{"id":2400,"date":"2025-07-11T13:58:43","date_gmt":"2025-07-11T11:58:43","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=9396"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"utopien-gesucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/07\/11\/utopien-gesucht\/","title":{"rendered":"Utopien gesucht"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Claudia Emmert \u00fcbernimmt das Kunstmuseum Bonn. Wie sie arbeitet und worauf es ihr ankommt, zeigen aktuelle Ausstellungen in Friedrichshafen und Fellbach.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Museen waren schon immer politisch&#8220;, antwortet Claudia Emmert, angesprochen auf das Thema des 18. Internationalen Bodensee-Symposiums im Mai vorigen Jahres: <em>Wie politisch ist die Museumsarbeit?<\/em> Alle drei Jahre richten das deutsche, schweizerische und \u00f6sterreichische Nationalkomitee des <em>International Council of Museums<\/em> (ICOM) das Symposium aus, zuletzt 2024 in Friedrichshafen. Emmert leitet dort das Zeppelin Museum und geh\u00f6rt seit drei Jahren zum Vorstand von ICOM Deutschland. Auf dem Symposium moderierte sie eine Diskussion zum Thema<em> Utopien gesucht<\/em>. Ein Workshop der Bonner Sport- und Kulturdezernentin Birgit Schneider-B\u00f6nninger stand unter dem Titel: <em>Museum als Revolte! Museumspraxis als politische Praxis<\/em>. Bonn suchte gerade eine\/n Nachfolger\/in f\u00fcr den scheidenden Intendanten des Kunstmuseums, Stephan Berg. Im Dezember \u00fcbernimmt Emmert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie sieht sie das Bonner Museum im Gegen\u00fcber zur deutlich besser ausgestatteten Bundeskunsthalle? Der Etat f\u00fcr Wechselausstellungen soll konstant bleiben, der Ankaufsetat sinken, das hat die Stadt Bonn schon vor der Ausschreibung der Stelle beschlossen. Wie soll sich das Kunstmuseum in Konkurrenz zu nahe gelegenen, gro\u00dfern H\u00e4usern wie dem Museum Ludwig in K\u00f6ln oder der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in D\u00fcsseldorf behaupten? Was Emmert vorhat, wird deutlicher, wenn man sich ansieht, was sie bisher gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aktuelle Fragen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Friedrichshafen hat vor kurzem ihre letzte Ausstellung er\u00f6ffnet. Der Titel <em>Bild und Macht<\/em>&nbsp;unterstreicht ihre Aussage: Es ist eine politische Ausstellung. Dabei sollte es wieder einmal um den Zeppelin gehen. Das Museum besitzt zwei Sammlungen: die weltweit gr\u00f6\u00dfte zur Geschichte der Luftschifffahrt und eine vorwiegend regional orientierte Kunstsammlung. Emmert ist durchaus technikaffin, wie Ausstellungen zu Themen wie <em>M\u00f6glichkeit Mensch. K\u00f6rper, Sph\u00e4ren, Apparaturen<\/em>&nbsp;(2016) oder <em>Innovationen! Zukunft als Ziel <\/em>(2018) zeigen. Aber sie ist keine Technikfetischistin. Sie tat, was sie immer getan hat, seit sie in Friedrichshafen angefangen hat: Sie drehte die Perspektive um. Statt mit den historischen Fotos und Filmen aus ihrem Archiv die Geschichte des Zeppelins zu feiern, zeigt sie ihren Besucher\/innen, wie diese Bilder f\u00fcr Propagandazwecke ge- und missbraucht wurden. Bis hin F\u00e4lschungen: Fake News vor der digitalen \u00c4ra.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Kolonialzeit sollten Bilder des Luftschiffs die technische und milit\u00e4rische \u00dcberlegenheit des Deutschen Reichs hervorheben. Im Ersten Weltkrieg wurden vom Zeppelin aus Bomben auf London abgeworfen, was die Engl\u00e4nder zuerst in Angst und Schrecken versetzte, dann aber auch gut f\u00fcr die Gegenpropaganda war: Denn f\u00fcr die Luftabwehr waren die Kolosse, die sich im Schneckentempo vorw\u00e4rts bewegten, ein leichtes Ziel. Auch die Nazis schlachteten den Zeppelin-Mythos f\u00fcr Propagandazwecke aus. Bis die Katastrophe von Lakehurst 1937 der Herrlichkeit ein Ende setzte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1012\" height=\"1024\" data-id=\"1590\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017-1012x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1590\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017-1012x1024.jpg 1012w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017-296x300.jpg 296w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017-768x777.