plakat stellte Theodor Herzl und Vinayak Damodar Savarkar, die Begr\u00fcnder des Zionismus und des Hindu-Nationalismus als &#8222;Leaders of Nations&#8220; gegen\u00fcber. 1948 hatte sich im Nahen Osten der j\u00fcdische Staat Israel gegr\u00fcndet. Die Pal\u00e4stinenser wurden vertrieben. Im selben Jahr, nach dem Ende der britischen Kolonie, fand die indische Teilung in einen muslimischen Norden, Pakistan, und das heutige Indien statt, der nach groben Sch\u00e4tzungen eine Million Menschen zum Opfer fielen. Die Hindutva-Partei, die ein geschwungenes Hakenkreuz als Symbol verwendet, betrachtet Angeh\u00f6rige anderer Religionen als G\u00e4ste im eigenen Land, das eigentlich den Hindus geh\u00f6rt. Premier Narendra Modi wird eine f\u00fchrende Rolle bei den anti-muslimischen Gujarat Riots 2002 nachgesagt. Die Veranstaltung stellte eine Verbindung zwischen beiden Bewegungen her. Dagegen richtete sich die Petition der Gruppe <em>BDS India<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">BDS und die zwei Definitionen von Antisemitismus<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">BDS bedeutet <em>Boycott, Divestment and Sanctions<\/em>. Die Bewegung entstand nach der zweiten Intifada, dem bewaffneten Aufstand der Pal\u00e4stinenser 2000 bis 2005, als gewaltfreie Alternative des Widerstands gegen die Besatzung. Vorbild ist der Kampf gegen die Apartheid in S\u00fcdafrika. Die Bewegung wird unterst\u00fctzt von pazifistischen, feministischen, auch j\u00fcdischen und christlichen Gruppen wie dem <em>American Friends Service Committee<\/em> der Quaker, der wohl \u00e4ltesten pazifistischen Organisation der westlichen Welt. <em>Divestment<\/em> bedeutet Desinvestition. Die Bewegung ist stark vor allem in den USA, auch in Kanada und Gro\u00dfbritannien, und hat bisher ihre gr\u00f6\u00dften Erfolge erzielt, wo sie Unternehmen, die von Bodensch\u00e4tzen oder billigen Arbeitskr\u00e4ften in den besetzten Gebieten, also vor allem in der Westbank profitieren, zum R\u00fcckzug bewegen konnte. BDS-Kampagnen versuchen immer wieder auch Waffenlieferungen an Israel zu verhindern. Zum Boykott israelischer Kultur- und Bildungseinrichtungen sind die Meinungen dagegen geteilt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1411\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3A5B23F-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1411\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3A5B23F-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3A5B23F-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3A5B23F-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3A5B23F-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/3A5B23F-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"719\" data-id=\"1407\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Israel_-_Boycott_divest_sanction-1024x719.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1407\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Israel_-_Boycott_divest_sanction-1024x719.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Israel_-_Boycott_divest_sanction-300x211.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Israel_-_Boycott_divest_sanction-768x540.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Israel_-_Boycott_divest_sanction-1536x1079.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Israel_-_Boycott_divest_sanction.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Demonstration in Leipzig im M\u00e4rz 2025. Foto: Sebastian Willnow \/ dpa \/ Alamy Live News. <strong>Right<\/strong>: BDS-Plakat mit \u00fcbermalter Israel Flagge. Melbourne 2010. Foto: Creative Common License, urspr\u00fcnglich bei Flickr.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland wird BDS jedoch, vor allem seit einer Bundestagsresolution 2019, mit dem Boykott j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte in der NS-Zeit gleichgesetzt. &#8222;Die Aufrufe&#8220; hei\u00dft es dort, &#8222;erinnern zudem an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte. &#8218;Don&#8217;t Buy&#8216;-Aufkleber der BDS-Bewegung auf israelischen Produkten wecken unweigerlich Assoziationen zu der NS-Parole &#8218;Kauft nicht bei Juden!&#8216; und entsprechenden Schmierereien an Fassaden und Schaufenstern.