{"id":2422,"date":"2025-09-25T17:14:17","date_gmt":"2025-09-25T15:14:17","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=10063"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"der-irrtum-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/09\/25\/der-irrtum-selbst\/","title":{"rendered":"Der Irrtum selbst"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Joseph Kosuth in Stuttgart<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem achtzigstem Lebensjahr widmet das Stuttgarter Kunstmuseum Joseph Kosuth eine kleine Ausstellung. Die 13 Werke stammen ausschlie\u00dflich aus eigenen Best\u00e4nden, angeblich die gr\u00f6\u00dfte Sammlung in Deutschland. 16 Jahre lang war der Konzeptkunst-Pionier der Stadt eng verbunden. Er ging im Zorn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;\u2026 da\u00df diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist&#8220;, stand viele Jahre lang in Neon-Leuchtschrift \u00fcber dem mittleren Ausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Das Hegel-Zitat aus der <em>Ph\u00e4nomenologie des Geistes<\/em> ist eine Arbeit von Joseph Kosuth. 1994 dort angebracht unter dem Titel<em> Beschriebene Ma\u00dfnahme (eine Widmung)<\/em>, wurde es im Hegel-Jahr 2020, 250 Jahre nach der Geburt des Philosophen, wieder entfernt. Die Koinzidenz war den Zust\u00e4ndigen wohl nicht aufgefallen. Dabei hatte die Deutsche Bahn seinerzeit das Werk finanziert, das sich seither im Besitz des Kunstmuseums befindet. In der aktuellen Kosuth-Ausstellung des Museums ist es allerdings nicht enthalten: Der auf Fernsicht konzipierte, zw\u00f6lf Meter lange Schriftzug h\u00e4tte wohl die Dimensionen gesprengt. Andere Neon-Arbeiten dort sind nicht mehr als 5,54 Meter breit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Z\u00fcge, Z\u00fcge<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Neon-Schriftzug gelangte an den Bahnhof im Zuge der Ausstellung <em>Z\u00fcge Z\u00fcge. Die Eisenbahn in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst<\/em> der St\u00e4dtischen Galerie Villa Merkel, Esslingen, der Kunsthalle G\u00f6ppingen und des M\u00e4rklineum, des Museums des bekannten Modellbahnherstellers. Renate Wiehager, die damals die Villa Merkel leitete, bevor sie 2001 zur Daimler Kunstsammlung wechselte, hatte bereits zwei Jahre zuvor mit Kosuth zusammengearbeitet. Im Rahmen des Projekts <em>Platzverf\u00fchrungen<\/em> der neu gegr\u00fcndeten Kulturregion Stuttgart hatte sie den K\u00fcnstler zu zwei Arbeiten im \u00f6ffentlichen Raum eingeladen, erg\u00e4nzt um eine Ausstellung in der Villa Merkel. &#8222;Ist das nicht wie eine Br\u00fccke, von der nur Anfangs- und Endpfeiler vorhanden sind und die man dennoch so sicher \u00fcberschreitet, als ob sie ganz dast\u00fcnde?&#8220; stand in gelber Leuchtschrift, gespiegelt im Wasser, unter den Br\u00fccken, die \u00fcber den Hammerkanal f\u00fchren: ein Zitat aus <em>Die Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rless<\/em>\u00a0von Robert Musil. Ein weiteres Musil-Zitat befand sich in einer engen Fu\u00dfg\u00e4ngerpassage zur Villa Merkel, und Musil war auch die Ausstellung gewidmet. Aufgrund wiederholten Vandalismus&#8216; wurden die \u00f6ffentlichen Arbeiten schlie\u00dflich wieder entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr <em>Z\u00fcge Z\u00fcge<\/em> suchte Wiehager nach einer Arbeit am Stuttgarter Hauptbahnhof, die wie ein Signal den Weg zu den Ausstellungen in Esslingen und G\u00f6ppingen weisen sollte. Kosuth, der in seiner Serie <em>Ex libris<\/em> seit einiger Zeit gern mit Zitaten arbeitete, entschied sich