{"id":2412,"date":"2025-09-20T10:30:19","date_gmt":"2025-09-20T08:30:19","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=9867"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"zukunftsprogramm-an-der-rheinischen-riviera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/09\/20\/zukunftsprogramm-an-der-rheinischen-riviera\/","title":{"rendered":"Zukunftsprogramm an der Rheinischen Riviera"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Besuch im Arp Museum Bahnhof Rolandseck bei Dr. Julia Wallner<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck wirbt in seinen ausgeschriebenen Stellenanzeigen mit dem sch\u00f6nsten Arbeitsplatz. Das k\u00f6nnte stimmen, befinden sich doch der ehemalige Bahnhof Rolandseck und der gl\u00e4serne Neubau des amerikanischen Stararchitekten Richard Meier eingebettet zwischen Rheinpanorama und Waldkulisse. Nach einem Besuch im Museumscaf\u00e9, welches Aussicht auf das den Rhein hinterfangende Siebengebirge bietet, f\u00fchrt ein verglaster Aufzug auf eine H\u00f6he von 40 Meter \u00fcber dem Strom, sodass die lichtgefluteten Ausstellungshallen den Blick unmittelbar ins Gr\u00fcne schweifen lassen. An die &#8222;Rheinische Riviera&#8220; hat es vor drei Jahren auch Direktorin Dr. Julia Wallner gezogen. Sie promovierte zu Jenny Holzer, war zun\u00e4chst als Volont\u00e4rin und sp\u00e4ter als Kuratorin im Kunstmuseum Wolfsburg t\u00e4tig und leitete anschlie\u00dfend knapp zehn Jahre lang das Georg Kolbe Museum in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vom Netzwerk profitieren<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wallner erz\u00e4hlt aus ihrer Zeit am Kolbe Museum: &#8222;Das ist ein Geb\u00e4ude-Ensemble aus den 1920er-Jahren, welches sich im Schwerpunkt der Skulptur widmet. Ich habe dieses Haus aus einem sehr unbekannten Status am Rande der Stadt neu aktivieren k\u00f6nnen, auch f\u00fcr ein j\u00fcngeres Publikum.&#8220; In Berlin realisierte sie zeitgen\u00f6ssische Ausstellungen von Thomas Sch\u00fctte und Mona Hatoum, setzte aber auch klassische Themen aus den 1920er-Jahren um. Bereits 2016 verantwortete Wallner dort eine Ausstellung zu Hans Arp. Wallner: &#8222;Kolbe und Arp Museum sind gemeinsam vernetzt in der AG Bildhauer Museen. Die Kollegin Astrid von Asten, welche die aktuelle Ausstellung zur K\u00fcnstlergruppe <em><br>Abstraction-Cr\u00e9ation<\/em> vorbereitet hat, war damals auch in die Berliner Ausstellung zu Hans Arp involviert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1704\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Dr-Julia-Wallner_Arp-Museum_Foto-Helmut-Reinelt-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1704\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Dr-Julia-Wallner_Arp-Museum_Foto-Helmut-Reinelt-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Dr-Julia-Wallner_Arp-Museum_Foto-Helmut-Reinelt-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Dr-Julia-Wallner_Arp-Museum_Foto-Helmut-Reinelt-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Dr-Julia-Wallner_Arp-Museum_Foto-Helmut-Reinelt-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Dr-Julia-Wallner_Arp-Museum_Foto-Helmut-Reinelt-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Dr. Julia Wallner. Foto: Helmut Reinelt.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wallner erz\u00e4hlt, dass dieser Netzwerkgedanke ausschlaggebend f\u00fcr ihren Wechsel ins Arp Museum gewesen sei. Arp und auch seine Frau Sophie Taeuber-Arp waren in vielen einflussreichen modernen K\u00fcnstlergruppen aktiv: Dada, Surrealismus und Abstraktion. Sowohl die Arbeit im Netzwerk als auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit des K\u00fcnstlerpaars faszinierten sie. Dazu Wallner: &#8222;Wir kennen viele K\u00fcnstlerpaare, wo das nicht der Fall ist. Meistens ist der Mann sehr viel bekannter als die Frau. Sophie Taeuber-Arp war zu ihren Lebzeiten aber eine au\u00dferordentlich erfolgreiche und gut vernetzte K\u00fcnstlerin mit einem Lehrstuhl in Z\u00fcrich, die verkauft und publiziert hat. Das Besondere an Hans Arp wiederum ist, dass er der erste Herausgeber ihres Werkverzeichnisses war, ihr Werk gesehen und als ebenb\u00fcrtig empfunden hat. Das gab es in dieser Generation kaum.