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017-1518x1536.jpg 1518w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017-100x100.jpg 100w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/LZF-056-0017.jpg 1683w\" sizes=\"(max-width: 1012px) 100vw, 1012px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" data-id=\"1591\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-819x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1591\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-819x1024.jpg 819w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-240x300.jpg 240w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-768x960.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-1229x1536.jpg 1229w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-1638x2048.jpg 1638w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/BM_KeyVisual_Poster_4_5_de_orange-scaled.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" data-id=\"1589\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1589\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-683x1024.jpg 683w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-200x300.jpg 200w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-768x1152.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Aziza-Kadyri-Portrait-2024-credit-Ekaterina-Timko-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Eine der historischen Fotografien der Ausstellung &#8222;Bild und Macht&#8220; zeigte das LZ56\/LZ86 am Landeplatz in K\u00f6nigsberg, Winter 1915\/1916. Foto: Zeppelin Museum Friedrichshafen. <strong>Middle<\/strong>: Plakatmotiv der Ausstellung &#8222;Bild und Macht, Zeppelin-Fotografie im Fokus&#8220;, 2025. <strong>Right<\/strong>: Eine der K\u00fcnstlerinnen, die f\u00fcr &#8222;Bild und Macht&#8220; nach Friedrichshafen eingeladen wurden, war die in London arbeitende Usbekin Aziza Kadyri. Foto: Ekaterina Timko.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu lud Emmert drei j\u00fcngere K\u00fcnstler\/innen ein, das Thema aus postkolonialer Perspektive zu beleuchten, und schuf eigens daf\u00fcr ein neues Stipendium. Christelle Oyiri, Schwarze K\u00fcnstlerin aus Paris, und die in England lebende Usbekin Aziza Kadyri haben im Archiv des Museums gearbeitet. Oyiri stellt etwa in einem Film, hergestellt auch mit den Mitteln der K\u00fcnstlichen Intelligenz, die Geschichte der Havarie von Lakehurst den Anschl\u00e4gen auf die New Yorker <em>Twin Towers<\/em> am 9. September 2001 gegen\u00fcber und konterkariert diese Medienereignisse mit den scheinbar naiven Fragen eines kleinen Jungen an Passanten. Die K\u00fcnstler\/innen hat allerdings nicht Emmert selbst ausgesucht, sondern Mara-Johanna K\u00f6lmel, die seit Anfang des Jahres die Kunstabteilung leitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung zeigt exemplarisch, wie Emmert in ihren elf Jahren in Friedrichhafen immer wieder vorgegangen ist. Als sie anfing, hielten manche die Abteilung Kunst f\u00fcr verzichtbar. Die Kunstsammlung des Zeppelin Museums besteht aus 3.882 Werken seit mittelalterlicher Zeit. Nach dem Krieg neu aufgebaut, nachdem eine \u00e4ltere Sammlung zerst\u00f6rt worden war, war sie sp\u00e4ter allerdings nur noch wenig gewachsen. Emmerts Strategie bestand darin, an beide, die Kunst wie die Technik, aktuelle Fragen zu stellen: auch aus der Perspektive der Gegenwartskunst. Eine Dauerausstellung beleuchtet derzeit die Provenienz der Kunstsammlung: Sie will aber nicht nur zeigen, welche Werke vielleicht zur\u00fcckerstattet werden m\u00fcssten, sondern