{"id":2372,"date":"2025-05-08T17:24:38","date_gmt":"2025-05-08T15:24:38","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=8628"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"transnational-rhizomatisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/05\/08\/transnational-rhizomatisch\/","title":{"rendered":"Transnational, rhizomatisch"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Die St\u00e4dtische Galerie Villingen-Schwenningen beleuchtet &#8222;Perspektiven Schwarzer Gegenwartskunst&#8220;.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Le sel noir<\/em> hei\u00dft die Ausstellung, nach einem Gedichtband des karibischen Autors \u00c9douard Glissant, erschienen 1983, in deutscher \u00dcbersetzung 2002 unter dem Titel <em>Schwarzes Salz<\/em>. Salz ist wei\u00df, das wei\u00df jeder. Weniger bekannt ist, dass es in der ayurvedischen K\u00fcche auch ein &#8222;schwarzes Salz&#8220;, <em>Kala Namak<\/em>, gibt, das in Realit\u00e4t nicht wirklich schwarz, sondern eher rosa-braun ist. Aber darum geht es Glissant nicht. Der Titel versteht sich als Oxymoron: Da Salz nicht schwarz ist, ist die Bedeutung auf einer anderen Ebene zu suchen, etwa im Sinne von <em>Salz in der Suppe<\/em> oder dem <em>Salz der Erde<\/em> der Bergpredigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alejandro Perdomo Daniels hat den Titel nicht \u00fcbersetzt. Der neue Leiter der St\u00e4dtischen Galerie, bisher vor allem im norddeutschen Raum unterwegs, hat ihn f\u00fcr sein Debut in Villingen-Schwenningen, eine Ausstellung zu <em>Perspektiven Schwarzer Gegenwartskunst<\/em>, im franz\u00f6sischen Original belassen: Eine Geste, die Ausstellungsbesucher:innen damit konfrontieren soll, dass die Welt an den Grenzen ihrer eigenen Sprache nicht endet. Eine <em>Chaos-Welt<\/em>, wie Glissant sagte: un\u00fcbersichtlich, unberechenbar. Auf die es multiple Perspektiven gibt, darunter, im Plural, diejenigen Schwarzer Gegenwartskunst, die sich mit dem gewohnten deutschen Vokabular nicht ganz beschreiben lassen. Schon allein deshalb, weil die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, um die es hier geht, alle mehrere Sprachen sprechen. Auch Lisa Marie Asubonteng, die j\u00fcngste der zehn, kennt andere Perspektiven als die deutsche, auch wenn sie in Stuttgart aufgewachsen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Glissants archipelagisches Denken ist anti-hierarchisch. Seine <em>Po\u00e9tique de la Relation <\/em>weist die Vorstellungen von Abstammung, Ethnie oder Nation: der Pfahlwurzel im Sinne von Gilles Deleuze und F\u00e9lix Guattari zur\u00fcck. Rhizomatische Wechselverh\u00e4ltnisse bestimmen aus seiner Sicht den Lauf der Welt: die <em>Relation<\/em>. Das Buch beginnt jedoch mit dem Bild eines offenen Boots, des Sklavenschiffs. Da Viele die \u00dcberfahrt nicht \u00fcberlebten, ist der Atlantik selbst zur offenen Barke geworden: Grab und Mutterscho\u00df f\u00fcr alles, was daraus hervorgeht. Glissants Begriff <em>Tout-Monde<\/em> ist mit <em>All-Welt<\/em> nur unzureichend \u00fcbersetzt, denn er leitet sich ab von der kreolischen Verk\u00fcrzung von <em>tout le monde<\/em>, das hei\u00dft <em>alle<\/em>. <em>Alle<\/em> bezeichnet ein horizontales Nebeneinander, vergleichbar dem amerikanischen <em>folk<\/em> oder <em>folks<\/em>, das nicht <em>Volk<\/em> meint im Sinne von Nation, sondern <em>Leute<\/em>, <em>Menschen<\/em>. Sie sind gleichwertig, aber nicht gleich, im Gegenteil: In der <em>Chaos-Welt<\/em> gibt es keinen einzelnen, privilegierten Standpunkt, sondern viele gleichwertige nebeneinander.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" data-id=\"1446\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Harold-Offeh-Joy-Inside-Our-Tears-2021_Foto-Frank-Kleinbach-2025-1024x682.