{"id":2366,"date":"2025-04-24T22:44:54","date_gmt":"2025-04-24T20:44:54","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=8462"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"bildungsbuergerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/04\/24\/bildungsbuergerinnen\/","title":{"rendered":"Bildungsb\u00fcrger(innen)"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">25 Kunstvereine gr\u00fcndeten sich in Deutschland bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. B\u00fcrgerliche Epoche wird diese Zeit genannt, doch eigentlich hatte der Adel nach dem Sturz Napoleons seine Macht konsolidiert. Man spricht daher auch vom Zeitalter der Restauration, das mit der niedergeschlagenen 1848er-Revolution immer noch nicht vorbei war. Die B\u00fcrger hatten eingeschr\u00e4nkte Mitspracherechte: W\u00fcrttemberg war Monarchie. Alle Macht ging vom K\u00f6nig aus. Erst seit 1819 gab es eine Verfassung und ein Parlament, in dem B\u00fcrger nur in der zweiten Kammer vertreten waren. Die Presse und alle Publikationen standen unter dem Vorbehalt der Zensur. Wenigstens auf der symbolischen Ebene der Kunst wollten f\u00fchrende Stadtb\u00fcrger Stuttgarts aber etwas zu sagen haben: einen eigenen Ort; einen Treffpunkt, eigene Formen. \u00d6ffentliche Ausstellungsr\u00e4ume gab es damals noch nicht. Kunst befand sich in Schl\u00f6ssern, Kirchen und privaten Sammlungen. Die \u00e4ltesten deutschen Museen, in M\u00fcnchen die Glyptothek und die Alte Pinakothek, in Berlin das Alte Museum befanden sich 1827 noch oder erst seit kurzem im Bau. Die Stuttgarter Staatsgalerie er\u00f6ffnete erst 1843.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo immer sich zu jener Zeit Kunstvereine gr\u00fcndeten, in Hamburg und Bremen, M\u00fcnchen und Bamberg, Karlsruhe, D\u00fcsseldorf, Frankfurt oder Hannover, ging es wohl \u00e4hnlich zu. Doch es gab in Stuttgart auch einige Besonderheiten: Kunst war vor allem auf zwei Wegen ins Bewusstsein ger\u00fcckt: Bereits 1761 hatte Herzog Carl Eugen eine <em>Acad\u00e9mie des arts<\/em> gegr\u00fcndet, die dann Teil der Hohen Karlsschule wurde: eine Art Universit\u00e4t, an der die Offiziere, Beamten, Juristen, Mediziner und eben auch K\u00fcnstler des Landes ausgebildet werden sollten. Friedrich Schiller studierte dort \u2013 und suchte das Weite. Ebenso Joseph Anton Koch, der vielleicht bedeutendste Landschaftsmaler vor William Turner und Caspar David Friedrich. Mit spitzer Feder karikierte er die Zust\u00e4nde an der Karlsschule und verbrachte dann nach einigen Wanderjahren den Rest seines Lebens in Rom. Als Carl Eugens Nachfolger und Bruder Ludwig Eugen die Schule 1794 wieder schloss, standen einige K\u00fcnstler ohne Einkommen da. Und Stuttgart ohne Kunst. Mit einer Ausnahme: Johann Heinrich Dannecker, der durch Heirat mit Heinrike, der Schwester des Hofbankdirektors Gottlob Heinrich Rapp, in gesicherten Verh\u00e4ltnissen lebte und weit \u00fcber Stuttgart hinaus als einer der f\u00fchrenden klassizistischen Bildhauer anerkannt war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zweite, was unmittelbar zur Gr\u00fcndung des Kunstvereins beitrug, war eine mehrj\u00e4hrige Ausstellung der Sammlung altdeutscher und niederl\u00e4ndischer Maler, welche die Br\u00fcder Sulpiz und Melchior Boisser\u00e9e mit ihrem Freund Johann Baptist Bertram aus s\u00e4kularisierten K\u00f6lner Kirchen zusammengetragen hatten. Zuvor schon im Heidelberger Schloss ausgestellt, kam die Sammlung 1819 nach Stuttgart, weil K\u00f6nig Wilhelm I. sie erwerben wollte. Die Ausstellung im Offizierspavillon in der unteren K\u00f6nigstra\u00dfe wurde ein enormer Erfolg. Schon f\u00fcnf Monate nach der Er\u00f6ffnung waren ungef\u00e4hr halb so viele Besucher dagewesen, wie Stuttgart Einwohner hatte. Antonio Canova und Bertel Thorwaldsen reisten nach Stuttgart und \u00e4u\u00dferten sich in h\u00f6chsten T\u00f6nen. Hofbankdirektor Rapp, Danneckers Schwager, der selbst in Kunst dilettierte und 1810 das