{"id":2462,"date":"2026-01-31T15:16:04","date_gmt":"2026-01-31T14:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/on-art.news\/?p=11391"},"modified":"2026-08-14T22:00:05","modified_gmt":"2026-08-14T20:00:05","slug":"die-poesie-der-teilchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/on-art.news\/en\/2026\/01\/31\/die-poesie-der-teilchen\/","title":{"rendered":"Die Poesie der Teilchen"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Ausstellung &#8222;Seeing the Unseen&#8220; in der ERES-Stiftung in M\u00fcnchen zeigt, wie zeitgen\u00f6ssische Kunst versucht, sich den unsichtbaren Welten der Quantenphysik zu n\u00e4hern.<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Der Mensch nutzt die Wissenschaft, wie auch die Kunst, um seine Welt zu begreifen, seinen Platz darin zu suchen und auch um Wege zu finden, diese Welt zu gestalten. Dazu entwickelt er, als eine der wenigen Gattungen der Lebewesen, Werkzeuge, die im Laufe der Zeit immer komplizierter geworden sind. Zwei solcher Werkzeuge verbindet die K\u00fcnstlergruppe Troika in ihrer Arbeit &#8222;Evolutionary Composite&#8220;, die in der Ausstellung &#8222;Seeing the Unseen&#8220; in der ERES-Stiftung zu sehen ist. Ein schwarzer Faustkeil aus Feuerstein scheint vor einer golden schimmernden Mikrochip-Platine, wie sie in modernen Computersystemen benutzt wird, zu schweben. Das pr\u00e4historische Werkzeug und das hochpr\u00e4zise Industrieobjekt wirken \u00e4u\u00dferlich wie aus inkompatiblen Welten und doch sind beide elementar aus dem gleichen Material, beide bestehen aus siliziumhaltigen Kristallen. Der Mensch hat im Laufe seiner technologischen Evolution gelernt, diese Kristalle immer komplexer zu verwenden. Die Arbeit der K\u00fcnstlergruppe zeigt den intrinsischen Einfallsreichtum des Menschen und spannt einen pr\u00e4zisen Bogen von den fr\u00fchesten kulturellen Artefakten der Menschheit bis zu jenen Technologien, die aktuell das Potenzial haben, unsere Gegenwart und Zukunft radikal zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Denkr\u00e4ume und Zukunftswissenschaften<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gesamte Ausstellung &#8222;Seeing the Unseen&#8220; widmet sich einer solchen Wissenschaft, die hochaktuell wie hochkomplex ist. In der Quantenphysik wird das Verhalten von Materie und Energie auf atomarer und subatomarer Ebene untersucht. Die fundamentalen Konzepte der Quantenphysik unterlaufen dabei die Regeln der klassischen Physik: Dualismen sind m\u00f6glich, anstatt mit gewissen Gr\u00f6\u00dfen wird mit Wahrscheinlichkeiten operiert und oftmals kontraintuitive Wirklichkeiten manifestieren sich erst durch die Bestimmung selbst. Aber auf diesen abstrakten Grundlagen aufbauend entsteht n\u00fctzliches Neues: &#8222;Die Quantenwissenschaft ist eine der vielversprechendsten Zukunftswissenschaften, und die daraus entstehenden Technologien werden unsere Gesellschaft ma\u00dfgeblich pr\u00e4gen. Neben der k\u00fcnstlichen Intelligenz wird auch die Quantentechnologie unsere Alltagswelt grundlegend ver\u00e4ndern&#8220;, bekr\u00e4ftigt Dr. Sabine Adler, die neben ihrer Funktion als Vorstand der ERES-Stiftung auch die Kuratorin der aktuellen Ausstellung ist. Die Quantenphysik ist eine hermetische Wissenschaft, die man nicht pr\u00e4zise mit Worten oder Bildern wiedergeben kann. Die Sprache der Quantenphysik ist die Mathematik, daher sollen die ausgew\u00e4hlten Objekte und Bilder die Quantenphysik auch nicht lediglich illustrieren. Die Kuratorin hat daher k\u00fcnstlerische Werke ausgew\u00e4hlt, die sich auf unterschiedliche Weise mit quantenphysikalischen Konzepten wie Superposition, Verschr\u00e4nkung oder Beobachterabh\u00e4ngigkeit auseinandersetzen. Dabei reicht die Bandbreite der gezeigten Arbeiten von Zeichnung und Malerei \u00fcber Skulptur, Video, Animation bis hin zu immersiven Mixed-Reality-Installationen: &#8222;Die Zusammenstellung der verschiedenen k\u00fcnstlerischen Positionen soll die facettenreichen Aspekte der Quantenwissenschaften in einem freien Kontext darstellen. Dabei geht es nicht um eine direkte k\u00fcnstlerische Umsetzung quantenphysikalischer Ph\u00e4nomene, sondern um die Auseinandersetzung mit und Erweiterung eines komplexen Denkraums. Die Quantenphysik zeigt uns eindrucksvoll, dass wir verschiedene Dinge gleichzeitig denken k\u00f6nnen m\u00fcssen&#8220;, pr\u00e4zisiert Adler.