erarbeitet das gesamte Netzwerk aus K\u00fcnstler\/innen, Galeristen, Sammlern und Politik, aus dem die Sammlung in der Nachkriegszeit hervorgegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vertraut mit Politik, Wirtschaft und Verwaltung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Emmert kuratiert, zusammen mit ihrer langj\u00e4hrigen Mitarbeiterin Ina Neddermeyer, l\u00e4uft derzeit in Fellbach bei Stuttgart die 16. Triennale Kleinplastik. Kleinplastik: das klingt nach nicht viel. Aber es steckt einiges dahinter. Bereits 1980 hat der Fellbacher Oberb\u00fcrgermeister Friedrich Wilhelm Kiel die Triennale ins Leben gerufen. Er wollte Monumentalit\u00e4t vermeiden: Nicht das Format sollte sprechen, sondern Witz und Ideen. Die Triennale wurde von Mal zu Mal gr\u00f6\u00dfer, konfrontierte westeurop\u00e4ische Kunst mit solcher aus Osteuropa, dann auch aus Mexiko, Ostasien und Afrika. In den 1990er-Jahren war dies noch ziemlich einzigartig. Allerdings musste die Triennale vor\u00fcbergehend nach Stuttgart umziehen, da der Fellbacher Gemeinderat seinem OB die Gefolgschaft verweigerte. Seit 2001 findet sie wieder in Fellbach statt, unter dem beeindruckenden Dach der Alten Kelter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" data-id=\"13470\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach-Sarah-Ama-Duah-ausschnitt-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13470\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach-Sarah-Ama-Duah-ausschnitt-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach-Sarah-Ama-Duah-ausschnitt-300x169.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach-Sarah-Ama-Duah-ausschnitt-768x432.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach-Sarah-Ama-Duah-ausschnitt-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach-Sarah-Ama-Duah-ausschnitt-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" data-id=\"1598\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach_Sammy-Baloji_1-ausschnitt-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1598\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach_Sammy-Baloji_1-ausschnitt-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach_Sammy-Baloji_1-ausschnitt-300x169.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach_Sammy-Baloji_1-ausschnitt-768x432.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach_Sammy-Baloji_1-ausschnitt-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Triennale-Fellbach_Sammy-Baloji_1-ausschnitt-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Ausstellungsansichten der Triennale Fellbach Kleinplastik 2025, kuratiert von Claudia Emmert, mit Arbeiten von Sarah Ama Duah (links) und Sammy Balohi (rechts). Fotos: Triennale Fellbach.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Triennale schlie\u00dft sich f\u00fcr Emmert ein Kreis. Sie ist in Fellbach geboren und aufgewachsen und hat hier ihre ersten Schritte ins Berufsleben gemacht. Nach Ausstellungsf\u00fchrungen auf der Triennale 1992 wurde sie stellvertretende Leiterin des Fellbacher Kulturamts und kuratierte erste Ausstellungen in der St\u00e4dtischen Galerie. F\u00fcr zehn Jahre wechselte sie anschlie\u00dfend zum Deutschen Sparkassenverlag und wurde dann Leiterin der St\u00e4dtischen Galerie Erlangen, die sie, auf der Suche nach einer k\u00fcrzeren URL, in <em>Kunstpalais<\/em> umbenannte. Hier veranstaltete sie erste ambitionierte, politische Ausstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darunter eine zum Thema <em>T\u00f6ten<\/em>. &#8222;Killerspiele, Amokl\u00e4ufe, Ehrenmorde, Kindst\u00f6tungen&#8220;, hie\u00df es in der Ank\u00fcndigung, &#8222;Lustmorde, Selbstmorde, politische Morde, V\u00f6lkermorde, Selbstmordattent\u00e4ter, Terroranschl\u00e4ge, Kriege und B\u00fcrgerkriege, T\u00f6ten von Zivilisten, get\u00f6tete Soldaten, vom T\u00f6ten traumatisierte Soldaten: Das T\u00f6ten scheint in unserer medialisierten Welt allgegenw\u00e4rtig geworden.