{"id":2407,"date":"2025-08-15T07:15:51","date_gmt":"2025-08-15T05:15:51","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=9673"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"kiefers-elternhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/08\/15\/kiefers-elternhaus\/","title":{"rendered":"Kiefers Elternhaus"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Besinnung auf die Wurzeln.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Er zeigte mir sein Elternhaus in Ottersdorf, das er zur\u00fcckgekauft hatte&#8220;, erz\u00e4hlt Wim Wenders in einem Interview zu seinem Film <em>Anselm \u2013 Das Rauschen der Zeit<\/em> in der Zeitschrift <em>Architectural Digest<\/em>. Im <em>Exil<\/em>, dem Lokal des aus Wien gefl\u00fcchteten Autors Oswald Wiener in Berlin-Kreuzberg, hatte er Anselm Kiefer 1991 kennengelernt. Kiefer hatte damals eine gro\u00dfe Einzelausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Er galt als umstritten: in Deutschland. In den USA hatte er kurz zuvor einen &#8222;Triumphzug&#8220; gefeiert, wie ein Kritiker meinte. Zwei Jahre sp\u00e4ter kehrte er Deutschland den R\u00fccken und zog nach S\u00fcdfrankreich, wo er sich auf einem ehemaligen Industrieareal niederlie\u00df. Viele Jahre sp\u00e4ter lud er Wenders dorthin ein, der in den riesigen Hallen den gr\u00f6\u00dferen Teil seines Films drehte, einige Szenen aus Kiefers Kindheit jedoch in seinem realen Elternhaus in Ottersdorf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"823\" height=\"1024\" data-id=\"1647\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Rastatt-house_reformatted-823x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1647\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Rastatt-house_reformatted-823x1024.jpg 823w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Rastatt-house_reformatted-241x300.jpg 241w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Rastatt-house_reformatted-768x955.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Rastatt-house_reformatted.jpg 936w\" sizes=\"(max-width: 823px) 100vw, 823px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" data-id=\"1649\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Haus-Ottersdorf-11-Jahre-ausschnitt-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1649\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Haus-Ottersdorf-11-Jahre-ausschnitt-768x1024.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Haus-Ottersdorf-11-Jahre-ausschnitt-225x300.jpg 225w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Haus-Ottersdorf-11-Jahre-ausschnitt-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Haus-Ottersdorf-11-Jahre-ausschnitt-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Haus-Ottersdorf-11-Jahre-ausschnitt.jpg 1539w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Anselm Kiefers Elternhaus in Ottersdorf, einem Ortsteil von Rastatt. <strong>Right<\/strong>: Bereits als Elfj\u00e4hriger zeicnete Kiefer sein Elternhaus. Beide Fotos: Atelier Anselm Kiefer, Alle Rechte: Anselm Kiefer.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ottersdorf geh\u00f6rt heute zu Rastatt, von dem es seit Anfang der 1990er-Jahre durch das Mercedes-Benz-Werk getrennt ist. Das Dorf, drei Kilometer vom Rheinufer entfernt, ist idyllisch geblieben: alte Fachwerkh\u00e4user, eine Kirche und ein Pfarrhaus aus dem fr\u00fchen 19.&nbsp;Jahrhundert. Etwas j\u00fcnger das Haus Kiefer: anfangs ein eingeschossiges Schulgeb\u00e4ude, das in den 1930er-Jahren aufgestockt und in ein Wohnhaus f\u00fcr Lehrer umgewandelt wurde. Es steht in einer Stra\u00dfengabelung nahe der Ortsmitte, perfekt restauriert, aber ansonsten, in seinen Braunt\u00f6nen, mit Satteldach, Sprossenfenstern und Fensterl\u00e4den, wenig spektakul\u00e4r. Nur der Schriftzug &#8222;Haus Kiefer&#8220; \u00fcber der T\u00fcr an der rechten Seite verr\u00e4t, dass es sich um ein Ausstellungshaus handelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich habe das Haus 2019 erworben&#8220;, pr\u00e4zisiert Kiefer auf Anfrage &#8222;Vielleicht w\u00e4re es auch fr\u00fcher m\u00f6glich gewesen, aber es war ja bewohnt. Ich fand es sehr schade zu sehen, dass das Haus in keinem guten Zustand war und hatte deshalb die Idee, es wieder herstellen zu lassen und Ausstellungen darin zu zeigen. Die Restaurierung hat einige Jahre gedauert, denn sie sollte handwerklich und vom Material her von guter Qualit\u00e4t sein.