{"id":2367,"date":"2025-05-03T11:00:00","date_gmt":"2025-05-03T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=8508"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"in-schwierigem-fahrwasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/05\/03\/in-schwierigem-fahrwasser\/","title":{"rendered":"In schwierigem Fahrwasser"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trotz Millionen Besucher:innen und riesengro\u00dfem gesellschaftlichen Vertrauen geraten Kunstmuseeen zunehmend unter Druck.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit mehr als f\u00fcnfzig Jahren sind die Kunstmuseen auf einem langen Weg der \u00d6ffnung, der Demokratisierung, der Inklusion. In ihnen sollen alle Teile der Gesellschaft und gerade bisher kunstferne Milieus, sollen Menschen mit Fluchtbiografien oder Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderungen oder Diskriminierungserfahrungen willkommen sein. Beispielhaft f\u00fcr den Anspruch, &#8222;die gesamte Gesellschaft in den Blick zu nehmen&#8220;, ist das seit 2018 von der Kulturstiftung des Bundes aufgelegte Programm &#8222;360\u00b0&#8220;, durch das man &#8222;kulturelle Vielfalt&#8220; an Museen, Theatern und anderen Einrichtungen f\u00f6rdern und &#8222;strukturelle Ausschl\u00fcsse im Kulturbetrieb verminder[n]&#8220; will. Deshalb wurde etwa auch ein eigener &#8222;Diversit\u00e4tskompass&#8220; mit &#8222;praxisnahen Tipps&#8220; zur &#8222;\u00d6ffnung von Kulturinstitutionen&#8220; entwickelt.<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Getragen sind solche Projekte von der \u00dcberzeugung, dass es sich dabei um Ziele handelt, f\u00fcr die keine Grenzen existieren. Letztlich soll jede Hemmschwelle gefallen, jede Chancenungleichheit \u00fcberwunden sein. Und das nach und nach \u00fcberall: Institution um Institution, aber genauso Land um Land. Damit geh\u00f6rt dieser lange Weg der \u00d6ffnung auch in den Prozess der Globalisierung, der seinerseits auf immer mehr Teilhabe von immer mehr noch so unterschiedlichen Partnern angelegt ist. Ihm gegen\u00fcber schien es nach Ende des Kalten Kriegs ebenfalls keine nennenswerten Widerst\u00e4nde mehr zu geben. Man glaubte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis allenthalben derselbe offene Geist, derselbe Pluralismus, dieselbe Gleichberechtigung \u2013 die sogenannten &#8218;westlichen Werte&#8216; \u2013 durchgesetzt seien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der &#8222;R\u00fcckbau&#8220; der Globalisierung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4testens mit der zweiten Wahl von Donald Trump \u2013 f\u00fcr viele schon fr\u00fcher, sei es mit dem Brexit, mit Putins Neoimperialismus oder mit dem Wiederaufstieg Chinas zu einer Gro\u00dfmacht \u2013 ist der Prozess der Globalisierung nach westlichem Vorbild jedoch in der R\u00fcckabwicklung begriffen. Statt auf Austausch und Vernetzung wird nun vermehrt wieder auf Abgrenzung und Unterwerfung, auf autokratische statt auf demokratische Prinzipien, auf eine multipolare und nicht auf eine freie Welt gesetzt. Damit aber geraten auch jene Ziele von \u00d6ffnung und Inklusion neu in den Blick, die Transformationsprozesse westlicher Kulturinstitutionen, ihre Initiativen f\u00fcr mehr Integration und generell ihr gesellschaftspolitisches Engagement erscheinen nicht l\u00e4nger selbstverst\u00e4ndlich. Oder wecken sogar Misstrauen: War man vielleicht zu naiv, aber auch zu selbstgewiss und zu einseitig, so dass die nun vermehrt vernehmbaren Rufe nach einer Kehrtwende, ja der Boom an programmatischen Vokabeln, die mit &#8218;Wieder-&#8218;, &#8218;R\u00fcck-&#8218; oder &#8218;Re-&#8218; beginnen, als eine Notbremsung, zumindest aber als eine nat\u00fcrliche Reaktion einzusch\u00e4tzen sind?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" data-id=\"1436\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1436\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-300x300.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-150x150.jpg 150w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-768x768.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159-100x100.jpg 100w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_0159.