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"769\" height=\"1024\" data-id=\"1944\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/14_ERES_Seeing-the-Unseen_Troika-769x1024.jpg\" alt=\"Troika, Evolutionary Composite, 2024. \u00a9 Troika, Courtesy the artists and Max Goelitz, M\u00fcnchen, Berlin. 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Foto: ERES Stiftung, Thomas Dashuber. <strong>Middle<\/strong>: Herbert W. Franke, Tanz der Elektronen 1, 1958-59 \/ 2018. \u00a9 Nachlass Herbert W. Franke, VG Bild-Kunst, Bonn 2025. Foto: ERES Stiftung. <strong>Right<\/strong>: Neutralatom-Quantencomputing-Demonstrator, 2025 (unten). Tamiko Thiel mit \/p ParadoQc\/Machines II, 2025 (oben). \u00a9 planqc and the artists, Foto: ERES Stiftung, Thomas Dashuber.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Spekulative Realit\u00e4ten und Schnittstellen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So mehrschichtig, komplex und dennoch zug\u00e4nglich ist auch die raumgreifende Arbeit von Tamiko Thiel. Die Medienk\u00fcnstlerin, die auch Ingenieurwissenschaften an mehreren amerikanischen Eliteuniversit\u00e4ten studiert hat, w\u00e4hlt mit ihrer Augmented-Reality-Arbeit einen explizit partizipativen Zugang. Besucherinnen und Besucher betreten einen Raum, in dem sie sich auf einer Projektion wie Teile einer diffusen Wolke bewegen k\u00f6nnen. Schwefelgelbe Partikel schweben, \u00fcberlagern sich, reagieren auf Position und Bewegung der Betrachter:innen. Thiel macht ein Strontiumatom zum Protagonisten \u2013 jenes Element, mit dem Forscher am Max-Planck-Institut f\u00fcr Quantenoptik einen speziellen Neutralatom-Quantencomputer entwickelt haben. Die Arbeit basiert auf intensiver wissenschaftlicher Recherche und komplexer Programmierung. Spielerisch vermittelt sie zentrale Konzepte wie \u00dcberlagerung und Verschr\u00e4nkung, ohne diese zu vereinfachen. Statt Erkl\u00e4rungen anzubieten, erzeugt Thiel eine Situation, in der sich die Logik der Quantenphysik sinnlich erahnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenfalls sinnlich und geradezu \u00e4therisch wirken die Bilder der Serie &#8222;Tanz der Elektronen&#8220; von Herbert W. Franke. Der 1927 in Wien geborene Universalgelehrte z\u00e4hlt zu den Pionieren der Computerkunst und der mathematischen Kunst. Als Physiker, Kybernetiker, K\u00fcnstler und Autor bewegte er sich schon fr\u00fch an der Schnittstelle von Wissenschaft, Technik und \u00c4sthetik. Bereits in den 1950er Jahren experimentierte Franke mit generativen Verfahren. Gemeinsam mit dem Physiker Franz Raimann entwickelte er 1954 einen analogen Computer, mit dem die hier gezeigte Serie entstand. Schwingungsmuster wurden auf einem Oszilloskop sichtbar gemacht und danach fotografisch festgehalten. Diese geisterhaften Formationen gelten heute als fr\u00fche Versuche, quantenphysikalische Prozesse bildlich zu fassen. In der Ausstellung wirken Frankes Arbeiten erstaunlich zeitgen\u00f6ssisch: Sie zeigen, dass der k\u00fcnstlerische Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen, die Quantenphysik bereits seit ihren Anf\u00e4ngen begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine spekulative Quantenrealit\u00e4t entwirft Ayoung Kim in ihrer immersiven Videoinstallation &#8222;Delivery Dancer&#8217;s Sphere&#8220;. In schnellen Schnitten und wechselnden Perspektiven folgt man einer motorradfahrenden Paketzustellerin, die