&#8220; Die Resolution, urspr\u00fcnglich von der AfD ins Parlament eingebracht und leicht abgewandelt von fast allen Parteien getragen, ist rechtlich nicht bindend, hat keine Gesetzeskraft, aber Wirkung. In der Praxis steht jeder, dem auch nur angelastet wird, BDS zu unterst\u00fctzen, unter Antisemitismusverdacht. Das bedeutet, nach der Resolution und ge\u00fcbter Praxis, dass Journalist:innen aus dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk entfernt, Kulturinstitutionen nicht mehr gef\u00f6rdert und Redner wieder ausgeladen werden, nicht nur wenn sie BDS aktiv unterst\u00fctzen, sondern bereits, wenn ihnen Sympathien f\u00fcr die Bewegung nachgesagt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eben deshalb unterst\u00fctzt der israelische Architekt Eyal Weizman, wie er in einem Interview mit der englischen Literaturzeitschrift <em>Granta<\/em> unterstreicht, BDS: weil Pal\u00e4stinenser durch die Bundestagsresolution mundtot gemacht w\u00fcrden. Das von Weizman gegr\u00fcndete Recherchenetzwerks <em>Forensic Architecture<\/em>, das im vergangenen Jahr den <em>Right Livelihood Award<\/em>, dem so genannten Altenativen Nobelpreis erhielt, ist in Deutschland vor allem aufgrund seiner auf der Documenta 14 vorgestellten Recherchen zum NSU-Mord an Halit Yozgat bekannt. <em>Forensic Architecture<\/em> arbeitet grunds\u00e4tzlich zu Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfen im Auftrag der Opfer, auch in Israel und Pal\u00e4stina. Weizman ber\u00e4t auch den Internationalen Gerichtshof. Das Banner von Taring Padi empfand er als einen &#8222;terrible stab in the back&#8220; f\u00fcr seine Bem\u00fchungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit BDS verbindet sich die Frage, was unter Antisemitismus genau zu verstehen sei. Dazu gibt es eine nicht rechtsverbindliche Arbeitsdefinition der <em>International Holocaust Remembrance Alliance<\/em> (IHRA), die weniger umstritten w\u00e4re, h\u00e4tte der Bundestag sie nicht 2017 um einen Satz erg\u00e4nzt, der neben dem Hass auf J\u00fcdinnen und Juden und Angriffen auf j\u00fcdische Einrichtungen auch Angriffe auf den Staat Israel als Kriterium benennt. Offen bleibt, was mit &#8222;Angriffe&#8220; gemeint ist: milit\u00e4rische Gewalt oder auch Kritik an Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen und Verst\u00f6\u00dfen gegen das V\u00f6lkerrecht, wie sie der Internationale Gerichtshof Israel in der Tat anlastet. In der Praxis f\u00fchrt diese Unsicherheit h\u00e4ufig zu Absagen und Ausladungen, da niemand das Risiko eingehen will, des Antisemitismus beschuldigt zu werden. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat das nach dem R\u00fccktritt des Direktors des J\u00fcdischen Museums in Berlin, Peter Sch\u00e4fer, so formuliert: &#8222;Man darf Kritik an Israel nur dann \u00e4u\u00dfern, wenn man nicht im Verdacht steht, Antisemit zu sein; aber \u00e4u\u00dfert man Kritik an Israel, steht man von vornherein unter Antisemitismus-Verdacht. Damit ist die Diskussion beendet, bevor sie \u00fcberhaupt begonnen hat.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der IHRA-Definition steht seit 2021 die <em>Jerusalem Declaration<\/em> gegen\u00fcber, die Illouz mit formuliert hat. Sie definiert Antisemitismus als Sonderform des Rassismus und unterscheidet zwischen Antisemitismus und Antizionismus, der, wie Boykottaufrufe, nicht automatisch als antisemitisch eingestuft wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Er\u00f6ffnung der Documenta 15 wurde intensiv nach weiteren antisemitischen Werken gesucht. Als antisemitisch wurden etwa Zeichnungen algerischer Frauen aus dem Jahr 1988 eingestuft, die israelische Soldaten zeigen, die Waffen auf Kinder richten: im Westjordanland allerdings ein allt\u00e4glicher Anblick. Auch eine Reihe von Gem\u00e4lden unter dem Titel <em>Guernica \u2013 Gaza<\/em>, von Mohammed Al-Hawajri, der zu der von <em>The Question of Funding<\/em> eingeladenen K\u00fcnstlergruppe <em>Eltiqa<\/em> aus Gaza geh\u00f6rt, sollte antisemitisch sein. Die vom Goethe Institut gef\u00f6rderte Gruppe betrieb eine Galerie, die im Herbst 2023 von israelischen Bomben zerst\u00f6rt wurde. &#8222;Mohammed Al Hawajri&#8220;, h\u00e4lt eine Bildunterschrift auf der Website der Deutschen Welle (dw) fest, &#8222;setzt im Titel der Bilderreihe &#8218;Guernica Gaza&#8216; Israelis mit Nazis gleich: ein Fall von T\u00e4ter-Opfer-Umkehr&#8220;. Die Serie zitiert, nach Gaza versetzt, ber\u00fchmte Kunstwerke. Allerdings konzentriert sich Al Hawajri, wie Picasso, nicht auf die T\u00e4ter, sondern auf die Perspektive der Opfer, die Leiden und den Widerstand der Pal\u00e4stinenser. Die Bildunterschrift der dw steht nicht etwa unter Al-Hawajris Version von <em>Guernica<\/em>, sondern unter der von Eug\u00e8ne