allererste Lehrbuch zur neuen Drucktechnik der Lithografie herausgegeben hatte, beauftragte den M\u00fcnchner K\u00fcnstler Johann Nepomuk Strixner, etwa die H\u00e4lfte der Werke in gro\u00dfformatige Lithografien zu \u00fcbertragen. Direkt vor Ort, im Offizierspavillon wurde daf\u00fcr eine Werkstatt eingerichtet. In 38 Lieferungen gaben die Br\u00fcder Boisser\u00e9e zusammen mit dem Verleger Johann Friedrich Cotta ab 1821 die Reproduktionen heraus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"751\" height=\"1024\" data-id=\"1421\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-751x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1421\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-751x1024.jpg 751w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-220x300.jpg 220w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-768x1047.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-1126x1536.jpg 1126w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-1502x2048.jpg 1502w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Christian_Gottlieb_Schick_002-scaled.jpg 1877w\" sizes=\"(max-width: 751px) 100vw, 751px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"874\" height=\"1024\" data-id=\"1420\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5duttenhofer_rapp_goethe-874x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1420\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5duttenhofer_rapp_goethe-874x1024.jpg 874w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5duttenhofer_rapp_goethe-256x300.jpg 256w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5duttenhofer_rapp_goethe-768x900.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5duttenhofer_rapp_goethe-1311x1536.jpg 1311w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/4-5duttenhofer_rapp_goethe-1748x2048.jpg 1748w\" sizes=\"(max-width: 874px) 100vw, 874px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"1024\" data-id=\"1422\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/8-chodowiecki_kunstkenntnis_b-620x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1422\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/8-chodowiecki_kunstkenntnis_b-620x1024.png 620w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/8-chodowiecki_kunstkenntnis_b-182x300.png 182w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/8-chodowiecki_kunstkenntnis_b.png 646w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Christian Gottlieb Schick, Bildnis Heinrieke Dannecker, 1802. Staatsgalerie Stuttgart. <strong>Middle<\/strong>: Luise Duttenhofer, Goethe in Stuttgart<em> <\/em>(mit Gottlob Heinrich Rapp), 1797. <strong>Right<\/strong>: Daniel Nikolaus Chodowiecki, Nat\u00fcrliche und affektierte Handlungen des Lebens (Zweite Folge): Kunstkenntnis, 1779.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gegen den Strich<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Gr\u00fcndungsgeschichte reflektiert die Ausstellung, mit der der Kunstverein nun seinen Werdegang aufzuarbeiten beginnt. Zu sehen sind au\u00dferdem einige Original-Kunstwerke, zahlreiche Ausstellungsplakate der Nachkriegszeit und eine benutzbare Bibliothek mit Katalogen und B\u00fcchern zu Themen, die den Verein und seine Geschichte betreffen. Auf f\u00fcnf gro\u00dfen Stelltafeln setzen die Direktor:innen Iris Dressler und Hans D. Christ erste Akzente. Auf einer Tafel sind die zahlreichen Standorte verzeichnet, an denen der WKV im Lauf seiner 200-j\u00e4hrigen Geschichte ausgestellt hat. Eine weitere, betitelt <em>Der B\u00fcrger und der Souver\u00e4n<\/em>, zeigt einige der wichtigsten Protagonisten der Gr\u00fcndungsphase, darunter die vier w\u00fcrttembergischen K\u00f6nige, Rapp, seine Frau und seine mit Dannecker verheiratete Schwester, weitere Gr\u00fcndungsmitglieder wie Cotta, den Ministerialregistrator Heinrich Wagner oder Gustav Schwab, wenig sp\u00e4ter Redakteur des von Cotta mit Rapp ins Leben gerufenen <em>Morgenblatt f\u00fcr