f\u00fcr Hegel. Denn Hegel &#8222;darf als der bedeutendste Sohn der Stadt Stuttgart bezeichnet werden&#8220;, wie Oberb\u00fcrgermeister Manfred Rommel <em>tout court<\/em> in der kleinen, aber sorgf\u00e4ltig gestalteten Begleitpublikation schrieb. Martin Lepper, Vorsitzender des Gesch\u00e4ftsbereichs Personenbahnh\u00f6fe, betonte: &#8222;Die Deutsche Bahn gibt ihrer Freude Ausdruck, dass ihr zentraler Bahnhof im Herzen der Stadt Stuttgart sich als optimaler Tr\u00e4ger des Werkes erweist. Wir hoffen, dass den Stuttgartern wie den Hegel-Freunden mit der Arbeit Kosuths das Werk des gro\u00dfen Philosophen als Ansto\u00df zu geistiger Lebendigkeit und kritischem Begreifen der eigenen Zeit vor Augen stehen m\u00f6ge.&#8220; Wiehager bog das Zitat auf den Anlass zurecht: &#8222;Das Hegelsche Satzfragment, das Kosuths Arbeit \u00fcber dem Entr\u00e9e des Stuttgarter Kopfbahnhofes aufleuchten l\u00e4sst, formuliert eine Zielverfehlung durch \u00dcberbesorgnis: Das Denken kommt deshalb nicht zur Wahrheit, wohin es sich eine Fahrkarte gekauft hat, weil es bef\u00fcrchtet, den Zug in Richtung Irrtum genommen zu haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im selben Jahr 1994 stellte die eben erst privatisierte Bahn aber auch das Projekt <em>Stuttgart 21<\/em> vor, das den Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation verwandelt. Bef\u00fcrworter des Vorhabens glaubten schon, das Hegel-Zitat gegen die Gegner ins Feld f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Kosuth hat dem in einem Interview 2010 allerdings klar widersprochen: &#8222;Selbst wenn etwas nicht vollst\u00e4ndig abgerissen wird, so l\u00e4sst man in der Regel nur die Fassade stehen und baut dahinter praktische Geb\u00e4ude&#8220;, erkl\u00e4rte er. &#8222;Das ist ein r\u00fcckschrittliches Architekturverst\u00e4ndnis. Architektur hat die Psychologie eines Ortes zu konservieren, dadurch ist es uns Menschen m\u00f6glich, eine Verbindung herzustellen zu den Menschen, die vor uns dagewesen sind. Durchbricht man diese Logik, indem man nur die Fassade stehen l\u00e4sst, ver\u00e4ndert man die St\u00e4dte, in denen wir leben, in eine Art Euro-Disneyland.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"717\" data-id=\"1719\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_five_words_five_colors_1965-1024x717.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1719\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_five_words_five_colors_1965-1024x717.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_five_words_five_colors_1965-300x210.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_five_words_five_colors_1965-768x538.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_five_words_five_colors_1965-1536x1076.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_five_words_five_colors_1965-2048x1434.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Joseph Kosuth, Five Words And Five Colors-A Description, 1965. Kunstmuseum Stuttgart. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Frank Kleinbach.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kosuth und die Kunstakademie<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kosuth hatte f\u00fcr den Stuttgarter Bahnhof bewusst ein offenes Zitat gew\u00e4hlt, das jede:r auf seine oder ihre Weise deuten kann. Ging es ihm doch, seit er im Alter von 20 Jahren mit seinen ersten konzeptuellen Arbeiten an die \u00d6ffentlichkeit trat, nie darum, konkrete Aussagen zu formulieren oder zu propagieren, sondern vielmehr, die Mechanismen der Bedeutung in Wort und Bild herauszuarbeiten: eine