Delacroix\u2018 <em>Die Freiheit f\u00fchrt das Volk<\/em>. Wenn schon von vornherein feststeht, was dem K\u00fcnstler anzulasten ist, er\u00fcbrigt sich ein n\u00e4heres Hinsehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Provinzialisierung der Documenta<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Die documenta in Kassel ist die bedeutendste Ausstellung zeitgen\u00f6ssischer Kunst weltweit&#8220;, verk\u00fcndet die Website der Stadt Kassel. \u00c4hnlich formuliert es die Documenta selbst, gefolgt von fast allen, die \u00fcber sie schreiben. Bis zur Jahrtausendwende bezog sich dieses &#8222;weltweit&#8220; nahezu ausschlie\u00dflich auf Europa und Nordamerika. Erst mit Okwui Enwezor erweiterte sich der Radius auf den gesamten Globus. Letztlich erhebt die Documenta, etwas anders als die Biennale von Venedig, die mit ihren L\u00e4nderpavillons st\u00e4rker dezentral organisiert ist, den Anspruch, den jeweils aktuellen Stand in der Entwicklung der Kunst zu definieren. An der Documenta 15 zeigt sich jedoch, dass sie diesem Anspruch, auf die gesamte Welt bezogen, aus verschiedenen Gr\u00fcnden immer weniger gerecht werden kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" data-id=\"1412\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_Another_Roadmap_Africa_Cluster_Conversing_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_002-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1412\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_Another_Roadmap_Africa_Cluster_Conversing_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_002-683x1024.jpg 683w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_Another_Roadmap_Africa_Cluster_Conversing_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_002-200x300.jpg 200w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_Another_Roadmap_Africa_Cluster_Conversing_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_002-768x1152.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_Another_Roadmap_Africa_Cluster_Conversing_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_002-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_Another_Roadmap_Africa_Cluster_Conversing_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_002.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1414\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_WH22_Nha_San_Collective_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_003-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1414\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_WH22_Nha_San_Collective_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_003-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_WH22_Nha_San_Collective_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_003-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_WH22_Nha_San_Collective_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_003-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_WH22_Nha_San_Collective_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_003-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_WH22_Nha_San_Collective_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_003-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" data-id=\"1413\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_documenta_Halle_Nang_Yai_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_005-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1413\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_documenta_Halle_Nang_Yai_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_005-683x1024.jpg 683w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_documenta_Halle_Nang_Yai_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_005-200x300.jpg 200w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_documenta_Halle_Nang_Yai_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_005-768x1152.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_documenta_Halle_Nang_Yai_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_005-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1_d15_documenta_Halle_Nang_Yai_Kassel_2022_Foto_Nils_Klinger_005.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Another Roadmap Africa Cluster mit Centre d\u2019art Waza &amp; Graziela Kunsch, In Conversation, Conversing, Fridericianum, 19. Juni 2022. Foto: Nils Klinger. <strong>Middle<\/strong>: Nh\u00e0 S\u00e0n Collective, Tu\u1ea5n Mami, Vietnamese Immigrating Garden, 2022, Installationsansicht, WH22, Kassel, 15. Juni 2022. Foto: Nils Klinger. <strong>Right<\/strong>: Nang Yai (shadow puppets) carving workshop, Baan Norg Collaborative Arts, documenta Halle, 2022, Kassel, 18. Juni 2022. Foto: Nils Klinger.