&#8220; Seit Mai ist das Haus freitags und samstags f\u00fcr Besucher ge\u00f6ffnet. Kiefer, der im M\u00e4rz 80 Jahre alt geworden ist, hat dort die ersten sechs Jahre seiner Schulzeit gelebt. Eine Zeichnung des Elfj\u00e4hrigen zeigt akkurat, wie es in der Stra\u00dfengabelung steht, ein Garten dahinter. Man meint, das Motorrad am vorderen Bildrand knattern zu h\u00f6ren. In einem Aquarell ist die katholische Kirche von Ottersdorf festgehalten, in der Kiefer als Ministrant gedient hat. &#8222;Meine Erziehung war streng katholisch&#8220;, erl\u00e4utert der K\u00fcnstler. &#8222;Sonntags musste man zur Kirche gehen und einmal im Jahr zur Beichte, m\u00f6glichst zur Osterzeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"654\" data-id=\"1650\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/19-Resumptio-1974-validated-ausschnitt-1024x654.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1650\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/19-Resumptio-1974-validated-ausschnitt-1024x654.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/19-Resumptio-1974-validated-ausschnitt-300x192.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/19-Resumptio-1974-validated-ausschnitt-768x490.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/19-Resumptio-1974-validated-ausschnitt-1536x981.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/19-Resumptio-1974-validated-ausschnitt-2048x1308.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Anselm Kiefer, Resumptio, 1974. Foto: Atelier Anselm Kiefer, Alle Rechte: Anselm Kiefer.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Des Malers Palette<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine gefl\u00fcgelte Palette schwebt \u00fcber einem Grab in dem 1974 entstandenen Gem\u00e4lde <em>Resumptio<\/em>, der Titel eine Verschmelzung von <em>Resurrectio<\/em> \u2013 Auferstehung \u2013 und <em>Assumptio<\/em> \u2013 Mari\u00e4 Himmelfahrt. Das Grab ist durch das christliche Symbol des Kreuzes gekennzeichnet, doch schon hier sucht Kiefer sein Heil in der Malerei. &#8222;Ich habe mich schon sehr fr\u00fch, seit Beginn meiner k\u00fcnstlerischen Arbeit, f\u00fcr religi\u00f6se und spirituelle Ideen interessiert&#8220;, f\u00fchrt der K\u00fcnstler aus, &#8222;und tue dies auch weiterhin, denn die Wissenschaft kann ja keine wirklich zufriedenstellenden Antworten auf die Fragen geben, woher wir kommen und wohin wir gehen.&#8220; Ein anderes Bild zeigt einen schwarzen Engel, der wieder eine Palette bringt. Der Titel <em>Der Eingeborene<\/em> bezeichnet dagegen nicht etwa eine anthropomorphe Darstellung Jesu Christi, sondern eine hochformatige Bleitafel mit getrockneten Pflanzen am unteren Rand. 1986, als das Werk entstand, war Kiefer bereits aus der Kirche  ausgetreten. &#8222;Der Anlass war der Skandal um den Banco Ambrosiano in den achtziger Jahren, der sp\u00e4testens bekannt wurde, als einer der Hauptbeteiligten tot unter einer Londoner Br\u00fccke hing.&#8220; Es handelte sich um Roberto Calvi, Pr\u00e4sident der mehrheitlich im Besitz des Vatikan befindlichen Bank. In alle m\u00f6glichen dunklen Gesch\u00e4fte wie Geldw\u00e4sche und Drogenhandel verwickelt, war er erh\u00e4ngt unter der Blackfriars Bridge aufgefunden worden, nach Auffassung der italienischen Staatsanwaltschaft ein Opfer der Mafia.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Er\u00f6ffnungsausstellung sind, jedenfalls f\u00fcr Kiefers Verh\u00e4ltnisse, eher kleine Formate ausgestellt. F\u00fcr seine gro\u00dfformatigen Leinw\u00e4nde w\u00e4ren die R\u00e4ume des Hauses viel zu klein. Ein Leitmotiv ist die Malerpalette, ein dominierendes Thema dagegen der Nationalsozialismus. Kaum ein anderer K\u00fcnstler seiner Generation hat sich so intensiv mit diesem finstersten Kapitel der deutschen Geschichte besch\u00e4ftigt wie Kiefer. Die Titel <em>Hagenbewegung<\/em> und <em>Wintergewitter<\/em> bezeichnen Decknamen von Operationen des Russlandfeldzugs, des wohl grausamsten Abschnitts der NS-Geschichte und des Zweiten Weltkriegs, im Zuge dessen Millionen Juden ermordet wurden und die russische Bev\u00f6lkerung regelrecht ausgehungert wurde. Schwarze, n\u00e4chtliche Ackerfurchen, von Schnee bepudert, verj\u00fcngen sich zum Horizont, menschenleer. Ein weiteres, \u00e4hnliches Bild tr\u00e4gt den Titel <em>Noch ist Polen nicht verloren<\/em>, nach der Nationalhymne des Landes.