Art <em>linguistic turn<\/em> in der Kunst. In dem Hegel-Zitat steckt freilich auch ein Seitenhieb, der aber nur in der Publikation zum Vorschein kommt. Der Titel <em>Beschriebene Ma\u00dfnahme<\/em> ist zun\u00e4chst f\u00fcr Kosuth nicht ungew\u00f6hnlich. So tr\u00e4gt auch das Neon-Werk <em>Five Words and Five Colours<\/em> den Titel-Zusatz <em>A Description<\/em>. Aber was f\u00fcr eine Ma\u00dfnahme ist hier gemeint? Und warum &#8222;<em>(eine Widmung)<\/em>&#8222;? Der Untertitel der Publikation f\u00fchrt aus: &#8222;Widmung\/ Der Zukunft der Kunstakademie Stuttgart&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit drei Jahren lehrte der K\u00fcnstler damals in Stuttgart. Er hatte gro\u00dfe Pl\u00e4ne, die Ausbildung zu reformieren. &#8222;Meine Arbeit basiert auf dem Grundgedanken, dass K\u00fcnstler mit Bedeutung arbeiten und nicht mit Form und Farbe&#8220;, hielt er 1995 in einer Publikation der Akademie fest, und: &#8222;In der Auseinandersetzung mit meinen Studenten betone ich die Frage nach dem &#8218;warum&#8216; von Kunst, ohne welche das &#8218;wie&#8216; (Handwerk, Technik) sinnlos ist.&#8220; Das stie\u00df bei seinen Professorenkollegen, die mit Form und Farbe arbeiteten und die Frage nach dem &#8222;warum&#8220; so nicht stellten, auf erbitterten Widerstand. Sie monierten, Kosuth sei zu wenig in Stuttgart anwesend \u2013 was freilich auch kaum m\u00f6glich war. Kosuth war weltweit unterwegs. 1994 etwa hatte er Einzelausstellungen in Polen, Berlin, Kiew und Tokio, wo er auch eine weitere \u00f6ffentliche Arbeit realisierte. Die erste war 1991 im Mus\u00e9e Champollion in Figeac entstanden: zur Erinnerung an den Entzifferer der alt\u00e4gyptischen Hieroglyphen. 1992 nahm an der Documenta teil, 1995 gestaltete er den ungarischen Pavillon der Biennale von Venedig. Im selben Jahr, ein Jahr nach der Arbeit am Stuttgarter Bahnhof brachte er in der Tiefgarage des Bahnhofs von Lyon unter dem Titel <em>Les aventures d\u2019Ulysse sous terre<\/em> ein James-Joyce-Zitat an, im Jahr darauf im Bahnhof von Eindhoven eines von Piet Mondrian.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend es der breiten \u00d6ffentlichkeit frei stand, das Hegel-Zitat am Stuttgarter Bahnhof nach Belieben zu deuten, war mit der &#8222;beschriebenen Ma\u00dfnahme&#8220;, wie nur aufmerksame Leser der Publikation erkennen konnten, nicht zuletzt auch die von Kosuth beschriebe Ma\u00dfnahme zur Reformation der Akademie gemeint. Die &#8222;Furcht zu irren&#8220; bezieht sich in diesem Fall auf die Bedenken der Professoren. Drei Jahre harrte Kosuth in Stuttgart noch aus, bevor er der Stadt den R\u00fccken kehrte, da seinen Ideen f\u00fcr die &#8222;Zukunft der Kunstakademie&#8220; keine Chancen einger\u00e4umt wurden. \u00c4hnlich erging es sp\u00e4ter Joan Jonas ebenso wie dem ersten externen Rektor Ludger H\u00fcnnekens, der ebenfalls Reformen in Gang setzen wollte. Eine 2011 erschienene volumin\u00f6se Publikation zum 250-j\u00e4hrigen Bestehen der Hochschule (die allerdings nicht durchgehend seit 250 Jahren besteht) erw\u00e4hnt alle drei lediglich im Verzeichnis der Professoren und Rektoren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Non autem memoria<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Non autem memoria<\/em> lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum: ein Nachsatz zum gefl\u00fcgelten Wort &#8222;tempus fugit&#8220;, das nicht exakt so in Vergils <em>Georgica<\/em> steht. Auf Deutsch: Die Zeit vergeht wie im Flug, nicht jedoch die Erinnerung. Sicher nicht aus Sentimentalit\u00e4t hat Kosuth diesen Titel gew\u00e4hlt. Er will sagen: Die Zeit, die er in Stuttgart verbracht hat, ist l\u00e4ngst vorbei. Aber er hat nicht vergessen, was sich damals abgespielt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stuttgart hat f\u00fcr Kosuth viele Jahre lang eine wichtige Rolle gespielt. 