{"id":2429,"date":"2025-10-10T07:51:02","date_gmt":"2025-10-10T05:51:02","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=10234"},"modified":"2026-08-14T22:00:04","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:04","slug":"verbindungslinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2025\/10\/10\/verbindungslinien\/","title":{"rendered":"Verbindungslinien"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Lotty Rosenfeld in der Overbeck-Gesellschaft in L\u00fcbeck.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es braucht im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft in L\u00fcbeck nur wenige Momente, um zu verstehen, dass sich <em>Lotty Rosenfeld: Esta L\u00ednea Es Mi Arma<\/em> (dt. <em>Diese Linie ist meine Waffe<\/em>) in ihrem Ansatz von vielen bisherigen Ausstellungen der Konzeptk\u00fcnstlerin unterscheidet, denn sie begreift und vermittelt ihr Werk aus Rosenfelds Familien- und Lebensgeschichte. Mit Ausstellungen wie im Museum of Modern Art in New York, im Hammer Museum in Los Angeles, auf der 56. Venedig-Biennale oder auf der Documenta 12 in Kassel hat die 1943 in Santiago de Chile geborene und dort 2020 verstorbene Lotty Rosenfeld internationale Bekanntheit erlangt. Im Fokus stand bislang ihr videografisches Werk der 1970er- und 1980er-Jahre, mit dem Rosenfeld ihre Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum dokumentierte, bei denen sie vorhandene Fahrbahnmarkierungen mit wei\u00dfen Linien als Zeichen des Widerstands gegen die chilenische Pinochet-Diktatur kreuzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Paula Kommoss, die seit dem vergangenen Jahr die Leitung der Overbeck-Gesellschaft Kunstverein L\u00fcbeck \u00fcbernommen hat, r\u00fcckt nun erstmals in der von ihr kuratierten Schau den Blick auf die Anf\u00e4nge und Hintergr\u00fcnde von Lotty Rosenfelds k\u00fcnstlerischem Schaffen. Mit fr\u00fchen Arbeiten und Archivalien, die zum Teil bislang nie gezeigt wurden und die in enger Zusammenarbeit mit Lotty Rosenfelds Tochter und Nachlassverwalterin Alejandra Coz Rosenfeld ausgew\u00e4hlt wurden, verbindet die Ausstellung Lotty Rosenfelds Linie als Form und politische Geste mit jener ihrer famili\u00e4ren Herkunft als Teil kollektiver Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1743\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Eingang_Ausstellung_Lotty-Rosenfeld_Copyright_Overbeck_Gesellschaft-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1743\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Eingang_Ausstellung_Lotty-Rosenfeld_Copyright_Overbeck_Gesellschaft-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Eingang_Ausstellung_Lotty-Rosenfeld_Copyright_Overbeck_Gesellschaft-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Eingang_Ausstellung_Lotty-Rosenfeld_Copyright_Overbeck_Gesellschaft-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Eingang_Ausstellung_Lotty-Rosenfeld_Copyright_Overbeck_Gesellschaft-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Eingang_Ausstellung_Lotty-Rosenfeld_Copyright_Overbeck_Gesellschaft-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1744\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Lotty-Rosenfeld_Esta-Line\u00b4a-es-mi-arma_Ausstellungsansicht_Overbeck-Gesellschaft_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1744\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Lotty-Rosenfeld_Esta-Line\u00b4a-es-mi-arma_Ausstellungsansicht_Overbeck-Gesellschaft_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Lotty-Rosenfeld_Esta-Line\u00b4a-es-mi-arma_Ausstellungsansicht_Overbeck-Gesellschaft_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Lotty-Rosenfeld_Esta-Line\u00b4a-es-mi-arma_Ausstellungsansicht_Overbeck-Gesellschaft_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Lotty-Rosenfeld_Esta-Line\u00b4a-es-mi-arma_Ausstellungsansicht_Overbeck-Gesellschaft_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Lotty-Rosenfeld_Esta-Line\u00b4a-es-mi-arma_Ausstellungsansicht_Overbeck-Gesellschaft_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong> und <strong>Right<\/strong>: Ausstellungsansichten Overbeck-Gesellschaft L\u00fcbeck.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Filmbilder als Zeugnis des (\u00dcber-)Lebens<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rosenfelds Familiengeschichte, die von antisemitischer Vertreibung, Inhaftierung, Tod sowie Flucht und \u00dcberleben gepr\u00e4gt ist, erschlie\u00dft sich durch erstmals ver\u00f6ffentlichte Dokumente, Briefe und Objekte im Kern der Ausstellung sowie durch eine umfangreiche Begleitbrosch\u00fcre. <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">F\u00fcr die Besucher:innen ist es wichtig<\/mark>, gleich zu Beginn von ihr zu erfahren. Denn den Auftakt der Schau bildet eine Videosammlung von digitalisierten 8- und 16-mm-Filmen von Ernst Rosenfeld, dem Vater der K\u00fcnstlerin, aus den Jahren 1949 bis 1978. Die auf f\u00fcnf Monitoren pr\u00e4sentierten Filme, die in verschiedene Richtungen des Ausstellungspavillons der Overbeck-Gesellschaft ausgestrahlt werden, zeigen private Aufnahmen der Rosenfelds, die Teil des Archivs der <em>Fundaci\u00f3n Lotty Rosenfeld<\/em> sind: Lotty Rosenfeld in ihrem Atelier 1978, den Geburtstag ihrer zweij\u00e4hrigen Tochter Alejandra, die Familie Rosenfeld beim Spielen, Aufnahmen von Lotty Rosenfeld als Schulkind 1949. Zun\u00e4chst auf Schwarz-Wei\u00df-Film, dann in Farbe, dokumentierte Ernst Rosenfeld \u00fcber fast drei\u00dfig Jahre allt\u00e4gliche Momente und famili\u00e4re Rituale, Situationen, die von Freude begleitet sind, die gemeinsames Leben und ihr <em>\u00dcberleben<\/em> zeigen und erinnern lassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Linien, um Grenz\u00fcbschreitungen zu zeigen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Praxis des Dokumentierens durch Fotografie und Film wird f\u00fcr Lotty Rosenfeld pr\u00e4gend. Die Erfahrungen des Holocaust sind durch den Aufbau eines neuen Lebens in Chile in ihrer Familie pr\u00e4sent. Bereits in einer fr\u00fchen Arbeit Lotty Rosenfelds wird dies evident. Das zeigt eine fotografische Reihe ohne Titel aus dem Jahr 1978, die in der Overbeck-Gesellschaft zum ersten Mal ausgestellt wird: In einer bauchhohen Vitrine, die f\u00fcr die Pr\u00e4sentation angefertigt worden ist, liegen drei Bilder, die eine Massenverhaftung 1941 auf dem Jonas Dani\u00ebl Meijerplein in Amsterdam zeigen. Entstanden sind die Aufnahmen w\u00e4hrend einer durch die Polizeikr\u00e4fte der Nazis ver\u00fcbten Razzia, bei der etwa 400 j\u00fcdische M\u00e4nner festgenommen und dann deportiert wurden. Die verschwommenen, unscharfen fotografischen Reproduktionen zeigen einen einzigen Moment, von dem durch die Ver\u00e4nderung der Ausschnitte<mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ff6900\" class=\"has-inline-color\"> <\/mark>von Bild zu Bild mehr vom Geschehen des urspr\u00fcnglichen Fotos sichtbar wird. Zu sehen sind nebeneinander aufgereihte M\u00e4nner, Uniformierte und ein Mann, der rennt, der versucht, zu fliehen. Lotty Rosenfeld hat diesen Bildern aufgeklebte, gezeichnete und perforierte Linien hinzugef\u00fcgt. Dadurch rahmt sie die Blickrichtungen oder hebt