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum einen will Deutschland, wie der Streit um die Documenta zeigt, seine eigenen, aus der deutschen Geschichte abgeleiteten Grunds\u00e4tze zum Ma\u00dfstab f\u00fcr die gesamte Welt machen. Auf der Grundlage der <em>Jerusalem Declaration<\/em> w\u00e4re ein Konsens wohl nicht schwer zu erzielen, denn gegen Rassismus positioniert sich auch der globale S\u00fcden. Mit der deutschen Staatsr\u00e4son der bedingungslosen Unterst\u00fctzung Israels, der Antisemitismusdefinition der IHRA, insbesondere in der deutschen Version, und der BDS-Resolution des Bundestags stimmt jedoch ein Gro\u00dfteil der Welt nicht \u00fcberein. Ehemalige Koloniall\u00e4nder f\u00fchlen sich von der Vertreibung der Pal\u00e4stinenser seit 1948, der Besatzung der Westbank und den Angriffen auf den Gazastreifen eher an die eigene Geschichte erinnert und bewerten den Staat Israel eher als siedlerkolonialistisches Projekt. Eine Diskussion hier\u00fcber, wie sie in der Gespr\u00e4chsreihe <em>We need to talk<\/em> geplant war, findet jedoch nicht statt. Dazu m\u00fcssten beide Seiten einander zuh\u00f6ren. Deutschland m\u00fcsste also auch die Untaten der Suharto-Diktatur einschlie\u00dflich der Beteiligung westlicher L\u00e4nder als Geschichte anerkennen, die aufgearbeitet werden muss; aber auch die Leiden der Pal\u00e4stinenser, die noch nicht Geschichte sind, sondern schmerzhafte Gegenwart. Anders gesagt: Die moralisch-ethischen und politischen Kriterien, nach denen sich die Documenta richtet, sind einseitig von Deutschland gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dipesh Chakrabarty hat in seinem im Jahr 2000 ershienen Buch <em>Provincializing Europe<\/em> darauf hingewiesen, dass die Werte der Aufkl\u00e4rung zwar auch in anderen Weltregionen emanzipatorische Wirkung entfalten k\u00f6nnen, aber doch gepr\u00e4gt sind von der spezifischen Geschichte Europas. Europa zu provinzialisieren hei\u00dft f\u00fcr ihn, alles was sich von Europa aus \u00fcber die Welt verbreitet hat, nicht als universal, sondern vor dem Hintergrund der europ\u00e4ischen Geschichte zu begreifen. Denn nur so lassen sich die Differenzen zwischen den verschiedenen Begriffs- und Wertsystemen \u00fcberhaupt wahrnehmen und aushandeln. Der Antisemitismus ist in Europa entstanden, zun\u00e4chst in Form einer Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens, dann versch\u00e4rft in Form der Rassentheorie. Ein antisemitisches Klischee auf einem indonesischen Gro\u00dfplakat kann nur auf einen Import aus Europa zur\u00fcckgehen. Allein dies sollte zu ein bisschen Vorsicht gemahnen, bevor mit dem Finger auf andere gezeigt wird, die dieses Klischee, wohl in Unkenntnis der Hintergr\u00fcnde, verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den europ\u00e4ischen Errungenschaften, die sich \u00fcber die gesamte Welt verbreitet haben, geh\u00f6rt auch die moderne und zeitgen\u00f6ssische Kunst. Man kann argumentieren, die Moderne sei, anders als die Kunst des 19. Jahrhunderts, keine rein europ\u00e4ische Angelegenheit, da sie wesentlich mit der Rezeption au\u00dfereurop\u00e4ischer Formen im sogenannten Primitivismus verbunden ist. Kunst im europ\u00e4ischen Sinn gab es umgekehrt bereits in der kolonialen Welt, auch in Indonesien. Zeitgen\u00f6ssische Kunst hat sich, wie Charlotte Bydler in <em>The Global Art World Inc. On the Globalization of Contemporary Art<\/em> beschreibt, allerdings erst nach 1989 \u00fcber den gesamten Globus verbreitet. Mittlerweile findet auf fast 300 Biennalen in allen Teilen der Welt, in einem internationalen Kuratoren-Netzwerk, eine fortw\u00e4hrende Neu-Aushandlung von Wertma\u00dfst\u00e4ben statt. Globale Standards in Bezug auf die Qualit\u00e4t der ausgestellten Werke spielen dabei ebenso eine Rolle wie lokale Wertma\u00dfst\u00e4be, wie etwa die Frage der Kopf- und K\u00f6rperbedeckung in den islamischen L\u00e4ndern zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Documenta bestimmt diese Fragen ohnehin nicht allein oder an erster Stelle. In dem Ma\u00df, in dem sie die Lehren aus der eigenen, deutschen Geschichte zum Ma\u00dfstab f\u00fcr die gesamte Welt machen will, statt in der Geschichte, den Leiden und Emanzipationsbestrebungen in anderen Teilen der Welt prinzipiell gleichberechtigte Anliegen zu erkennen, offenbart sie jedoch eine