{"id":2455,"date":"2026-01-08T10:54:44","date_gmt":"2026-01-08T09:54:44","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=11105"},"modified":"2026-08-14T22:00:05","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:05","slug":"wohngedaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/01\/08\/wohngedaechtnis\/","title":{"rendered":"Wohnged\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220;, DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, 6.9.2025 &#8211; 8.2.2026.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Suche nach einem neuen Ort f\u00fcr einen Club fahren DJ Poge und seine Freundin Dani Ende der 1990er-Jahre von Berlin-Mitte nach Berlin-Marzahn, wo in den 1970er- und 1980er-Jahren eines der umfangreichsten Neubaugebiete der DDR, die Gro\u00dfwohnsiedlung Marzahn, entstand. Die beiden Protagonist:innen des Films <em>Klub 2000 \u2013 rom, paris, marzahn<\/em> (1998) von Nina Fischer und Maroan el Sani durchstreifen die hochgebauten H\u00e4userblocks und die sie umgebenden Gr\u00fcnfl\u00e4chen, befragen Bewohner:innen der &#8222;Platte&#8220; nach ihrem Alltag, um sich ein Bild des Ortes zu machen, der kurz vor dem Millennium nicht mehr als Symbol des realsozialistischen Fortschritts, sondern als \u00f6de Schlafstadt gilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der fiktionale Kurzfilm ist Teil der von Kito Nedo kuratierten Ausstellung &#8222;Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220; im Kunsthaus <em>DAS MINSK<\/em> in Potsdam. Die Befragung nach der Bedeutung der DDR-Gro\u00dfwohnsiedlung ist aber in der gesamten Ausstellung pr\u00e4sent. Wie wurde und wird die &#8222;Platte&#8220; gesehen, erinnert oder kritisch hinterfragt? Welche Transformationsprozesse vollzogen sich rund um den DDR-Plattenbau nach der Wende? Und welche Aktualit\u00e4t steckt \u2013 etwa im Angesicht heutiger st\u00e4dtischer Wohnungsnot \u2013 erneut in ihr? Damit hat sich der 1975 in Leipzig geborene Autor, Redakteur, Kritiker und Journalist Nedo befasst und eine beeindruckende Schau erarbeitet, die mit rund 60 Werken von 24 K\u00fcnstler:innen zeigt, wie vielf\u00e4ltig die ostdeutsche Plattenbausiedlung als Bau- und Lebensmodell in der Kunst in den letzten f\u00fcnf Jahrzehnten verhandelt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wohnungsbau und Planwirtschaft<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis 1990 sollten in der DDR laut Zentralkomitee der SED rund drei Millionen Wohnungen entstehen und die Wohnungsfrage &#8222;als vordringlichstes soziales Problem&#8220; gel\u00f6st werden. Erste Versuchsbauten in Plattenbauweise, deren Urspr\u00fcnge ins 19. Jahrhundert zur\u00fcckreichen, wurden in der DDR ab 1953 realisiert, vielz\u00e4hlige weitere Blockbauarten folgten. Von 1973 bis 1990 war aufgrund von effizienter Fertigung mit wenigen Bauteilen die Wohnungsbauserie 70 \u2013 die WBS 70 \u2013 das wichtigste Bausystem f\u00fcr den industriellen Wohnungsbau in Plattenbauweise, wodurch erschwingliches und komfortables Wohnen \u2013 etwa mit Nasszelle, innenliegendem WC sowie Zentralheizung \u2013 f\u00fcr viele erzielt werden konnte. Welche Prognosen tats\u00e4chlich Wirklichkeit geworden sind und wie sich das Leben in der &#8222;Platte&#8220; anf\u00fchlte, kommentierte die Autorin Brigitte Reimann in ihrem unvollendeten, 1974 in Ost-Berlin posthum ver\u00f6ffentlichten Roman <em>Franziska Linkerhand<\/em>, wor\u00fcber die Autorin Grit Lemke in dem die Ausstellung begleitenden Katalog schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die sich \u00fcber zwei Etagen erstreckende Schau selbst beginnt mit der Installation <em>Grauzone<\/em> (2015) von Markus Draper (geboren 1969 in G\u00f6rlitz, lebt in Berlin) mit einer \u00fcberraschenden Setzung: mit sieben im Modellformat als Zinkg\u00fcsse umgesetzten Nachbildungen von Wohnbl\u00f6cken, die ehemals in Berlin-Marzahn, Frankfurt\/Oder, Magdeburg, Neubrandenburg, Senftenberg und Schwedt standen und in denen in den 