#<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"895\" data-id=\"1653\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unternehmen-_Hagenbewegung_-1975-ausschnitt-1024x895.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1653\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unternehmen-_Hagenbewegung_-1975-ausschnitt-1024x895.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unternehmen-_Hagenbewegung_-1975-ausschnitt-300x262.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unternehmen-_Hagenbewegung_-1975-ausschnitt-768x671.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Unternehmen-_Hagenbewegung_-1975-ausschnitt.jpg 1143w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Anselm Kiefer, Unternehmen Hagenbewegung, 1975. Foto: Atelier Anselm Kiefer, Alle Rechte: Anselm Kiefer.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">In die Rolle der T\u00e4ter versetzen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Offizier&#8220;, antwortet Kiefer auf die Frage nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr sein Interesse an der NS-Zeit, &#8222;aber zuhause und in der Schule erfuhren wir sehr wenig, was mir im Nachhinein unbegreiflich ist. Die Wehrmacht war bei uns zu Hause etwas Sakrosanktes. \u00dcber Kriegsverbrechen wurde nie gesprochen. Durch die Ruinen, in denen ich gespielt habe, wusste ich vom Krieg. Aber \u00fcber die abscheulichen Verbrechen der Nazis, \u00fcber die radikale Ausl\u00f6schung der Juden habe ich nichts erfahren. Wir bekamen weder Bilder noch Filme \u00fcber die Lager von Auschwitz zu sehen. Das Dritte Reich wurde auf gleiche Weise behandelt wie Alexander der Gro\u00dfe oder Julius C\u00e4sar.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das \u00e4nderte sich erst im Kunststudium. &#8222;Prim\u00e4rer Ausl\u00f6ser f\u00fcr meine intensive Besch\u00e4ftigung mit dem Nationalsozialismus&#8220;, so Kiefer, &#8222;war das H\u00f6ren einer Schallplatte mit Ausschnitten mir v\u00f6llig unbekannter Reden von Hitler, Goebbels und G\u00f6ring, als ich bereits an der Kunstakademie in Karlsruhe war, also mit etwa 23 Jahren. Das war eine von den Amerikanern aufgenommene Schallplatte zur Entnazifizierung der Deutschen. Diese Aufnahmen haben eine Art Schock bei mir ausgel\u00f6st, ich fand sie einerseits absto\u00dfend und l\u00e4cherlich, aber auch so unglaublich und faszinierend, dass ich der Sache auf den Grund gehen wollte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesem Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen, entstand seine Abschlussarbeit an der Karlsruher Kunstakademie: eine Serie von Schwarzwei\u00dffotos, die den K\u00fcnstler an verschiedenen Orten des von den Nazis besetzten Europa zeigen, den rechten Arm zum Hitlergru\u00df ausgestreckt. Diese Fotos verletzten ein Tabu und machten Kiefer ungewollt zu einer umstrittenen Figur. Der K\u00fcnstler selbst erkl\u00e4rt die Serie, die am Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht, folgenderma\u00dfen: &#8222;Daraufhin habe ich 1969 meine Aktion der <em>Besetzungen<\/em> in der Wehrmachtsuniform meines Vaters durchgef\u00fchrt, um mich in die Rolle der T\u00e4ter zu versetzen und mich zu fragen, was ich damals getan h\u00e4tte. Ich wollte einer Erkl\u00e4rung dieses Wahnsinns n\u00e4herkommen, denn wirklich verstehen kann man ihn ja nicht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Andere Bilder sind freundlicher. <em>F\u00fcr Julia \u2013 Himmel und Erde<\/em>, 1972 entstanden, zeigt eine Waldlandschaft \u00e4hnlich D\u00fcrers <em>Weiher im Walde<\/em>. Die <em>Donauquelle<\/em> spielt auf Kiefers ersten