1981 gab es eine erste Einzelausstellung in der Staatsgalerie, kuratiert von Gudrun Inboden, die dort wenige Jahre zuvor erst ihr Volontariat absolviert hatte. H\u00e4tte nun das Kunstmuseum f\u00fcr die aktuelle Ausstellung seine eigenen Best\u00e4nde um die der Staatsgalerie erg\u00e4nzt, der Erkenntnisgewinn w\u00e4re gering gewesen. Dem langen, selbstreferentiellen Satz: &#8222;This object, sentence, and work completes itself while what is read constructs what is seen&#8220;, der seinerzeit an der Staatsgalerie angebracht war, entsprechen \u00e4hnlich tautologische Neon-Leuchtschriften im Kunstmuseum. An die Stelle der ber\u00fchmten <em>One and Three Chairs<\/em>, bestehend aus einem Stuhl, einem Foto von diesem Stuhl und einem Lexikoneintrag zum Wort &#8222;Stuhl&#8220;. treten in der Staatgalerie <em>One and Three Windows<\/em>, w\u00e4hrend im Kunstmuseum <em>One and Three File Cabinets<\/em>&nbsp;ausgestellt sind. Einen besonderen Witz enth\u00e4lt hier der Eintrag aus einem englisch-deutschen W\u00f6rterbuch, der mit der Redewendung &#8222;rank and file&#8220; von der b\u00fcrokratischen Ebene des Aktenschranks pl\u00f6tzlich auf die milit\u00e4rische umschwenkt: &#8222;<em>Rank !; \u2015e [file] left!<\/em> links schwenkt, marsch!&#8220;, steht da, die deutschen Worte in Frakturschrift, vergr\u00f6\u00dfert aus einem sicher absichtlich so ausgew\u00e4hlten alten W\u00f6rterbuch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"660\" data-id=\"1717\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2JBN46N-1024x660.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1717\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2JBN46N-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2JBN46N-300x194.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2JBN46N-768x495.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2JBN46N-1536x991.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/2JBN46N-2048x1321.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"613\" data-id=\"1718\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-1024x613.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1718\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-1024x613.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-300x180.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-768x460.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-1536x920.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-2048x1226.jpg 2048w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_one_and_three_file_cabinets_1965-2000x1200.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Auftakt f\u00fcr eine Reihe von Arbeiten \u00e4hnlicher Systematik: Kosuths &#8222;One and Three Chairs&#8220; aus dem Jahr 1965. Foto: colaimages\/alamy. <strong>Rechts<\/strong>: In Stuttgart zu sehen ist &#8222;One and Three File Cabinets&#8220;, 1965. Aktenschrank und zwei aufgezogene Fotografien, Kunstmuseum Stuttgart. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Kunstmuseum Stuttgart.