1980er-Jahren zehn (ehemalige) RAF-Mitglieder unter neuer Identit\u00e4t lebten. Sie waren dort durch Hilfe der DDR-Staatssicherheit untergetaucht, bis sie 1990 verhaftet wurden. Davon berichten <em>Zeitungsmeldungen<\/em>, die Draper als Pigmentdrucke erg\u00e4nzend zu den G\u00fcssen umgesetzt hat, deren Oberfl\u00e4chen zum Teil zerkl\u00fcftet sind und den Modellen etwas Morbides verleihen. Die Wohnbl\u00f6cke mit dem in ihnen verborgenen Geschehen spiegeln einen Aspekt deutsch-deutscher Geschichte, die entgegen ihrer \u00f6ffentlichen Darstellung ineinander verzahnt gewesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drapers Installation wird vor spr\u00f6den grauen W\u00e4nden und unter kalt-wei\u00dfem Licht pr\u00e4sentiert. In Reaktion auf die Exponate hat die Berliner <em>Kooperative f\u00fcr Darstellungspolitik<\/em> eine Ausstellungsarchitektur entwickelt, die aus Nischen, freistehenden Displays und raumteilenden Einbauten besteht und die die jeweils gezeigten Werke in ihrer r\u00e4umlichen Wahrnehmung st\u00fctzt. Dadurch entstehen verschiedenartige Situationen der Betrachtung, die mal offen gehaltene Raumfl\u00e4chen erzeugen und Arbeiten gezielt miteinander verbinden oder intime Momente des Schauens zulassen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"881\" height=\"1024\" data-id=\"1880\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ebersbach_Wolfram_Hausfassade_1974-881x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1880\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ebersbach_Wolfram_Hausfassade_1974-881x1024.jpg 881w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ebersbach_Wolfram_Hausfassade_1974-258x300.jpg 258w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ebersbach_Wolfram_Hausfassade_1974-768x893.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ebersbach_Wolfram_Hausfassade_1974-1321x1536.jpg 1321w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ebersbach_Wolfram_Hausfassade_1974-1762x2048.jpg 1762w\" sizes=\"(max-width: 881px) 100vw, 881px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"752\" height=\"1024\" data-id=\"1882\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-752x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1882\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-752x1024.jpg 752w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-220x300.jpg 220w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-768x1046.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-1128x1536.jpg 1128w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-1504x2048.jpg 1504w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Moritz_Sabine_Lobeda_124_1991_92_2-scaled.jpg 1880w\" sizes=\"(max-width: 752px) 100vw, 752px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"716\" data-id=\"1881\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Kurkhaus_Mueller_Gisela_o_T_1982_2-1024x716.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1881\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Kurkhaus_Mueller_Gisela_o_T_1982_2-1024x716.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Kurkhaus_Mueller_Gisela_o_T_1982_2-300x210.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Kurkhaus_Mueller_Gisela_o_T_1982_2-768x537.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Kurkhaus_Mueller_Gisela_o_T_1982_2-1536x1073.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Kurkhaus_Mueller_Gisela_o_T_1982_2-2048x1431.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong>: Wolfram Ebersbach, Hausfassade, 1974. Museum der bildenden K\u00fcnste Leipzig. VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: InGestalt\/Michael Ehritt. <strong>Middle<\/strong>: Sabine Moritz, Lobeda 124, 1991\/92. Privatsammlung. Foto: Georgios Michaloudis, farbanalyse, K\u00f6ln. <strong>Right<\/strong>: Gisela Kurkhaus-M\u00fcller, Marzahn, 1982. Museum Utopie und Alltag (Bestand Beeskow). VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: Thomas Kl\u00e4ber.