Wohnort Donaueschingen an, <em>Eberbach<\/em> <em>(f\u00fcr Julia) <\/em>auf einen sp\u00e4teren im Odenwald. Doch immer wieder kommt der K\u00fcnstler auf die NS-Geschichte zur\u00fcck, auch mit zwei Werken zu den bekanntesten Zeilen aus Paul Celans <em>Todesfuge<\/em>: <em>Dein blondes Haar, Margarethe <\/em>steht auf einer Leinwand, die Haarfarbe \u00fcbersetzt in aufgeklebtes Stroh. <em>Dein schwarzes Haar, Sulamith<\/em>, zeigt dagegen eine entbl\u00f6\u00dfte Frauenfigur unter groben, schwarzen Pinselstrichen neben drei Hochh\u00e4usern. Imagin\u00e4re, oder \u2013 nach einer Israelreise zu Beginn der 1980er-Jahre \u2013 auch vor Ort gesehene Landschaften vom <em>See Genezareth<\/em> bis zum <em>Auszug aus \u00c4gypten<\/em> beziehen sich gleichwohl mehr auf die biblische Geschichte als auf die reale Topografie. Weitere Arbeiten spielen an auf eine Gedichtzeile von Victor Hugo oder auf das Gedicht <em>In Flanders Fields<\/em> des kanadischen Arztes John McCrae aus dem Ersten Weltkrieg, wiedergegeben als Grabkreuz in einem Mohnfeld, woran auch <em>Des Malers Atelier<\/em> erinnert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Faszination Wagner<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Empfand der junge Kiefer, als er v\u00f6llig unvorbereitet die Reden Adolf Hitlers und Joseph Goebbels&#8216; h\u00f6rte, neben Abscheu auch eine Spur von Faszination, so verhielt es sich bei Richard Wagner genau umgekehrt. &#8222;Als ich vielleicht vierzehn Jahre alt war, h\u00f6rte ich mit meiner Mutter im Radio Wagners <em>Lohengrin<\/em>&#8222;, erinnert sich der K\u00fcnstler. &#8222;Das war eine \u00dcbertragung der Bayreuther Festspiele, die ja nach dem Krieg nur einige Jahre ausgesetzt und seit 1951 fortgef\u00fchrt wurden&#8220; \u2013 wie Kiefer heute wei\u00df. &#8222;Diese Oper hat mich damals stark beeindruckt. Dass Wagner Antisemit war, von Hitler verehrt und von den Nationalsozialisten f\u00fcr ihre Zwecke missbraucht, habe ich erst viel sp\u00e4ter als Erwachsener erfahren. Da hat sich mir dann die Frage gestellt, ob Wagners Musik und seine Schriften Wegbereiter f\u00fcr den Nationalsozialismus waren und ich habe viel dazu gelesen und gearbeitet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Richard Wagner hat mit seiner Hetzschrift <em>Das Judenthum in der Musik<\/em> wesentlich zu Verbreitung des Antisemitismus beigetragen und kann mit seiner r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Germanenmythologie als einer der Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten. Kiefer ist allerdings der Meinung, dass man Person und Werk trennen sollte und verweist auch auf Martin Heidegger und Louis-Ferdinand C\u00e9line: &#8222;Es w\u00e4re fatal, ihre bedeutenden Werke mit biografischen Argumenten zu zerst\u00f6ren.&#8220; In seinen Werken besch\u00e4ftigt sich der K\u00fcnstler denn auch weniger mit der Person und dem Werk Wagners selbst, als vielmehr mit der problematischen Rolle, die sie im Nationalsozialismus gespielt haben. <em>Die Meistersinger von N\u00fcrnberg<\/em>, die Oper, auf die sich eines der Werke der Ausstellung bezieht, wurden zum Auftakt der Reichsparteitage aufgef\u00fchrt. Strohb\u00fcndel auf dunklem Grund erinnern an einen Fackelzug. Allerdings hat Kiefer diese Oper vielfach, auch auf verschiedene Weise thematisiert und umgekehrt in ganz \u00e4hnlicher Weise auch andere Themen verbildlicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"789\" height=\"1024\" data-id=\"1652\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Herzeleide-1979-validated-ausschnitt-789x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1652\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Herzeleide-1979-validated-ausschnitt-789x1024.jpg 789w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Herzeleide-1979-validated-ausschnitt-231x300.jpg 231w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Herzeleide-1979-validated-ausschnitt-768x997.