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"694\" data-id=\"1440\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/504983276-1024x694.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1440\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/504983276-1024x694.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/504983276-300x203.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/504983276-768x521.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/504983276-1536x1041.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/504983276-2048x1389.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Moderiert von Stefan Koldehoff fand bereits am 23. Januar im K\u00f6lner Wallraf-Richartz-Museum eine Podiumsdiskussion statt, an der Marcus Dekiert (WRM), Marion Ackermann (Stiftung Preu\u00dfischer Kuturbesitz), Felix Kr\u00e4mer (Kunstpalast D\u00fcsseldorf), Ulrike Lorenz (Klassik Stiftung Weimar) und unser Autor Wolfgang Ullrich teilnahmen. Auch hier ging es um die Herausforderungen, mit denen sich die deutschen Kunstmuseen konfrontiert sehen. Der Moderator Stefan Koldehoff hat sich erst k\u00fcrzlich in der Reihe &#8222;Essay und Diskurs&#8220; des Deutschlandfunks zur &#8222;Dauerkrise&#8220; der Kunstmuseen ge\u00e4u\u00dfert: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/das-museum-als-ort-der-utopie-102.html\">Das Museum als Ort der Utopie<\/a>. Foto: re-book. <strong>Rechts<\/strong>: Mahnend \u00e4u\u00dferten sich auch Hermann Parzinger und Marion Ackermann zu den Eingriffen Donald Trumps in die Freiheit amerikanischer Museen. Foto: picture alliance\/dpa | Bernd von Jutrczenka<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich ist es aktuell sehr beliebt, jeden rechtspopulistischen Aktivismus, jeden neuen Autoritarismus, jeden demokratiefeindlichen Standpunkt damit zu erkl\u00e4ren, ja gar damit zu entschuldigen, dass mit der Wokeness, mit der R\u00fccksicht auf noch so kleine Minderheiten \u00fcbertrieben worden sei. Und gerade der Kulturbetrieb, in dem man, was die Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber Diskriminierungen, aber generell eine Moralisierung und Politisierung des Diskurses anbelangt, weiter fortgeschritten war als in vielen anderen Bereichen, erscheint dann als besonders fragw\u00fcrdig \u2013 und korrekturbed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits sp\u00fcren nun diejenigen R\u00fcckenwind, die schon lange gegen die Programme von Museen und Theatern, von Kunstvereinen und Literaturh\u00e4usern wetterten, ihre Abneigung nun aber umso markiger, umso aggressiver formulieren, ja in krassen F\u00e4llen sogar regelrechte Vernichtungsphantasien ausleben. So forderte Ulf Poschardt angesichts der Berufung des Konservativen Wolfram Weimer zum Kulturstaatsminister nicht weniger, als dass der &#8222;weitgehend steuerfinanzierte Kulturbetrieb [&#8230;] im Zweifel kaputtgemacht werden&#8220; m\u00fcsse.<sup>2<\/sup> Zugleich trauen sich nun viele hervor, die mit der Praxis der \u00d6ffnung und Pluralisierung auch noch nie einverstanden waren, aber missmutig schwiegen, solange die DEI-Politik \u2013 das Bekenntnis zu den Zielen Diversit\u00e4t, Gleichberechtigung (Equality), Inklusion \u2013 an Museen, in Ausstellungsh\u00e4usern sowie in anderen Kulturinstitutionen unumstritten war. Wollten sie nicht als wei\u00dfe alte M\u00e4nner und Looser dastehen, wittern sie nun Morgenluft und holen, oft mit lang gereifter Wut, zum Gegenschlag aus. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie haben daf\u00fcr auch ziemlich effiziente Mittel gefunden. Am liebsten operieren sie mit simplifizierenden Gleichungen, identifizieren also etwa Kurator:innen oder K\u00fcnstler:innen, die sich in ihrer Arbeit f\u00fcr und mit Minderheiten auf &#8218;postcolonial studies&#8216; berufen, seit dem 7. Oktober 2023 pauschal als propal\u00e4stinensisch und BDS-nah, um sie dann im n\u00e4chsten Schritt auch gleich des Antisemitismus zu bezichtigen. Auf diese Weise lie\u00df sich schon mancher Shitstorm ausl\u00f6sen, manche Ausstellung verhindern und mancher F\u00f6rdertopf schlie\u00dfen. Und aus Angst, sich eventuell angreifbar