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Monotonie und Vielfalt auf dem Balkon<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit den Zeichnungen und Malereien von Sabine Moritz, den Bildern von Wolfram Ebersbach und Gisela Kurkhaus-M\u00fcller sowie den Fotografien und Filmbildern von Seiichi Furuya entsteht sodann in einem gro\u00dfz\u00fcgig angelegten Raumgef\u00fcge ein Panorama, das die Bedeutung des titelgebenden &#8222;Wohnkomplexes&#8220; facettenreich greifbar werden l\u00e4sst: denn dieser bildete das Grundelement einer Gro\u00dfwohnsiedlung. Dem Wohnkomplex geh\u00f6rten nicht allein Wohnungen, sondern \u00fcberdies Einrichtungen wie Kaufhallen, Gastst\u00e4tten, Kinderkrippen, Kinderg\u00e4rten, Schulen, gesundheitliche Versorgungseinrichtungen und solche f\u00fcr Erholung und Kultur wie Jugendclub und Bibliothek an. Berechnungsgrundlage einer Versorgungseinheit war der Einzugsbereich einer Schule und davon abgeleitet der bebaute Raum f\u00fcr 5000 bis 6000 Bewohner:innen eines Wohnkomplexes, der die Bed\u00fcrfnisse des t\u00e4glichen Lebens abdecken sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sabine Moritz (geboren 1969 in Quedlinburg, lebt in K\u00f6ln) wuchs in dem Neubaugebiet Jena-Lobeda auf und fertigte Anfang der 1990er-Jahre \u2013 bereits im Westen lebend \u2013 eine umfangreiche Reihe an Zeichnungen und Gem\u00e4lden an, in denen sie &#8222;ihren&#8220; Wohnkomplex in Jena-Lobeda aus der Erinnerung rekonstruierte. Ihre Zeichnungen der Reihe <em>Lobeda<\/em> (1991-1994) und die in Potsdam erstmals ausgestellten Malereien aus derselben Zeit zeigen eine individuelle Sicht auf private Interieurs und den \u00f6ffentlichen Raum, auf Objekte, M\u00f6bel, Einbauten oder bauliche Details, wie sie sich in vielen Wohnkomplexen (be-)fanden: so zum Beispiel T\u00fcr- und Fenstergriffe, Aufputzsteckdosen, Montagem\u00f6bel des M\u00f6belprogramms Deutscher Werkst\u00e4tten, hin und wieder florale Fassadenapplikationen auf dem Au\u00dfenputz der wie gestapelt wirkenden Wohnungen, oder vielfarbig verkleidete Bushaltestellen, daneben M\u00fclleimer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Malerei <em>Hausfassade<\/em> (1974) von Wolfram Ebersbach (geboren 1943 in Zwickau, lebt in Leipzig und Wurzen) und die Lithografie <em>Marzahn<\/em> (1982) von Gisela Kurkhaus-M\u00fcller (geboren 1938 in K\u00f6slin, lebt in Berlin) zeigen jeweils die Wiederkehr stets gleich gebauter Balkone, die sich aber durch individuelle Gestaltungselemente wie Sonnenschutz, Pflanzen oder Rankgitter als pers\u00f6nliche Fenster in die Siedlungsgemeinschaft erwiesen \u2013 oder zur Wiedererkennung und Orientierung innerhalb eines Wohnkomplexes, der nur wenige oder gar keine Stra\u00dfennamen, aber ein numerisches Ordnungssystem f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" data-id=\"1883\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Furuya_Seiichi_Berlin_Ost_1985_2_2-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1883\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Furuya_Seiichi_Berlin_Ost_1985_2_2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Furuya_Seiichi_Berlin_Ost_1985_2_2-300x200.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Furuya_Seiichi_Berlin_Ost_1985_2_2-768x512.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Furuya_Seiichi_Berlin_Ost_1985_2_2-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Furuya_Seiichi_Berlin_Ost_1985_2_2-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Seiichi Furuya, Berlin-Ost 1985, 1985. Courtesy Galerie Thomas Fischer, \u00a9 Seiichi Furuya.