gebildete St\u00e4nde<\/em>, der f\u00fchrenden Literaturzeitschrift ihrer Zeit. Daneben sind sechs Bl\u00e4tter von Daniel Nikolaus Chodowiecki abgebildet, die das affektierte Verhalten des Adels dem &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; des B\u00fcrgertums gegen\u00fcberstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gr\u00fcndungsgeschichte kommt vor allem auf einer weiteren Tafel zur Sprache, die unter dem Titel steht: &#8222;Bez\u00e4hmung der Wildnis durch die Sch\u00f6nheit&#8220;. So deutete Dannecker selbst sein Hauptwerk, die <em>Ariadne, die auf dem Panther reitet<\/em>. Es war das einzige Werk, das er ohne Auftrag anfertigte und dann an den Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann verkaufte, weshalb sich das Original heute im Liebighaus befindet. Die Skulptur ist ein Sinnbild daf\u00fcr, was Schiller in <em>\u00dcber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen<\/em> beschrieben hatte: Eine \u00e4sthetische Erziehung sollte helfen, zu vermeiden, dass die Befreiung von der F\u00fcrstenwillk\u00fcr in einer Gewaltorgie endete wie in der Franz\u00f6sischen Revolution. Schillers Schrift formuliert das Programm des deutschen Bildungsb\u00fcrgertums, das Dannecker in ein anschauliches Bild \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der WKV erz\u00e4hlt diese Geschichte allerdings nicht einfach nach, sondern liest sie ein wenig gegen den Strich. Zu Hilfe kommt ihm dabei die Scherenschneiderin Luise Duttenhofer. 1776 in Waiblingen geboren und hoch begabt, h\u00e4tte sie gerne Kunst studiert, was ihr jedoch ihre Eltern nicht erlaubten. Ihre Scherenschnitte sind kleine Meisterwerke. Auf den ersten Blick biedermeierliche Handarbeit, sind sie nicht nur technisch und darstellerisch \u00e4u\u00dferst gekonnt, sondern kommentieren auch, nicht selten sp\u00f6ttisch, das Zeitgeschehen. Da sitzt Dannecker vor seiner <em>Ariadne<\/em> und mei\u00dfelt an einer Schillerb\u00fcste. Gottlob Heinrich Rapp, seiner Bedeutung nach einen Kopf kleiner, schreitet mit einem Kerzenleuchter Johann Wolfgang von Goethe voran, der bei ihm in Stuttgart logierte. Angelika Kauffmann, die K\u00fcnstlerin, die geschafft hat, was Duttenhofer verwehrt blieb, sitzt in ihrem r\u00f6mischen Atelier. Von Duttenhofer sind auch einige Originale zu sehen, zur Verf\u00fcgung gestellt aus einer Privatsammlung, darunter ein Scherenschnitt mit dem Titel <em>Grenzen der Weiblichkeit<\/em>: Zwei Damen, umgeben von vier M\u00e4nnern, sitzen in einer Kutsche, gezogen von Schweinen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" data-id=\"1426\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-Jean_Lurcat_Alice_Widensohler-1-1024x751.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1426\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-Jean_Lurcat_Alice_Widensohler-1-1024x751.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-Jean_Lurcat_Alice_Widensohler-1-300x220.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-Jean_Lurcat_Alice_Widensohler-1-768x563.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-Jean_Lurcat_Alice_Widensohler-1-1536x1126.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-Jean_Lurcat_Alice_Widensohler-1.jpg 1925w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"709\" height=\"1024\" data-id=\"1430\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/2-alice_widensohler_eroeffnungn_polnische_malerei-709x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1430\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/2-alice_widensohler_eroeffnungn_polnische_malerei-709x1024.jpg 709w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/2-alice_widensohler_eroeffnungn_polnische_malerei-208x300.jpg 208w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/2-alice_widensohler_eroeffnungn_polnische_malerei-768x1109.