zu machen oder in kulturrelativistische Debatten zu geraten, haben Kunstinstitutionen auch diverse Projekte abgebrochen und Programme ge\u00e4ndert, ja vor allem die Zusammenarbeit mit Leuten aus dem Globalen S\u00fcden sowie aus L\u00e4ndern reduziert, in denen andere historische Erfahrungen zu anderen Einsch\u00e4tzungen der aktuellen politischen Lage f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gegenwind: &#8222;Celebrations of Identity&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andererseits gibt es Leute, die ihre Meinung \u00e4ndern und widerrufen, was sie selbst lange Zeit proklamiert hatten. Das mag Opportunismus sein oder von schlechten Nerven zeugen, manchmal dr\u00fcckt sich darin aber vielleicht auch hochkulturell-bildungsb\u00fcrgerlicher D\u00fcnkel aus, der eine Zeitlang zur\u00fcckgedr\u00e4ngt gewesen sein mag, nun aber umso manifester wird. So schrieb Dieter Roelstraete, bekannt geworden als einer der Kuratoren im Team von Adam Szymczyks hochpolitischer Documenta 14 im Jahr 2017, im Januar 2025 in seiner Kolumne bei &#8222;Monopol&#8220; ganz \u00fcberraschend, &#8222;dass die Identit\u00e4tspolitik die zeitgen\u00f6ssische Kunst zerst\u00f6rt hat&#8220;. Sei es &#8222;fortschrittlichste Politik&#8220; gewesen, sich f\u00fcr Minderheiten einzusetzen, so habe man damit letztlich die &#8222;r\u00fcckschrittlichsten und konservativsten Formen&#8220; gef\u00f6rdert, habe Dinge wie &#8222;Weberei und Keramik&#8220; kunstw\u00fcrdig gemacht oder der &#8222;figurativen Malerei&#8220; erneut die Tore der Kunstinstitutionen ge\u00f6ffnet. Auf diese Weise habe man aber der Kunst selbst geschadet.<sup>3<\/sup> In anderen Worten: Wollte Roelstraete so lange politisch fortschrittlich sein, solange man damit viel Beifall bekam, ist er mittlerweile lieber wieder bezogen auf Kunst fortschrittlich, was f\u00fcr ihn gleichbedeutend damit ist, Schwieriges, Voraussetzungsreiches, eben Noch-nicht-Durchgesetztes, bevorzugt aus den eigenen, westlichen Kunstsparten zu m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei seiner R\u00fcckbesinnung auf das, was ehedem als gute und wahre Kunst galt, berief Roelstraete sich auf den Kunstkritiker Dean Kissick, der bereits einige Wochen zuvor im &#8222;Harper&#8217;s Magazine&#8220; eine Generalabrechnung mit der zeitgen\u00f6ssischen Kunstwelt vorgelegt hatte. Dabei deklarierte er die Arbeiten in Ausstellungen, in denen in den letzten Jahren Kunst von Frauen und Queeren, aus dem Globalen S\u00fcden und von People of Colour gezeigt wurde, als Exzesse identit\u00e4tspolitischer Huldigung (&#8222;celebrations of identity&#8220;), die zwar inhaltlich fortschrittlich sein m\u00f6gen, ihrer Form nach aber traditionell und konservativ seien (&#8222;progressive in content, but conservative in form&#8220;).<sup>4<\/sup> Und so gelangte auch er zu dem Schluss, dass die Kunst nicht mehr innovativ oder interessant sei, seit in ihr vor allem die Stimmen von Marginalisierten in Erscheinung tr\u00e4ten, ja dass die Identit\u00e4tspolitik zum Totengr\u00e4ber jeglicher relevanten, aufregenden Kunst geworden sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar vollziehen Roelstraete und Kissick ihre Kehrtwende nicht auch politisch, pl\u00e4dieren also nicht f\u00fcr einen reaktion\u00e4r-autorit\u00e4ren Kurswechsel, aber der Zeitpunkt ihrer Interventionen ist zumindest so gew\u00e4hlt, dass sie Museen und anderen Kulturinstitutionen damit massiv in den R\u00fccken fallen. Gerade jetzt, wenn diese wegen des weltweiten Rechtsrucks, wegen immer unverhohlener demokratieverachtender Kr\u00e4fte, die das Recht des St\u00e4rkeren preisen und jegliche R\u00fccksichtnahme auf Randgruppen abwickeln wollen, ohnehin schon heftigen Gegenwind sp\u00fcren, haben sie also auch noch gegen unsolidarische Stimmen aus dem eigenen Milieu zu k\u00e4mpfen. Als w\u00e4ren sie nicht bereits voll damit besch\u00e4ftigt, ebenso kurzfristige wie massive, manchmal sogar existenzielle K\u00fcrzungen ihrer Etats sowie politische Einmischungen in ihre Projekte abzuwehren, m\u00fcssen sie jetzt zudem auf Vorw\u00fcrfe reagieren, sie h\u00e4tten im Grunde seit Jahren alles falsch gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbstverst\u00e4ndlich kann man einiges, was unter Schlagworten wie &#8218;Inklusion&#8216; oder &#8218;Diversit\u00e4t&#8216; durchgef\u00fchrt wurde, f\u00fcr \u00fcbertrieben oder schlecht gemacht halten, kann auch beklagen, dass Berufungen auf einen Minderheitenstatus immer mal instrumentalisiert wurden, kann schlie\u00dflich auch etwas resigniert erkennen, dass man sich vielleicht doch nicht so gut an die Artefakte von Menschen aus Minderheiten oder aus lange unterdr\u00fcckten Kulturen gew\u00f6hnte, wie man das erhofft hatte, aber das alles rechtfertigt nicht die Unterstellung, identit\u00e4tszentrierte Kunst sei per se formal altbacken und \u00e4sthetisch minderwertig. Derartige Pauschalurteile zeugen nicht gerade von Sachverstand und hermeneutischem Differenzierungsverm\u00f6gen, sind aber vor allem katastrophal in Zeiten, in denen Angeh\u00f6rige von Minderheiten ohnehin zunehmend dem Verdacht oder gar Vorw\u00fcrfen ausgesetzt sind, sie h\u00e4tten einen Job, ein Stipendium oder irgendetwas sonst nur bekommen, weil sie wegen ihres Status bevorzugt worden seien, h\u00e4tten somit letztlich vermeintlich bessere Leute verdr\u00e4ngt, die keiner Minderheit angeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer aus alter hochkultureller Sehnsucht lieber wieder mehr Konzeptkunst, mehr Hermetisches, Provokantes oder Anspielungsreiches, ja vor allem Werke sehen will, die m\u00f6glichst viel mit der eigenen Bildungsbiografie zu tun haben, sollte also aufpassen, nicht unfreiwillig autorit\u00e4ren und rechten Kr\u00e4ften Sch\u00fctzenhilfe zu leisten. Denn wenn diese Erfolg haben, bekommt man umso weniger eine Kunst, die avanciert und anspruchsvoll ist. Vielmehr werden Museen und andere Kunstinstitutionen dann dazu gen\u00f6tigt, wieder den sogenannten gesunden Menschenverstand zu repr\u00e4sentieren, in Ausstellungen konservative Familienkonzepte und traditionelle Rollenbilder zu bedienen sowie Ideen von Nation, Heimat, Tradition, Heldentum zu pushen. Daher sollte allen, die nicht sowohl politisch als auch \u00e4sthetisch r\u00fcckschrittlich sein wollen, sehr daran gelegen sein, die Kulturinstitutionen in diesen f\u00fcr sie schwerer werdenden Zeiten zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Widerstand gegen den &#8222;antiintellektuellen Kampf&#8220;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je l\u00e4nger die zweite Pr\u00e4sidentschaft von Donald Trump w\u00e4hrt, desto deutlicher wird, wie krass ein autorit\u00e4res Regime gerade auch in kulturellen Fragen Macht aus\u00fcbt. Nicht genug damit, dass von den Kulturinstitutionen verlangt wird, s\u00e4mtliche DEI-Projekte aufzugeben, ordnete Trump Ende M\u00e4rz etwa per Dekret an, dass das Smithonian, ein Verbund von Museen und Forschungseinrichtungen, fortan bei s\u00e4mtlichen Projekten und Ausstellungen die Auffassung vertreten m\u00fcsse, es gebe nur zwei Geschlechter und es gebe klar voneinander unterscheidbare Rassen. Was unter dem Titel &#8222;Restoring Truth and Sanity to American History&#8220; verlautbart wurde,<sup>5<\/sup> stellt einen der gr\u00f6\u00dften Eingriffe in Kulturinstitutionen sowie in die Diskurse einer freien, modernen Welt dar und hat entsprechend zu scharfen Reaktionen gef\u00fchrt. In einem ungew\u00f6hnlichen Schritt verfassten etwa der Pr\u00e4sident der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sowie seine designierte Nachfolgerin Marion Ackermann gemeinsam ein Statement, in dem sie diesen &#8222;Angriff&#8220; auf die unabh\u00e4ngigen Museen als &#8222;antiintellektuellen Kampf&#8220; kritisieren, &#8222;der gegen alles zielt, was den Menschen frei macht&#8220;.