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der Fotograf Seiichi Furuya (geboren 1950 in Izu, Pr\u00e4fektur Shizuoka, lebt in Graz), der zwischen 1984 und 1987 als \u00dcbersetzer f\u00fcr ein japanisches Baukonsortium t\u00e4tig war und in dieser Zeit in der DDR \u2013 zun\u00e4chst in Dresden, dann in Ost-Berlin \u2013 lebte, zeigt in dem Kurzfilm <em>Juli 1985, Berlin-Ost: Apartment in Falkenberger Chaussee<\/em> (1985) sowie in einer f\u00fcr diese Ausstellung zusammengestellten Bildprojektion zahlreiche Aufnahmen aus dem Alltag (mit seiner Familie) in der Plattenbausiedlung. Furuya hielt Momente im \u00f6ffentlichen und privaten Raum fest: den gemeinschaftlichen Spielplatz mit Kletterger\u00fcsten, aufgereihte Autos der Modellreihen Wartburg und Trabant, zirkus\u00e4hnliche Attraktionen und Zusammenk\u00fcnfte innerhalb des Wohnkomplexes oder Screenshots von zeitbezogenen Fernsehbildprogrammen wie dem Ostsandmann oder Willy Brandt im Westfernsehen. Furuya, dessen Frau Christine Furuya-G\u00f6\u00dfler sich 1985 in Ost-Berlin das Leben nahm, fotografierte in dieser Zeit nur f\u00fcr sich, &#8222;gegen das Vergessen&#8220;. Doch spiegelt seine in zuf\u00e4lliger Abfolge gezeigte Bildprojektion <em>Plattenbaufotografien, TV-Fotografien und (K\u00fcchen-)Interieurs 1985-87<\/em> (2025) mehr als pers\u00f6nliches Erinnern, zeigt sich in ihr doch eine au\u00dfergew\u00f6hnliche \u00dcberlagerung und Durchdringung von Ost und West, die durch Furuyas T\u00e4tigkeit als \u00dcbersetzer und damit als Grenzg\u00e4nger m\u00f6glich wurde. So etwa, wenn seine Frau die bei einem West-Berlin-Besuch gekauften Geranien auf dem Balkon drapiert und die Gleichf\u00f6rmigkeit der standardisierten Bauteile so durch eine Geste markant gebrochen wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"700\" data-id=\"1884\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_1_2-1024x700.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1884\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_1_2-1024x700.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_1_2-300x205.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_1_2-768x525.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_1_2-1536x1049.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_1_2-2048x1399.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"694\" data-id=\"1885\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_2_2-1024x694.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1885\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_2_2-1024x694.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_2_2-300x203.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_2_2-768x521.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_2_2-1536x1041.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Bergemann_Sibylle_Serie_P2_2_2-2048x1389.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\"><strong>Links<\/strong> und <strong>rechts<\/strong>: Sibylle Bergemann,<em>&nbsp;<\/em>P2 (Berlin-Lichtenberg, Wohnzimmer eines H\u00e4userblocks), 1981\/2017. Nachlass Sibylle Bergemann\/OSTKREUZ, Courtesy LOOCK, Berlin.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Am Tag ist die Chemiearbeiterstadt leer<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie eng die Entwicklung des Wohnkomplexes mit der Berufst\u00e4tigkeit im Allgemeinen und jener von Frauen im Besonderen gedacht worden ist, deren Gleichberechtigung und Berufst\u00e4tigkeit 1949 in der DDR-Verfassung festgeschrieben wurde, zeigt sich an zahlreichen Beispielen innerhalb der Ausstellung. Sibylle Bergemann (geboren 1941 in Berlin, gestorben 2010 bei Gransee) fotografierte mit ihrer Reihe <em>P2 (Berlin-Lichtenberg, Wohnzimmer eines H\u00e4userblocks)<\/em> (1981\/2017) nicht einzig die unterschiedlichen Wohnzimmereinrichtungen auf gleichem Grundriss. Sie verweist auf die f\u00fcr den Wohnblock des Serientyps P2, der ab 1962 mehr als ein Jahrzehnt den Wohnungsneubau dominierte, typische Durchreiche zwischen Wohnzimmer und K\u00fcche, die als Symbol eines fortschrittlich gedachten Haushalts galt. Von vielen wurde sie jedoch, wie ihre Fotografien zeigen, mit Gardinen verhangen oder mit Polsterm\u00f6beln zugestellt. Eine Malerei von Kurt Donis (geboren 1930 in Glogau\/Schlesien, lebt in Leipzig) macht mit dem Blick durch eine derartige Durchreiche auf eine junge Frau in der