sich rasend durch futuristische Stadtlandschaften bewegt. Die Protagonistin begegnet sich dabei selbst, spiegelt sich und ihre eindeutige Position l\u00f6st sich auf. Narrative Str\u00e4nge \u00fcberlagern sich, Zeit und Ort werden nicht mehr nachvollziehbar. Kim nutzt nicht lineare erz\u00e4hlerische Strukturen, um Konzepte wie Gleichzeitigkeit und Parallelit\u00e4t erfahrbar zu machen. KI-gesteuerte Algorithmen geben der Figur st\u00e4ndig neue Anweisungen und verweisen so auf eine Welt, in der individuelle Handlungsspielr\u00e4ume zunehmend von datenbasierten Systemen bestimmt werden. Zwischen Science-Fiction, Computerspiel\u00e4sthetik und einer Kritik an der sozialen Realit\u00e4t entfaltet die Arbeit die Kraft einer poetischen Allegorie, in der sich die Grenzen zwischen physischen K\u00f6rpern und virtuellen Entit\u00e4ten endg\u00fcltig aufl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped w3 wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" data-id=\"1941\" src=\"https:\/\/on-art.news\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/02_ERES_Seeing-the-Unseen_Kim-1-1024x576.jpg\" alt=\"Ayoung Kim, Delivery Dancer\u2019s Sphere, 2022. Video-Still. \u00a9 Ayoung Kim. 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Courtesy the artist and<br>Gallery Hyundai.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ambivalente Parallelen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung &#8222;Seeing the Unseen&#8220; verbindet Strategien zeitgen\u00f6ssischer Kunst mit aktueller Quantenphysik und versucht, strukturelle Parallelen zwischen den Disziplinen herauszuarbeiten. Tats\u00e4chlich ist der Beobachter in beiden Feldern nicht neutral, sondern ein konstitutiver Teil des Systems. Wie der Zustand eines Quantensystems erst im Messakt festgelegt wird, entsteht auch die Bedeutung vieler zeitgen\u00f6ssischer Kunstwerke erst in einem Zusammenspiel von Pr\u00e4sentation, Kontext und Rezeption. Beide Welten sind offene Systeme, in denen es Ambivalenzen gibt, Uneindeutigkeiten, \u00dcberlagerungen und Unsch\u00e4rfen. Die in der Ausstellung gezeigte Kunst spiegelt in ihrer Komplexit\u00e4t die Multidimensionalit\u00e4t der Quantenphysik wider und wird so zu einem Resonanzraum f\u00fcr eine Wissenschaft, die sich der intuitiven Vorstellungskraft weitgehend entzieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein hochkar\u00e4tiges wissenschaftliches Programm in Kooperation mit dem <em>Munich Center for Quantum Science and Technology<\/em> begleitet die Ausstellung. M\u00fcnchen z\u00e4hlt zu den weltweit f\u00fchrenden Zentren der Quantenforschung. Vortr\u00e4ge und Dialogf\u00fchrungen mit jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erg\u00e4nzen die Ausstellung um eine weitere Dimension. Zudem wird das Begleitprogramm noch erweitert, wie Dr. Sabine Adler erkl\u00e4rt: &#8222;Im Laufe der Ausstellung wird es einen Vortragszyklus geben, der sich verst\u00e4rkt auf die k\u00fcnstlerischen Aspekte konzentrieren wird. So werden beispielsweise Symposien stattfinden, bei denen Wissenschaftler:innen und K\u00fcnstler:innen gemeinsam \u00fcber die Parallelen zwischen quantenphysikalischem Denken und aktuellen Strategien in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst diskutieren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<hr style=\"--wb-separator-margin-top:0px;--wb-separator-margin-bottom:0px\" class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung l\u00e4uft bis zum 26. September, weitere Informationen hier: <a href=\"https:\/\/eres-stiftung.de\/\"><u>https:\/\/eres-stiftung.de\/<\/u><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung &#8222;Seeing the Unseen&#8220; in der ERES-Stiftung in M\u00fcnchen zeigt, wie zeitgen\u00f6ssische Kunst versucht, sich den unsichtbaren Welten der Quantenphysik zu n\u00e4hern. 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