&#8220; Dazu kommt, dass beide Museen sich in ihrem Schwerpunkt der Skulptur widmen, auch wenn Kolbe mit seiner fig\u00fcrlichen Ausrichtung laut Wallner eher den Endpunkt einer Entwicklung beschreibt. Die zukunftsweisenden Werke der Arps wirkten hingegen bis ins Heute hinein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Museum als Dritter Ort<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Arp Museum zeichnet eine bewegte Geschichte aus. 1858 als klassizistisches Bahnhofsgeb\u00e4ude fertiggestellt, etablierte es sich w\u00e4hrend des Kaiserreichs und bis zum Zweiten Weltkrieg zum Treffpunkt der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Der Bonner Galerist Johannes Wasmuth rettete das Geb\u00e4ude 1964 vor dem Abriss und 2007 wurde das Museum \u2013 nicht ohne begleitende Skandale \u2013 er\u00f6ffnet. Wallner versucht nun das Museum zu neuer Bl\u00fcte zu f\u00fchren. Einen ersten Schritt bildet die Neugestaltung des Foyers. Die Ausschreibung konnte die K\u00f6lner Innenarchitektin Nicole Miller f\u00fcr sich entscheiden. In ihrem Entwurf treffen Pastellt\u00f6ne auf Polsterm\u00f6bel sowie eine neue Raumaufteilung, um mehr M\u00f6glichkeiten zum Verweilen und Diskutieren zu schaffen. Wird hier bald die Zukunft des Museums verhandelt? &#8222;Fr\u00fcher waren die H\u00e4user teilweise stolz, dass sie als unnahbare Orte galten. Heute sehen wir uns angesichts einer ver\u00e4nderten Gesellschaft in einer anderen Verantwortung&#8220;, erz\u00e4hlt Wallner. Zumal das Arp Museum ein \u00f6ffentliches, mit Landesmitteln gef\u00f6rdertes Haus ist. So sei das Museum als sogenannter dritter Ort zu verstehen, als Aufenthaltsort nach dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. Die Direktorin erl\u00e4utert: &#8222;Wir sind zwar ein unterhaltender Ort, aber wir haben auch einen Bildungsauftrag sowie einen politisch-gesellschaftlichen Auftrag, der sich \u00fcber die Generationen hinweg vermitteln muss.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht ganz einfach umzusetzen, angesichts der geografischen Randlage. Fernab des Zentrums gibt es im Arp Museum kein Zufallspublikum. Stattdessen reisen die Besucher:innen mit dem gezielten Wunsch eines Museumsbesuchs an. In einer erst k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten Publikumsbefragung in Kooperation mit der FH Remagen zeigte sich, dass etwa 60 Prozent der Besucher:innen aus dem Rheinland kommen. Diese werden von Besucher:innen aus den direkten regionalen Einzugsgebieten an der Rheinschiene sowie von einem \u00fcberregionalen touristischen Publikum erg\u00e4nzt. Wallner hebt zudem die Schul- und Kindergartenkooperationen hervor, wof\u00fcr Klassen und Gruppen aus der gesamten Region den Weg nach Rolandseck finden. In offenen Werkst\u00e4tten wie dem Arp Labor im ersten Stockwerk n\u00e4hern sich die Kinder auf praktische Weise der Kunst. Wallner: &#8222;Das Tun \u00fcber die Hand bietet einen ganz anderen Zugang zur Welt und zur Kunst, gerade in einer zunehmend digital erfahrbaren Welt. Das macht Spa\u00df und bildet eine universelle M\u00f6glichkeit der Kommunikation.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit den Arps in die Zukunft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wallner glaubt, dass der gesellschaftliche Auftrag von Museen eher w\u00e4chst. Ausgehend vom Objekt k\u00f6nnten Museen einen anderen Blick auf Geschichte erm\u00f6glichen. Die Arps w\u00fcrden diesbez\u00fcglich idealen N\u00e4hrboden bieten. Wallner: &#8222;Die Arps haben viele Themen vorausgedacht, die heute relevant sind.&#8220; F\u00fcr Wallner lassen sich diese Themen auf drei Schlagworte bringen: \u00d6kologie, Pazifismus und Emanzipation. Themen, an welche sich sowohl gesellschaftlich als auch innerhalb zeitgen\u00f6ssischer Kunst gut ankn\u00fcpfen lie\u00dfe. Trotzdem d\u00fcrfe der historische Hintergrund nicht au\u00dfer Acht gelassen werden. Die Direktorin f\u00fchrt Beispiele f\u00fcr spannende Fragen an: &#8222;Was hei\u00dft es im Ersten Weltkrieg, den Kriegsdienst zu verweigern? Was bedeutet es im Jahr 1922, eine Professur als Frau anzutreten?&#8220; Die Ma\u00dfst\u00e4be gesellschaftlicher Relevanz legt Wallner auch an zeitgen\u00f6ssische Kunst an: &#8222;Kunst kann vielleicht keine Antworten geben, aber sie verhandelt Fragen in ihrer eigenen Sprache. Sie kann eigene Sichten einbringen, die nur in der Kunst m\u00f6glich sind und die Perspektive erweitern.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Arp Museum m\u00f6chte also Diskursraum sein, was sich innerhalb der Architektur, der Programme und Ausstellungen widerspiegeln soll. Wallner: &#8222;Es gibt aus meiner Sicht nicht mehr so viele Orte, wo sich Gesellschaft trifft und verhandelt. Das Gute an Kunst ist, dass sie viele Gespr\u00e4chsanl\u00e4sse bietet und zur Begegnung einl\u00e4dt.