durch grafische Markierungen K\u00f6rperpositionen und Handlungen hervor. Ihre Geste ist subtil und zugleich radikal, vergegenw\u00e4rtigt sie doch durch nur wenige gestalterische Eingriffe die Gewalt, der die gefangengenommenen Juden ausgesetzt waren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1742\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Details_Untitled_1978_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld_Overbeck-Gesellschaft-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1742\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Details_Untitled_1978_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld_Overbeck-Gesellschaft-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Details_Untitled_1978_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld_Overbeck-Gesellschaft-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Details_Untitled_1978_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld_Overbeck-Gesellschaft-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Details_Untitled_1978_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld_Overbeck-Gesellschaft-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Details_Untitled_1978_Copyright_Fundacio\u00b4n-Lotty-Rosenfeld_Overbeck-Gesellschaft-2048x1366.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Lotty Rosenfeld, Ohne Titel, 1978. Copyright: Fondaci\u00f3n Lotty Rosenfeld, Overbeck-Gesellschaft.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesen fr\u00fchen Bildmanipulationen wird das Markieren durch die Linie erstmals zu Lotty Rosenfelds k\u00fcnstlerischem Verfahren. 1979 wird Rosenfeld Mitbegr\u00fcnderin der Gruppe Colectivo Acciones de Arte (CADA) und beginnt, Kunst als soziale Intervention zu denken. In ihren folgenden Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum in Chile, die sie filmisch dokumentiert, greift sie die wei\u00dfe Linie erneut auf: ihre Verwendung wird nun zu einem Zeichen f\u00fcr den Widerstand gegen die das Land beherrschende Pinochet-Diktatur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lotty Rosenfeld w\u00e4hlte die Stra\u00dfe, die Fahrbahn f\u00fcr Kraftfahrzeuge, als Ort f\u00fcr einen stillen Protest gegen die politischen und gesellschaftlichen Einschr\u00e4nkungen, die ab 1973 mit dem Milit\u00e4rputsch gegen die demokratisch gew\u00e4hlte, sozialistische chilenische Regierung unter Pr\u00e4sident Salvador Allende, der von General Augusto Pinochet angef\u00fchrt wurde, einhergingen. \u00d6ffentliche Proteste waren unter Pinochet verboten, die Medien unterlagen der Zensur. Der Film <em>Una Milla De Cruces Sobre el Pavimento<\/em> (dt. <em>Eine Meile Kreuze auf dem Asphalt<\/em>) (1979) war der Beginn von Rosenfelds bekannter Werkserie, und er ist aus diesem Grund auch ein wichtiger Teil der L\u00fcbecker Ausstellung. Er zeigt eine w\u00e4hrend einer Autofahrt abgefilmte Stra\u00dfe mit regul\u00e4rer Fahrbahnmarkierung, gefolgt von Lotty Rosenfelds Aktion, wie sie ein wei\u00dfes Band quer \u00fcber einen der Fahrbahnmarkierungsmittelstreifen klebt. Das von ihr auf den Asphalt aufgebrachte Band hat dieselbe L\u00e4nge wie der Mittelstreifen und formt dadurch aus der Linie ein Kreuz, aus dem Minuszeichen ein Pluszeichen \u2013 und stellt symbolisch einer systematischen Regelung einen Akt der Widersetzung entgegen. Indem Rosenfeld ihre Handlung dann \u00fcber eine Meile hinweg wiederholte, entstand eine Reihung an Kreuzen, die sie in ihrem Verlauf erneut abfilmte. Nach dieser Vorgehensweise markierte sie sp\u00e4ter auch Stra\u00dfenabschnitte vor zum Beispiel dem Regierungsgeb\u00e4ude