&#8220; Emmert interessierten die k\u00fcnstlerischen Perspektiven auf das Tabu-Thema. Es folgte eine Ausstellung zum Thema <em>Freiheit<\/em>, mit K\u00fcnstler\/innen des Arabischen Fr\u00fchlings, aber auch Ai Weiwei, der sein Land damals nicht verlassen konnte. Vier Jahre war sie in Erlangen, bevor sie ans Zeppelin Museum wechselte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fokus Nachhaltigkeit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Emmerts Triennale steht unter dem Titel <em>Habitate<\/em>. Sie zeigt 44 k\u00fcnstlerischen Positionen aus allen Teilen der Welt: solche, die schon auf anderen Biennalen zu sehen waren wie Sammy Baloji aus der Demokratischen Republik Kongo, aber auch viele, mit denen Emmert zu verschiedenen Zeiten schon einmal zusammengearbeitet hat. Da sie in Fellbach frei schalten und walten konnte, zeigt die Triennale am besten, worauf es ihr ankommt. <em>Habitat<\/em> hei\u00dft Lebensraum. Es ist eigentlich ein Begriff aus der Biologie, eine Unterabteilung des Biotops. Das ist hier durchaus auch gemeint, aber auch der Lebensraum des Menschen, auch das Zusammenleben mit anderen Arten, wenn etwa, sch\u00f6n sinnf\u00e4llig, das Kollektiv <em>Blockadia*Tiefsee<\/em> auf mehreren Erdbetten Kunstwerke mit Regenw\u00fcrmern ko-kreiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachhaltigkeit ist Emmert sehr wichtig. Sie geh\u00f6rt einer Arbeitsgruppe <em>Klimaschutz und Nachhaltigkeit<\/em> im Deutschen Museumsbund an und hat einen Leitfaden zum Thema mit formuliert. Eine der interessantesten Arbeiten der Triennale behandelt den Abbau seltener Erden in Baotou in der Inneren Mongolei, China. 95 Prozent der in unserer batteriegetriebenen, computergest\u00fctzten, digitalen Bildschirmwelt so dringend ben\u00f6tigten Rohstoffe werden hier gewonnen. Hinter dem Projekt steckt die interdisziplin\u00e4re Recherchegruppe <em>Unknown Fields<\/em> um Liam Young und Kate Davies, die in wechselnden Missionen verschiedene Gebiete der Welt bereist, um wie der Name besagt, unbekannte Gebiete zu erforschen. Unautorisierte Filmaufnahmen und Fotos zeigen die \u00f6kologischen Verw\u00fcstungen, die der Abbau der Mineralien anrichtet. Drei Vasen aus schwach radioaktivem Kl\u00e4rschlamm f\u00fchren die Abfallmengen vor Augen, die etwa bei der Herstellung eines Smartphones anfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tiefseebergbau im Pazifik; Kalkabbau f\u00fcr die Betonherstellung; aus schwarzem Glas nachgebildete, in Erd\u00f6l getunkte Vogelkadaver aus dem Persischen Golf: Dies sind die Themen einiger Arbeiten. Andere besch\u00e4ftigen sich mit einer Forschungsstation in der Antarktis, der Ausbreitung von Pandemien, globaler Satellite\u00fcberwachung oder Bodenspekulation und Gentrifizierung in Istanbul \u2013 bis hin zur Gefahr eines nuklearen Infernos. Aus einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt stammen Modelle von Protestcamps, vom Tahrir-Platz in Kairo bis L\u00fctzerath. Aber die Triennale will nicht nur Probleme, sondern auch L\u00f6sungsans\u00e4tze aufzeigen: Julia Lohmann etwa hat Membranen aus Algen \u00fcber Rattangewebe gezogen; entstanden sind formsch\u00f6ne Skulpturen, das Material k\u00f6nnte einmal Kunststoffe ersetzen. Das d\u00e4nische Kollektiv <em>Superflex<\/em> baut mit hautfarbenen, scheinbar organischen Lochziegeln, die bei steigendem Meeresspiegel Fischen als Domizil dienen k\u00f6nnten. <em>Raumlabor Berlin<\/em> hat einen Baukasten entwickelt, der zum Umdenken anregen soll: Flugzeuge, die wegen des Klimawandels nicht mehr fliegen, werden als Baumaterial recycelt. Die <em>Bee DAO<\/em>, eine netzbasierte Dezentrale autonome Organisation, widmet sich dem Wohlergehen von Bienen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"575\" data-id=\"1592\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Kunstmuseum-Bonn_Foto-David-Ertl_quer-ausschnitt-1024x575.