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/2-alice_widensohler_eroeffnungn_polnische_malerei.jpg 928w\" sizes=\"(max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Alice Widensohler (links) bei der Er\u00f6ffnung der Einzelausstellung von Jean Lur\u00e7at, WKV 1962. Foto: Archiv WKV. <strong>Right<\/strong>: Alice Widensohler (2. von rechts) bei der Er\u00f6ffnung der Ausstellung <em>Polnische Malerei<\/em>, WKV 1963. Foto: Archiv WKV.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indem er sich \u00e4u\u00dfert, in Wort und Bild, wird der B\u00fcrger zum Subjekt der Geschichte: Der &#8222;(wei\u00dfe, m\u00e4nnliche) B\u00fcrger&#8220;, wie Iris Dressler und Hans D. Christ schreiben, denn eine Frau wie Duttenhofer konnte nur auf der privaten Ebene partizipieren, indem sie sich ihrem Mann, dem Kupferstecher Anton Duttenhofer unterordnete. Ein weiterer Scherenschnitt zeigt sie, wie sie ihm, in geb\u00fcckter Haltung, Fl\u00fcgel an die Fersen heftet, damit er, ein moderner Hermes, besser voran kommt. Diese feministische Lesart der Geschichte setzt die Ausstellung fort, indem sie einen weiteren Schwerpunkt auf Alice Widensohler legt, die \u2013 bis auf Iris Dressler \u2013 einzige Frau, die bisher den Kunstverein geleitet hat. Sie war es, die es nach den Krieg fertigbrachte, den Kunstverein &#8222;zu einer Institution zu entwickeln, die heute weit \u00fcber Stuttgart und die Grenzen unseres Landes hinaus auch im Ausland Beachtung und Anerkennung findet&#8220;, wie der B\u00fcrgermeister und Vereinsvorsitzende Josef Hirn 1965 in eine Rede zu ihrem Abschied bemerkt. Schon vom ersten Jahr an zeigte sie wieder moderne Kunst, kn\u00fcpfte sobald es ging internationale Kontakte, auch nach Osteuropa, stellte aber auch Stuttgarter Gr\u00f6\u00dfen vor, die in der NS-Zeit nicht hatten ausstellen k\u00f6nnen wie Oskar Schlemmer, Ida Kerkovius oder den nach New York emigrierten Reinhold N\u00e4gele. 1961 er\u00f6ffnete sie das wiederaufgebaute Kunstgeb\u00e4ude mit einer Ausstellung zu <em>Adolf H\u00f6lzel und sein Kreis<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konstitution der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft war mit weiteren Ausschl\u00fcssen verbunden. Iris Dressler und Hans D. Christ ziehen eine Linie von einer &#8222;Polizei-Verordnung gegen Vaganten und andere der \u00f6ffentlichen Sicherheit gef\u00e4hrliche Personen&#8220;, die der Regierungsrat Karl Eberhard von W\u00e4chter, WKV-Gr\u00fcndungsmitglied, 1807 erlassen hatte, zum Vagabundenkongress 1929 und zu einer Ausstellung &#8222;vom Leben und vom \u00dcberleben auf der Stra\u00dfe&#8220; 1982 unter dem Titel <em>Wohnsitz: Nirgendwo<\/em>. Denn, das wird anhand der Plakate und Kataloge deutlich, sp\u00e4testens unter den Direktoren Uwe M. Schneede und Tilman Osterwold, also ab 1968, hatte der WKV ein ausgesprochen politisches Programm. Hier m\u00f6chten Iris Dressler und Hans D. Christ ankn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped is-style-rectangular wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large w3\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"764\" height=\"1024\" data-id=\"1423\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grosse_ausstellung_franz_abstrakt_1948-764x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1423\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grosse_ausstellung_franz_abstrakt_1948-764x1024.jpg 764w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grosse_ausstellung_franz_abstrakt_1948-224x300.jpg 224w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grosse_ausstellung_franz_abstrakt_1948-768x1029.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grosse_ausstellung_franz_abstrakt_1948-1147x1536.jpg 1147w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grosse_ausstellung_franz_abstrakt_1948.jpg 1352w\" sizes=\"(max-width: 764px) 100vw, 764px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"771\" height=\"1024\" data-id=\"1424\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-771x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1424\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-771x1024.jpg 771w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-226x300.jpg 226w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-768x1020.