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz zuvor hatte Achim Kubinski seine Wohnung in der Stuttgarter Olgastra\u00dfe 109 von einer, wie er etwas gro\u00dfspurig sagte, privaten Kunstakademie in eine Galerie umgewandelt. Er vertrat nun Kosuth, der von da an in der Olgastra\u00dfe ein h\u00e4ufiger Gast war. 1985 tapezierte er die R\u00e4ume mit einem repetierten Zitat von Sigmund Freud, das aber mit schwarzen Balken durchgestrichen war \u2013 was dem <em>Kunstforum<\/em> damals einen eigenen Beitrag wert war. Wie so oft wiederholte der K\u00fcnstler diese Arbeit an anderen Orten, besonders sinnf\u00e4llig, auf Einladung Jan Hoets, in der Praxis eines Psychiaters in Gent. Bei Kubinski h\u00e4ngten jedoch Imi Knoebel und G\u00fcnther F\u00f6rg ihre Werke davor. Kosuth \u00e4rgerte sich, reagierte dann aber mit einer eigenen Arbeit, die nun im Kunstmuseum ausgestellt ist. &#8222;Das Gebackene\/ Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitssch\u00fcsseln&#8220; steht wie eine \u00dcberschrift an der Wand: ein Zitat aus William Shakespeares <em>Hamlet<\/em>. Es folgt eine Passage aus Freuds <em>Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten<\/em>, von der aber nur die erste Zeile zu lesen ist, da davor, im Holzrahmen, ein Foto von einem undefinierbaren Gegenstand an der Wand lehnt. <em>O.&amp;A.\/F.!D.! (To I.K. and G.F.)<\/em> lautet der kryptische Titel. Was immer die ersten vier Buchstaben bedeuten m\u00f6gen, die Widmung in Klammern bezieht sich auf Knoebel und F\u00f6rg.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"780\" height=\"1024\" data-id=\"1721\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-780x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1721\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-780x1024.jpg 780w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-229x300.jpg 229w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-768x1008.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-1170x1536.jpg 1170w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-1560x2048.jpg 1560w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_oa_fd_1987_-scaled.jpg 1950w\" sizes=\"(max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" data-id=\"1722\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_portrait_peter_lindbergh_2019-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1722\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_portrait_peter_lindbergh_2019-683x1024.jpg 683w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_portrait_peter_lindbergh_2019-200x300.jpg 200w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_portrait_peter_lindbergh_2019-768x1152.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_portrait_peter_lindbergh_2019-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/kosuth_portrait_peter_lindbergh_2019.jpg 1128w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Joseph Kosuth, O.&amp;A.\/F.!D.! (To I.K. and G.F.), 1987. Aufgezogene Fotografie und gerahmte Fotografie, Kunstmuseum Stuttgart. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Kunstmuseum Stuttgart. <strong>Rechts<\/strong>: Joseph Kosuth im Jahr 2029, portr\u00e4tiert von Peter Lindbergh.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So f\u00fchrt das Labyrinth der Verweise immer wieder auf Kosuths Stuttgarter Zeit zur\u00fcck. Fast alle Arbeiten gelangten zwischen 1990 und 2003 in die Sammlung des heutigen Kunstmuseums, als Johann Karl Schmidt die damalige Galerie der Stadt Stuttgart leitete. Ein Schwerpunkt liegt auf den Jahren um 1993, als Kosuth zuerst dort, dann im W\u00fcrttembergischen Kunstverein im selben Geb\u00e4ude ausgestellt war. Der Spruch &#8222;Visual space has essentially no owner&#8220;, der wie ein Bekenntnis \u00fcber dem Eingang der aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum steht, war damals schon auf der Einladungskarte