K\u00fcchenzeile deutlich, wie Frauen \u2013 trotz Mittagstisch in der Kantine und organisierter Kinderbetreuung \u2013 nach der Arbeit zu Hause die <em>Zweite Schicht<\/em> (1986) am Herd einlegten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders eindr\u00fccklich wird die Verbindung von Wohnkomplex und Berufst\u00e4tigkeit mit dem Neubaugebiet Halle-Neustadt deutlich, der Chemiearbeiterstadt, die Mitte der 1960er-Jahre in der N\u00e4he der Buna- und Leunawerke im Saalegebiet angesiedelt wurde. Geplant als Wohngebiet f\u00fcr Pendler:innen, entwickelte die Satellitenstadt bald ein gigantisches Ausma\u00df mit acht Wohnkomplexen und einem unterirdischer Tunnelsystem, das von \u00fcberallher zum zentral gelegenen Bahnhof f\u00fchrte, der die Schichtarbeiter:innen der Chemiewerke etwa am Morgen aus der Stadt f\u00fchrte und am Abend oder in der Nacht zur\u00fcckkehren lie\u00df. Der Maler Uwe Pfeifer (geboren 1947 in Halle, lebt in Halle), der selbst in den 1970er-Jahren in Halle-Neustadt lebte, hat die Menschenbewegungen fr\u00fch und sp\u00e4t sowie die Leere zur Mittagszeit im Wohnkomplex aus der Sicht des freischaffenden K\u00fcnstlers \u00fcber mehrere Jahre hinweg in einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Bildreihe eingefangen. Erstmals sind dreizehn von Pfeifers Bildern, die sich mittlerweile in unterschiedlichen Sammlungen befinden, in einer Ausstellung vereint, ja bilden eine &#8222;Ausstellung in der Ausstellung&#8220;, wie Kito Nedo sagt. Gemalt im Stil der Neuen Sachlichkeit und des Kritischen Realismus, zeigen Pfeifers in Reihe geh\u00e4ngte Bilder Momente seines Lebensumfeldes in Gestalt eines Tagesablaufes: zu sehen ist eine Betonfassade mit seriellen Formsteinen, wie sie Karl-Heinz Adler als Kunst-am-Bau-Objekte fertigte (die ganz in der N\u00e4he von Pfeifers Bildern ausgestellt sind); ein gewelltes Dach eines Hauses, das mit einer Hyparschale bekr\u00f6nt ist, wie sie der Bauingenieur Ulrich M\u00fcther entwickelte; sechs- oder achteckige Betonm\u00fclleimer, die als Motiv in Pfeifers Bildern stets wiederkehren; geometrische Pfosten mit gespannten roten W\u00e4scheleinen, hinter denen sich im Nebel Wartburgs und Trabanten vor der H\u00e4userfassade der Platte aufreihen; gesichtslose Menschen im Morgengrauen; glei\u00dfendes Licht bei Tag mit aufgereihten H\u00fchnerg\u00f6ttern von der Ostsee, die an einer Schnur an einer Balkonwand h\u00e4ngen; z\u00fcgig schreitende M\u00e4nner und Frauen mit Arbeitstaschen im Fu\u00dfg\u00e4ngertunnel; Dachantennen vor einem Sonnenuntergangshimmel, wie er von Caspar David Friedrich gemalt sein k\u00f6nnte; der Blick in die Nacht auf Plattenbauten, deren Fenster durch Vorh\u00e4nge orange und rot leuchten; oder ein bunter Kinderfasching vorm grauen Plattenbau.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-4 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"787\" data-id=\"1886\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Thoelke_Christian_Geruest_2019_2-1-1024x787.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1886\" srcset=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Thoelke_Christian_Geruest_2019_2-1-1024x787.jpg 1024w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Thoelke_Christian_Geruest_2019_2-1-300x231.jpg 300w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Thoelke_Christian_Geruest_2019_2-1-768x590.jpg 768w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Thoelke_Christian_Geruest_2019_2-1-1536x1180.jpg 1536w, https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Thoelke_Christian_Geruest_2019_2-1-2048x1574.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<figcaption class=\"blocks-gallery-caption wp-element-caption\">Christian Thoelke, Ger\u00fcst, 2019. Sammlung Hasso Plattner. Foto: Xuan Nguyen Huy.