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-1157x1536.jpg 1157w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-1542x2048.jpg 1542w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1-grieshaber_1972-scaled.jpg 1928w\" sizes=\"(max-width: 771px) 100vw, 771px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"725\" height=\"1024\" data-id=\"1425\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-725x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1425\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-725x1024.jpg 725w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-212x300.jpg 212w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-768x1084.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-1088x1536.jpg 1088w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-1450x2048.jpg 1450w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/6-Wohnsitz-scaled.jpg 1813w\" sizes=\"(max-width: 725px) 100vw, 725px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Gro\u00dfe Ausstellung franz\u00f6sischer abstrakter Malerei 1848, Archiv WKV. <strong>Middle<\/strong>: HAP Grieshaber, Umweltschutz Sache der Jugend, 1972. Holzschnitt\/ Plakat, Archiv WKV. <strong>Right<\/strong>: Katalog zur Ausstellung Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und vom \u00dcberleben auf der Stra\u00dfe, WKV und andere Orte, 1982.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Partizipative Forschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Worum es dem Direktorenpaar eigentlich geht, steht \u00fcber einer weiteren Stelltafel: &#8222;Die ungel\u00f6sten Probleme der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#8220;. Das war ebenfalls ein Ausstellungstitel, n\u00e4mlich zu Honor\u00e9 Daumier 1975. Denn die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, die sich zur Zeit der Gr\u00fcndung des Kunstvereins konstituiert hat, existiert bis heute. Ausgeschlossen waren nicht nur Frauen und Wohnsitzlose, sondern auch Menschen aus anderen Weltregionen. Eine ganze weitere Stelltafel ist der Kolonialgeschichte gewidmet. In derselben Gewerbehalle, in der 1927 der Deutsche Werkbund die Ausstellung <em>Die Wohnung<\/em> veranstaltete, im Zuge derer die Wei\u00dfenhofsiedlung entstand, fand ein Jahr sp\u00e4ter eine Kolonialausstellung statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings ist vieles in der Geschichte des Vereins noch gar nicht richtig erforscht. Die NS-Zeit zum Beispiel, aber auch die Ausstellungen und Mitglieder der vorangegangenen Jahre. Daraus ergeben sich spannende Fragestellungen: Welche j\u00fcdischen Mitglieder hatte der Verein und was ist aus ihnen geworden? Welche K\u00fcnstler, die vor 1933 ausgestellt haben, erhielten danach Berufsverbot oder sind emigriert? Aber auch \u00fcber Alice Widensohler ist im Grunde wenig bekannt. Sie muss umfassende Kenntnisse und gute Kontakte gehabt haben, um von 1946 an ein so ausgesprochen niveauvolles Programm zu gestalten. Bereits ihr Vater, der Fotograf Theophil Hermann Widensohler, hatte 1910 bis 1921 den Kunstverein geleitet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"820\" height=\"1024\" data-id=\"1427\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_5-820x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1427\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_5-820x1024.jpg 820w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_5-240x300.jpg 240w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_5-768x960.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_5-1229x1536.jpg 1229w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_5-1639x2048.jpg 1639w\" sizes=\"(max-width: 820px) 100vw, 820px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" data-id=\"1429\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-819x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1429\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-819x1024.jpg 819w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-240x300.jpg 240w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-768x960.