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1446\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Harold-Offeh-Joy-Inside-Our-Tears-2021_Foto-Frank-Kleinbach-2025-1024x682.png 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Harold-Offeh-Joy-Inside-Our-Tears-2021_Foto-Frank-Kleinbach-2025-300x200.png 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Harold-Offeh-Joy-Inside-Our-Tears-2021_Foto-Frank-Kleinbach-2025-768x512.png 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Harold-Offeh-Joy-Inside-Our-Tears-2021_Foto-Frank-Kleinbach-2025-1536x1023.png 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Harold-Offeh-Joy-Inside-Our-Tears-2021_Foto-Frank-Kleinbach-2025.png 1981w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"679\" data-id=\"1447\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Na\u00b4stio-Mosquito-Strange-Fruit-Triptych-2024_Foto-Frank-Kleinbach-2025-C-1024x679.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1447\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Na\u00b4stio-Mosquito-Strange-Fruit-Triptych-2024_Foto-Frank-Kleinbach-2025-C-1024x679.png 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Na\u00b4stio-Mosquito-Strange-Fruit-Triptych-2024_Foto-Frank-Kleinbach-2025-C-300x199.png 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Na\u00b4stio-Mosquito-Strange-Fruit-Triptych-2024_Foto-Frank-Kleinbach-2025-C-768x509.png 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Na\u00b4stio-Mosquito-Strange-Fruit-Triptych-2024_Foto-Frank-Kleinbach-2025-C-1536x1019.png 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Na\u00b4stio-Mosquito-Strange-Fruit-Triptych-2024_Foto-Frank-Kleinbach-2025-C.png 1993w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Harold Offeh, Joy Inside Our Tears, 2021. Foto: Frank Kleinbach. <strong>Right<\/strong>: N\u00e1stio Mosquito, Strange Fruit Triptych, 2024. Foto: Frank Kleinbach.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schwarz ist eine Zuschreibung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung ist aber weder eine Illustration von Glissants Thesen, noch muss man Glissant gelesen haben, um Zugang zu den vorgestellten Arbeiten zu finden. Glissant bietet vielmehr einen begrifflichen Rahmen, der erlaubt, sie besser einzuordnen. Denn das Begriffspaar &#8222;Schwarze Gegenwartskunst&#8220; ist nur bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung selbsterkl\u00e4rend. Was verbindet Sonia E. Barrett, als Tochter eines Jamaikaners und einer Deutschen in England geboren, mit Valerie Asiimwe Amani aus Tansania? Warum werden Ngozi Ajah Schommers, Syowia Kyambi, Lisa Marie Asubonteng oder Monica de Miranda, die jeweils ein europ\u00e4isches und ein afrikanisches Elternteil haben, als &#8222;Schwarze Menschen&#8220; bezeichnet? Die Antwort ist: Es liegt nicht an der Herkunft, sondern an der T\u00f6nung der Haut, die wiederum Zuschreibungen nach sich zieht, denen sich die Betroffenen nur schwer entziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Identifikation ist immer ein Vexierspiel. Als <em>Spiegelstadium<\/em> hat Jacques Lacan den Moment bezeichnet, in dem das Kind zwischen sich selbst und den Anderen zu unterscheiden beginnt. In Syowia Kyambis raumf\u00fcllender Arbeit <em>Double Conciousness<\/em> h\u00e4ngen Spiegel von der Decke, wie zur Anprobe f\u00fcr die drei Frauen-Kost\u00fcme dazwischen, vom rotwei\u00dfkarierten Dienstm\u00e4dchenkleid bis zum Hosenanzug. Sie werfen Schatten auf die W\u00e4nde, auf die Wolkenhimmel projiziert sind. Erst die Einordnung als &#8222;Schwarz&#8220; bewirkt, dass sich Schwarze Menschen selbst als solche betrachten. W\u00e4hrend sich dies im Fall von Valerie Asiimwe Amanis Stoff-Applikationsarbeiten zu Themen wie Liebe und Sch\u00f6nheit noch ignorieren l\u00e4sst, nimmt Lerato Shadi in vier Arbeiten aus verschlungenen roten Spruchb\u00e4ndern auf Rohleinen diesen Prozess der Zuschreibung selbst aufs Korn. In beide Richtungen \u00fcbereinander geschrieben, sind die Texte unlesbar. Auch die Titel in ihrer Muttersprache Setsuana bleiben unzug\u00e4nglich: <em>opak<\/em> im Sinne Glissants. Ngozi Ajah Schommers wiederum zeigt afrikanische Frauenfiguren in wechselnden Perspektiven. Das Papier ist durchl\u00f6chert, die bunten Kleider bestehen aus Konfetti, lesbar als besch\u00e4digte und doch freudig bejahte Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Wunden heilen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Identifikation als <em>Schwarz<\/em> verbindet sich mit einer leidvollen Geschichte und einer nach wie vor rassistischen Gegenwart. Erst vor kurzem hat ein Polizist in Oldenburg den 21-j\u00e4hrigen Lorenz A. erschossen: von hinten, in Notwehr? F\u00fcr den Tod des Guineers Oury Jalloh 2006 in einer Dessauer Gef\u00e4ngniszelle wurde noch immer niemand zur Verantwortung gezogen. Zwei Jahre davor starb Laye-Alama Cond\u00e9 aus Sierra Leone in Bremer Polizeigewahrsam an einer erzwungenen Einfl\u00f6\u00dfung von Brechmitteln \u2013 was der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte als Folter bezeichnet. Die an der Ausstellung beteiligte S\u00fcdafrikanerin Usha Seejarim hat den Wettbewerb f\u00fcr ein Mahnmal gewonnen, das an Cond\u00e9 erinnern und in diesem Jahr noch in Bremen aufgestellt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>A Deep Wound<\/em> nennt Seejarim eine Arbeit, die sie eigens f\u00fcr die Ausstellung angefertigt hat. Das bezieht sich nun nicht auf rassistische Gewalt, sondern erweist sich als feministische Antwort auf Lucio Fontanas ikonische <em>Concetti Spaziali<\/em>, die aufgeschlitzten Leinw\u00e4nde: Ganz aus W\u00e4scheklammern besteht Seejarims Werk, mit einer klaffenden, roten Wunde in der Mitte. Offen politisch ist eigentlich nur <em>A Strange Fruit<\/em> von N\u00e1stio Mosquito. Der Titel zitiert Billie Holidays Lied zur Lynchjustiz in den amerikanischen S\u00fcdstaaten. In einem dunklen, von Tarnnetzen \u00fcberdeckten Raum stehen Munitionskisten und \u00d6lf\u00e4sser. Mit verzerrter Stimme spricht der K\u00fcnstler \u00fcber Kopfh\u00f6rer aus darauf liegenden Laptops: &#8222;As far as I know, I am not traumatized. I am angry.&#8220; Mosquito stammt aus Angola. Das Land ist nach einem 27-j\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg durch Erd\u00f6l zu einem gewissen Reichtum gelangt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die f\u00fcr Villingen-Schwenningen angefertigte Fotoserie von Lisa Maria Asubonteng bezieht sich auf die Geschichte der Sklaverei: Die K\u00fcnstlerin posiert selbst f\u00fcnfmal am Strand vor Accra, einem der Ausgangspunkte des transatlantischen Sklavenhandels. Doch der Titel lautet <em>Comfort<\/em>. Sie sucht Trost, wendet sich einem kleinen Jungen zu: der n\u00e4chsten Generation. Diese Haltung: die Wunden der Vergangenheit nicht zu vergessen und doch nach Wegen zu suchen, mit ihnen fertig zu werden, kenzeichnet eine Mehrzahl der ausgestellten Arbeiten. Harold Offeh zeigt in der raumgreifenden Video- und Fotoarbeit <em>Joy Inside Our Tears<\/em> sich selbst und drei weitere Personen, die versuchen durch Tanzen Traumata zu \u00fcberwinden. \u00c4hnlich bewegen sich in Monica de Mirandas Video <em>Transplanting<\/em>, Teil ihres im letzten Jahr auf der Biennale von Venedig vorgestellten Projekts <em>Greenhouse<\/em>, drei T\u00e4nzerinnen und ein T\u00e4nzer durch eine scheinbar tropische Landschaft. Allerdings ist das Video im Botanischen Garten von Lissabon aufgenommen. Die Vegetation ist nach Europa verpflanzt, wie die menschlichen Subjekte, die durch einen Wald tanzen, durch ein Bambusdickicht, Monstera-Bl\u00e4tter durch ihre H\u00e4nde gleiten lassen als wollten sie in der Natur aufgehen. Das Gr\u00fcn schl\u00e4gt neue Wurzeln. Ein Heilungsprozess setzt ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwas offensiver sind nur zwei Arbeiten: Syowia Kyambi hat im Garten der Galerie eine Wand aus Stroh, Lehm und Kuhdung errichtet, die dazu herausfordert, Klischeevorstellungen \u00fcber primitive afrikanische Behausungen in Frage zu stellen, und dagegen in Zeiten des Klimawandels ein Vorbild sein k\u00f6nnte. Sonia Barrett dagegen hat Landkarten geschreddert. <em>Dreading the Map<\/em> hei\u00dft ihre Arbeit: von <em>to dread<\/em>, f\u00fcrchten, grauen. Karten haben die europ\u00e4ische Expansion, von Kolumbus bis zur Berliner Konferenz 1884, \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht. Aber der Titel ist doppeldeutig: Wie zu Dreadlocks verflochten, h\u00e4ngen ihre Papiergirlanden im Raum.