<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewiss haben die beiden bei ihrem Protest nicht nur an die US-Regierung, sondern auch an Europa gedacht: an ein Land wie Ungarn, wo Kultureinrichtungen \u2013 wie unter der PIS-Regierung zuvor bereits in Polen \u2013 ebenfalls unter starkem Druck stehen, so dass, metaphorisch gesprochen, alle Regenbogenflaggen durch Flaggen in Nationalfarben ersetzt werden m\u00fcssen. Aber selbst in Deutschland drohen vergleichbare Eingriffe. Wenn in einzelnen Bundesl\u00e4ndern erst einmal die AfD mitregiert oder auch nur Minderheitsregierungen unterst\u00fctzt, kann sie ihrerseits direkt Einfluss nehmen auf Stellenbesetzungen, Etats und programmatische Schwerpunkte in Museen und anderen staatlichen Kultureinrichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man mag unken, die Museen seien selbst schuld, wenn sie nun unter politischen Druck gerieten, h\u00e4tten sie sich doch ohne Not ihrerseits stark und parteiisch gesellschaftspolitisch engagiert und damit exponiert. W\u00e4ren sie neutral, ja unpolitische Kunsttempel geblieben, m\u00fcssten sie sich jetzt auch nicht vor einer gewandelten politischen Gro\u00dfwetterlage f\u00fcrchten. Doch wer so denkt, \u00fcbersieht, welche Legitimationsprobleme die Museen in den letzten Jahrzehnten (zurecht) bekommen h\u00e4tten, w\u00e4ren sie die Bastionen einer kleinen gebildeten Elite geblieben, die sie die l\u00e4ngste Zeit ihrer Geschichte waren. So jedoch, dank ihrer jahrzehntelangen Strategie der schrittweisen \u00d6ffnung, geh\u00f6ren sie mittlerweile zu den erfolgreichsten und wichtigsten Institutionen \u00fcberhaupt. Mag den einen die Inklusion nicht schnell genug vorangehen und mag den anderen zu viel Wert darauf gelegt worden sein, so ist jedenfalls nicht zu bestreiten, dass es allein dem Kurs der letzten Jahrzehnte zu verdanken ist, wenn Museen heute zu den Institutionen geh\u00f6ren, denen mit am meisten Vertrauen entgegengebracht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Stellung auch nur halbwegs zu bewahren, ist in wechselhaften, polarisierten Zeiten extrem schwer, zumal wenn man sieht, dass andere Institutionen, die lange Zeit kaum umstritten waren, etwa der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk, bereits voll ins tagespolitische Kreuzfeuer geraten sind. Doch je mehr abschreckende Beispiele aus anderen L\u00e4ndern es gibt, was die G\u00e4ngelung und ideologische Bevormundung von Kulturinstitutionen betrifft, desto besser stehen vielleicht auch die Chancen, dass gen\u00fcgend Leute hier merken, wie viel verloren ginge, d\u00fcrften die Museen ihren langen Weg der \u00d6ffnung nicht fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.8rem\"><sup>1<\/sup> <a href=\"https:\/\/www.kulturstiftung-des-bundes.de\/de\/projekte\/transformation_und_zukunft\/detail\/360_fonds_fuer_kulturen_der_neuen_stadtgesellschaft.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">360\u00b0. Fonds f\u00fcr Kulturen der neuen Stadtgesellschaft<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.8rem\"><sup>2<\/sup> <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/plus256040066\/Wolfram-Weimer-Die-Kultureliten-sollten-diesen-Mann-fuerchten.html\">Ulf Poschardt, Die Kultureliten sollten diesen Mann f\u00fcrchten<\/a>, in: Welt, 02.05.25.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.8rem\">3 <a href=\"https:\/\/www.monopol-magazin.de\/think-tank-dieter-roelstraete-hat-die-politik-die-zeitgenoessische-kunst-zerstoert?\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Dieter Roelstraete: Ende des &#8218;goldenen Zeitalters&#8216;. Hat die Politik die zeitgen\u00f6ssische Kunst zerst\u00f6rt?<\/a>, in: Monopol 1\/2025.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.8rem\">4 <a href=\"https:\/\/harpers.org\/archive\/2024\/12\/the-painted-protest-dean-kissick-contemporary-art\/\">Dean Kissick: The Painted Protest, in: Harper\u2019s Magazine 12\/2024<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.8rem\">5 <a href=\"https:\/\/www.whitehouse.gov\/presidential-actions\/2025\/03\/restoring-truth-and-sanity-to-american-history\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">The White House, Presidential Actions, Restoring The Truth And Sanity To American History<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:0.8rem\">6 <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/spkberlin\/p\/DHvk13xMi_L\/?img_index=1\">Instagram-Account der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz Millionen Besucher:innen und riesengro\u00dfem gesellschaftlichen Vertrauen geraten Kunstmuseeen zunehmend unter Druck. 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