Palacio La Moneda in Santiago de Chile oder vor dem Wei\u00dfen Haus in Washington D.C. In der L\u00fcbecker Ausstellung folgt auf Rosenfelds ikonischen Film dann auf derselben Projektionswand der f\u00fcr die Ausstellung titelbringende Film <em>Esta L\u00ednea Es Mi Arma<\/em> (1985). Darin f\u00fchren Rosenfelds K\u00f6rperbewegung und eigener Schatten zu einer \u00dcberkreuzung der wei\u00dfen Linie \u2013 sie lassen die K\u00fcnstlerin noch expliziter zum Teil der Linie und die Linie zu ihrem Werkzeug werden, zu einer konzeptuellen Waffe, die sie in ihrem gesamten Werk gebrauchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ihr Vater Ernst Rosenfeld 1935 aus Breslau \u00fcber Hamburg mit dem Schiff in die chilenische Hafenstadt Valpara\u00edso flieht, unterliegt die j\u00fcdisch-deutsche Familie Rosenfeld bereits seit einiger Zeit den Repressalien der Nationalsozialisten. 1922 hatten Lotty Rosenfelds Gro\u00dfeltern Rudolf und Charlotte Rosenfeld in Breslau das &#8222;Hotel Rom&#8220; erworben, das \u00fcber Einkaufsm\u00f6glichkeiten und m\u00f6blierte Zimmer f\u00fcr G\u00e4ste verf\u00fcgte. Nach der Macht\u00fcbernahme Adolf Hitlers 1933 entstand in direkter N\u00e4he der Sitz der Gauleitung der NSDAP, das &#8222;Braune Haus&#8220;. Und Rosenfelds Hotelbetrieb, der sich als renommierte Adresse in Breslau etabliert hatte, wurde zun\u00e4chst boykottiert, dann beschlagnahmt, die Familie aus dem Haus vertrieben und auseinandergerissen. Rudolf und Charlotte \u00fcberlebten in <mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-foreground-color\">Sibirien<\/mark>, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg ihrem Sohn Ernst nach Chile folgen, der inzwischen in Santiago de Chile eine Familie gegr\u00fcndet hatte. Auch Ernst\u2019 Schwester Frida \u00fcberlebte, seine zweite Schwester Steffi hingegen wurde im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wird in der Reihe <em>Valpara\u00edso<\/em> (1985) durch Schwarz-Wei\u00df-Fotografien auf ber\u00fchrende Weise verdeutlicht: Entstanden sind die Bilder im Zusammenhang einer ihrer Videoarbeiten an der K\u00fcste der chilenische Hafenstadt Valpara\u00edso, in der Rosenfelds vor den Nationalsozialisten geflohener Vater und weitere Familienangeh\u00f6rige mit dem Schiff Chile erreichten. Lotty Rosenfeld suchte Jahrzehnte sp\u00e4ter diesen Ort auf, \u00fcberf\u00fchrte einen Fahrbahnstreifen durch Setzung der wei\u00dfen Linie in ein Kreuz und stellte sich auf die Schnittstelle der Linien. Hinter ihrem K\u00f6rper sind Bahngleise und das Meer sichtbar. Eine weitere Aufnahme zeigt verrottete Eisenbahnwaggons, ein halb versunkenes Objekt im Hafenwasser, dahinter die sich am Hang erstreckende Stadtlandschaft. Ein drittes Bild gibt den Blick auf Rosenfelds markierten Asphaltabschnitt und auf ein dahinter vor\u00fcberziehendes Schiff auf dem Meer frei. Hier erinnerte Lotty Rosenfeld nicht nur an die Geschichte ihrer Familie als Teil eines kollektiven Schicksals. Ihre Aktion war auch dem Gedenken Sebasti\u00e1n Acevedos gewidmet, dessen Kinder von der chilenischen Regierung verhaftet wurden und der sich daraufhin \u00f6ffentlich selbst entz\u00fcndete. So markierte die K\u00fcnstlerin mit ihrem Kreuz einen Schnittpunkt von Geschichte inmitten des von Gewalt und Repression gepr\u00e4gten politischen Systems unter Pinochet, das noch bis 1990 andauern sollte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hand in Hand<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstmals zeigt die Schau einen Auszug aus Lotty Rosenfelds 1968 umgesetzter Theoriearbeit <em>Galer\u00eda Comercial