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"764\" data-id=\"1449\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Syowia-Kyambi-Concave-VS-2025_Foto-Frank-Keinbach-2025-C-1024x764.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1449\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Syowia-Kyambi-Concave-VS-2025_Foto-Frank-Keinbach-2025-C-1024x764.png 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Syowia-Kyambi-Concave-VS-2025_Foto-Frank-Keinbach-2025-C-300x224.png 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Syowia-Kyambi-Concave-VS-2025_Foto-Frank-Keinbach-2025-C-768x573.png 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Syowia-Kyambi-Concave-VS-2025_Foto-Frank-Keinbach-2025-C-1536x1146.png 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Le-Sel-Noir_Syowia-Kyambi-Concave-VS-2025_Foto-Frank-Keinbach-2025-C.png 1797w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Syowia Kyambi, Concave VS, 2025. Foto: Frank Keinbach.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Afrodeutsche und andere Schwarze Menschen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bezug auf Glissant er\u00f6ffnet eine Perspektive, die erlaubt, das was hier als &#8222;Schwarze Gegenwartskunst&#8220; bezeichnet wird, besser zu verorten. Um das Problem in vollem Umfang zu verstehen, muss man sich klarmachen, in welchen Begriffen und Dichotomien das Verh\u00e4ltnis zwischen der &#8222;westlichen&#8220; Kunst und anderen Regionen der Welt zu fr\u00fcheren Zeiten gefasst wurde. Als &#8222;Primitivismus&#8220; wird die Bezugnahme der klassischen Moderne auf das bezeichnet, was Picasso &#8222;art n\u00e8gre&#8220; nannte. Das war keineswegs abwertend gemeint, bezog sich jedoch ausschlie\u00dflich die vorkoloniale Produktion. Bis zur Ausstellung <em>Magiciens de la terre<\/em> 1989 im Centre Pompidou wurde nur sehr begrenzt zur Kenntnis genommen, dass es jenseits der &#8222;westlichen Welt&#8220; eine neuere Kunst \u00fcberhaupt gab: <em>Die anderen Modernen<\/em>, wie eine Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt 1997 sie nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das N-Wort, abgeleitet vom spanischen oder portugiesischen <em>negro<\/em>, bezeichnet zun\u00e4chst nur die T\u00f6nung der Haut, auch wenn es heute aufgrund der rassistischen Implikationen als unzumutbar empfunden wird. Es taucht keinesfalls nur in Picassos <em>art n\u00e8gre<\/em>, sondern auch in der Selbstbezeichnung Schwarzer Autoren und K\u00fcnstler der<em> N\u00e9gritude<\/em> wieder auf, die auch die Diaspora einschloss. Gleichwohl bestand die Bewegung in der Suche nach einem wesenhaft <em>Anderen<\/em>, das sich vom afrikanischen Kontinent herleitete, nicht anders als anglophone Begriffe wie <em>Afropolitanism<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Suche nach den Wurzeln, den &#8222;roots&#8220;, stellt Glissant mit Deleuze und Guattari das Rhizom gegen\u00fcber, das eben keinen &#8222;Ursprung&#8220; kennt, sondern sich horizontal ausbreitet und damit, jedenfalls auf l\u00e4ngere Sicht, eher migrantischen Erfahrungen entspricht. Denn in aller Regel k\u00f6nnen und wollen Migranten, gleich ob sie auf der Flucht vor Katastrophen, vor Kriegen oder aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden ihr Land verlassen haben, nicht dorthin zur\u00fcck, wenn auch generationen\u00fcbergreifende Beziehungen bestehen bleiben. Diese Welterfahrung teilen Schwarze Menschen mit Migranten aus anderen Weltregionen. Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, heute Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, hat dies in seinem Projektraum <em>Savvy<\/em> hervorgehoben, indem er in aller Regel je zwei K\u00fcnstler\/innen der S\u00fcdhemisph\u00e4re, keinesfalls nur Schwarze oder Afrikaner, solchen aus Europa oder Nordamerika gegen\u00fcbergestellt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichwohl gibt es unter jungen Menschen, die etwa in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ein starkes Bed\u00fcrfnis, sich als eigene Gruppe zu definieren und auszutauschen, da sie bestimmte Erfahrungen und Probleme teilen. Als Terminus hat sich <em>Schwarze Menschen <\/em>etabliert, wie im Namen der <em>Initiative Schwarze Menschen in Deutschland<\/em>: Das gro\u00dfe <em>S<\/em> deutet an, dass es sich nicht einfach nur um die Hautfarbe, sondern um eine Zuschreibung handelt. Im Bereich der Literatur ist auch die Bezeichnung <em>Afrodeutsche<\/em> gebr\u00e4uchlich, da es hier um die deutsche Sprache geht. In der Kunst ist der Orientierungsrahmen jedoch weiter gesteckt, wie die Ausstellung zeigt: Es w\u00fcrde keinen Sinn machen, hier zwischen afrodeutschen und anderen K\u00fcnstler\/innen zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Gegenwart<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Die Werke von bildenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern sind spannend, unverzichtbar f\u00fcr die Schwarzen Menschen in diesem Land&#8220;, h\u00e4lt ein Eintrag aus dem Jahr 2004 auf der Website der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung (bpb) fest. &#8222;Sie verleihen den Erfahrungen einer Generation Ausdruck, die sich bisher als vereinzelte geschichtslose Minderheit gesehen hat. Inzwischen sind Schwarze K\u00fcnstler auf internationalen Events vertreten und haben ihren Platz in den Galerien gefunden.&#8220; Freilich geht es hier um &#8222;Kunstschaffende aus Afrika, Amerika oder der Karibik&#8220;. Wenn jemand wie Mo Edoga, 1992 der allererste Documenta-Teilnehmer aus einem afrikanischen Land, damals schon seit zehn Jahren in Mannheim lebte, galt er trotzdem als <em>afrikanischer K\u00fcnstler<\/em>, dessen Arbeit sogar, wie der bpb-Artikel moniert, im Gemeinderat der Stadt aufgrund seiner Herkunft in Zweifel gezogen wurde. Er war <em>Fremd im eigenen Land<\/em>, wie dies ebenfalls 1992 ein Titel der Heidelberger Hiphop-Gruppe <em>Advanced Chemistry<\/em> formulierte, das unl\u00e4ngst in einer Ausstellung des Kurpf\u00e4lzischen Museums mit dem Titel <em>Die Erfindung des Fremden in der Kunst<\/em> zu sehen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass es Schwarze K\u00fcnstler gab, die wie Edoga in Europa lebten oder gar geboren waren wie Yinka Shonibare, der schon auf der Documenta 11 und nun auch im Kurpf\u00e4lzischen Museum vertreten war, blieb aus diesem Blickwinkel ausgeblendet. Inzwischen aber gibt es eine wachsende Zahl j\u00fcngerer Schwarzer Menschen, die in Europa geboren und aufgewachsen sind und sich so nicht richtig wahrgenommen f\u00fchlen: eine kritische Masse, die sich bemerkbar macht und ihre eigenen Perspektiven in die Debatte wirft. Im Ausstellungsbetrieb hat sich dies bisher noch wenig bemerkbar gemacht. Insofern setzt die Ausstellung in Villingen-Schwenningen hier einen Meilenstein. Was sie leistet, reicht jedoch weit \u00fcber eine Selbstvergewisserung der Schwarzen Community hinaus. Julika Baumann Montecinos, Professorin f\u00fcr transkulturelles Management der Hochschule Furtwangen, deren Schwenninger Campus direkt an die Galerie grenzt, hat sie zum Thema eines Seminars \u00fcber transkulturelles Lernen gemacht: weil sich die Arbeiten hervorragend eignen, &#8222;gegenseitiges Verst\u00e4ndnis und einen kultur\u00fcbergreifenden Austausch&#8220; zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung l\u00e4uft bis 15. Juni.<br>\u00d6ffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 13 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr<br>Anschlie\u00dfend wandert die Ausstellung nach Bremen, wo sie vom 23. August bis zum 26. Oktober in der St\u00e4dtischen Galerie zu sehen sein wird. Ein Katalog ist in Vorbereitung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.villingen-schwenningen.de\/kultur-vielfalt\/staedtische-galerie\/ueber-die-staedtische-galerie\/\">St\u00e4dtische Galerie Villingen-Schwenningen, Le Sel Noir<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die St\u00e4dtische Galerie Villingen-Schwenningen beleuchtet &#8222;Perspektiven Schwarzer Gegenwartskunst&#8220;. Le sel noir hei\u00dft die Ausstellung, nach einem Gedichtband des karibischen Autors \u00c9douard Glissant, erschienen 1983, in deutscher \u00dcbersetzung 2002 unter dem Titel Schwarzes Salz. Salz ist wei\u00df, das wei\u00df jeder. 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