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-1229x1536.jpg 1229w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-1638x2048.jpg 1638w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_10-scaled.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"830\" height=\"1024\" data-id=\"1428\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_7-830x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1428\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_7-830x1024.jpg 830w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_7-243x300.jpg 243w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_7-768x947.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_7-1245x1536.jpg 1245w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/daniel_7-1660x2048.jpg 1660w\" sizes=\"(max-width: 830px) 100vw, 830px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Daniel Garc\u00eda And\u00fajar, <em>Cancel Culture, <\/em>2023\u20132025. 30 Fine Art Prints, Farbe, je 28 x 35 cm. Courtesy: Daniel Garc\u00eda And\u00fajar.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solchen Fragestellungen m\u00f6chten Iris Dressler und Hans D. Christ nachgehen. Und zwar nicht allein, sondern mit Hilfe ihrer Mitglieder und weiterer interessierter Personen. Insbesondere die k\u00fcnstlerische Forschung soll nun zunehmend eine Rolle spielen. In der ersten Ausstellung, genannt <em>Konstellation 1<\/em>, sind noch nicht viele Arbeiten vertreten. Am auff\u00e4lligsten vielleicht eine mit Hilfe der K\u00fcnstlichen Intelligenz erarbeitete Serie von Daniel Garc\u00eda And\u00fajar unter dem hier doppeldeutigen Titel <em>Cancel Culture<\/em>. Der K\u00fcnstler hat der KI Bilder beschrieben, die Szenen des Aufstands, Stra\u00dfenk\u00e4mpfe oder Denkmalst\u00fcrze in Stuttgart zeigen. Er wollte wissen, wie viel die KI zensiert, um die Nerven der Betrachter zu schonen oder problematische Inhalte zu blockieren. Herausgekommen sind Bilder, die vor allem eines zeigen: dass die K\u00fcnstliche Intelligenz immer nur eine vage \u00c4hnlichkeit mit den realen Verh\u00e4ltnissen erzielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der <em>Konstellation 2<\/em>, ab 24. Mai, sollen schon weitere neu produzierte k\u00fcnstlerische Arbeiten zu sehen sein, die sich mit der Geschichte des Vereins besch\u00e4ftigen. Die Vorbereitungen darauf sind in vollem Gang, die <em>Konstellation 1<\/em> dient auch dazu, Material und Ankn\u00fcpfungspunkte zu bieten. Ab 23. August folgt dann, als <em>Konstellation 3<\/em>, die j\u00e4hrliche Mitgliederausstellung, die diesmal thematisch auf die Vereinsgeschichte ausgerichtet ist. Dazu sollen weitere Forschungen treten, die schlie\u00dflich die <em>Konstellation 4<\/em> ab 17. Oktober 2026 bef\u00e4higen, ein umfassenderes Bild zur 200-j\u00e4hrigen Geschichte des Vereins zu zeichnen. Und der Lehren, die daraus zu ziehen sind.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konstellation 1: 23.3.-4.5.<br>Konstellation 2: 24.5.-1.8.<br>Konstellation 3: 23.8.-21.9.<br>Konstellation 4: 17.10.2026 \u2013 17.1.2027<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.wkv-stuttgart.de\/programm\/2025\/ausstellungen\/200-jahre-gegenwart-konstellation-1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">https:\/\/www.wkv-stuttgart.de\/programm\/2025\/ausstellungen\/200-jahre-gegenwart-konstellation-1<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25 Kunstvereine gr\u00fcndeten sich in Deutschland bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. B\u00fcrgerliche Epoche wird diese Zeit genannt, doch eigentlich hatte der Adel nach dem Sturz Napoleons seine Macht konsolidiert. 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