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Herzeleide-1979-validated-ausschnitt-1183x1536.jpg 1183w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Herzeleide-1979-validated-ausschnitt.jpg 1494w\" sizes=\"(max-width: 789px) 100vw, 789px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"780\" height=\"1024\" data-id=\"1651\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jpg-300-dpi-Dein-aschenes-Haar-Sulamith-1981-780x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1651\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jpg-300-dpi-Dein-aschenes-Haar-Sulamith-1981-780x1024.jpg 780w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jpg-300-dpi-Dein-aschenes-Haar-Sulamith-1981-228x300.jpg 228w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jpg-300-dpi-Dein-aschenes-Haar-Sulamith-1981-768x1009.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jpg-300-dpi-Dein-aschenes-Haar-Sulamith-1981-1170x1536.jpg 1170w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/jpg-300-dpi-Dein-aschenes-Haar-Sulamith-1981.jpg 1417w\" sizes=\"(max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Anselm Kiefer, Herzeleide, 1979. <strong>Right<\/strong>: Anselm Kiefer, Dein aschenes Haar, Sulamith, 1981. Beide Fotos: Atelier Anselm Kiefer, Alle Rechte: Anselm Kiefer.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Riesige Leinw\u00e4nde, Stroh, teilweise abgefackelt: Die Bildmittel, mit denen Kiefer seit den 1970er-Jahren f\u00fcr Aufmerksamkeit gesorgt hat, pr\u00e4gen heute die Erwartungen an das Werk des K\u00fcnstlers. Aus heutiger Sicht interessanter erscheint demgegen\u00fcber ein kleineres, eher konventionelles Gem\u00e4lde. &#8222;Herzeleide&#8220; steht neben dem Bild einer Frau im Profil in der linken oberen Bildecke. &#8222;Herzeleide ist die Mutter von Parsifal, dem Helden aus Wagners gleichnamiger Oper&#8220;, so beschreibt Kiefer den Zusammenhang. &#8222;Da ihr Mann als Ritter ums Leben gekommen ist, zieht sie ihren Sohn v\u00f6llig abgeschieden im Wald auf, um ihn vor den Gefahren des Ritterlebens zu sch\u00fctzen. Als Parsifal vorbeiziehende Ritter sieht, verl\u00e4sst er jedoch seine Mutter, woraufhin Herzeleide vor Kummer stirbt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu sehen ist eine Figur, die in jeder Hinsicht dem nationalsozialistischen Frauenideal entspricht. &#8222;Die Fotografie einer B\u00e4uerin, die diesem Aquarell zugrunde liegt, hatte ich in einem Buch aus der Zeit des Dritten Reichs gefunden&#8220;, erkl\u00e4rt der K\u00fcnstler. Das Foto diente dazu, das Reichserbhofgesetz zu illustrieren: &#8222;Die B\u00e4uerin h\u00e4lt ein Dokument in der Hand, das den unver\u00e4u\u00dferlichen Charakter des Gutshofes bescheinigt, das hei\u00dft, dass nach dem Tod des Vaters der Besitz auf einen einzigen Sohn \u00fcbergehen und nicht aufgeteilt werden sollte.&#8220; Auch wenn der Titel auf Wagner und der sprechende Name auf den Kummer der Mutter verweist, den man der Frau mit dem gebeugten Haupt f\u00f6rmlich anzusehen meint, bezieht sich das Werk weit eher auf die Rolle der Frau im Nationalsozialismus und die Blut-und-Boden-Ideologie. In der Hand h\u00e4lt Herzeleide hier weder einen Brief, noch ein Dokument, sondern die Malerpalette.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Haus Kiefer befindet sich in der Friedhofstra\u00dfe 1 in Rastatt-Ottersdorf und ist freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags von 14 bis 17 Uhr ge\u00f6ffnet. Tickets und F\u00fchrungen k\u00f6nnen nur online gebucht werden: <a href=\"https:\/\/hauskiefer.mapado.com\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">https:\/\/hauskiefer.mapado.com\/de<\/a>. Alle weiteren Informationen findet man hier: <a href=\"https:\/\/haus-kiefer-rastatt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">https:\/\/haus-kiefer-rastatt.de\/<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besinnung auf die Wurzeln. &#8222;Er zeigte mir sein Elternhaus in Ottersdorf, das er zur\u00fcckgekauft hatte&#8220;, erz\u00e4hlt Wim Wenders in einem Interview zu seinem Film Anselm \u2013 Das Rauschen der Zeit in der Zeitschrift Architectural Digest. Im Exil, dem Lokal des aus Wien gefl\u00fcchteten Autors Oswald Wiener in Berlin-Kreuzberg, hatte er Anselm Kiefer 1991 kennengelernt. 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