abgebildet, zusammen mit zwei weiteren Arbeiten, die jetzt ebenfalls im Kunstmuseum zu sehen sind: das selbsterkl\u00e4rende <em>Five Words and Five Colours<\/em>; und ein Zitat aus den <em>Confessiones<\/em> des Augustinus auf einer Plexiglasplatte, in dem der Kirchenvater erkl\u00e4rt, wie er als Kind sprechen lernte, dahinter eine Zahl in Neon-Leuchtschrift, davor ein Schild mit einem Zitat von Ludwig Wittgenstein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fallstricke der Bedeutung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer von Freud oder Wittgenstein nichts wei\u00df, wird mit manchen Arbeiten wenig anfangen. Die gelehrten Zitate und Anspielungen restlos zu entschl\u00fcsseln, d\u00fcrfte nur wenigen gelingen. Es kann allerdings auch gar nicht darum gehen, die Werke richtig zu deuten, da sie sich gerade, ob tautologisch wie <em>Neon self-explained<\/em> oder <em>Five Wors and Five Colours<\/em> oder hoch komplex wie die geschichteten und durchgestrichenen Zitate, einer solchen klaren Deutung entziehen, um nicht zu sagen verweigern. Der entscheidende Hinweis verbirgt sich oft im Detail: wie bei der Widmung des Hegel-Zitats an die Kunstakademie oder dem Titel der aktuellen Ausstellung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend in Arbeiten wie <em>One and Three Chairs<\/em> ein Lexikoneintrag \u2013 oder im Fall von <em>One and Three File Cabinets<\/em> ein Eintrag aus einem englisch-deutschen W\u00f6rterbuch \u2013 dem Gegenstand selbst und einem Foto davon gegen\u00fcbergestellt sind, konfrontiert Kosuth in <em>Three Titled Means<\/em> Eintr\u00e4ge zum englischen Wort &#8222;mean&#8220; aus drei zweisprachigen W\u00f6rterb\u00fcchern. <em>Meaning<\/em> ist der zentrale Begriff in Kosuths Kunstaufassung: die auf dem Gedanken basiert, &#8222;dass K\u00fcnstler mit Bedeutung arbeiten&#8220;. Der deutsche Eintrag auf der mittleren von drei quadratischen, schwarzen Tafeln hebt dies auch hervor. &#8222;1. meinen, denken&#8220;, steht da, &#8222;2. beabsichtigen, wollen [\u2026] 3. verstehen, sagen od. andeuten (wollen), bedeuten&#8220;, ziemlich genau das bezeichnend, worum es Kosuth geht. Der Eintrag endet mit der Redewendung &#8222;<em>he ~s [means] well (od. kindly) by you<\/em> er meint es gut mit Ihnen&#8220;. Der hawaianische Eintrag links beginnt dagegen mit &#8222;cruel&#8220; \u2013 <em>mean<\/em> also im Sinne von <em>gemein<\/em>, dann &#8222;average&#8220;, <em>durchschnittlich<\/em> und erst an dritter Stelle <em>bedeuten<\/em>. <em>Cruel<\/em> oder <em>kindly<\/em>? Der dritte Eintrag rechts in kyrillischer Schrift erschlie\u00dft sich hingegen nur denjenigen, die russisch k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><em>Die Kosuth-Ausstellung l\u00e4uft bis 12. April 2026. Bis zum 12. Oktober, w\u00e4hrend der Laufzeit der Jubil\u00e4umsausstellung <\/em>Doppelk\u00e4seplatte<em>, ist der Eintritt frei.<\/em> <em>Das<\/em> <em>Kunstuseum ist vor zwanzig Jahren aus der Galerie der Stadt Stuttgart hervorgegangen. <\/em><a href=\"https:\/\/www.kunstmuseum-stuttgart.de\/\">https:\/\/www.kunstmuseum-stuttgart.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">___<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Kosuth in Stuttgart In seinem achtzigstem Lebensjahr widmet das Stuttgarter Kunstmuseum Joseph Kosuth eine kleine Ausstellung. Die 13 Werke stammen ausschlie\u00dflich aus eigenen Best\u00e4nden, angeblich die gr\u00f6\u00dfte Sammlung in Deutschland. 16 Jahre lang war der Konzeptkunst-Pionier der Stadt eng verbunden. 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