provinzielle Perspektive. Von der \u00f6ffentlichen Debatte dazu gedr\u00e4ngt, provinzialisiert sie sich selbst. Ein \u00fcberwiegender Teil der Welt sieht die Dinge, die w\u00e4hrend der Documenta 15 in Deutschland erregt diskutiert wurden, nun einmal anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In die Documenta 15 hat jedoch auch eine andere Art von Provinzialit\u00e4t Einzug gehalten. Das Ruangrupa-Konzept versucht, wie das Sinnbild der Reisscheune verdeutlicht, indonesische Ma\u00dfst\u00e4be auf Deutschland zu \u00fcbertragen. Allerdings verlief die Entwicklung der Gegenwartskunst seit den 1990er-Jahren in Indonesien anders als in Europa. Sie war zuerst gepr\u00e4gt vom Interesse internationaler Sammler, im Anschluss an den Boom chinesischer Kunst, und dann vom Widerstand gegen Suharto. Beides hat nicht dazu gef\u00fchrt, dass sich eine Art von zeitgen\u00f6ssischer Kunst etablieren konnte, wie sie sich in Europa im Verlauf der letzten Jahrzehnte entwickelt und bis dato auch die Qualit\u00e4tskriterien der Documenta bestimmt hat. Kunst in Indonesien ist, salopp gesagt, keine raffinierte Konzeptkunst, die kein Mensch versteht, sondern bunt, laut, aussagekr\u00e4ftig. Es darf bezweifelt werden, dass es dort Ausbildungs- und Ausstellungseinrichtungen wie in Europa \u00fcberhaupt gibt. Ruangrupa hat selbst wohl nicht ohne Grund eine Bildungsplattform, genannt <em>Gudskul<\/em>, mit ins Leben gerufen. Kunst findet vielfach im \u00f6ffentlichen Raum statt, mit Postern, Comics und Performances. Die Hervorhebung des Kollektivs richtet sich gleicherma\u00dfen gegen den marktgerechten K\u00fcnstler, wie sie den Versuch darstellt, zu eigenen Werten zur\u00fcckzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manches davon mag auch f\u00fcr die westliche Welt interessant erscheinen. Aber es kann die Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be, die sich im Verlauf der sieben Jahrzehnte, seit es die Documenta nun gibt, herauskristallisiert haben, nicht ersetzen. Ein Kritiker der New York Times kam nach dem Ende der Documenta 15 zu dem Ergebnis: &#8222;The World\u2019s Most Prestigious Art Exhibition Is Over. Maybe Forever&#8220;. Im Untertitel f\u00fcgt er hinzu: &#8222;Was immer als n\u00e4chstes kommt, es wird nie mehr das sein, was es vorher war.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Documenta feiert derzeit ihr 70-j\u00e4hriges Bestehen, zum Programm hier: <a href=\"https:\/\/www.documenta.de\/de\/pages\/3516\/70jahredocumenta#3516_70_jahre_documenta\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\"><em>70 Jahre Documenta<\/em><\/a>.<br>Am 18. M\u00e4rz hat Naomi Beckwith, die Kuratorin der Documenta 16, <a href=\"https:\/\/www.documenta.de\/de\/press#press\/3567-pressemitteilung-ku-nstlerische-leitung-gibt-einblick-in-arbeitsweise-auf-dem-weg-zur-documenta-16\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">erste Einblicke in ihr Vorgehen<\/a> gegeben.<br>Unter dem Titel <em><a href=\"https:\/\/www.documenta.de\/de\/press#press\/3573-buchprsentation-kunst-im-streit-antisemitismus-und-postkoloniale-debatte-auf-der-documenta-fifteen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Kunst im Streit. Antisemitismus und postkoloniale Debatte auf der documenta fifteen<\/a><\/em> arbeitet die Documenta in einem eigenen Buch, das am 18. April vorgestellt werden soll, herausgegeben von Meron Mendel und Heinz Bude, die Ereignisse auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Ausweichquartier der Villa Stuck, M\u00fcnchen, soll nun ab 3. Mai eine Gespr\u00e4chsreihe stattfinden, in der auch die Documenta 15 verhandelt wird; die Reihe unter dem Titel <em><a href=\"https:\/\/www.villastuck.de\/programm\/detail\/the-condition-of-no\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">The Condition of No. Gespr\u00e4che zu Boykott, Zensur und Protest in Deutschland<\/a><\/em> entstand im Zusammenhang mit einer Ausstellung von Tania Bruguera im vergangenen Jahr und war urspr\u00fcnglich f\u00fcr Januar, dann im M\u00e4rz angek\u00fcndigt, dann aber auf Druck der Stadt M\u00fcnchen abgesagt worden. Der Termin und die Gespr\u00e4chspartner zum Thema der Documenta stehen im Moment noch nicht fest.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Documenta, 1955 gegr\u00fcndet, um Kunst zu zeigen, die in der NS-Zeit nicht gezeigt werden konnte, wird die Schatten der Vergangenheit nicht los. Schon im Herbst 2019 hatte das Selbstbild der Documenta Risse bekommen. 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