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1592\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Kunstmuseum-Bonn_Foto-David-Ertl_quer-ausschnitt-1024x575.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Kunstmuseum-Bonn_Foto-David-Ertl_quer-ausschnitt-300x169.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Kunstmuseum-Bonn_Foto-David-Ertl_quer-ausschnitt-768x431.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Kunstmuseum-Bonn_Foto-David-Ertl_quer-ausschnitt-1536x863.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Kunstmuseum-Bonn_Foto-David-Ertl_quer-ausschnitt-2048x1151.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Das Kunstmuseum in Bonn, Helmut-Kohl-Allee 2, ab 2026 neue Wirkungsst\u00e4tte von Claudia Emmert. Foto: David Ertl.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Und nun Bonn<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei ihrer Bewerbung in Bonn setzte Emmert alles auf eine Karte. Sie wolle keinen <em>White Cube<\/em> wie ihr Vorg\u00e4nger, der vorwiegend klassische Einzelausstellungen gemacht habe. Das Museum soll ein &#8222;aktivistischer Verhandlungsort f\u00fcr Gegenwarts- und Zukunftsfragen&#8220; werden. Sie beruft sich auf die neue Museumsdefinition, die der ICOM 2022 in Prag verabschiedet hat. Barrierefrei und inklusiv soll das Museum sein, hei\u00dft es da; von Diversit\u00e4t und Nachhaltigkeit ist die Rede, die Museen sollen &#8222;partizipativ mit Communities&#8220; arbeiten. &#8222;Museen sind politische Akteure&#8220;, unterstreicht Emmert. Dies lasse sich an folgender Frage ablesen: Wen oder was repr\u00e4sentiere ich und was nicht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Grunds\u00e4tzlich m\u00fcssen Museen wieder deutlich streitbarer werden&#8220;, fordert sie. &#8222;Wir haben uns seit einigen Jahrzehnten in einer Konsensgem\u00fctlichkeit eingerichtet. Nun geht es darum, einen Wechsel von der Konsens- zur Dissenskultur im Sinne der Ethik des konstruktiven Streits zu gestalten. Da muss man auch Haltung zeigen, Nerven bewahren und mit Sicherheit auch durch Krisen hindurchgehen k\u00f6nnen.&#8220; Ein m\u00f6glicher Politikwechsel nach den Bonner Kommunal- und OB-Wahlen im September schreckt sie nicht: &#8222;Die Kultur muss mit jeder politischen Ver\u00e4nderung klarkommen, ganz gleich ob in Bonn oder in Berlin&#8220;, erkl\u00e4rt sie und zitiert Alexander Kluge: &#8222;Die K\u00fcnste beherrschen den Konjunktiv, das Futur II, den Optativ, das Konjugieren der W\u00fcnsche. Vor allem verstehen sie sich auf das Probehandeln in Geiste.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sammlung des Bonner Kunstmuseums ist mit rund 9.000 Kunstwerken zwar mehr als doppelt so gro\u00df wie die des Zeppelin-Museums, l\u00e4sst sich allerdings mit denen gro\u00dfer H\u00e4user mit internationaler Ausstrahlung kaum vergleichen. Der ursp\u00fcngliche Schwerpunkt liegt auf August Macke und dem rheinischen Expressionismus, wurde aber von den Vorg\u00e4ngern im Lauf der Jahre immer wieder, vor allem im Bereich Kunst in Deutschland nach 1945 (mit den Schwerpunkten Malerei, Fotografie und zeitbasierte Medien) erweitert. Emmert geh\u00f6rt auch zur Ankaufskommission der Bundeskunstsammlung. In Bonn steht ihr jedoch kein nennenswerter Ankaufsetat zur Verf\u00fcgung. Und auch der Ausstellungsetat kann sich mit dem der Bundeskunsthalle oder anderer gro\u00dfer H\u00e4user nicht messen. &#8222;Ich werde immer wieder auf das vergleichsweise kleinere Budget des Kunstmuseums angesprochen&#8220;, gibt Emmert zu bedenken. &#8222;Das w\u00e4re nur dann relevant, wenn wir im Kampf um Blockbuster gegeneinander antreten wollten. Mir geht es tats\u00e4chlich mehr um Themen, um aktuelle Fragestellungen unserer Zeit und um den Diskurs, der diese bestimmt \u2013 sowie um einen engen Austausch mit den verschiedenen Communities.