en un Hotel<\/em>, mit der sie ihr Studium der Angewandten Kunst an der Universidad de Chile abschloss. Darin entwirft sie ein Konzept f\u00fcr ein fiktives Hotel als Ort des kulturellen Austauschs \u2013 und kn\u00fcpft mit der Idee einer Ladenpassage mit Produkten lokaler Herkunft an das gelebte Leben ihrer Familie im Breslauer Hotel Rom an. Den an die Wand gebrachten Ausz\u00fcgen dieser Arbeit liegen direkt gegen\u00fcber im Ausstellungsraum Archivalien in Vitrinen aus, die auf Rosenfelds Familiengeschichte referieren: Eine historische fotografische Ansicht des Hotel Roms, Besteck, eine Kladde mit Familienrezepten; dann Fotografien der Familie, P\u00e4sse, eine eidesstattliche Erkl\u00e4rung der Rosenfelds zwecks eines Anspruchs auf Entsch\u00e4digung, der 1960 in der Bundesrepublik bewilligt wurde; schlie\u00dflich ein Brief, den 1940 Lotty Rosenfelds in Auschwitz ermordete Tante Steffi an ihre Mutter verfasste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00fcberlieferten Dokumente ihrer Familie erfahren ein weiteres Mal Widerhall in ihrer Arbeit <em>Revista Bravo<\/em> aus dem Jahr 1979, f\u00fcr die sie in dem gleichnamigen chilenischen Kulturmagazin eine Seite gestaltete. Dabei nutzte sie Ausweisdokumente als Grundlage ihres Kunstwerks: So zeigt die Collage eine Kopie des Passes ihres Gro\u00dfvaters, der, weil Breslau als Folge des Krieges nun zu Polen geh\u00f6rte, nach Rudolf Rosenfelds R\u00fcckkehr aus Sibirien (und vor der Weiterreise nach Chile) von einer polnischen Beh\u00f6rde ausgestellt worden war, wodurch der Versuch, die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft zu erlangen, scheiterte. Dieser Pass lagert auf einem Dokument, das Rudolf Rosenfeld und seiner Frau Charlotte ein Aufenthaltsvisum in Chile bescheinigt. Zuoberst zeigt die Collage die Kopie des chilenischen Passes von Lotty Rosenfeld. Begleitet wird das Arrangement durch die Worte: &#8222;Status: J\u00fcdisch. Ort: Nazideutschland. Status: Fl\u00fcchtling. Ort: Chile.&#8220; Dieser Verweis auf Identit\u00e4t, Vertreibung und Erinnerung ist in Lotty Rosenfelds Werk ihr erster Verweis auf ihre Herkunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es lohnt, der Ausstellung <em>Lotty Rosenfeld: Esta L\u00ednea Es Mi Arma<\/em> mit viel Zeit zu begegnen, denn sie erlaubt ein behutsames Wahrnehmen von Rosenfelds Werk und durch welche biografischen Verbindungslinien sich dieses entwickelt hat. Das Zusammenspiel von Archivalien, historischen Objekten und fr\u00fchen Arbeiten ist ber\u00fchrend, weil in dieser Konstellation besonders deutlich wird, wie existenziell Lotty Rosenfelds Kunst schon anfangs ist, ja wie eng verflochten Rosenfeld Kunst und Zeitgeschichte dachte. In der klar und sensibel kuratierten Schau ist es der Overbeck-Gesellschaft in L\u00fcbeck eindr\u00fccklich gelungen, die Bedeutung des Zusammendenkens von Geschichte und Gegenwart in Lotty Rosenfelds radikaler Konzeptkunst herauszuarbeiten und zu zeigen, dass diese stets Hand in Hand gehen.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung ist bis zum 25. Januar 2026 in der <a href=\"https:\/\/www.overbeckgesellschaft.de\/\">Overbeck-Gesellschaft Kunstverein L\u00fcbeck<\/a> zu sehen, ge\u00f6ffnet Donnerstag &#8211;<br>Sonntag 12 &#8211; 17 Uhr.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lotty Rosenfeld in der Overbeck-Gesellschaft in L\u00fcbeck. Es braucht im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft in L\u00fcbeck nur wenige Momente, um zu verstehen, dass sich Lotty Rosenfeld: Esta L\u00ednea Es Mi Arma (dt. 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