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nach der Wende<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch vor 1990 erreichte Halle-Neustadt knapp die angestrebte Bev\u00f6lkerungszahl von 100.000 Bewohner:innen, nach der Wende fiel die Zahl auf fast die H\u00e4lfte \u2013 und damit einhergehend kam es zu Leerst\u00e4nden, Umnutzungen oder Abrissen. Vielerorts wurden Plattenbausiedlungen nun mit sozialem Niedergang assoziiert und in Kontexten zunehmender rassistischer Gewalt, wie 1991 in Hoyerswerda oder 1992 in Rostock-Lichtenhagen, gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Installation <em>Triangular Stories (Amnesia &amp; Terror) <\/em>(2012) von Henrike Naumann (geboren 1984 in Zwickau, lebt in Berlin) kn\u00fcpft an diesen Moment des aufkommenden Rechtsradikalismus zu Beginn der 1990er-Jahre an, denn entwickelt hat Naumann sie ausgehend von einer in dieser Zeit entstandenen Fotografie von der sp\u00e4teren Rechtsterroristin Beate Zsch\u00e4pe und dem Gedanken, wie nah beieinander in Jugendgruppen Hedonismus und rechte Gewalt liegen k\u00f6nnen. In zwei sich gegen\u00fcberliegenden Raumecken hat die K\u00fcnstlerin je ein Interieur aus Einrichtungsgegenst\u00e4nden der 1990er-Jahre angelegt, die in einer Dreiecksform angeordnet sind und in deren Mitte sich ein TV-Ger\u00e4t befindet, welches jeweils ein inszeniertes Homevideo zeigt. In dem einen Video l\u00e4sst sich so eine mit drei Jugendlichen umgesetzte, spekulative Szene einer Naziclique verfolgen, das andere Video zeigt drei Jugendliche im Partyrausch auf Ibiza. W\u00e4hrend die Raumecke rund um die drei jungen Neonazis mit einer Reichskriegsflagge und Baseballschl\u00e4ger, aber auch mit Gameboy, Minnie-Mouse-Pullover, Alf-Klammeraffe und Pierrot-Bildern ausstaffiert ist, beinhaltet die Ecke rund um die Ibiza-Partygruppe etwa ein schickes Telefon auf einer dorischen S\u00e4ule, Marlboro-Aschenbecher, Camel-Zigaretten und eine kreisrunde Sonnenbrille. Die Verzahnung von Zierrat und Einrichtungsgegenst\u00e4nden des Alltags der fr\u00fchen 1990er-Jahre mit Spiel, Mode und Leichtsinn einerseits und gewaltt\u00e4tiger und rechtsradikaler Geb\u00e4rden und Handlungen andererseits wirkt ersch\u00fctternd authentisch und h\u00e4lt Henrike Naumanns sozialkritische Installation bis ins Heute aktuell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele Themen, Facetten und Details lassen sich in den in &#8222;Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220; ausgestellten Werken entdecken und erneut finden: wiederkehrende Orte, Plattenbautypen oder durchlebte sowie nachtr\u00e4gliche Beobachtungen der K\u00fcnstler:innen, die sie in ihren Arbeiten festgehalten haben, erzeugen Verbindungslinien. Herkunft, Erinnerungen und Br\u00fcche sind Teil dieser Betrachtung. Die Schau zeigt dabei durch die Vielheit der dargelegten Perspektiven und kontroversen Blicke auf das Zeitgeschehen, dass noch immer Aspekte des Miteinanderlebens in Ost, West und dem wiedervereinigten Deutschland unbeachtet oder unausgesprochen geblieben sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Teil der Ausstellung ist im Obergeschoss hinter einem Vorhang eine Freifl\u00e4che eingerichtet worden, die durch die gro\u00dfen Fensterscheiben des ehemaligen DDR-Terrassenrestaurants MINSK den Blick auf die Stadt Potsdam freigibt. In diesem S\u00e9par\u00e9e finden sich B\u00fccherw\u00e4gen gef\u00fcllt mit Literatur, Sitzgelegenheiten, ja Raum, um innezuhalten, zu lesen, um \u00fcber das Gesehene zu reflektieren \u2013 und um miteinander zu reden.<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung &#8222;<a href=\"https:\/\/dasminsk.de\/ausstellungen\/5899\/wohnkomplex\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau<\/a>&#8220; ist noch bis zum 8. Februar 2026 im<br><em>DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam<\/em> zu sehen, ge\u00f6ffnet Mittwoch bis Montag von 10 bis 19 Uhr. Zur Ausstellung ist eine begleitende Publikation im Distanz Verlag erschienen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220;, DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, 6.9.2025 &#8211; 8.2.2026. 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