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das vor sich gehen soll, erl\u00e4utert sie am Bau des Museums selbst. Das Bonner Kunstmuseum, in den 1980er-Jahren geplant und 1992 er\u00f6ffnet, entstand gleichzeitig mit dem neuen Plenargeb\u00e4ude des Bundestags von G\u00fcnter Behnisch und in einem Zug mit der Bundeskunsthalle: ein repr\u00e4sentatives Ensemble aus zwei gleich gro\u00dfen Quadraten beidseits des neu so benannten Museumsplatzes. Verglichen mit den postmodernen, spitzen Kegeln auf dem Dach der Bundeskunsthalle ist das Kunstmuseum architektonisch allerdings der interessantere Bau. Er stammt von Axel Schultes, wie sp\u00e4ter das Bundeskanzleramt, genannt &#8222;Kanzlerwaschmaschine&#8220; in Berlin. Das Bonner Museum, nach drei Seiten weitgehend geschlossen, zeigt dem Museumsplatz seine einladende Seite. Au\u00dfen- und Innenraum gehen flie\u00dfend ineinander \u00fcber. Eine flache Dachplatte auf d\u00fcnnen Rundpfeilern \u2013wie sp\u00e4ter bei der M\u00fcnchner Pinakothek der Moderne \u2013 definiert die Kante zum Platz und gew\u00e4hrt Einlass in einen beide Etagen umfassenden, offenen Raum, der sich weiter hinten auch wieder nach oben \u00f6ffnet. Dieses Dach zeigt mit einer Spitze nach links, wo die Fassade ganz unterbrochen ist und eine Diagonale ins Innere f\u00fchrt. Im Erdgeschoss werden Teile der Sammlung und im Bedarfsfall Sonderausstellungen gezeigt. Hier befindet sich auch das Caf\u00e9 des Museums. Eine sanduhrartige Treppe im Zentrum f\u00fchrt hinauf in die <em>Bel \u00e9tage<\/em>, den Bereich, der \u00fcberwiegend den Wechselausstellungen vorbehalten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier setzt Emmerts Konzeption ein. Sie m\u00f6chte die Erdgeschossebene nutzen, gern auch den Museumsplatz einbeziehen und Initiativen einladen, ebenso UN-Einrichtungen, die es in Bonn in gro\u00dfer Zahl gibt. Sie will thematische Ausstellungen machen, ausgehend von ihren Best\u00e4nden. &#8222;Wie k\u00f6nnen wir unsere Sammlung neu herausfordern?&#8220;, fragt sie: &#8222;Zu Orten der unbedingten Frage werden?&#8220; Das Kunstmuseum soll sich &#8222;zu einem performativen Verhandlungsort, einem Netzwerkmuseum weiterentwickeln.&#8220; Das offene Erdgeschoss will sie in eine Art Agora verwandeln: ein \u00f6ffentlicher Raum, in dem f\u00fcr die Gesellschaft wichtige Themen besprochen werden, die dann die Kunst auf der oberen Ebene noch einmal anders reflektiert. Sodass, wer aus der Ausstellung kommt, nicht auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen nach Hause zur\u00fcckkehrt, sondern andere Menschen und Ankn\u00fcpfungspunkte findet, wo er oder sie sich einbringen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Utopie? Vielleicht eher eine Heterotopie. Michel Foucault zufolge sind Heterotopien &#8222;wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tats\u00e4chlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Pl\u00e4tze innerhalb der Kultur gleichzeitig repr\u00e4sentiert, bestritten und gewendet sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:12px\">17.07.2025: Einige der Angaben, die unsererseits im Abschnitt &#8222;Und nun Bonn&#8220; \u00fcber das Kunstmuseum Bonn gemacht wurden, wurden durch die Redaktion in Abstimmung mit dem Autor nachtr\u00e4glich &#8211; aufgrund entsprechender Hinweise der Presseabteilung des Hauses &#8211; korrigiert. Diese Angaben betrafen im Wesentlichen den Umfang und die Ausrichtung der Sammlung des Hauses sowie die Nutzung seines Erdgeschosses.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Emmert \u00fcbernimmt das Kunstmuseum Bonn. Wie sie arbeitet und worauf es ihr ankommt, zeigen aktuelle Ausstellungen in Friedrichshafen und Fellbach. &#8222;Museen waren schon immer politisch&#8220;, antwortet Claudia Emmert, angesprochen auf das Thema des 18. Internationalen Bodensee-Symposiums im Mai vorigen Jahres: Wie politisch ist die Museumsarbeit? 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