&#8220; Es gebe zudem zahlreiche Herausforderungen der Zeit, welche sich innerhalb des Museums adressieren lie\u00dfen. Ein gesellschaftlich viel diskutiertes Thema sei zum Beispiel Einsamkeit, w\u00fcrde man sich doch bei einem Museumsbesuch ohne Begleitung keineswegs einsam f\u00fchlen. Zugleich k\u00f6nne man auch am vielf\u00e4ltigen Programmangebot teilnehmen, um Gleichgesinnte zu finden. Nicht umsonst belegen Studien, dass Kunst heilsam f\u00fcr die Seele ist. Wallner adressiert auch eine andere gesamtgesellschaftliche Herausforderung: &#8222;Wir sind auf dem Weg in die Klimaneutralit\u00e4t.&#8220; Auch wenn man das Arp Museum intuitiv zu NRW z\u00e4hlt, handelt es sich um das besucherst\u00e4rkste Kunstmuseum in Rheinland-Pfalz. Das Ziel sei es daher, \u00fcber Landes- und Bundesmittel vor 2035 klimaneutral zu werden. Wallner geht im Gespr\u00e4ch auch auf die politische Lage in Deutschland ein. Die Direktorin bekennt: &#8222;Ich bin sehr viel international unterwegs und werde oft auf die scheinbar schwindende Meinungsfreiheit in Deutschland angesprochen. Ich glaube hingegen, dass es in Deutschland kollektiv ein sehr hohes Bewusstsein f\u00fcr die Freiheit gibt. Zudem haben wir einen vergleichsweise hohen Grad an Kunst- und Kulturf\u00f6rderung. Wir sind an vielen Stellen besser, als wir manchmal bef\u00fcrchten und zugleich gilt es ganz sicher, diese Freiheit zu verteidigen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kompromisse finden<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz vor dem Interview erregte eine \u00c4u\u00dferung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Aufsehen. Er empfiehlt ein Genderverbot f\u00fcr<br>\u00f6ffentliche Institutionen wie Stiftungen und Museen, um eine &#8222;nachvollziehbare Sprache&#8220; zu gew\u00e4hrleisten. Wallner: &#8222;Ich habe mich immer als Feministin verstanden und emanzipatorische Themen sind eine Grundlage meines Arbeitens. Das Museum ist kein Ort der Ideologie, sondern der offenen und freien wissenschaftlichen und vermittelnden Arbeit, die in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext steht. Sprache muss inklusiv und diskriminierungsfrei bleiben und sie ver\u00e4ndert sich. Wir werden weiter gendern, wo es angemessen ist und zugleich arbeiten wir daran Texte zu schreiben, die jeder und jede versteht. Unsere Aufgabe ist es, einen guten Weg der klaren, offenen, freundlichen Kommunikation zu finden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was zeichnet das Museum abschlie\u00dfend auf besondere Weise aus? Wallner: &#8222;Die Architektur im Zusammenspiel mit der Natur und<br>die tiefe und konzentrierte Auseinandersetzung mit relevanten Themen aus der Geschichte, die sich mit unserer Gegenwart verzahnen.&#8220; Vielfach b\u00f6ten sich zudem Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr europ\u00e4ische Kooperationen. So freut sich die Direktorin auf die Zusammenarbeit mit der belgischen Sammlung Phoebus Collection im Herbst. Neben den Arps bildet zudem die Sammlung Rau eine Besonderheit. Sie befindet sich seit 2009 als langfristige Leihgabe im Arp Museum und legt das Fundament f\u00fcr regelm\u00e4\u00dfige, meist thematische Wechselausstellungen. Sie wurde von Rau an UNICEF vererbt, damit nach Ende des Leihvertrages die Sammlung dazu genutzt wird, um ein von Rau gegr\u00fcndetes Krankenhaus im Kongo weiterzubetreiben. Wallner: &#8222;N\u00e4chstes Jahr im Sommer l\u00e4uft der Vertrag aus. Wir sind im Moment in Verhandlung mit UNICEF bez\u00fcglicher eine Verl\u00e4ngerung.&#8220; Da die Sammlung vom Mittelalter bis zur klassischen Moderne reicht, w\u00fcrde sie einen gro\u00dfen Publikumskreis ansprechen und eine gro\u00dfe Bereicherung f\u00fcr das Arp Museum bilden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Besuch im Arp Museum Bahnhof Rolandseck bei Dr. Julia Wallner Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck wirbt in seinen ausgeschriebenen Stellenanzeigen mit dem sch\u00f6nsten Arbeitsplatz. Das k\u00f6nnte stimmen, befinden sich doch der ehemalige Bahnhof Rolandseck und der gl\u00e4serne Neubau des amerikanischen Stararchitekten Richard Meier eingebettet zwischen Rheinpanorama und Waldkulisse. 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